Der Rücken ist ausgeheilt, die Aufnahme sieht unauffällig aus, und trotzdem schmerzt es jeden Morgen. Wer chronische Schmerzen hat, kennt den Satz, der dann folgt: Da ist nichts zu sehen. Doch für Prof. Dr. Sven Gottschling beginnt genau hier der Fehler. Beim Entzündungskongress erklärte der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, warum aus seiner Sicht jeder Schmerz im Gehirn entsteht, wie Entzündung schlummernde Schmerzfühler scharf schaltet und weshalb ein verheilter Rücken weiter wehtun kann. Das Gespräch trug den Titel „Schmerzen loswerden: Warum so viele Menschen unnötig leiden und was wirklich hilft“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.

Wann ein Schmerz aufhört, nützlich zu sein

Schmerz ist zunächst etwas Sinnvolles, so beginnt Gottschling: ein Warnsystem, das vor größerem Schaden schützt. Das gilt für den akuten Schmerz. Hält er drei bis sechs Monate an, spricht die Medizin nach Gottschlings Darstellung von chronischem Schmerz. Und dann ändert sich alles.

O-Ton aus dem Interview

Da verliert dieser eigentlich initiale Akutschmerz seine Schutz- und Warnfunktion und wird zu einem eigenständigen, sehr belastenden Beschwerdebild und muss in aller Regel auch völlig anders behandelt werden als ein Akutschmerz.

Prof. Dr. Sven GottschlingFacharzt für Kinder- und Jugendmedizin

Noch etwas stellt er voran: Jeder Schmerz entstehe im Gehirn. Der Hammer auf der großen Zehe erzeuge nur einen elektrischen Impuls, der nach oben laufe. Was ein Mensch dann empfinde, hänge an Ängsten, Bedeutung und Lebenslage. Eine verletzte Hand sei für einen Schriftsteller ein Ärgernis, für eine Konzertpianistin womöglich existenziell. Schmerz nennt er deshalb ein biopsychosoziales Gesamtgeschehen.

Vielleicht denken Sie jetzt: Dann ist Schmerz ohne Befund am Ende doch Kopfsache? Gottschling zieht den entgegengesetzten Schluss.

„Jeder, der mir von seinen Schmerzen erzählt, hat Recht“

Weil nur der Patient seinen Schmerz spürt, ist er für Gottschling die einzige verlässliche Quelle.

O-Ton aus dem Interview

Jeder Mensch, der mir von seinen Schmerzen erzählt, hat Recht. Wenn ich als Arzt schon anfange und das in Frage stelle, ist die therapeutische Beziehung kaputt, bevor sie überhaupt losgeht.

Prof. Dr. Sven Gottschling

Genau das erlebten aber viele Betroffene, sagt er: Das Röntgenbild sei unauffällig, der Schmerz passe nicht zur Anatomie, also lande der Patient in der Psycho-Schublade. Beim Rückenschmerz hätten rund 85 Prozent der Fälle keine gravierende körperliche Ursache, sondern seien funktionelle Störungen. Und trotzdem heftige Schmerzen und wochenlange Arbeitsunfähigkeit.

Balkendiagramm: 26,9 Prozent der Befragten in Deutschland mit chronischen Schmerzen, 7,4 Prozent mit beeinträchtigenden Schmerzen, 2,8 Prozent mit Schmerzkrankheit

Zur Einordnung: In einer repräsentativen Befragung von 2.508 Menschen ab 14 Jahren gaben 2013 in Deutschland 26,9 Prozent chronische Schmerzen an, 7,4 Prozent erfüllten die Kriterien für chronische beeinträchtigende Schmerzen ohne Tumorursache, 2,8 Prozent die einer Schmerzkrankheit. Nur 31,9 Prozent der Menschen mit beeinträchtigenden Schmerzen waren bei einem Schmerzspezialisten in Behandlung. Quelle: Häuser W et al. 2014, Der Schmerz 28(5):483-92, PMID 25245594.

Ein Hinweis der Redaktion: Ein fehlender Befund ersetzt keine Abklärung. Rückenschmerzen mit Lähmungen, Taubheit im Schritt, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust gehören sofort in ärztliche Hände.

Der Moderator erwähnte die Fibromyalgie, bei der Diagnosen oft Jahre dauern; dazu passt das Gespräch mit Annette Johnson über Fibromyalgie natürlich behandeln aus demselben Kongress. Warum Schmerzen stärker werden können, als der Befund vermuten lässt, zeigt ein Beispiel, das jeder kennt.

Warum das T-Shirt nach dem Sonnenbrand wehtut

O-Ton aus dem Interview

Fast jeder von uns hatte mal einen Sonnenbrand, und auf einmal tut das T-Shirt auf der Haut weh. Das ist ja nicht normal. Das funktioniert deswegen, weil wir durch diese Verbrennung und damit Entzündung in der Haut massiv hochgeregelte Rezeptoren haben.

Prof. Dr. Sven Gottschling

Überall im Körper lägen schlummernde Schmerzrezeptoren, erläutert Gottschling. Eine Entzündung könne sie umschalten: von Berührung auf Schmerz, von schlafend auf aktiv. Damit erkläre sich, warum Menschen mit einer Entzündung im Gelenk oder im ganzen Körper ein hochreguliertes Schmerzempfinden haben können. Wie Antioxidantien in dieses Geschehen eingreifen sollen, beschreibt Kornelia C. Rebel im Gespräch über Astaxanthin und OPC aus demselben Kongress.

Zwei Hautquerschnitte im Vergleich, links ruhende Nervenendigungen in gesunder Haut, rechts entzündetes Gewebe in Terrakotta mit vergrößerten, kräftig gelben Schmerzrezeptoren und dicker Nervenfaser

Gesunde und entzündete Haut im Vergleich: Ruhende Rezeptoren melden nur Druck. Im entzündeten Gewebe sind sie nach Gottschlings Beschreibung hochgeregelt und leiten schon eine leichte Berührung als Schmerz weiter.

Bei der Gürtelrose, einer wieder aufgeflammten Windpockeninfektion, hält er deshalb eine frühe und konsequente Schmerzbehandlung für entscheidend, sonst könne die Überempfindlichkeit im Hautareal bleiben. Welche Behandlung passt, entscheiden Ärztin oder Arzt.

Bei Gelenkschmerzen trennt Gottschling die Abnutzung, also Arthrose, von der Gelenkentzündung, der Arthritis; beide brauchten unterschiedliche Behandlung, auch wenn sich bei Arthrose später oft eine Entzündung dazugeselle. Übergewicht, Bewegungsmangel und der Sport der Jugend spielten beim Verschleiß eine große Rolle. Seine eigene rechte Schulter, sagt er, sei vom Volleyball ziemlich morsch. Grundlagen dazu: Arthrose: Was ist das? und unser Überblick zur Arthrose-Behandlung.

Bleibt die Frage, warum ein Schmerz weiterläuft, wenn die Entzündung längst abgeklungen ist.

Die Rille in der alten Schallplatte

Beim chronischen Schmerz sieht Gottschling keine übersteuerten Rezeptoren mehr am Werk, sondern eine Fehlprogrammierung. Im Rücken könne alles verheilt sein, und es tue trotzdem weh.

O-Ton aus dem Interview

Diese Schmerzinformation hat sich im Schmerzgedächtnis eingefräst, wie so eine miese Rille an einer alten Schallplatte. Und die Nadel geht immer wieder in diese Rille und spielt einem das Lied vom Schmerz.

Prof. Dr. Sven Gottschling

Sein plastischstes Beispiel ist der Phantomschmerz: Der Fuß ist seit Jahren amputiert, das zuständige Hirnareal sendet weiter. Genauso stellt er sich chronifizierten Rückenschmerz vor, weshalb er Operationen daran oft für sinnlos halte; das Problem sitze einen Meter weiter oben. Nur jeder Zwanzigste profitiere von einer Rückenoperation, jedem Dritten gehe es danach schlechter. Diese Zahlen nennt er ohne Quelle; ob eine Operation infrage kommt, bleibt eine Einzelfallentscheidung mit den behandelnden Ärzten.

Pusten hilft: die Weiche im Rückenmark

Lässt sich eine solche Rille wieder glätten? Gottschling zählt Werkzeuge auf: medizinische Hypnose, Entspannungsverfahren, das Ablenkungs-ABC für Kinder, Physiotherapie, Akupunktur und die elektrische Nervenstimulation mit Klebeelektroden, kurz TENS. Warum ein winziger Reizstrom Schmerz dämpfen kann, erklärt er mit dem, was Eltern instinktiv tun, wenn ein Kind hinfällt.

3D-Querschnitt eines Rückenmarksegments, in dessen Hinterhorn eine dünne terrakottafarbene Schmerzfaser und eine dicke gelbe Berührungsfaser an derselben Umschaltstelle zusammenlaufen
O-Ton aus dem Interview

Wenn wir genau auf die Verletzung pusten, bringt das was. Warum? Weil dieser Schmerzimpuls aus der Verletzung auf Rückenmarksebene genau an derselben Weiche verschaltet wird wie ein Druck- oder Berührungsreiz aus demselben Gewebeareal, und wir haben nur diese eine Weiche.

Prof. Dr. Sven Gottschling

Druck und Berührung hätten an dieser Weiche Vorfahrt und bremsten die Schmerzweiterleitung aus. Pusten auf das andere Knie bringe deshalb nichts, Pusten auf die Wunde schon. Solche Verfahren seien nebenwirkungsarm, mit Ausnahme von Menschen mit Herzschrittmacher.

Zur Akupunktur berichtet Gottschling aus eigener Forschung: In einer Studie mit Kindern und Jugendlichen mit chronischer Migräne sei die Zahl der Kopfschmerztage im Monat durch vorbeugende Akupunktur im Mittel von acht auf zwei gesunken; Einzelheiten nennt das Gespräch nicht. Die Krankenkassen zahlten Akupunktur bei chronischen Knie- und Lendenwirbelsäulenschmerzen, weil dort die Studienlage am eindeutigsten sei.

Wer solche Verfahren bekommt, hängt auch am System, sagt Gottschling: rund 23 Millionen Schmerzkranke, etwa 1000 niedergelassene Schmerztherapeuten, Schmerzmedizin erst seit 2016 Pflichtfach im Studium. Die Kassen verlangten eine ausreichende Behandlung. Ausreichend, übersetzt er, heiße auf der Schulnotenskala: vier.

Zweimal am Tag etwas nur für sich

Was kann jemand selbst tun? Gottschlings Rat klingt unspektakulär: auf sich achten. Bewusster essen, was nicht teurer sein müsse als Fast Food. Bewegung, kein Halbmarathon, aber Spaziergänge und ab und zu den Puls nach oben bringen; bei deutlichem Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen nur unter ärztlicher Kontrolle.

Sein dritter Punkt ist Stress. Wer einen vollen Kalender habe, solle sich zweimal am Tag einen Termin nur für sich eintragen, weil ein bewusster Genussmoment den Akku lade und die Regeneration fördere. Bei ihm sieht das so aus:

O-Ton aus dem Interview

Ich bin totaler Heavy-Metal-Fan, und wenn es mir nicht gut geht, dann setze ich mir Kopfhörer auf und ziehe mir auf voller Lautstärke irgendwas richtig Böses rein. Drei bis fünf Minuten, und ich bin wieder klar im Kopf.

Prof. Dr. Sven Gottschling

Viele Menschen seien zu hart mit sich und gönnten sich nichts, bevor nicht alles erledigt sei. Davon, sagt er, müsse man wegkommen.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Prof. Gottschling dreht die übliche Reihenfolge um: Nicht das Bild entscheidet, ob ein Schmerz echt ist, sondern der Mensch, der ihn spürt. Akuter Schmerz warnt, chronischer Schmerz hat diese Aufgabe verloren und braucht aus seiner Sicht eine eigene Behandlung. Zwei Mechanismen tragen sein Gespräch: Entzündung schaltet schlummernde Rezeptoren scharf, anhaltender Schmerz gräbt sich als Rille ins Schmerzgedächtnis.

Seine Antwort ist ein Konzept, das für jeden Patienten anders aussieht: Ursachensuche zuerst, dann Werkzeuge von Hypnose über Reizstrom bis Akupunktur, dazu Ernährung, Bewegung und zwei feste Auszeiten am Tag. Seine Zahlen zu Versorgung und Rückenoperationen sind Einschätzungen, keine belegten Studienwerte. Ein Satz bleibt: Ein unauffälliger Befund ist kein Beweis gegen den Schmerz.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden Schmerzen, bei Warnzeichen wie Lähmungen, Blasenstörungen, Fieber oder Gewichtsverlust sowie vor jeder Änderung einer Schmerzmedikation wenden Sie sich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.

Häufige Fragen

Ab wann gilt ein Schmerz laut Prof. Gottschling als chronisch?
Nach seiner Darstellung spricht die Medizin von chronischem Schmerz, wenn Beschwerden etwa drei bis sechs Monate anhalten. Der Schmerz habe dann seine Schutz- und Warnfunktion verloren, sei ein eigenständiges Beschwerdebild geworden und brauche eine völlig andere Behandlung als ein Akutschmerz.
Kann man Schmerzen haben, obwohl im Röntgenbild nichts zu sehen ist?
Ja, sagt Gottschling. Schmerz entstehe immer im Gehirn und sei subjektiv, nur der Patient könne ihn beurteilen. Rund 85 Prozent der Rückenschmerzen hätten keine gravierende körperliche Ursache und seien trotzdem echt. Wer solche Patienten in die Psycho-Schublade schiebe, mache aus seiner Sicht den Grundfehler.
Was hat eine Entzündung mit Schmerzempfindlichkeit zu tun?
Gottschling beschreibt schlummernde Schmerzrezeptoren überall im Körper, die eine Entzündung von schlafend auf aktiv umschalten könne. Sein Beispiel ist der Sonnenbrand, nach dem schon das T-Shirt auf der Haut wehtut. Ähnlich könne eine Entzündung im Gelenk oder im ganzen Körper das Schmerzempfinden hochregeln.
Was meint Gottschling mit dem Schmerzgedächtnis?
Er vergleicht es mit einer Rille in einer alten Schallplatte: Die Schmerzinformation habe sich eingefräst, die Nadel springe immer wieder hinein, auch wenn im Rücken längst alles verheilt sei. Plastischstes Beispiel sei der Phantomschmerz nach einer Amputation.
Warum hilft Pusten auf eine Wunde, und was hat das mit TENS zu tun?
Laut Gottschling laufen Schmerzreiz und Berührungsreiz aus demselben Gewebe im Rückenmark über dieselbe Weiche, und Druck und Berührung hätten dort Vorfahrt. Deshalb dämpfe Pusten direkt auf die Verletzung den Schmerz, und deshalb funktioniere auch die elektrische Nervenstimulation mit Klebeelektroden, sofern kein Herzschrittmacher im Spiel ist.
Welche Alltagstipps gibt Gottschling gegen Schmerzen?
Er rät zu bewussterer Ernährung, regelmäßiger Bewegung mit gelegentlich erhöhtem Puls (bei deutlichem Übergewicht oder Herz-Kreislauf-Vorerkrankungen nur unter ärztlicher Kontrolle) und zu zwei festen Momenten am Tag, die nur einem selbst gehören. Bei ihm ist das laute Heavy-Metal-Musik über Kopfhörer.
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