Reishi, Löwenmähne, Chaga: Die Namen stehen inzwischen in jedem Reformhaus. Wer eine Flasche Pilztinktur in die Hand nimmt, fragt sich meist nur eins: Welcher Pilz passt zu mir? Doch für Josh Finzel, Gründer Mindstudio, ist das erst die zweite Frage. Die erste laute, wie der Pilz gewachsen und verarbeitet wurde, denn ohne die richtige Extraktion wandere ein Großteil der Inhaltsstoffe ungenutzt durch den Darm. Beim Myzel Kongress sprach der Hersteller im Gespräch „Pilztinkturen: Alles, was du wissen musst“ darüber, woran man eine brauchbare Pilztinktur erkennt. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Warum überhaupt eine Tinktur?
Pulver, Kapseln, Kaffee mit Pilzanteil: Das Angebot ist groß. Weshalb setzt Finzel auf Tropfen? Er nennt zwei Gründe. Tinkturen würden vom Körper am schnellsten aufgenommen, vor allem, wenn man sie unter die Zunge gibt und kurz im Mund schwenkt. Und sie seien alltagstauglich.
Außerdem sind sie vollständig löslich. Man kann sie Tee, Kaffee, Saft oder Smoothies beimischen oder direkt unter der Zunge einnehmen. Sie verändern weder den Geschmack noch die Farbe.
Dass Tropfen unter der Zunge schneller ins Blut gelangen als eine Kapsel, ist Finzels Erfahrung als Hersteller; vergleichende Messungen legt das Gespräch nicht vor. Wie stark die Darreichungsform die Aufnahme eines Pflanzenstoffs verändern kann, zeigt das Beispiel Curcumin in unserem Artikel zur Curcumin-Dosierung nach AWMF. Ob ein Pilzprodukt hält, was die Werbung verspricht, hängt aus Finzels Sicht ohnehin an einer Wand, die kaum jemand kennt.
Die Wand, die alles entscheidet
Vielleicht denken Sie: Der Pilz ist doch drin, egal ob als Pulver oder als Tropfen. Genau hier setzt Finzels Einwand an. Pilzzellen seien von einer dichten Wand aus Chitin umgeben. Die interessanten Inhaltsstoffe, allen voran die Beta-Glucane, säßen in und hinter dieser Wand.

Wenn diese Wand nicht aufgebrochen wird, wandert sie unverändert durch den Verdauungstrakt und wird vom Körper nicht aufgenommen.
Wie öffnet man eine solche Wand? Üblich sei ein sogenannter Dualextrakt: Heißes Wasser löst die wasserlöslichen Zuckerketten, Ethanol die fettlöslichen Stoffe wie Triterpene. Finzels Betrieb setzt nach seinen Worten zusätzlich Ultraschall ein. Die Schwingungen sollten die Zellwand sanft öffnen, nicht zerstören.
Ein Hinweis der Redaktion: Ob Ultraschall die Ausbeute gegenüber einem klassischen Dualextrakt tatsächlich erhöht, belegt das Gespräch nicht mit Zahlen; das Verfahren ist Teil von Finzels Geschäftsmodell.
Doch Finzel geht noch einen Schritt zurück. Bevor die Extraktion überhaupt eine Rolle spiele, müsse man wissen, was da eigentlich extrahiert wird.
Fruchtkörper oder Getreide? Woran man Qualität erkennt
Der überraschende Punkt des Gesprächs: Viele Pilzprodukte enthalten nach Finzels Darstellung gar keinen Pilz im engeren Sinn, sondern Myzel, das auf Getreide gezüchtet wurde, mitsamt dem Getreide. Myzel ist das fädige Geflecht, aus dem der Pilz wächst; der Fruchtkörper ist das, was wir als Pilz kennen.
Viele Produkte werden auf Reis, Sägemehl oder sogar auf noch fragwürdigeren Stoffen wie Maltodextrin, also Zucker, gezüchtet.
Das Ergebnis sei ein Pulver mit hohen Polysaccharidwerten, die auf Verkaufsplattformen gern groß beworben würden. Nur handle es sich dabei überwiegend um Alpha-Glucane, also Stärke aus dem Getreide. Gesucht seien aber die Beta-Glucane des Pilzes. Seine Faustregel für Einsteiger: Das Produkt sollte zu 100 Prozent auf Holz gewachsen sein und aus ganzen Fruchtkörpern bestehen.

Zwei Wege zum Pilzprodukt, wie Josh Finzel sie gegenüberstellt: links der Fruchtkörper, der auf Holz wächst und dessen Zellwände Beta-Glucane tragen; rechts Myzel, das ein Getreidesubstrat durchzieht und dessen Pulver nach seiner Darstellung vor allem Stärke aus dem Korn enthält.
Finzels eigene Pilze wachsen nach seinen Angaben auf Birkenholz in Skandinavien; Chaga, der nur auf Birken vorkommt, brauche dort acht bis zehn Jahre bis zur Reife.
Welche Rolle Beta-Glucane und andere Pilzstoffe in der Zelle spielen sollen, beschreibt der Biologe Philip Rebensburg im Interview über Heilpilz-Wirkstoffe aus demselben Kongress. Finzel bleibt beim Handwerk und kommt auf das, was in einer Flasche stecken kann, ohne auf dem Etikett zu stehen.
Schimmelgifte, Schwermetalle und die Alkoholfrage
Pilze nehmen auf, worauf sie wachsen. Deshalb gehören für Finzel unabhängige Laboranalysen zu jedem Produkt: auf Mykotoxine aus Schimmelpilzen, auf Schwermetalle und auf Krankheitserreger wie Salmonellen. Die meisten Hersteller testeten, sagt er, aber wie gründlich, das unterscheide sich erheblich.
Die Moderatorin erzählte von kleinen Fliegen in einem unterwegs gekauften Pilzpulver. Für Finzel ein perfektes Beispiel: Solche Produkte schafften ein Umfeld, das Maden und Fliegen anziehe.

Zur Einordnung: Eine Laboranalyse von 19 in den USA gekauften Reishi-Präparaten fand nur bei 5 Produkten (26,3 Prozent) Triterpen- und Polysaccharidgehalte, die mit den Etikettangaben übereinstimmten. Quelle: Wu DT et al. 2017, Sci Rep 7:7792, PMID 28798349.
Ein zweiter Streitpunkt ist der Alkohol. Manche Anbieter werben mit alkoholfreien Extrakten, etwa auf Glycerinbasis. Finzel hält davon wenig.
Bei Produkten, die als alkoholfrei beworben werden, sollte man vorsichtig sein, denn sie enthalten oft deutlich weniger aktive Inhaltsstoffe.
Solche Produkte könnten außerdem im Regal weiterfermentieren und Keime anziehen, sagt er. Die Redaktion ergänzt, was im Gespräch fehlt: Ethanolhaltige Tinkturen kommen bei Alkoholabhängigkeit, Lebererkrankungen und in der Schwangerschaft nicht in Frage, und für Chaga sind in Fallberichten Nierenschäden durch seinen hohen Oxalatgehalt beschrieben. Wer Gerinnungshemmer, Blutdruck- oder Diabetesmedikamente nimmt, spricht Pilzextrakte vorher mit der behandelnden Praxis ab. Mehr zur Studienlage bei Nahrungsergänzung im Überblick zu Supplementen bei Arthrose.
Löwenmähne am Morgen, Reishi am Abend
Und welcher Pilz nun? Finzel ordnet die Sorten nach ihrer Rolle in der Kräuterkunde. Löwenmähne, auch Igelstachelbart oder Hericium genannt, zähle zu den Nootropika, also zu Stoffen, die die geistige Leistungsfähigkeit unterstützen sollen.
Reishi hingegen gilt in der Kräuterkunde eher als beruhigend für die Nerven.
Reishi solle das Nervensystem zur Ruhe bringen und den Schlaf verbessern; aus der Biohacker-Szene erhalte er Rückmeldungen über mehr REM-Schlaf. Chaga nimmt Finzel selbst morgens vor dem ersten Kaffee, weil das aus seiner Sicht die Cortisolausschüttung ausgleiche. Das sind Erfahrungswerte und Traditionen, keine belegten Wirkungen. Wie Martin Auerswald denselben Pilz auf das Nervensystem bezieht, lesen Sie im Interview über Reishi und das Nervensystem.
Eine Studie hat Finzel allerdings vorzuweisen. Sein Unternehmen ließ nach seinen Angaben im Dezember 2023 in den USA 40 Teilnehmer randomisiert, doppelblind und placebokontrolliert im Crossover-Design testen, wie eine Einzeldosis von einem Gramm Löwenmähne auf die Denkleistung wirkt. Zwei Stunden danach hätten sich Arbeitsgedächtnis, komplexe Aufmerksamkeit und Reaktionszeit verbessert. Die Redaktion hat die Veröffentlichung nachgeschlagen (La Monica MB et al. 2023, Nutrients 15(24):5018, PMID 38140277): Sie bestätigt diese Aussagen; auch die Placebogruppe berichtete dort nach einer Stunde von besserer Konzentration. Finzel selbst bleibt vorsichtig:
Man kann also nicht pauschal sagen, das gilt für mich oder dich, aber der subjektive Durchschnitt der 40 zeigt, das ist das wahrscheinlichste Ergebnis.
Die Moderatorin merkte an, dass die meisten Heilpilz-Studien an Mäusen laufen. Die Redaktion ordnet ein: Eine Einzeldosis-Studie mit 40 Personen sagt nichts über eine längere Einnahme, und sie wurde vom Hersteller selbst veranlasst.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Josh Finzel verschiebt die Kaufentscheidung von der Sorte zur Verarbeitung. Seine vier Prüfpunkte: ganze Fruchtkörper statt Myzel auf Getreide, Holz als Substrat, eine Extraktion, die die Chitinwand wirklich öffnet, und unabhängige Laboranalysen auf Schimmelgifte und Schwermetalle. Alkoholfreie Tinkturen sieht er kritisch.
Vieles davon ist die Sicht eines Herstellers, der seine eigenen Produkte beschreibt, und die Humanstudien zu Löwenmähne, Reishi und Chaga sind klein. Als Einkaufshilfe taugt seine Liste trotzdem, gerade weil unabhängige Analysen zeigen, dass Etiketten oft nicht halten, was sie versprechen. Wer Pilzextrakte ausprobieren will, klärt das bei Vorerkrankungen oder Medikamenten mit der behandelnden Praxis.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Josh Finzel ist Unternehmer und Hersteller von Pilztinkturen, kein Arzt. Heilpilze und andere Nahrungsergänzungsmittel ersetzen keine Behandlung; ihre Einnahme wird bei Vorerkrankungen, in der Schwangerschaft oder unter Medikamenten ärztlich abgestimmt. Ethanolhaltige Tinkturen sind bei Alkoholabhängigkeit, Lebererkrankungen und in der Schwangerschaft ungeeignet; anhaltende Erschöpfung, Schlafstörungen oder Konzentrationsprobleme werden ärztlich abgeklärt, verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Warum setzt Josh Finzel auf Tinkturen statt auf Pulver oder Kapseln?
Was hat die Zellwand des Pilzes mit der Wirkung zu tun?
Woran erkennt man laut Finzel ein gutes Pilzprodukt?
Sind alkoholfreie Pilzextrakte schlechter?
Welche Studie nennt Finzel zu Löwenmähne?
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