Das Knie schwillt an, der Orthopäde spricht vom Kunstgelenk. Für viele Menschen mit Arthrose klingt das nach dem einzigen Ausweg. Doch Dr. Wolfgang Feil, Biologe, Sportwissenschaftler und mehrfacher Bestsellerautor, hält einen großen Teil dieser Eingriffe für verfrüht. Beim Schmerzkongress erklärte er in seinem Gespräch „Die Arthrose Lüge: Die wahren Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten“, warum er Arthrose als Folge einer jahrelangen stillen Entzündung versteht. Das vollständige Interview ist als Aufzeichnung im Kongress zu sehen.
Zu früh unterm Messer?
Feil brachte einen Zeitungsartikel mit: Drei Ärzte forderten darin ein Ende des „OP-Wahns“. Warum raten so viele Orthopäden zum Eingriff? Eine Operation sei eine schnelle Lösung, und sie bringe Geld, sagt Feil; Praxen stünden unter wirtschaftlichem Druck. Sein zweites Argument ist die Haltbarkeit: Ein Kunstgelenk halte 10 bis 15 Jahre, danach stehe die nächste Operation an. Bei Menschen, die seinen Weg gingen, beobachte er dagegen in rund 80 Prozent der Fälle deutliche Besserungen innerhalb weniger Monate. Das ist ein Erfahrungswert aus seiner Beratungspraxis, keine Studie.

Zur Einordnung: Gepoolte Daten nationaler Endoprothesenregister zeigen, dass 25 Jahre nach dem Einsetzen noch 82,3 Prozent der Knie-Totalprothesen, 69,8 Prozent der Knie-Teilprothesen und 57,9 Prozent der Hüft-Totalprothesen nicht gewechselt worden waren. Die von Feil genannte Spanne von 10 bis 15 Jahren liegt deutlich unter diesen Registerwerten. Quelle: Evans JT et al. 2019, Lancet 393(10172):655-663, PMID 30782341 (Knie) und Lancet 393(10172):647-654, PMID 30782340 (Hüfte).
Dass Feil mit dem Operieren warten würde, hat noch einen anderen Grund. Er glaubt nicht, dass verlorener Knorpel verloren bleibt.
Knorpel, der nachwächst? Feils Blick auf die Vorläuferzellen
„Da ist eine Knorpelglatze, da kann man nichts mehr machen.“ Diesen Satz hören Menschen mit Arthrose oft. Feil widerspricht ihm frontal.

Die typische Aussage von vielen Orthopäden ist: Da ist eine Knorpelglatze vorhanden, da kann man nichts mehr machen. Diese Aussage stimmt einfach nicht mehr.
Seit 2008 sei bekannt, dass es Knorpelvorläuferzellen gebe, erklärt er. Sie stammten aus dem Knochenmark, dessen Stammzellen sich an einer geschädigten Stelle zu Knorpelzellen entwickeln könnten. Ein zweiter Weg sei erst wenige Jahre alt: Zellen in der Nachbarschaft eines Defekts könnten sich wieder teilen und den Schaden vom Rand her schließen. Warum sehen Orthopäden diese Erholung so selten?
Wenn ich in meinem Gelenk Entzündungsprozesse habe, auch wenn sie ganz klein sind, wir reden dann von niedergradigen Entzündungen, dann kommt so eine Knorpelvorläuferzelle an die Stelle des geschädigten Gelenkes, und es sind Entzündungsprozesse darin, und dann stirbt die wieder ab.
Die Erholung finde also nur statt, wenn das Umfeld des Schadens entzündungsfrei werde. Eine Einordnung der Redaktion: Dass erwachsener Gelenkknorpel nur sehr begrenzt heilt, ist Lehrbuchstand. Vorläuferzellen im Knorpel sind beschrieben; ob sie einen fortgeschrittenen Defekt im lebenden Gelenk schließen können, ist wissenschaftlich offen. Feils Modell ist seine Deutung dieser Forschung.
Woher kommt diese stille Entzündung? Feil hat dafür ein Bild, das im Gespräch immer wiederkehrt.
Das Entzündungsfass: Was über Jahre hineinläuft
Dann ist es wie, wenn ein Wasserfass irgendwann mal überläuft. Auf einmal habt ihr dann Arthrose, weil das Entzündungsfass übergelaufen ist. Aber letztendlich ist dieser Entzündungsanstieg passiert in den letzten 10, 15 oder 20 Jahren.
Was füllt das Fass? Feil beginnt bei Zucker und Kohlenhydraten. Ein dauerhaft erhöhter Blutzucker schalte Entzündungsgene an, deshalb rät er, Beilagen wie Nudeln, Brot, Kartoffeln und Reis zu halbieren, Säfte zu verdünnen und den Platz mit Gemüse und Salat zu füllen. Weizen und Roggen hält er wegen ihrer Lektine für die stärksten Entzündungstreiber unter den Getreiden, Dinkel, Einkorn, Emmer und Hafer für die bessere Wahl. Die Redaktion merkt an: Dass Getreidelektine Gelenkentzündungen auslösen, ist wissenschaftlich nicht belegt.

Das Entzündungsfass, wie Dr. Wolfgang Feil es beschreibt: Zucker und Beilagen, Weizen und Roggen, Omega-6-reiche Öle und Dauerstress füllen über Jahre ein Fass, das irgendwann überläuft. Erst dann, so seine Deutung, zeigt sich die Arthrose im Gelenk.
Sein zweiter Hebel heißt „fettschlau“. Gute Fette seien Olivenöl, Omega-3-reiche Öle und Milchfett; den höchsten Omega-3-Anteil nennt er für Leinöl, drei Teelöffel täglich seien sein Richtwert. Als Entzündungstreiber sieht er Omega-6-reiche Öle wie Sonnenblumen-, Distel-, Maiskeim- und Sojaöl, dazu Margarine. Fisch empfiehlt er klein und fett, Hering und Makrele, Thunfisch wegen der Schwermetalle nur selten. Fleisch aus Massentierhaltung enthalte durch den Stress der Tiere ein Vielfaches an Arachidonsäure, einer entzündungsfördernden Fettsäure; er rät zu Weidehaltung oder Bio-Qualität, zweimal die Woche reiche. Dazu Brokkoli, Rote Bete, Zwiebel und Knoblauch, und Gewürze: Zimt, Kurkuma, Ingwer, Chili und immer Pfeffer. Was Leitlinien zur Ernährung bei Arthrose sagen, lesen Sie in unseren Grundlagen zur Arthrose-Ernährung, zur Dosierung von Kurkuma im Artikel über Curcumin und die AWMF-Empfehlung.
Ernährung allein reicht Feil aber nicht. Sein zweiter Baustein widerspricht dem, was viele mit Arthrose hören: Schonen Sie das Knie.
Bewegen, aber nicht am kranken Gelenk
Schonung hält Feil für falsch. Jede Muskeltätigkeit senke Entzündungen, egal wo sie stattfinde. Wer Kniearthrose habe, könne deshalb Schultern, Bauch und Rücken trainieren und damit die Entzündungslast im ganzen Körper drücken, ohne das Knie zu reizen.
Das Schlimmste ist bei Arthrose, einfach rumzuliegen und nichts zu machen. Bewegen, dehnen und mobilisieren, das wäre ideal.
Für das schmerzende Gelenk selbst hat er eine Doppelstrategie.
Da, wo es weh tut, massieren. Und da, wo es herkommt, mobilisieren.
Massieren am Knie, mobilisieren ein Gelenk weiter: am Oberschenkel, an dessen Rückseite und am unteren Rücken. Dort liege die große Lendenfaszie, deren Verklebungen durch langes Sitzen bis ins Knie ausstrahlen könnten. Dehnen wirke zudem direkt auf den Schmerz: Dehnungsfühler in den Muskeln meldeten dem Gehirn Bewegung, und das dämpfe die Schmerzwahrnehmung. Wie ein Osteopath dieselben Faszienzüge liest, zeigt Tobias Emrich im Interview über Muskeln, Faszien und Haltung aus demselben Kongress.
Ein Hinweis der Redaktion: Bei einem akut geschwollenen, überwärmten Gelenk, bei Fieber oder plötzlich neuem starkem Schmerz gehört die Abklärung zum Arzt, bevor massiert oder trainiert wird. Der Einstieg ins Training bei Arthrose wird ärztlich oder physiotherapeutisch abgestimmt.
Gelassenheit, Nährstoffe und ein ehrlicher Zeitplan
Baustein drei heißt Gelassenheit. Stresshormone, die nicht abgebaut würden, förderten Entzündungen. Er empfiehlt eine Vorstellungsübung: Augen schließen, tief atmen, dann das eigene Gelenk vor dem inneren Auge sehen, wie die Entzündung erlischt und Knorpel nachwächst. Die schlechtesten Verläufe habe er bei Menschen gesehen, die mit großem Zweifel gestartet seien. Das ist Feils Überzeugung aus der Praxis; ob Visualisierung den Knorpel beeinflusst, ist nicht untersucht.
Als vierten Baustein nennt er Nährstoffe: Zink, Selen und Mangan, Pflanzenkonzentrate aus Brennnessel und Ackerschachtelhalm, dazu Glucosamin, Chondroitin und Kollagen für den Knorpelaufbau. Unsere Auswertung der Evidenz zu Arthrose-Supplementen fällt nüchterner aus als sein Urteil. Bemerkenswert ist Feils eigene Einschränkung.
Diese Nährstoffe würde ich nur dann empfehlen einzusetzen, wenn man bereit ist, den gesamten Weg zu gehen.
Schmerzmittel sieht er kritisch: Nichtsteroidale Antirheumatika und Kortison hemmten auf Dauer den Eiweiß- und Knochenstoffwechsel, dazu komme das Blutungsrisiko. Die Redaktion ergänzt: Verordnete Schmerzmittel setzt niemand ohne ärztliche Rücksprache ab; was Leitlinien empfehlen, steht im Artikel zur Arthrose-Behandlung.
Und der Zeitplan? Feil verspricht nichts über Nacht. Drei bis vier Wochen brauche es, bis die Entzündung nachlasse; Knorpelaufbau ziehe sich über zwei bis drei Jahre, deutliche Besserung sehe er nach drei bis sechs Monaten. Gerade verlaufe der Weg dabei nie.
Wir haben dann oft eine starke Verbesserung am Anfang und dann gibt es wieder so ein Tal, wo viele sagen, jetzt ist es doch wieder schlecht geworden. Aber das Tal ist nicht mehr so lang.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dr. Wolfgang Feil stellt die Reihenfolge um: erst die stille Entzündung senken, dann über eine Operation nachdenken. Seine vier Bausteine: entzündungssenkende Ernährung mit wenig Zucker, wenig Weizen, guten Fetten und Fleisch aus Weidehaltung; Bewegung, die Muskeln arbeiten lässt, ohne das kranke Gelenk zu reizen; Gelassenheit; und Nährstoffe nur für die, die alles andere auch tun.
Vieles davon ist Feils eigene Lesart der Forschung, etwa die Knorpelregeneration im fortgeschrittenen Stadium oder die Rolle der Lektine. Die Entscheidung für oder gegen eine Operation bleibt eine ärztliche, gemeinsam mit Ihnen. Ob stille Entzündungsherde auch hinter anderen chronischen Schmerzen stecken, erörtert Reinhard Clemens im Interview über stille Entzündungsherde aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Dr. Wolfgang Feil ist Biologe und Sportwissenschaftler, kein Arzt. Die Entscheidung über eine Gelenkoperation, Änderungen an verordneten Medikamenten, der Einstieg in ein Training und die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln gehören in ärztliche Begleitung; bei geschwollenen, überwärmten Gelenken, Fieber oder plötzlichen starken Schmerzen ist eine ärztliche Abklärung nötig.
Häufige Fragen
Warum hält Dr. Wolfgang Feil viele Arthrose-Operationen für verfrüht?
Kann Knorpel nach Feils Darstellung wieder nachwachsen?
Welche Lebensmittel füllen laut Feil das „Entzündungsfass“?
Wie soll man sich mit Arthrose bewegen?
Wie lange dauert es nach Feils Erfahrung, bis sich etwas verändert?
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