38 Jahre alt, zwei kleine Kinder, und die Treppe wird zum Berg. So beginnt die Rheuma-Geschichte von Michaela Eberhard (Mikronährstoffcoach, Betroffene). Die ärztliche Prognose 2015 war düster. Doch abgefunden hat sie sich damit nicht. Beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress erzählte sie, wie sie nach der Diagnose suchte und wo sie landete. Ihr Gespräch trägt den Titel „Die Rheuma Lüge: Warum Rheuma nicht unheilbar ist und wie es gelingen kann“; die These darin ist ihre. Das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos in unserem Kongress.

Der Tiefpunkt kam nicht über Nacht

Wann fängt Rheuma an? Bei Eberhard lange vor der Diagnose, nur hat sie es nicht so genannt.

O-Ton aus dem Interview

Der ist aber nicht von einem Tag auf den anderen gekommen, sondern hat sich über viele Jahre aufgebaut, wo ich immer wieder mal ein Zwicken negiert habe oder, wenn ich einmal einen Arm nicht heben konnte, es als Verspannung abgetan habe.

Michaela EberhardMikronährstoffcoach, Betroffene

Zwei Schwangerschaften und langes Stillen hätten zusätzlich an der Substanz gezehrt, sagt sie. 2015 ging nichts mehr: Schmerzen überall, Treppen kaum zu schaffen, zeitweise kam sie nicht aus dem Bett. Mehrere ärztliche Meinungen fasst sie so zusammen: lebenslang, unheilbar, einzelne Gelenke höchstens noch zu versteifen, ohne Behandlung drohe der Rollstuhl. Angeboten wurde ihr die Basistherapie mit Methotrexat und Biologika. Die Diagnose laut Moderator: rheumatoide Arthritis an mehreren Gelenken.

Ein Wort zur Einordnung. „Rheuma“ ist ein Sammelbegriff für über 100 Erkrankungen. Zu den entzündlich-rheumatischen zählen die rheumatoide Arthritis, die Psoriasis-Arthritis und der Morbus Bechterew; die Gicht gilt als Stoffwechsel-Rheuma, die Fibromyalgie als Weichteilrheuma ohne Gelenkzerstörung. Wie sich entzündliches Rheuma vom Verschleiß der Arthrose unterscheidet, erklärt unser Grundlagenartikel.

Eberhard entschied sich gegen die Medikamente; die Beipackzettel habe sie nicht einmal lesen wollen. Ihre Rheumatologin habe sie dafür hart kritisiert. Hier gehört ein Satz der Redaktion hin: Wer eine Basistherapie mit Methotrexat, anderen DMARDs oder Biologika erhält, setzt sie nie eigenmächtig ab und ändert sie nur in Rücksprache mit Rheumatologin oder Rheumatologe; auch Kortison wird nur ärztlich begleitet reduziert. Ein früher Behandlungsbeginn schützt die Gelenke vor bleibenden Schäden.

Was aber tut jemand, der die Therapie ausschlägt und trotzdem nicht stillstehen will?

Ein Jahr im Kreis, dann die Dosis

Erst einmal: suchen. Nächtelang im Internet, in Büchern, bei Ärzten und Therapeuten. Das erste Jahr beschreibt Eberhard als Drehen im Kreis.

O-Ton aus dem Interview

Ich glaube, ich habe schon ziemlich alle Methoden, die es am Markt gibt, ausprobiert. Es gab schon eine Besserung, aber so, dass man jetzt sagt, da ist jetzt Ruhe in Sicht, das war weit entfernt.

Michaela Eberhard

Die Wende kam über ein Thema, das sie zuvor belächelt hatte: Mikronährstoffe in Mengen deutlich über dem, was auf der Dose steht. Ihr Modell: Im Krankheitsfall arbeite die Zelle träge; erst höhere Spiegel bestimmter Nährstoffe brächten sie wieder in Aktivität, sodass sie aus eigener Kraft umbauen könne. Als Schlüssel bei Rheuma nennt sie Vitamin C mit MSM, also organischem Schwefel, und einen erhöhten Vitamin-D-Spiegel; Omega-3-Fettsäuren, B-Vitamine, Magnesium und Coenzym Q10 seien die Grundlage.

Zwei Körperzellen im Schnitt nebeneinander, links blass und leer, rechts kräftig gefärbt mit großem Zellkern, dazwischen ein Pfeil, an dem kleine Nährstoffteilchen in die Zelle wandern

So beschreibt Michaela Eberhard ihr Erklärungsmodell: Eine träge Zelle nimmt passend dosierte Mikronährstoffe auf und arbeitet wieder aktiv. Das ist ihre Deutung aus eigener Erfahrung; als Wirkmechanismus bei Rheuma ist dieses Modell nicht belegt.

Wie sie zu ihren Dosierungen kam, ist der heikelste Teil des Gesprächs. Sie habe tageweise einzelne Substanzen in großen Mengen an sich selbst ausprobiert, teils über die Verträglichkeitsgrenze hinaus, und bei einem Arzt für Molekularmedizin Infusionen erhalten. Nach einem halben Jahr sei sie beschwerdefrei gewesen. Beim Vitamin C spricht sie von mehreren Gramm am Tag, beim Vitamin D von Zielwerten weit oberhalb der ärztlichen Referenzbereiche; beides sind ihre Angaben. Die Redaktion empfiehlt keine Dosierung und hält fest: Vitamin D ist fettlöslich und reichert sich an, eine Überdosierung kann den Kalziumspiegel gefährlich erhöhen. Hoch dosierte Nahrungsergänzung gehört unter ärztliche Begleitung mit Laborkontrolle. Was die Studienlage hergibt, lesen Sie im Artikel zur Evidenz von Supplementen. Ihre sechs Basis-Nährstoffe erklärt Eberhard in ihrem zweiten Gespräch über Rheuma und Mikronährstoffe.

Neben der Biochemie beschreibt Eberhard etwas, das sich nicht in Gramm messen lässt.

Ein Spuk, kein Stempel

Sie habe sich nie mit der Diagnose identifiziert, erzählt Eberhard, und die Gespräche in den Sprechzimmern hätten psychologisch stark gewirkt. Ihre Gegenstrategie klingt eigenwillig.

O-Ton aus dem Interview

Ich habe nie gesagt: Ich bin krank, ich habe Rheuma. Sondern ich habe gesagt: Da ist ein Spuk in meinem Körper, und diesen Spuk werde ich wieder auflösen.

Michaela Eberhard

Statt auf den Zustand richtete sie den Blick auf das Ziel, und das sehr konkret.

Wissenschaftliche Grafikfigur steigt eine diagonal durch das Bild laufende Treppe hinauf, das Skelett scheint durch, Knie und Handgelenke sind terrakottafarben markiert
O-Ton aus dem Interview

Ich will wieder voll beweglich sein. Ich will fit sein. Ich will kräftig und gut gelaunt sein. Ich will voller Kraft sein. Ich will in der Früh vital aufstehen.

Portrait von Michaela EberhardMichaela Eberhard

Ein Hinweis der Redaktion: Die innere Haltung zur Diagnose ist eine Sache, die Diagnose selbst eine andere. Geschwollene, heiße Gelenke, dazu Fieber oder rasche Verschlechterung gehören zügig in rheumatologische Abklärung.

Vielleicht erwarten Sie jetzt den Klassiker jeder Gesundheitsgeschichte: die radikale Ernährungsumstellung. Die fehlt bei Eberhard.

Ernährung war bei ihr nicht der Hebel

Ob sie ihre Ernährung umgestellt habe? Nein, sagt sie, und liefert die Pointe gleich hinterher.

O-Ton aus dem Interview

Ich war schon 15 Jahre davor Vegetarierin. Nur was ich bis 2015 belächelt habe, ist, wenn welche neben mir die Nahrung ergänzt haben.

Michaela Eberhard

Zweimal sei ihr Darm komplett untersucht worden, ohne Befund. Die verbreitete These, Rheuma komme immer aus dem Darm, könne sie aus ihrer Praxis nicht bestätigen: Bei etwa einem Fünftel ihrer Klienten sehe sie ein Darmthema, bei den übrigen andere Ursachen, häufiger die Nebenniere. Das ist ihre Einschätzung aus Coaching-Gesprächen; eine „Nebennierenschwäche“ als Ursache ist medizinisch nicht anerkannt. Die Gegenposition vertritt Sarita Preissl im Interview über Darmflora und Gelenke aus demselben Kongress.

Gluten und Milchprodukte wegzulassen habe sie als nicht stimmig empfunden. Dann der Twist: Ihre Mitautorin Eva Gassmann, ebenfalls Betroffene, sei den entgegengesetzten Weg gegangen, streng geplant vegan, und nach zwei Jahren beschwerdefrei gewesen. Zwei Frauen, zwei Wege, dasselbe Ziel.

O-Ton aus dem Interview

Es gibt nicht nur einen Weg. Es gibt viele Wege, der Weg ist immer ein individueller.

Michaela Eberhard

Beide Erfahrungen bleiben Einzelfälle, so unterschiedlich sie sind.

Zwischen Eigenverantwortung und Sprechzimmer

Eberhard geht heute zum Arzt, wenn sie etwas braucht, etwa Blutwerte, und tritt dort nach eigenen Worten informiert und entschieden auf; ärztliche Aussagen betrachtet sie als Meinungen aus einer bestimmten Sichtweise. An dieser Stelle widerspricht die Redaktion: Dass entzündliches Rheuma früh und konsequent behandelt werden sollte, ist keine Meinung unter vielen, sondern Stand der Rheumatologie. Wie viel Zeit bis zur ersten fachärztlichen Untersuchung oft vergeht, zeigt eine niederländische Kohorte.

Säulendiagramm: mediane Verzögerung bis zum Rheumatologen bei früher Arthritis, 2,4 Wochen vom ersten Symptom bis zum Hausarzt, 8,0 Wochen vom Hausarzt bis zum Rheumatologen, 13,7 Wochen insgesamt

Zur Einordnung: In der Leidener Früharthritis-Kohorte mit 1.674 Patienten lag die mediane Verzögerung bis zur Untersuchung durch einen Rheumatologen bei 13,7 Wochen: 2,4 Wochen vergingen bis zum Hausarzt, 8,0 Wochen vom Hausarzt bis zum Rheumatologen. Von den 598 Patienten mit rheumatoider Arthritis wurden nur 31 Prozent innerhalb von 12 Wochen gesehen; eine spätere Untersuchung ging über sechs Jahre mit einer 1,3-fach höheren Rate an Gelenkzerstörung einher. Quelle: van der Linden MP et al. 2010, Arthritis Rheum 62(12):3537-46, PMID 20722031.

Eberhards Rat lautet trotzdem nicht „alles selbst machen“: Ihre Akademie arbeite mit Ärzten und Therapeuten zusammen, und wer weniger radikal vorgehen wolle, könne Nährstoffe niedriger dosiert ergänzend nutzen. Ergänzend ist auch für die Redaktion das Schlüsselwort: Ernährung, Nährstoffe und Lebensstil begleiten die rheumatologische Behandlung, sie ersetzen sie nicht.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Michaela Eberhard erzählt von einer Diagnose mit 38, die ihr wie ein Endurteil vorkam, und von ihrer Weigerung, sie so zu lesen. Ihr Weg führte über ein Jahr des Suchens zu hoch dosierten Mikronährstoffen, über eine bewusste innere Haltung und zu der Erkenntnis, dass ihre Mitautorin mit dem Gegenteil ähnlich weit kam.

Für die Redaktion bleibt es ein Erfahrungsbericht, so eindrücklich er ist. Mitnehmen lässt sich: Beschwerden ernst nehmen, statt sie jahrelang als Verspannung abzutun. Informiert ins Sprechzimmer gehen, den eigenen Anteil an Ernährung und Lebensstil suchen. Und die Basistherapie in rheumatologischer Hand lassen. Wie eine Diagnose zur Opferhaltung werden kann und was ein Coach dagegen empfiehlt, beschreibt Verena Krone im Interview über Arthrose und Opferhaltung aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Michaela Eberhard ist Mikronährstoffcoach und selbst Betroffene, keine Ärztin; ihr Bericht ist eine Einzelerfahrung. Entzündlich-rheumatische Erkrankungen gehören in rheumatologische Behandlung. Basistherapie, Biologika und Kortison werden nie ohne ärztliche Rücksprache abgesetzt oder verändert; hoch dosierte Nahrungsergänzung nur unter ärztlicher Begleitung mit Laborkontrolle.

Häufige Fragen

Wie hat Michaela Eberhard ihre Rheuma-Diagnose erlebt?
Sie beschreibt 2015 als Tiefpunkt: Alles habe geschmerzt, Treppen seien kaum noch zu bewältigen gewesen, zeitweise sei sie nicht aus dem Bett gekommen. Mehrere ärztliche Meinungen hätten ihr eine lebenslange, nicht heilbare Erkrankung in Aussicht gestellt, im schlechten Fall den Rollstuhl. Sie war damals 38 und hatte zwei kleine Kinder.
Hat Michaela Eberhard Rheuma-Medikamente genommen?
Nach eigener Aussage nicht. Methotrexat und Biologika habe sie für sich abgelehnt und einen anderen Weg gesucht. Das ist ihre persönliche Entscheidung und kein Vorbild: Die Basistherapie bei entzündlichem Rheuma wird nie ohne Rücksprache mit Rheumatologin oder Rheumatologe verändert oder abgesetzt, weil ein früher Behandlungsbeginn die Gelenke vor bleibenden Schäden schützt.
Was hat ihr nach eigener Darstellung geholfen?
Eberhard berichtet, nach einem Jahr des Ausprobierens sei sie bei Mikronährstoffen in hoher Dosierung gelandet, darunter Vitamin C, MSM und Vitamin D, dazu Omega-3-Fettsäuren, B-Vitamine und Magnesium als Grundlage. Innerhalb eines halben Jahres sei sie beschwerdefrei geworden. Das ist ein Einzelbericht; hoch dosierte Nahrungsergänzung gehört unter ärztliche Begleitung mit Laborkontrolle.
Musste sie ihre Ernährung umstellen?
Sie sagt: nein. Sie habe seit 15 Jahren vegetarisch und vollwertig gegessen, zwei Darmuntersuchungen hätten keine Unverträglichkeiten gezeigt. Ihre Mitautorin Eva Gassmann sei dagegen über eine strenge Ernährungsumstellung nach zwei Jahren beschwerdefrei geworden. Für Eberhard zeigt das, dass der Anteil von Ernährung und Nährstoffen individuell verschieden sein könne.
Ist Rheuma heilbar, wie der Titel des Gesprächs nahelegt?
Der Titel gibt die Sicht von Michaela Eberhard wieder. Die Redaktion übernimmt diese Aussage nicht. Entzündlich-rheumatische Erkrankungen gelten als chronisch; mit früher Basistherapie erreichen viele Betroffene eine Remission, also weitgehende Beschwerdefreiheit. Ernährung, Nährstoffe und Lebensstil können begleiten, ersetzen die rheumatologische Behandlung aber nicht.
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