Osteoporose? Calcium. Kaum eine Diagnose löst so zuverlässig denselben Reflex aus. Doch der Arzt, der beim Osteoporose Kongress (23. Oktober bis 1. November 2026) über Mineralstoffe spricht, bremst genau hier. Zu viel Calcium sei ebenso schädlich wie zu wenig, sagt Dr. med. Udo Böhm, und die meisten Menschen hätten davon ohnehin genug auf dem Teller. Sein Gespräch trägt den Titel „Mineralstoffe und Spurenelemente: Grundlagen für starke Knochen”. Dieser Artikel gibt es journalistisch wieder, mit O-Tönen und in indirekter Rede; das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Der Calcium-Reflex und sein blinder Fleck
Warum landen alle Gedanken beim Calcium? Für Böhm ist das ein Wahrnehmungsproblem: Der Stoff werde gehypt, die Zusammenhänge dahinter übersehen. Seine Bedeutung streitet er nicht ab, Calcium sei ein essenzieller Baustein des Knochens und sorge für die Festigkeit des Skeletts. Seine Zurückhaltung hat einen anderen Grund.
Wenn hier gehyped wird, Calcium, Calcium, da muss man aufpassen, dass ein Zuviel an Calcium zum Beispiel im Herz-Kreislauf-Bereich auch Verkalkungen machen kann. Im Prinzip kann man sagen: Zu wenig Calcium ist genauso schlecht wie zu viel Calcium.
In der Prävention würde er nicht mehr als etwa ein Gramm am Tag ansetzen, aus Käse, Joghurt, Nüssen, Grünkohl oder Soja. Wer nicht vegan lebe, sei damit meist ordentlich versorgt. Der Calciummangel als Osteoporose-Ursache? Den gebe es, ganz klar, nur würden Bewegungsmangel und Untergewicht viel zu selten mitgedacht. Wie Calcium und Vitamin D zusammenspielen, zeigt unser Grundlagenartikel. Wo der Mangel entsteht, hat allerdings weniger mit dem Knochen zu tun, als man denkt.
Der Knochen ist ein Speicher, kein Tresor
Der Körper, so Böhm, hält nicht den Calciumspiegel im Knochen konstant, sondern den im Blut. Kommt zu wenig über Nahrung oder Präparate, holt er sich Calcium aus dem Skelett. Ob ein Defizit vorliegt, lasse sich mit einer Mineralstoffanalyse günstig messen. Erst dann könne man höher dosieren, 1,5 Gramm etwa, aber nur mit einem erfahrenen Arzt oder Therapeuten. Die Redaktion schließt sich an: Hochdosierte Calciumpräparate gehören nicht in die Selbstmedikation.

Der Körper hält nach Böhms Darstellung den Calciumspiegel im Blut konstant, nicht den im Knochen. Kommt zu wenig aus der Nahrung, holt er sich das Calcium aus dem Skelett.
Wenn der Körper so fein regelt, warum reicht dann nicht einfach genug Calcium? Weil der Regler nach Böhms Darstellung ein ganzes Team braucht.
Das Team hinter dem Calcium
Mikronährstoffe agierten synergistisch, sagt Böhm. Sein erstes Beispiel ist Phosphat: mit Calcium fester Bestandteil der Knochenverbindung, als Signalstoff am Knochenstoffwechsel beteiligt und trotzdem kaum beachtet. Zu viel Calcium ziehe Phosphat aus dem Knochen, zu viel Phosphat drossele die Calciumaufnahme. Den verbreiteten Rat, viel Calcium und wenig Phosphat zu essen, hält er deshalb für verkehrt.
Magnesium sei Kofaktor von rund 300 Enzymen, darunter solche für die Knochenbildung. Zink brauche der Körper für die Knochenmatrix, Mangan für Kollagenstrukturen. Fehle Kalium, werde mehr Calcium ausgeschieden. Zwei Kandidaten sortiert er aus: Fluor habe lange in Osteoporose-Leitlinien gestanden, sei aber extrem giftig und heute obsolet. Bor werde neu gehypt, liege im Körper aber als giftige Borsäure vor. Mehr zu Spurenelementen im Gelenk: unser Artikel über Zink, Selen und Kupfer.
Nach fast 45 Jahren als Arzt sieht Böhm seine Aufgabe darin, den Körper so einzustellen, dass er sich selbst reguliert. Eine Stellschraube macht er trotzdem eigens zum Thema. Dort wartet der Twist.
Vitamin D, Vitamin K und ein Paradoxon
Vitamin D baut der Körper mit Sonne und Cholesterin selbst, trotzdem habe ein großer Teil der Bevölkerung ein Defizit, sagt Böhm. Es gilt als Verbündeter des Knochens. Genau da widerspricht er der Erwartung.

Wenn zu viel Vitamin D da ist und zu wenig Calcium kommt, dann zieht Vitamin D, und das ist erstaunlich, das wissen die meisten auch nicht, Calcium aus dem Knochen. Also auch das ist sehr fein tariert.
Dr. med. Udo BöhmDer Grund liegt in zwei Proteinen. Vitamin D fördere die Bildung von Osteocalcin und Matrix-Gla-Protein; das erste transportiere Calcium in den Knochen, das zweite hole es aus den Blutgefäßen. Aktiviert werden beide erst durch Vitamin K, weshalb Böhm D und K als Zwillinge beschreibt.
In der Prävention hält sich Böhm bei Vitamin D nach eigenen Worten an die Leitlinie mit 800 bis 2000 Einheiten; ein Defizit behandle er nach Blutspiegel. Wer hochdosiert Vitamin D nehme, solle Vitamin K2 als MK7 dazugeben, etwa 100 Mikrogramm. Warum das Trio aus D, K und Magnesium so eng zusammenhängt, vertieft Samuel Kochenburger im Interview über Vitamin D, K und Magnesium.
Bleibt die alte Angst vor Vitamin K und der Blutgerinnung. Einen Herzinfarkt begünstige es nicht, sagt Böhm, es hole Calcium aus den Gefäßen und steuere die Gerinnung in beide Richtungen. Dann wird er persönlich.
Ich bin ja als Landarzt tätig gewesen, ohne Hubschrauber, und war selber Notarzt. Einer meiner größten Ängste war, dass ich nachts gerufen worden bin zu Leuten, die ihre Antikoagulanzien nicht richtig eingenommen haben. Dann saß ich nachts um zwei, drei Uhr alleine da mit denen, und wir haben geblutet, geblutet. Und dann war ich dankbar, dass es Vitamin K gab, dass ich also ein Medikament in der Hand hatte, das diese Blutung stoppen konnte.
Die Redaktion weist darauf hin: Wer Gerinnungshemmer einnimmt, ändert die Vitamin-K-Zufuhr nur nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt.
Supplemente: Krücke, nicht Fundament
Vielleicht liegt jetzt schon ein voller Warenkorb bereit. Kochenburger spricht das an, Böhm antwortet mit einem Bild.
Die Supplemente sind eine Krücke. Wenn ich mir zum Beispiel das Bein breche, dann brauche ich eine Krücke, und wenn ich gesund bin, brauche ich keine Krücke.
Die Grundlage sei die traditionelle mediterrane Kost; in der Matrix eines Lebensmittels seien die Stoffe besser verfügbar. Nahrungsergänzungsmittel seien gesetzlich nur für die Prävention gedacht und niedrig dosiert. Einen echten Mangel könne man damit nicht beheben, dafür brauche es ein Arzneimittel und einen Arzt, der nach Blutspiegel behandelt.
Dass Mikronährstoffe in den neuen Osteoporose-Leitlinien als Basismaßnahme stehen, ist für ihn der entscheidende Punkt: Die Medikamente hätten nur dann einen Nutzen, wenn diese Basis gesichert sei.
Ohne gute Mikronährstoffversorgung gibt es keine gute Osteoporosetherapie.
Die Leitlinien-Obergrenze von 20.000 Einheiten Vitamin D pro Woche hält Böhm für unrealistisch, betont aber zugleich, kein Vitamin-D-Freak zu sein: Die Dosis mache das Gift. Die Redaktion unterstreicht das: Hochdosiertes Vitamin D gehört ausschließlich unter ärztliche Kontrolle nach Laborwerten.
Prävention beginnt lange vor der Menopause
Neun Millionen Menschen in Deutschland leben mit Osteoporose, sagt Kochenburger. Böhms Prävention setzt früher an, als die meisten erwarten.
Für mich ist es ein Fehler, zu warten, bis die Frau in die Menopause kommt, und dann anzufangen, über Osteoporose nachzudenken.
Wer bis etwa 30 eine hohe Knochenmasse aufbaue, verliere später langsamer. Böhm fürchtet, dass Kinder mit fünf, sechs Stunden Handy am Tag eine neue Osteoporose-Generation werden. Ein zweites Risiko sieht er im Schlankheitswahn: Spitzensportlerinnen, etwa im Ballett, entwickelten trotz bester Betreuung Osteoporose, weil sie zu wenig essen.
Seine Tipps für Menschen mit der Diagnose fallen bodenständig aus: bewegen, gescheit essen, kein Nikotin, gerade im Alter Krafttraining gegen Stürze. Nur Medikamente nehmen, die man wirklich braucht, denn Antidepressiva, Glucocorticoide, Magensäureblocker und Beruhigungsmittel könnten den Knochen schwächen. Red-Flag-Hinweis der Redaktion: Kein Medikament wird ohne ärztliche Rücksprache abgesetzt oder reduziert. Wie Sie Muskeln und Knochen sicher fordern, zeigt unser Artikel zum Krafttraining bei Osteoporose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Böhms Kernbotschaft ist ein Perspektivwechsel: nicht ein Stoff, sondern ein Regelkreis. Calcium bleibt wichtig, aber begrenzt und meist über das Essen gedeckt. Phosphat, Magnesium, Zink und Kalium arbeiten mit, Vitamin D und K bringen Calcium dorthin, wo es hingehört. Supplemente bleiben eine Krücke, die mediterrane Ernährung das Fundament. Und die Vorsorge beginnt nach seiner Überzeugung in der Kindheit.
Welche Medikamente dem Knochen zusetzen können, erläutert Dr. Stephan Kewenig aus demselben Kongress im Interview über knochenschädliche Medikamente.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Hochdosierte Vitamin-D- oder Calciumpräparate, Änderungen der Vitamin-K-Zufuhr bei Gerinnungshemmern und jede Anpassung Ihrer Medikamente besprechen Sie bitte vorab mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Häufige Fragen
Reicht eine calciumreiche Ernährung als Osteoporose-Therapie aus?
Kann zu viel Calcium schaden?
Welche Rolle spielt Vitamin K für die Knochen?
Macht Vitamin K einen Herzinfarkt oder Schlaganfall wahrscheinlicher?
Sind Nahrungsergänzungsmittel bei Osteoporose sinnvoll?
Wann sollte man mit Osteoporose-Prävention beginnen?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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