Der Rücken schmerzt, also wird der Rücken behandelt: massiert, gespritzt, ins MRT geschoben. Doch der Ort, an dem es wehtut, ist für Dominik Barkow selten der Ort, an dem das Problem sitzt. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress sprach der Personal Trainer über Mobility bei chronischen Schmerzen und darüber, warum er zuerst auf Hüfte und Brustwirbelsäule schaut. Sein Gespräch trug den Titel „Mobility bei chronischen Schmerzen“; die vollständige Aufzeichnung sehen Sie im Kongress.

Stark, aber steif

Bankdrücken, Kniebeugen, Kreuzheben: Das konnte Barkow. Beweglich war er nicht. Gemerkt hat er das nach eigener Erzählung erst in einem Yoga-Kurs, in den er mit Ende zwanzig eher zufällig geriet, als Nacken, Schultern, Knie und Füße längst schmerzten. Seine Verdauungsprobleme ordnet er als Leaky Gut ein; das Konzept einer durchlässigen Darmwand wird in der Forschung diskutiert, eine anerkannte Diagnostik dafür fehlt.

Sein Grundsatz seit damals:

O-Ton aus dem Interview

Wir arbeiten also im Grunde gar nicht am Symptom, an dem Schmerz, sondern eigentlich an allem drumherum.

Dominik BarkowPersonal Trainer

Wer mit Rückenschmerzen komme, wünsche sich meist einen mechanischen Check von Kopf bis Fuß. Nur bringe es wenig, die Gelenke geschmeidiger zu machen, wenn jemand drei Stunden pro Nacht schlafe oder den ganzen Tag unter Druck stehe. Deshalb lasse er seine Klienten an allen Schrauben drehen, die sie selbst erreichen: Beweglichkeit, Kraft, Atmung, Ernährung, Schlaf, Stress. Barkow vergleicht das mit einer Zwiebel: Wer Rückenschmerzen habe, sehe nur die äußerste Schicht.

Zwiebelschema mit fünf Schichten, außen der Rückenschmerz in Terrakotta, darunter steife Gelenke, Atmung, Schlaf und Stress als Piktogramme in Petrol

Das Zwiebelprinzip, wie Dominik Barkow es beschreibt: Der Rückenschmerz ist die sichtbare Schale. Darunter findet er in seinem Coaching regelmäßig steife Gelenke, flache Atmung, zu wenig Schlaf und Dauerstress, die den Schmerz aus seiner Sicht mit verursachen oder verstärken.

Werden plötzlich vier Baustellen sichtbar statt einer, reagierten seine Klienten mit Dankbarkeit oder mit Angst. Beiden sage er dasselbe: Die Probleme seien nicht neu, nur bisher nicht angegangen.

Doch was hat ein steifes Sprunggelenk mit dem Kreuz zu tun?

Das Gelenk, das für ein anderes arbeitet

Zehn bis fünfzehn Prozent. Mehr Zeit seiner Routine räumt Barkow dem Mobility-Training nicht ein, Kraft sei ihm inzwischen ebenso wichtig. Klein, aber entscheidend, weil fast alle seine Klienten ihre Beweglichkeit vernachlässigten. Mobility bedeutet für ihn zunächst etwas anderes als Dehnen:

O-Ton aus dem Interview

Für mich ist Mobility-Training erst mal auch eine Selbstwahrnehmung des eigenen Körpers: gucken zu können, was funktioniert in meinem Körper überhaupt. Kann ich meine Zehen ansteuern? Funktionieren meine Sprunggelenke?

Dominik Barkow

Der Klassiker sei die Brustwirbelsäule: Neun von zehn seiner Klienten könnten sie kaum frei bewegen, sagt er, ausdrücklich als Eindruck, nicht als Messung. Wer Rückenschmerzen habe, finde beim Selbstcheck oft an fünf oder sechs Stellen Einschränkungen. Dahinter steht der Joint-by-Joint-Ansatz, ein Modell aus der Trainingslehre, mit dem Barkow nach eigener Aussage gern arbeitet.

O-Ton aus dem Interview

Die haben eine Theorie aufgestellt, dass, wenn ein Gelenk im Körper nicht optimal funktioniert, das nach- oder vorgelagerte Gelenk kompensieren muss. Sagen wir mal, typisches Beispiel: Die Hüfte funktioniert nicht. Also meine Lendenwirbelsäule muss dann zum Beispiel mehr Rotation ausführen. Die ist da nicht unbedingt für gemacht.

Dominik Barkow

Die Kette lasse sich durch den ganzen Körper verfolgen: Plattfüße, Knie, die nach innen fallen, ein Hohlkreuz, eine Brustwirbelsäule, die alles ausgleicht. Wer seit Jahren schleichend Rückenschmerzen habe, lande so bei den Ursachen statt beim Masseur; ein Hexenschuss nach dem Verheben sei dagegen offenkundig. Wie eine steife Hüfte selbst zum Problem wird, lesen Sie in unserem Artikel über Hüftarthrose.

Ein Hinweis der Redaktion: Rückenschmerzen mit Taubheit oder Lähmung in den Beinen, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder nach einem Sturz gehören sofort in ärztliche Abklärung.

Was aber, wenn die Ursache nicht in einem Gelenk sitzt, sondern in einem Befund?

Der Befund, den fast jeder hat

Alle. Nicht die meisten, sagt Barkow, sondern hundert Prozent seiner Klienten hätten vorher schon etwas versucht. Die typische Kette: Orthopäde mit sechs bis acht Minuten Zeit, MRT, Befund, Physiotherapie mit viel Massage, sonst Spritze oder Tablette.

Besonders skeptisch macht ihn das MRT ohne klare Fragestellung. Wer mit 52 eine leichte Degeneration der Lendenwirbelsäule im Bild sehe, gehe mit einem schlechten Gefühl nach Hause, obwohl ein solcher Befund nicht zwangsläufig Schmerzen mache. Aber ein Befund könne als Nocebo wirken.

Säulendiagramm zu Bildbefunden an der Wirbelsäule bei Schmerzfreien: Bandscheibendegeneration 37 Prozent der 20-Jährigen und 96 Prozent der 80-Jährigen, Vorwölbung 30 und 84 Prozent, Protrusion 29 und 43 Prozent, Riss im Faserring 19 und 29 Prozent

Zur Einordnung: Eine systematische Übersicht von 33 Studien mit 3.110 Personen ohne Rückenschmerzen fand Bandscheibendegeneration bei 37 Prozent der 20-Jährigen und 96 Prozent der 80-Jährigen, Bandscheibenvorwölbungen bei 30 beziehungsweise 84 Prozent. Die Autoren werten viele dieser Bildbefunde als Teil der normalen Alterung, die für sich genommen nichts über Schmerzen aussagen. Quelle: Brinjikji W et al. 2015, AJNR Am J Neuroradiol 36(4):811-6, PMID 25430861.

Was Erwartung mit Schmerz macht, vertieft Jesko Streeck im Interview über Placebo und Nocebo. Barkows Frage an den Anfang jeder Zusammenarbeit:

O-Ton aus dem Interview

Warum sendet mir mein Körper diesen Schmerz? Das ist ja mein Signal des Körpers. Das macht er ja nie, um einen zu ärgern.

Dominik Barkow

Ein Hinweis der Redaktion: Ein MRT-Befund gehört ins ärztliche Gespräch, nicht in die Selbstdeutung. Verordnete Schmerzmittel setzt niemand ab, weil ein Trainer die Reihenfolge anders sieht.

Bleibt die Frage, wie aus der Einsicht Alltag wird. Barkows Antwort ist absichtlich winzig.

Zu klein, um zu scheitern

Zwei Minuten Mobility, eine Minute Meditation. Mehr verlangt Barkow am Anfang nicht. Den Gedanken hat er sich aus der Finanzkrise geborgt, als Banken als „too big to fail“ galten:

O-Ton aus dem Interview

Wir machen die Schritte im Coaching zu richtig kleinen Baby-Steps. Und da sage ich immer: too small to fail.

Dominik Barkow

Wer Woche für Woche ein Stück drauflege, habe nach zwölf Wochen eine Steigerung und, wichtiger, eine Routine. Sein Bild ist der Hinkelstein: Ihn ins Rollen zu bringen sei das Schwerste, rollen zu halten leicht. Nach drei bis neun Monaten sollten seine Klienten ohne ihn auskommen, Gelenkpflege so selbstverständlich wie Zähneputzen. Wie Kraft dazukommt, zeigt Nico Herber im Interview über Krafttraining bei Rückenschmerzen; was Training am Knochen bewirkt, steht in unserem Artikel zu Krafttraining bei Osteoporose.

Den Zeitpunkt legt er auf den Morgen: Bewegung sei ein Taktgeber der inneren Uhr, und um halb sieben lade einen niemand auf ein Bier oder ins Kino ein. Die Routine sei zugleich ein täglicher Check: Wie fühlt sich das Sprunggelenk an, die Hüfte, das Schulterblatt? Für Schichtarbeiter oder eine Alleinerziehende, die um vier Uhr aufsteht, suche er andere Zeitfenster.

3D-Innenansicht eines Hüftgelenks mit Hüftkopf in der Gelenkpfanne, aufgeschnittener Gelenkkapsel und terrakottafarben hervorgehobener verkürzter Kapselwand
O-Ton aus dem Interview

Selbst wenn den ganzen Tag heute nichts passiert, habe ich zumindest jedem Gelenk einmal den Impuls gegeben: Werd beweglich oder bleib beweglich.

Dominik Barkow

Atmen, damit das Gelenk nachgibt

Der letzte Baustein ist die Atmung.

O-Ton aus dem Interview

Die Atmung ist generell für jegliche Art von Entspannung und Bewegung wichtig. Atmung ist der direkte Schlüssel in unser vegetatives Nervensystem.

Dominik Barkow

Im Stressmodus stiegen Blutdruck und Muskelspannung, der Körper rüste sich für Kampf, Flucht oder Erstarren. Das kenne jeder, der morgens 25 Mails im Postfach sehe und einen „Nackenpanzer“ bekomme. Mehr Bewegungsradius brauche das Gegenteil. Deshalb atme er im Training langsam durch die Nase und länger aus als ein. Wer sich in eine Position presse und die Luft anhalte, signalisiere dem Körper Gefahr, und der mache eher zu. Dazu gehöre Aufmerksamkeit: kein Radio, kein Podcast, in Gedanken bei der Übung bleiben.

Aus Sicht der Redaktion: Wer chronische Schmerzen, Bluthochdruck oder eine Herz- oder Lungenerkrankung hat, stimmt neue Bewegungs- und Atemroutinen vorher ärztlich oder physiotherapeutisch ab.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Dominik Barkow verschiebt den Blick. Nicht die schmerzende Stelle interessiert ihn zuerst, sondern das, was drumherum nicht funktioniert: eine Hüfte, die kaum dreht, eine Brustwirbelsäule, die sich nicht beugt, ein Atem, der im Stress flach bleibt. Mobility-Training ist für ihn weniger Dehnprogramm als tägliche Bestandsaufnahme des eigenen Körpers.

Sein Handwerk ist klein: drei Minuten am Morgen, jede Woche etwas mehr, ruhig durch die Nase atmen. Seine Modelle, vom Joint-by-Joint-Ansatz bis zur Zwiebel, sind Trainerwerkzeuge, keine gesicherte Medizin. Der Rat dahinter kommt ohne sie aus: den eigenen Körper kennenlernen, bevor man ihn anderen zur Reparatur gibt.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Dominik Barkow ist Personal Trainer, kein Arzt oder Therapeut. Der Beginn eines Bewegungs- oder Atemprogramms bei chronischen Schmerzen oder Vorerkrankungen gehört in ärztliche oder physiotherapeutische Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Rückenschmerzen mit Lähmungen, Taubheit, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust sind sofort ärztlich abzuklären.

Häufige Fragen

Welchen Stellenwert hat Mobility-Training bei chronischen Rückenschmerzen laut Dominik Barkow?
Barkow gibt dem Mobility-Training zehn bis fünfzehn Prozent der Zeit, die jemand für seine Routine aufbringt; Kraft sei ihm inzwischen ebenso wichtig. Der eigentliche Wert liege für ihn in der Selbstwahrnehmung: Wer seine Gelenke morgens durchbewege, merke, wo der Körper eingeschränkt sei, und finde so mögliche Verstärker seiner Rückenschmerzen.
Was bedeutet der Joint-by-Joint-Ansatz, von dem Barkow spricht?
Er beschreibt ein Modell aus der Trainingslehre: Funktioniert ein Gelenk nicht richtig, muss das benachbarte Gelenk kompensieren. Eine steife Hüfte zwinge zum Beispiel die Lendenwirbelsäule zu Drehbewegungen, für die sie nicht gemacht sei. Die Redaktion ergänzt: Das Modell dient Trainern zur Planung, als wissenschaftlich gesicherte Erklärung für Rückenschmerzen gilt es nicht.
Warum sieht Barkow ein MRT ohne klare Fragestellung kritisch?
Nach seiner Erfahrung gehen viele Menschen mit einem Befund wie „leichte Degeneration der Lendenwirbelsäule“ nach Hause, obwohl ein solcher Befund nicht zwangsläufig Schmerzen macht. Die Diagnose könne dann als Nocebo wirken. Studien zeigen, dass Verschleißzeichen im MRT auch bei Menschen ohne Rückenschmerzen sehr häufig sind; ein Befund gehört deshalb ins ärztliche Gespräch.
Wie fängt man nach Barkows Methode mit Mobility an?
Absichtlich winzig: zwei Minuten Mobility und eine Minute Meditation, dann Woche für Woche ein kleines Stück mehr. Er nennt das „too small to fail“. Den Morgen empfiehlt er, weil dort keine Termine oder Ausreden dazwischenkommen. Die Redaktion rät, bei chronischen Schmerzen oder Vorerkrankungen den Einstieg ärztlich oder physiotherapeutisch abzustimmen.
Welche Rolle spielt die Atmung im Mobility-Training?
Für Barkow ist die Atmung der direkte Zugang zum vegetativen Nervensystem. Wer sich unter Anspannung in eine Position presse, signalisiere dem Körper Gefahr, und der gebe dann eher weniger Bewegungsradius frei. Er atmet deshalb langsam durch die Nase, länger aus als ein, und bleibt ohne Radio oder Podcast in Gedanken bei der Übung.
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