Das Blutbild ist unauffällig, die Hausärztin zufrieden, und Sie wachen trotzdem jeden Morgen erschöpft auf. Doch für Dr. med. Sabine Zitzmann, Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie, ganzheitliche/integrative Medizin, endet die Suche hier nicht. Sie beginnt hier. Beim Stille Entzündungen Kongress sprach sie über Müdigkeit trotz guter Blutwerte und über die Mitochondrien, die Kraftwerke jeder Zelle. Ihre These: Ein normales Laborblatt sagt wenig darüber, ob eine Zelle aus dem eingeatmeten Sauerstoff noch Energie macht. Das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress.

Wenn das Labor Entwarnung gibt und der Körper nicht

Kennen Sie den Satz „Ihre Werte sind alle im Normbereich“? Zitzmann hört ihn oft. Im klassischen Labor werde häufig nichts gefunden, sagt sie, oder nur kleine Verschiebungen, die noch nicht als Handlungsbedarf gälten. Genau diese Verschiebungen deute sie häufig schon als erste Zeichen dafür, dass im Organismus etwas aus der Regulation gerate.

Balkendiagramm: Von 571 Patienten mit Müdigkeit erhielten 46,9 Prozent binnen eines Jahres irgendeine passende Diagnose, 19,4 Prozent Beschwerden des Bewegungsapparats, 16,5 Prozent psychische Probleme, 8,2 Prozent eine eindeutige körperliche Erkrankung

Zur Einordnung: In einer niederländischen Hausarzt-Kohorte mit 571 Erwachsenen, die wegen neuer Müdigkeit zum Arzt kamen, erhielten 46,9 Prozent innerhalb eines Jahres mindestens eine Diagnose, die zur Müdigkeit passen konnte, meist Symptomdiagnosen. Bei 8,2 Prozent wurde eine eindeutige körperliche Erkrankung festgestellt. Quelle: Nijrolder I et al. 2009, CMAJ 181(10):683-7, PMID 19858240.

Was das Labor nicht misst, spielt sich aus ihrer Sicht in der Zelle ab. Jede stoffwechselaktive Zelle enthalte Hunderte bis Tausende Mitochondrien. Ihr Bild dafür heißt innere Atmung: Der Sauerstoff kommt über die Lunge ins Blut, das Blut trägt ihn in die Zelle, und erst dort machen die Mitochondrien daraus den Energieträger ATP.

Dieser letzte Schritt sei eine Kette, in der Fette, Kohlenhydrate und zum Teil Eiweiße schrittweise zerlegt würden, und jeder Schritt brauche eigene Nährstoffe.

O-Ton aus dem Interview

Wir sind direkt von unserer Mitochondrienleistung abhängig, um Sauerstoff, den wir atmen, auch wirklich direkt in Energie umzuwandeln. Und wenn es da knirscht, dann haben wir ein Energieproblem.

Dr. med. Sabine ZitzmannFachärztin für Innere Medizin und Kardiologie, ganzheitliche/integrative Medizin

Schema in vier Stationen von der Lunge über das Blut in die Zelle bis zum vergrößerten Mitochondrium, aus dem ein Pfeil zu einem Bündel Energie-Rauten führt

Von der Lunge bis zur Energie: Dr. Zitzmann beschreibt die Mitochondrien als Ort der inneren Atmung. Der Sauerstoff erreicht über das Blut die Zelle, doch erst im Mitochondrium wird er zu ATP. Ein Blutwert bildet nach ihrer Einordnung nur die Strecke bis zur Zelle ab, nicht den letzten Schritt.

Woran aber zerbricht diese Kette? Zitzmann nennt keinen einzelnen Schuldigen.

Genetik, Zucker, Antibiotika: viele kleine Schläge statt eines großen

Die Ausgangslage sei vererbt, ausschließlich mütterlich. Ihren Patienten erklärt Zitzmann das mit einem Fass.

O-Ton aus dem Interview

Ihr könnt mit so einem Fass auf die Welt kommen. Da kann man alles Mögliche reinstecken an Giftstoffen, bis es voll ist, oder das Fass ist halt nur so klein, da passt dann ein bisschen weniger rein und man hat früher Probleme.

Dr. med. Sabine Zitzmann

Das Fass sei aber nicht das Schicksal. Entscheidend sei, was im Laufe des Lebens hineinkomme: eine Überladung mit Kohlenhydraten, weil sie oxidativen Stress freisetze. Antibiotikatherapien, weil Mitochondrien einem eingewanderten Bakterium ähnelten. Zu wenig Bewegung, aber auch zu viel. Und Stresshormone wie Adrenalin, die aus ihrer Sicht Entzündungsprozesse anfachen, die wiederum die Mitochondrien stören.

Ein Hinweis der Redaktion: Ein verordnetes Antibiotikum lässt niemand wegen dieser Überlegung weg oder setzt es früher ab. Das gehört in ärztliche Rücksprache. Wie sich schwelende Entzündungen mit dem Altern verbinden, beschreibt unser Artikel über chronische Entzündung und Inflammaging.

Zitzmanns Rat fällt pragmatisch aus: an mehreren Stellen gleichzeitig ein wenig drehen statt eine Säule zu perfektionieren. Bleibt die Frage, die die Moderatorin als Katze bezeichnete, die sich in den Schwanz beißt.

Henne oder Ei? Entzündung und Zellkraftwerk

Schaden stille Entzündungen den Mitochondrien, oder erzeugen kranke Mitochondrien die Entzündung? Zitzmanns Antwort: beides. Freien Radikalen fehle ein Elektron, sie holten es sich unter anderem aus Enzymsystemen, die der Körper für die Regeneration brauche. So entstünden, einfach gesprochen, Entzündungen.

An einer Stelle geht sie weiter, als die Studienlage trägt: Barfußgehen, Gartenarbeit und Waldaufenthalte brächten negativ geladene Teilchen in den Körper zurück, Elektrosmog und belastete Innenräume böten davon zu wenig. Das ist ihre Deutung; die Forschung zur sogenannten Erdung ist dünn und methodisch umstritten.

Unstrittiger ist der zweite Teil ihrer Antwort. Ein geschädigtes Mitochondrium produziere bei der Sauerstoffverwertung selbst mehr Radikale, als der Körper entgiften könne. Zitzmanns Bild dafür bleibt hängen.

Mikroskopische Visualisierung eines angeschnittenen Mitochondriums, dessen rechte Hälfte terrakottafarben geschädigt ist und winzige Partikel in das Zellplasma abgibt
O-Ton aus dem Interview

Wenn die Mitochondrie einmal geschädigt ist, dann ist es wie so eine alte Fabrik. Man muss sehr viel reingeben an guten Sachen, damit diese Fabrik am Laufen bleibt, aber am Ende kommt sehr wenig Gutes raus, aber sehr viele Schadstoffe.

Dr. med. Sabine Zitzmann

Der Körper habe Reparaturwege: Mitochondrien verschmölzen miteinander und trennten sich wieder, ein funktionierendes könne so ein defektes instand setzen. Je schlechter es ihnen gehe, desto schlechter laufe das. Als Faustregel, die sie selbst Pi-mal-Daumen-Wert nennt: Bis zu 20 Prozent geschädigte Mitochondrien stecke der Körper weg, darüber beginne die Müdigkeit, ab etwa 40 Prozent entstünden manifeste Erkrankungen.

Erst Lebensstil, dann Nährstoffe: die Reihenfolge der Ärztin

Vielleicht erwarten Sie jetzt die Liste der besten Präparate. Die Moderatorin fragte genau danach. Zitzmann bremste.

O-Ton aus dem Interview

Man kann top aufgestellt sein mit den Nährstoffen. Wenn diese Sachen nicht funktionieren, dann bringen einem die schönsten Nährstoffe leider nichts.

Dr. med. Sabine Zitzmann

Ihre Säulen heißen Ernährung, Bewegung, Stressregulation, Nährstoffe und Atmung. Bei der Ernährung überrascht ihre Fettquote: 40 bis 50 Prozent der täglichen Kalorien sollten aus ihrer Sicht aus Fetten stammen, der Rest etwa gleich verteilt auf Kohlenhydrate und Eiweiß. Als besonders störend nennt sie Fructose, auch versteckt in verarbeiteten Lebensmitteln, und Blutzuckerschwankungen durch Weißmehl. Wer nachts um zwei mit Herzrasen aufwache, rutsche nach ihrer Deutung in einen Unterzucker. Die Redaktion ergänzt: Nächtliches Herzrasen hat viele mögliche Ursachen und gehört ärztlich abgeklärt.

Bei den Nährstoffen setzt sie an den Membranen an, die ungesättigte Fettsäuren brauchten, darunter Omega-3. Für die Energiekette nennt sie B-Vitamine, Coenzym Q10, Magnesium und Kalium. Beim Magnesium kritisiert sie die Messung im Serum, weil über 90 Prozent davon in der Zelle lägen; sie bevorzugt die Vollblutanalyse, deren Mehrwert in der Fachwelt nicht abschließend geklärt ist. Was Omega-3-Fettsäuren im Entzündungsgeschehen tun könnten, fasst unser Artikel zu Omega-3 und Resolvinen zusammen. Nahrungsergänzung mit Magnesium oder Kalium gehört nach Einschätzung der Redaktion bei Nieren- oder Herzerkrankungen und bei Medikamenteneinnahme in ärztliche Rücksprache.

Für die Bewegung gilt bei ihr: je erschöpfter, desto weniger. Wer schwer erschöpft sei, solle Pacing betreiben, also Kräfte einteilen; eine Viertelstunde Ergometer ohne Widerstand oder ein Waldspaziergang reiche oft. Zur Stressregulation erzählt sie von sich: Nach einem Praxistag sage ihr Kopf Couch, ihr Körper brauche aber einen Umweg zu Fuß, und den nehme sie. Die Atmung nennt sie das einfachste Werkzeug für das Nervensystem; wie Atemtraining dort ansetzt, vertieft David Römmler im Interview über Atemtraining und Nervensystem aus demselben Kongress. Was Dauerstress im Körper anrichtet, zeigt unser Artikel über Stress, Cortisol und Arthrose.

Woran Sie merken könnten, dass die Kraftwerke schwächeln

Die Zeichen schlichen sich an, sagt Zitzmann, und der Mensch gewöhne sich an fast alles. Die Sätze, die sie täglich hört, klingen so:

O-Ton aus dem Interview

Ich bin morgens, obwohl ich geschlafen habe, erschöpft. Ich muss Mittagsschlaf machen, um überhaupt über den Tag zu kommen. Ich habe das Gefühl, ich kann nicht mehr klar denken.

Dr. med. Sabine Zitzmann

Dazu kämen rasche Erschöpfung bei leichtem Sport, unklare Gewichtszunahme, morgens diffuse Gelenkschmerzen und steife Hände ohne Schwellung, leichter Muskelkater als früher, das Gefühl, viel atmen zu müssen. Aus Sicht der Redaktion gilt: Jedes dieser Zeichen hat auch andere Ursachen. Unklare Gewichtsveränderung, Luftnot oder neue Gelenkschmerzen gehören ärztlich abgeklärt, bevor jemand sie den Mitochondrien zuschreibt. Welche Blutwerte auf schwelende Entzündungen hinweisen können, erklärt Bastian Hölscher im Interview über Entzündungswerte im Blut.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Dr. Zitzmann dreht den Blick um. Nicht das Blutbild entscheidet für sie über Energie, sondern die Frage, ob die Zelle den Sauerstoff noch verwerten kann. Ihr Werkzeugkasten beginnt unspektakulär: Fett statt Fettangst auf dem Teller, wenig Fructose, Bewegung nach Kräften, ein Umweg zu Fuß, bewusstes Atmen. Nährstoffe kommen erst danach. Ihre Thesen zu Erdung und Elektrosmog bleiben ihre Sicht. Der Satz, den sie einem erschöpften Menschen mitgeben würde, kommt ohne Fachbegriff aus: Man habe es mehr selbst in der Hand, als man gerade glaube. Und gleich danach: Weniger ist mehr.

Wie Mitochondrien-Erschöpfung aus einer anderen Perspektive aussieht, beschreibt Sarita Preissl im Interview über Mitochondrien und Erschöpfung aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Anhaltende Erschöpfung, unklare Gewichtsveränderungen, Luftnot, nächtliches Herzrasen oder neue Gelenkschmerzen gehören in ärztliche Abklärung. Verordnete Medikamente, auch Antibiotika, werden nie ohne Rücksprache verändert; Nahrungsergänzung bei Vorerkrankungen oder Medikamenteneinnahme nur nach ärztlicher Rücksprache.

Häufige Fragen

Warum kann man laut Dr. Zitzmann trotz normaler Blutwerte erschöpft sein?
Nach ihrer Erfahrung misst das Routinelabor nicht, ob die Zelle den Sauerstoff noch in Energie umsetzt. Kleine Verschiebungen, die noch nicht als Handlungsbedarf gelten, wertet sie oft schon als erste Anzeichen einer Dysregulation. Die Redaktion ergänzt: Anhaltende Erschöpfung gehört zunächst in ärztliche Abklärung.
Was sind Mitochondrien und was haben sie mit Müdigkeit zu tun?
Dr. Zitzmann nennt sie die Zellkraftwerke. Je nach Stoffwechselaktivität enthalte eine Zelle mehrere Hundert bis mehrere Tausend davon. Sie wandelten den eingeatmeten Sauerstoff zusammen mit Fetten, Kohlenhydraten und Eiweißen schrittweise in ATP um. Knirsche es dort, entstehe nach ihren Worten ein Energieproblem.
Sind stille Entzündungen Ursache oder Folge geschädigter Mitochondrien?
Beides, sagt Dr. Zitzmann. Entzündungsprozesse durch Stress, Ernährung oder Umwelt schädigten die Mitochondrien. Ein geschädigtes Mitochondrium setze seinerseits mehr freie Radikale frei, als der Körper entgiften könne, und werde so selbst zur Entzündungsquelle.
Welche Rolle spielen Nährstoffe in Dr. Zitzmanns Konzept?
Eine nachgeordnete. Aus ihrer Sicht bringen die besten Nährstoffe wenig, wenn Ernährung, Bewegung und Stressregulation nicht stimmen. Für die Mitochondrien nennt sie ungesättigte Fettsäuren, B-Vitamine, Coenzym Q10, Magnesium und Kalium als wichtig. Nahrungsergänzung gehört nach Einschätzung der Redaktion bei Vorerkrankungen oder Medikamenteneinnahme in ärztliche Rücksprache.
Wie viel Bewegung empfiehlt Dr. Zitzmann bei Erschöpfung?
Je erschöpfter, desto weniger, lautet ihr Grundsatz. Wer schwere Erschöpfungssymptome habe, solle gutes Pacing betreiben. Oft reiche ein Spaziergang oder eine Viertelstunde auf dem Ergometer ohne Widerstand, möglichst an frischer Luft. Krafttraining komme erst dazu, wenn es dem Menschen besser gehe.
Woran merkt man laut Dr. Zitzmann, dass die Mitochondrien schwächeln?
Sie nennt schleichende Zeichen: morgens erschöpft trotz Schlaf, Mittagsschlaf, um über den Tag zu kommen, Denknebel, rasche Erschöpfung bei leichtem Sport, unklare Gewichtszunahme, diffuse Gelenk- und Muskelschmerzen, leichter Muskelkater als früher, das Gefühl, viel atmen zu müssen. Solche Beschwerden gehören ärztlich abgeklärt.
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