Hashimoto, rheumatoide Arthritis, Morbus Crohn: Wer eine dieser Diagnosen trägt, hat meist einiges hinter sich, bevor jemand das Wort Fasten ausspricht. Doch genau dort setzen Dr. med. Lulit & Mabon Wunder, Diätologe und Ärztin für Ganzheitsmedizin, an. Beim Autoimmunkongress vertraten sie im Interview „Wie Fasten & Keto das Immunsystem resetten“ die These, dass zur Ernährungsmedizin auch das Nichtessen gehört, und beschrieben, was nach ihrer Darstellung rund 24 Stunden nach der letzten Mahlzeit im Körper anspringt. Das vollständige Gespräch läuft im Kongress.

Wenn Weglassen zur Therapie wird

Wer in ihre Praxis kommt, hat nach Mabon Wunders Schilderung meist schon eine Strecke hinter sich: schulmedizinisch einiges probiert, dann Bücher, Videos, Internet. Irgendwann taucht die Idee auf, Fasten könne körpereigene Reparaturprogramme anstoßen.

O-Ton aus dem Interview

Für uns gehört zur Ernährungsmedizin nicht nur das richtige Essen, sondern auch das Essen weglassen, also das Nichtessen.

Mabon WunderDiätologe und Ärztin für Ganzheitsmedizin

Was soll das bringen? Lulit Wunder antwortet mit dem Bild einer Waage: Bei einem Autoimmungeschehen sei das Immunsystem aus der Balance.

O-Ton aus dem Interview

Die proinflammatorischen, also diese entzündungsfördernden Prozesse, sind in einem Ungleichgewicht im Verhältnis zu den entzündungshemmenden Prozessen. Das Immunsystem in unserem Körper, das ist eine Welt für sich, und da muss auch eine Balance herrschen.

Dr. med. Lulit Wunder

Der Verzicht auf Nahrung gebe dem Körper Spielraum, ein eingebautes Regenerationsprogramm einzuschalten. Neu sei das nicht: Schon die Fastenkliniken zwischen den Weltkriegen hätten Heilfasten bei rheumatischen Erkrankungen eingesetzt, später auch bei Morbus Crohn und Colitis.

Balkendiagramm aus einer Beobachtungsstudie mit 1422 Fastenden: 93,2 Prozent ohne Hungergefühl, 84,4 Prozent der 404 Personen mit Vorbeschwerden berichten eine Verbesserung

Zur Einordnung: In einer Beobachtungsstudie einer deutschen Fastenklinik fasteten 1422 Personen zwischen 4 und 21 Tagen mit 200 bis 250 kcal täglich. 93,2 Prozent berichteten kein Hungergefühl, von 404 Teilnehmenden mit Vorbeschwerden gaben 341 (84,4 Prozent) eine Verbesserung an, Nebenwirkungen traten bei weniger als 1 Prozent auf. Die Studie hatte keine Kontrollgruppe, die Autoren sind mit der Klinik verbunden. Quelle: Wilhelmi de Toledo F et al. 2019, PLoS One 14(1):e0209353, PMID 30601864.

Was im Körper passiert, wenn der Kühlschrank zu bleibt, zeigen die beiden an einer Folie.

Zwei Tage Zucker, dann greift der Körper nach innen

Der Ausgangspunkt ist der Zuckerspeicher in den Muskeln, das Glykogen. Nach Darstellung der beiden reicht er etwa zwei Tage, bei Anstrengung auch nur einen. Ist er leer, hole sich der Körper seine Energie von innen, und zwar in den ersten Tagen stärker aus Eiweiß als aus Fett. Genau das sei die Autophagie, der erste Teil dessen, was das Duo den Fastenzauber nennt.

Den bekannten Einwand, dann verbrenne der Körper Muskeln, halten die beiden für einen Irrtum aus früherer Zeit. Der Körper nehme sich kein intaktes Eiweiß, sondern belastetes, altes, das Entzündungen nähre; sie sprechen von Schrotteiweiß. Nach rund 24 Stunden beginne diese Aufräumphase, in der ersten Woche werde sie intensiver, nach etwa drei Wochen sei der Effekt minimal. Ein Hinweis der Redaktion: Die Fachliteratur beschreibt beim längeren Fasten durchaus einen Verlust an Muskeleiweiß, den die Ketose begrenzt, aber nicht auf null bringt. Wer untergewichtig in ein Fasten gehe, habe wenig Spielraum, sagt auch Mabon Wunder.

Schema in drei Phasen: links ein leerlaufender Zuckerspeicher im Muskel, in der Mitte eine Zelle, die alte Eiweißklumpen in Bläschen abbaut, rechts Fettzellen, aus denen Ketonkörper zum Gehirn wandern

Drei Phasen ohne Nahrung, wie Lulit und Mabon Wunder sie beschreiben: Erst leert sich der Zuckerspeicher der Muskeln, dann räumt der Körper in der Autophagie belastetes Eiweiß ab, schließlich wechselt er in die Ketose und versorgt sich aus dem Fettspeicher, aus dem Ketonkörper entstehen.

Sobald der Körper umgeschaltet hat, beginnt für die beiden der zweite Teil des Fastenzaubers.

Ketonkörper und die Frage, was sie mit dem Immunsystem machen

Fett hat der Körper reichlich, auch ohne Übergewicht, sagt Lulit Wunder. Sobald er darauf umgestellt habe, sei er in der Ketose. Weil das Gehirn Fett nicht direkt verwerten könne, bilde der Körper Ketonkörper, das am besten untersuchte sei Beta-Hydroxybutyrat.

Mikroskopische Visualisierung einer pflaumenfarbenen Zelle, umströmt von aquamarinfarbenen Ketonkörpern, daneben ein terrakottafarbener Klumpen alter Eiweißfäden in einem Abbaubläschen
O-Ton aus dem Interview

Der Körper ist ja irrsinnig intelligent in sich, und sobald er da zu Ende gearbeitet hat, bevorzugt er das Fett, weil damit schützt er ja das gute Eiweiß, das gute Gewebe, und ernährt sich dann vom Fett in der Ketose.

Dr. med. Lulit Wunder

Diese Ketonkörper seien mehr als Brennstoff. Nach Lulit Wunders Lesart der Forschung wirkten sie entzündungshemmend und griffen regulierend in Untergruppen der T-Helferzellen ein; bei Schuppenflechte berichten die beiden von Verbesserungen nach einigen Wochen in Ketose. Zur Einordnung durch die Redaktion: Diese Daten stammen überwiegend aus Zell- und Tierversuchen, kontrollierte Studien an Menschen mit Autoimmunerkrankungen sind klein und kurz. Weil jede chronische Entzündung aus ihrer Sicht in einen Autoimmunprozess kippen könne, setzen sie auf Regelmäßigkeit: ein- bis zweimal im Jahr fasten, bei hohem Leidensdruck öfter.

Bleibt eine Frage, mit der das Gespräch eine Wendung nimmt: Woher kommt das ganze belastete Eiweiß?

Übereiweißung: der Twist auf dem Teller

Die naheliegende Antwort lautet Erreger oder Gene. Die beiden lenken den Blick auf den Teller und prägen dafür das Wort Übereiweißung: Heute sei Eiweiß überall, und mehr gelte als besser. Das halten sie für falsch. Zu wenig Eiweiß schwäche Körper und Immunsystem, zu viel werde gespeichert, mache nach ihrer Deutung sauer und halte die Entzündungsbereitschaft hoch. Die Redaktion merkt an: Der Begriff Übersäuerung ist in der Schulmedizin umstritten, der Säure-Basen-Haushalt gilt bei gesunden Nieren als eng geregelt.

Wo würden sie zuerst kürzen? Bei Kuhmilcheiweiß und Weizeneiweiß, die aus ihrer Erfahrung das Immunsystem besonders durcheinanderbringen. Komplett glutenfrei müsse es meist nicht sein, Weizen und Dinkel wegzulassen reiche oft. Ein Hinweis der Redaktion: Bei Verdacht auf Zöliakie wird vor dem Weglassen getestet, weil die Untersuchung unter glutenfreier Kost unzuverlässig wird. Was bei Zöliakie passiert, erklärt Dr. med. Cornelia Ott im Interview über Zöliakie und Gluten aus demselben Kongress; wie eine entzündungsarme Kost aussehen kann, zeigen unsere Grundlagen zur Ernährung bei Arthrose.

Fünf Tage fasten, dann nicht aufhören

Warum die beiden das Fasten mit Keto verbinden, erklärt Mabon Wunder mit einer Grenze: Fasten sei zeitlich limitiert.

O-Ton aus dem Interview

Okay, die Ketose beim Fasten ist überzeugend. Setzen wir doch die ketogene Ernährung direkt hinters Fasten dran, und dann entkoppeln wir uns von irgendeiner Limitation von der Zeit her.

Mabon Wunder

Wochen oder Monate in Ketose seien so möglich; bei Patienten mit langer Vorgeschichte erlebten sie seither Verläufe, die sie vom Fasten allein nicht kannten. Zahlen dazu nennt das Gespräch nicht. Der Ablauf hat drei Schritte: erst Entlastungstage ohne Kaffee und Alkohol, dann die Fastenphase.

O-Ton aus dem Interview

Fünf Fastentage, das bewirkt schon ordentlich etwas. Und fürs erste Fasten braucht man eigentlich auch gar nicht mehr. Wir würden gar nicht empfehlen, viel mehr zu machen als fünf oder sieben Tage beim ersten Fasten.

Mabon Wunder

Nach drei bis vier Tagen seien die allermeisten in der Ketose. Drittens der Aufbau: zwei Wochen ketogene Mahlzeiten ohne Kuhmilch- und Weizeneiweiß, danach stehe es jedem frei, aufzuhören oder lockerer ketogen weiterzumachen. Dass das gehe, hat für Lulit Wunder einen Grund.

O-Ton aus dem Interview

Die Ketose ist ein natürlicher Prozess. Es ist ein fix in uns eingebautes Programm, das nur viele von uns überhaupt nie aktivieren.

Dr. med. Lulit Wunder

Rote Linie der Redaktion: Eine mehrtägige Fastenkur bei einer Autoimmunerkrankung gehört in ärztliche Begleitung, besonders bei Schilddrüsenhormonen, Blutdruck- oder Diabetesmitteln, in Schwangerschaft und Stillzeit, bei Untergewicht oder Essstörungen. Bei Herzstolpern, Ohnmacht oder starkem Schwindel wird abgebrochen und ärztlich abgeklärt. Die verbreitete Warnung, mit Hashimoto weder zu fasten noch ketogen zu essen, teilen die beiden nach eigener Erfahrung nicht; Studien dazu fehlen, deshalb bleibt es bei ärztlicher Kontrolle der Werte.

Und der Teller? Keine Berge Fleisch, sagen die beiden. Ihr Keto sei gemüselastig: viel Salat, großzügig Fett, Beeren statt anderem Obst, dazu maßvoll Eiweiß, denn aus zu viel davon stelle der Körper selbst Zucker her. Wer vor allem Gewicht verlieren möchte, findet im Artikel Abnehmen bei Arthrose Alltagsstrategien.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Lulit und Mabon Wunder verstehen Fasten und ketogene Ernährung als zwei Hälften eines Werkzeugs: Das Fasten öffnet aus ihrer Sicht die Tür zu Autophagie und Ketose, die ketogene Ernährung hält sie offen. Ihr Ablauf: entlasten, fünf Tage fasten, zwei Wochen ketogen aufbauen, Kuhmilch- und Weizeneiweiß weglassen. Ihre Deutungen zu Übereiweißung, Übersäuerung und Muskelschonung sind Positionen aus der Praxis, die Immunwirkung der Ketonkörper ist am Menschen dünn belegt.

Zum Schluss greift einer der beiden zu einem Bild: Der Stoffwechsel sei wie eine Schallplatte. Die A-Seite spiele unsere Gesellschaft von Anfang an permanent, die B-Seite hätten viele noch nie aufgelegt.

Wie Ketose das Immunsystem aus Sicht einer weiteren Ärztin neu programmiert, vertieft Dr. med. Elke Lorenz im Interview über Ketose und Immunsystem aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Autoimmunerkrankungen gehören in fachärztliche Betreuung. Eine Fastenkur oder eine ketogene Ernährungsumstellung beginnen Sie bei bestehenden Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme nur nach ärztlicher Rücksprache; verordnete Medikamente werden nie eigenmächtig verändert.

Häufige Fragen

Was soll Fasten laut Lulit und Mabon Wunder bei Autoimmunerkrankungen bewirken?
Nach ihrer Darstellung ist bei Autoimmunerkrankungen das Verhältnis von entzündungsfördernden zu entzündungshemmenden Prozessen aus dem Gleichgewicht. Der Verzicht auf Nahrung gebe dem Körper Raum, eingebaute Reparaturprogramme wie die Autophagie zu starten und wieder in Balance zu kommen. Die Redaktion ergänzt: Eine Fastenkur bei bestehender Erkrankung gehört in ärztliche Begleitung.
Wann beginnt die Autophagie beim Fasten?
Die beiden nennen im Gespräch rund 24 Stunden ohne Nahrung als Zeitpunkt, ab dem der Körper in die Autophagie komme. Der Effekt werde in den ersten Fastentagen intensiver und lasse nach etwa drei Wochen deutlich nach, weil der Körper dann auf Fettverbrennung umgestellt habe.
Baut der Körper beim Fasten Muskeln ab?
Lulit und Mabon Wunder halten das für einen Irrtum: Der Körper nehme sich zuerst belastetes, altes Eiweiß, nicht intaktes Muskelgewebe. Die Fachliteratur sieht das differenzierter und beschreibt beim längeren Fasten einen gewissen Verlust an Muskeleiweiß, den der Wechsel auf Ketonkörper begrenzt. Wer untergewichtig ist, hat nach Aussage der beiden ohnehin wenig Spielraum zum Fasten.
Warum kombinieren die beiden Fasten mit ketogener Ernährung?
Weil Fasten zeitlich begrenzt sei, so Mabon Wunder, setze das Duo die ketogene Ernährung direkt hinter die Fastentage. So bleibe der Körper in der Ketose, ohne dass ein Zeitlimit drohe; Wochen oder Monate seien möglich.
Wie sieht der Einstieg nach Lulit und Mabon Wunder aus?
Erst einige Entlastungstage ohne Kaffee und Alkohol, dann fünf Fastentage, danach zwei Wochen ketogener Kostaufbau ohne Kuhmilch- und Weizeneiweiß. Beim ersten Fasten raten sie zu höchstens fünf bis sieben Tagen. Die Redaktion ergänzt: Wer Medikamente einnimmt, etwa Schilddrüsenhormone oder Blutdruckmittel, klärt das vorher ärztlich.
Ist ketogene Ernährung eine Fleischdiät?
Nicht in der Fassung der beiden. Ihr Keto sei gemüselastig, mit viel Salat, Fett aus Dressings und Ölen, Beeren statt anderem Obst und maßvollen Eiweißmengen. Zu viel Eiweiß hebe den Effekt auf, weil der Körper daraus wieder Zucker herstelle.
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