Rückenschmerzen, also Bandscheibe, Muskeln, Haltung. So denken die meisten. Doch für Dr. Lulit & Mabon Wunder, Mediziner aus Graz, beginnt die Suche ein paar Zentimeter weiter vorn: im Bauch. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress erklärten die beiden im Gespräch „Darmdysregulation im Kontext von Rückenschmerzen“, warum ein aufgetriebener oder überfüllter Darm aus ihrer Sicht die Wirbelsäule bedrängt. Dieser Artikel gibt die zentralen Aussagen wieder; das vollständige Interview läuft im Kongress.

Warum die beiden zuerst auf den Bauch schauen

Wer in die Grazer Praxis kommt, hat selten den Rücken als Anliegen. Es geht um etwas anderes, sagt Lulit Wunder.

O-Ton aus dem Interview

Die allermeisten kommen, weil im Bauch irgendetwas, wie sie meistens sagen, nicht mehr so ganz stimmt.

Dr. Lulit WunderMediziner

Völlegefühl, Blähungen, der Verdacht auf eine Unverträglichkeit. Die beiden schauen dann zuerst auf die Form des Bauchs. Nach der Mayr-Medizin, auf die sich Lulit Wunder beruft, gebe es mehrere typische Bauchformen, je nachdem, ob die Vorwölbung unter dem Nabel liegt oder im Oberbauch sitzt. Eine nennt sie Entenhaltung: Der Bauch zwinge die Wirbelsäule ins Hohlkreuz, Verspannungen folgten, über Jahre dann Schmerzen. Zur Einordnung: Studien zu dieser Bauchform-Diagnostik gibt es kaum.

Den Moment, in dem ihnen der Zusammenhang klar wurde, erzählt Mabon Wunder gern: eine Schulung für Physiotherapeuten vor gut zwölf Jahren, an den Wänden Wirbelsäulen-Poster. Da habe es ihm eingeschossen, das seien die Wirbelsäulen zu ihren Bäuchen. Sein Argument ist schlicht anatomisch.

3D-Innenansicht des Bauchraums von der Seite, die Schlingen des Dickdarms liegen dicht vor der Lendenwirbelsäule, ihre Kontaktzone an den Wirbeln ist terrakottafarben hervorgehoben
O-Ton aus dem Interview

Der ganze Bauchraum ist gefüllt, Dünndarm, Dickdarm. Das heißt, wir haben hier sehr viel Volumen als ein Organ, und der Rücken grenzt natürlich unmittelbar dran. Der Darm liegt am Rücken an.

Mabon Wunder

Lulit Wunder ergänzt: Die schematischen Darmbilder täuschten Platz vor. In Wirklichkeit lägen rund acht Meter Darm in einem engen Raum dicht an der Wirbelsäule. Sammle sich unten zu viel an, weil die Entleerung nicht stimme, drücke das auf die Lendenwirbel; viele Kreuzschmerzen besserten sich nach ihrer Erfahrung, sobald im Darm wieder Ordnung herrsche. Was aber gerät da aus dem Lot? Nach Mabon Wunder gibt es nur zwei Möglichkeiten.

Gärung oder Fäulnis: die zwei Baustellen im Bauch

Er beschreibt den Verdauungstrakt als Schlauch, in den Nahrung gefüllt wird. Was darin schiefgehen kann, hält er für überschaubar.

O-Ton aus dem Interview

Es sind eigentlich nur zwei Probleme, die sein können. Es kann zu einer Gärung kommen, wenn das Milieu im Verdauungsapparat nicht passt oder vielleicht eben auch die Geschwindigkeit, in der die Nahrung durchgeschleust wird. Oder es kann zu Fäulnis kommen.

Mabon Wunder

Gärung entstehe aus seiner Sicht durch Kohlenhydrate, zu viele oder zum falschen Zeitpunkt gegessen: Rohkost, viel Obst, Hefe, Pizza, Bier. Die Gärgase blähten den beweglichen Dünndarm, die Schlingen schöben sich nach oben, der Oberbauch wölbe sich vor. Dazu Völlegefühl, manchmal Sodbrennen, bei starker Ausprägung Druck bis ans Zwerchfell. Fäulnis dagegen entstehe, wenn Eiweiße nicht vertragen werden.

Vergleich zweier seitlicher Rumpfschnitte: links ein ausgeglichener Bauch mit aufrechter Wirbelsäule, rechts geblähte Dünndarmschlingen mit Gärgasen, die das Zwerchfell nach oben drücken, die Lendenwirbelsäule ins Hohlkreuz gezogen und terrakottafarben markiert

Der Gärbauch, wie Mabon Wunder ihn beschreibt: Gärgase blähen den Dünndarm, die Schlingen wandern nach oben, das Zwerchfell weicht aus, und die Wirbelsäule gerät ins Hohlkreuz. Links zum Vergleich der Bauch, in dem nach seiner Darstellung nichts drückt und nichts stört.

Hier dreht der Moderator die Sache: Gemüsereiche Kost füttere doch die Darmbakterien, die daraus nützliche kurzkettige Fettsäuren bauten. Gärung gehöre dazu. Mabon Wunder stimmt zu, ohne Gärung keine Verdauung. Der Unterschied liege im Spüren: Normale Gärung bleibe unbemerkt, erst das Übermaß mache Beschwerden. Lulit Wunders Faustregel: Nach dem Essen solle man sich besser fühlen als davor. Wie Ernährung auf Entzündung in Gelenken wirken kann, fasst unser Artikel zu den Grundlagen der Arthrose-Ernährung zusammen.

Bleibt die Frage, warum so viele Betroffene mit unauffälligem Befund vom Facharzt kommen.

Warum die Spiegelung oft nichts findet

Magen- oder Darmspiegelung, Ergebnis: Da ist nichts. Für Mabon Wunder ist das kein Widerspruch, sondern eine Frage der Reichweite.

O-Ton aus dem Interview

Diese ganze Problematik mit der Gärung und mit der Fäulnis, das spielt sich im Dünndarm ab. Das heißt, hier kann prinzipiell nicht hineingeschaut werden, was dort los ist.

Mabon Wunder

Die Magenspiegelung erreiche nur den Anfang des Dünndarms, die Darmspiegelung den Dickdarm und ein kleines Stück dahinter. Die gut sechs Meter dazwischen blieben unsichtbar. Ein Hinweis der Redaktion: Für den Dünndarm gibt es Kapselendoskopie und MRT, das entscheidet die Ärztin oder der Arzt.

Wo also Gewissheit finden? Lulit Wunder nennt drei Wege: die Tastuntersuchung des Bauchs, den Ultraschall und als wichtigsten die Entlastung. Wer ein paar Tage weniger und ohne gärende Speisen esse und sich dann deutlich besser fühle, habe seine Antwort.

Was die beiden nach der Diagnose tun, folgt einer festen Reihenfolge.

Entlasten, spülen, wieder aufbauen

Am Anfang steht nie ein Präparat, sondern weniger: längere Essenspausen, die Nachtpause um ein bis vier Stunden verlängern, das Snacken lassen. Für viele sei das schon eine Erleichterung, sagt Lulit Wunder. Die Königsdisziplin sei das Heilfasten, und jede gute Fastenkur sei zugleich eine Darmsanierung. Mabon Wunder geht noch einen Schritt weiter.

O-Ton aus dem Interview

Für uns ist der wichtigste Faktor zur Darmsanierung die Darmspülung. Das ist das Um und Auf, wenn es darum geht, Gärung oder Fäulnis wieder in Einklang zu bringen, weil einfach das Milieu das große Problem ist.

Mabon Wunder

Zu Hause laufe das über ein mildes Abführsalz oder Einläufe mit ein bis drei Litern, in der Praxis als Kolonhydrotherapie mit 40 bis 50 Litern durch geschultes Personal. Zur Einordnung: Belastbare Wirksamkeitsstudien dazu fehlen, beschrieben sind Risiken wie Elektrolytverschiebungen oder Verletzungen der Darmwand.

Beim Fasten komme Beweglichkeit von Tag zu Tag zurück, Heilfasten wirke aus Lulit Wunders Sicht entzündungshemmend. Bei überfülltem Dickdarm gebe es häufig am fünften bis siebten Fastentag ein Schlüsselerlebnis: Obwohl der Darm leer scheine, komme bei einer weiteren Reinigung plötzlich viel heraus, und mit einem Mal stünden die Menschen anders da, die Haltung verändert, der Schmerz beiseite. Das sind Praxisberichte, keine Studien.

Balkendiagramm aus einer Fastenklinik-Beobachtung mit 1422 Teilnehmenden: 93,2 Prozent ohne Hungergefühl, 84,4 Prozent der 404 Personen mit Vorbeschwerden berichteten eine Besserung

Zur Einordnung: 1422 Menschen fasteten in einer deutschen Klinik zwischen 4 und 21 Tagen mit 200 bis 250 kcal am Tag. 93,2 Prozent gaben an, keinen Hunger verspürt zu haben; von 404 Personen mit Vorbeschwerden meldeten 341 (84,4 Prozent) eine Besserung, Nebenwirkungen traten bei unter 1 Prozent auf. Es handelt sich um eine Beobachtung ohne Kontrollgruppe, die Autoren gehören zur Klinik. Quelle: Wilhelmi de Toledo F et al. 2019, PLoS One 14(1):e0209353, PMID 30601864.

Der Hinweis der Redaktion: Heilfasten, Einläufe und Abführsalze beginnt niemand mit Vorerkrankungen, Medikamenten, Untergewicht, Essstörungen oder in der Schwangerschaft ohne ärztliche Rücksprache. Auch die beiden Grazer raten bei metabolischem Syndrom zu fachlicher Begleitung; was beim Gewicht trägt, zeigt unser Artikel über Abnehmen bei Arthrose.

Der Schlüssel liegt danach

Vielleicht denken Sie jetzt: Dann eben ein Probiotikum. Mabon Wunder bremst. Wer mitten in Blähungen, Verstopfung und Rückenschmerzen stecke, dürfe davon keine Lösung erwarten; nach der Entlastung dagegen säe es die guten Keime in bereiteten Boden. Ähnlich argumentiert Paul Seelhorst im Interview über Darm und Gelenke.

Den eigentlichen Schlüssel sehen die beiden in der Aufbauphase: eine Fastenwoche mit Gemüsesäften, Basenbrühen und Tees, danach drei Wochen strukturierter Kostaufbau. Dazu Bitterstoffe als Tee oder Tropfen und ein Basenpulver; Letzteres ist ein naturheilkundliches Konzept, die Schulmedizin sieht den Säure-Basen-Haushalt bei gesunden Nieren als stabil geregelt.

Wer jetzt einen Plan für alle erwartet, wird enttäuscht.

O-Ton aus dem Interview

Es ist nicht für jeden zu jedem Zeitpunkt die gleiche Maßnahme die richtige.

Dr. Lulit Wunder

Manche bräuchten die große Kur, andere nur Ordnung im Essrhythmus. Wer sich vor dem Fasten fürchte, könne mit Intervallfasten von zwölf bis 18 Stunden beginnen. Was die Redaktion ergänzt: Bei Lähmungen, Gefühlsstörungen in den Beinen, Blasen- oder Darmentleerungsstörungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust gehört ein Rückenschmerz zuerst in ärztliche Abklärung, bevor jemand über den Bauch nachdenkt.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Lulit und Mabon Wunder drehen die Blickrichtung. Der Rücken ist für sie oft der Ort, an dem sich ein Bauchproblem meldet: Gärgase, die den Dünndarm blähen, oder ein Dickdarm, der über Jahre zu voll wurde und auf die Lendenwirbel drückt. Ihre Antwort beginnt mit Weglassen: Essenspausen, gärende Speisen meiden, bei Bedarf Heilfasten mit Darmreinigung, dann Kostaufbau, erst danach Probiotika. Vieles davon ist Praxiserfahrung aus der Mayr-Medizin und wissenschaftlich dünn belegt.

Wie Stress und Darm bei Rückenschmerzen zusammenspielen, vertieft Tim Böttner im Interview über Darm, Stress und Rückenschmerzen aus demselben Kongress. Wo die funktionelle Medizin nach Entzündungsquellen sucht, erklärt Corinna van der Eerden im Gespräch über funktionelle Medizin und Rücken.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bauchform-Diagnostik, Darmspülungen und Heilfasten sind Konzepte der Mayr-Medizin und Naturheilkunde, deren Wirkung auf Rückenschmerzen wissenschaftlich nicht gesichert ist. Fasten, Einläufe und Abführmittel beginnt niemand mit Vorerkrankungen, Medikamenten oder in der Schwangerschaft ohne ärztliche Rücksprache; Rückenschmerzen mit Warnzeichen gehören sofort in ärztliche Abklärung.

Häufige Fragen

Was haben Rückenschmerzen laut Lulit und Mabon Wunder mit dem Darm zu tun?
Nach ihrer Darstellung füllt der Darm den Bauchraum fast vollständig aus und grenzt direkt an die Wirbelsäule. Sammeln sich Gärgase im Dünndarm oder Stuhlreste im Dickdarm, verändere das Volumen und Druck im Bauch, die Haltung weiche aus, und über Jahre entstünden daraus Verspannungen und Schmerzen. Belegt ist dieser Zusammenhang bislang vor allem durch ihre Praxiserfahrung.
Was bedeutet Gärbauch und Fäulnisbauch?
Mabon Wunder beschreibt zwei Störungen des Milieus im Verdauungstrakt: Gärung, meist durch zu viele oder zum falschen Zeitpunkt gegessene Kohlenhydrate wie Rohkost, Obst, Hefegebäck oder Bier, und Fäulnis, etwa durch Eiweiße, die nicht vertragen werden. Die Vorwölbung oberhalb des Nabels deutet er als typischen Gärbauch.
Warum findet die Darmspiegelung oft nichts, obwohl Beschwerden bestehen?
Weil Magenspiegelung und Darmspiegelung nach Mabon Wunders Erklärung nur Magen, Dickdarm und kleine Abschnitte des Dünndarms einsehen. Gärung und Fäulnis spielten sich aber im Dünndarm ab. Lulit Wunder setzt deshalb auf das Abtasten des Bauchs, den Ultraschall und einen Entlastungsversuch: Bessern sich die Beschwerden nach wenigen Tagen anderer Ernährung, sei das die eigentliche Gewissheit.
Welche Rolle spielt Heilfasten bei Rückenschmerzen aus Sicht der beiden?
Lulit Wunder berichtet, dass Fastende oft von Tag zu Tag beweglicher würden und Patienten mit überfülltem Dickdarm nach einer Darmreinigung am fünften bis siebten Fastentag manchmal eine plötzliche Erleichterung im Rücken erlebten. Das ist ihre Beobachtung aus der Praxis, keine Studienlage. Die Redaktion ergänzt: Heilfasten bei Vorerkrankungen oder Medikamenteneinnahme nur mit ärztlicher Begleitung.
Wann sind Probiotika sinnvoll?
Nach Mabon Wunder erst nach der Entlastung. Wer mit Blähungen, Verstopfung und Rückenschmerzen kämpfe, dürfe nicht erwarten, dass ein Probiotikum allein das löse. Im Anschluss an eine Darmsanierung könne es die Darmflora dagegen stabilisieren; auch fermentierte Lebensmittel kämen dafür infrage.
Muss jeder mit Rückenschmerzen fasten?
Nein. Lulit Wunder betont, dass nicht für jeden zu jedem Zeitpunkt die gleiche Maßnahme die richtige sei. Viele fingen mit kleinen Schritten wie längeren Essenspausen an. Bei Warnzeichen wie Lähmungen, Gefühlsstörungen, Blasen- oder Darmentleerungsstörungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust gehört ein Rückenschmerz zuerst in ärztliche Abklärung.
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