Wer über schmerzende Gelenke klagt, bekommt fast immer denselben Rat: Wärme. Doch beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress vertrat eine Frau die Gegenthese. Ausgerechnet der eiskalte Reiz, sagt sie, könne Schmerzen und Entzündungen dämpfen. Dr. Josephine Worseck sprach dort unter dem Titel „Die Kraft der Kälte für sofortige Linderung” über Kältetherapie, Eisbäder und den Weg hinein. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder, mit O-Tönen und in indirekter Rede. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Drei Effekte und ein scheinbarer Widerspruch
Wer nach einem Eisbad aus dem Wasser steigt, leuchtet. Für Worseck ist diese Röte mehr als ein hübscher Nebeneffekt.
Man regt seine Durchblutung unglaublich an, das sieht man daran, dass die Haut nach so einem Eisbad wieder rot und gut durchblutet ist. Man senkt Entzündungswerte, also so etwas wie Interleukin-6, und die Menschen haben weniger Schmerzen.
Dabei bleibe es nicht: Auch chronische Schmerzen ließen sich mit konstanter Kältetherapie günstig beeinflussen. Und dann der Punkt, der zunächst nicht ins Bild passt: Während die Entzündungswerte sinken, steigt die Zahl der weißen Blutkörperchen, die Infektabwehr wird stärker. Wie beides zusammenhängt, sei gerade beim Immunsystem noch nicht vollständig erforscht, räumt sie ein.
Wie stark solche leisen Entzündungsprozesse den Gelenken zusetzen, beschreibt unser Artikel über chronische Entzündung und Inflammaging. Offen bleibt: Warum dämpft ein derart harter Reiz den Schmerz, statt ihn zu verstärken?
Stress als Wirkprinzip: Warum der Schmerz leiser wird
Vielleicht denken Sie jetzt: Eiskaltes Wasser ist purer Stress für den Körper. Das stimmt. Nur ist dieser Stress nach Worsecks Darstellung kein Preis, den man widerwillig zahlt. Er ist der Wirkmechanismus. Der Körper antworte darauf mit einem ganzen Programm, Stufe für Stufe.
Die erste Stufe ist hormonell. Der Kältereiz setze unter anderem Noradrenalin frei, das schmerzhemmend wirkt. Die zweite betrifft die Gefäße. Im kalten Wasser stellen sie sich eng, das Gewebe wird vorübergehend weniger durchblutet, Schwellungen gehen zurück und mit ihnen der Schmerz, beschreibt Worseck. Das gekühlte Gewebe schütte zudem weniger Botenstoffe aus, also weniger Schmerzsignale Richtung Gehirn. Danach kippt das Bild: Das Blut strömt kräftig zurück, die Haut rötet sich.

Erst eng, dann weit: Dr. Worseck beschreibt, wie sich die Gefäße im Kältereiz zusammenziehen und das Gewebe danach umso kräftiger durchblutet wird.
Stufe drei ist der Stoffwechsel, den die Kälte im Gewebe drosselt. Die vierte hält Worseck für die spannendste. Der Kältereiz laufe über schnellere Nervenfasern als der dumpfe, chronische Gelenkschmerz, beide würden im selben Bereich des Gehirns verarbeitet. Der schnellere, stärkere Reiz überlagert den älteren schlicht. Für chronische Schmerzen verweist sie auf ein Modell des Kältemediziners Professor Papenfuß. Ob ein Eisbad übersensible Schmerzbahnen „resetten” kann, wie ein Zuschauer vermutete? Worseck fasst es so:
Man macht ein Reset. Man fährt alles einmal runter und guckt dann nach, was man von den Signalen überhaupt noch braucht.
Bleibt die Frage, in welcher Form die Kälte an den Körper kommt.
Eisbad, Kryokammer oder Kneipp-Guss?
Kryokammern, Kryosaunen, gefilterte Hightech-Becken: Kälte ist ein Geschäft geworden. Worseck hat vieles davon getestet. Ihre Lieblingsform kostet trotzdem nichts.

Ich mag es eigentlich ziemlich simpel. Ich bin ein großer Fan von Eisbädern, auch weil die in unseren Breitengraden für eine ziemlich lange Zeit des Jahres kostenfrei zur Verfügung stehen. Ich finde es so schön, dass man sich so einfach und kostenfrei selber helfen kann.
Dr. Josephine WorseckDie Kältekammer schreibt sie deshalb nicht ab. Für Menschen im Rollstuhl etwa sei sie die praktischere Wahl: hineinrollen, fertig, kein nasses Umziehen. Auch Kneipp würdigt sie, Güsse und Fußbäder seien ein guter Teileinstieg für alle, denen das Ganzkörperbad noch zu viel ist. Bei frischen Sportverletzungen erinnert sie an die PECH-Regel aus Pause, Eis, Compression (Druckverband) und Hochlagern.
Wie Sie Kälte bei einem akuten Arthrose-Schub gezielt am Gelenk einsetzen, zeigt unser Praxisartikel zur Kältetherapie bei Arthrose.
Und der eigene Anfang? Worsecks erster Schritt hat mit Eis nichts zu tun.
Der Einstieg: erst die Dusche, dann der See
Ich würde auf jeden Fall erst einmal mit kalten Duschen anfangen. Einfach jeden Morgen zuerst eine warme Dusche nehmen und dann zum Abschluss kalt duschen. Das macht unglaublich schön wach.
Läuft das kalte Wasser dabei übers Gesicht, werde zusätzlich der Vagusnerv aktiviert, erzählt sie. Gerade jetzt, mit Baby zu Hause und wenig Schlaf, sei die kalte Morgendusche ihr verlässlichster Wachmacher. Kälteempfindliche starten nach ihrer Empfehlung mit Händen und Füßen, dann Arme und Beine, zuletzt Brust und Rücken. Zehn Sekunden reichen am Anfang. Später werden daraus 30 bis 60 Sekunden, irgendwann zwei Minuten.
Für das erste Bad im Freien empfiehlt sie den Herbst. Das Wasser verliert dann Woche für Woche ein paar Grad, der Körper geht im selben Tempo mit.
Fehlt noch der Rahmen, der diesen Weg sicher macht.
Sicherheit: die Zweierregel und ihre Grenzen
Ihre Sicherheitstipps fürs Eisbaden packt Worseck in eine einzige Merkhilfe.
Ich empfehle, ein- bis zweimal die Woche ins Wasser zu gehen, für ein bis zwei Minuten. Am liebsten immer zu zweit, aus Sicherheitsaspekten.
Mehr sei gerade für Anfänger gar nicht nötig, der Körper brauche Erholungspausen wie beim Training. Länger als zwei Minuten müsse niemand bleiben, sonst kühle der Körper aus. Als Obergrenze nennt sie eine Faustformel: die Wassertemperatur in Minuten. Fünf Grad kaltes Wasser bedeutet höchstens fünf Minuten. Diesen Rahmen, betont sie, sollte am Anfang niemand ausreizen.
Ein Punkt gehört aus Sicht der Redaktion ausdrücklich dazu: Kaltwasser ist ein erheblicher Reiz für Herz und Kreislauf. Der Blutdruck steigt kurzfristig, die Gefäße ziehen sich zusammen, der Atemreflex kann heftig ausfallen. Wer eine Herz-Kreislauf-Erkrankung hat, unter Bluthochdruck oder Herzrhythmusstörungen leidet, ein Raynaud-Syndrom kennt oder schwanger ist, klärt Eisbäder und sehr kalte Duschen bitte vorab ärztlich ab. Das gilt auch bei akuten Infekten. Und ins freie Gewässer geht niemand allein, auch Geübte nicht.
Über das Eisbad hinaus: Gewicht und Heilpilze
Übergewicht belastet die Gelenke, bei Arthrose ist das Thema nie weit. Worseck beschreibt zwei Wege, wie Kälte hier mithelfen könne. Der erste ist simple Physik: Wer friert, verbrennt laufend Kalorien, weil der Körper seine 37 Grad verteidigen muss. Der zweite: Längere Kälteexposition könne weißes Speicherfett teilweise in beiges Fettgewebe wandeln, das Blutzucker und Blutfette direkt in Wärme umsetzt. Dafür reichten schon 18 Grad Raumtemperatur oder ein Winterspaziergang ohne Jacke, entscheidend sei die Dauer. Einen Haken benennt sie offen: Kälte macht hungrig, und wer die Kalorien mit Kakao nachfüllt, nimmt nicht ab. Welche Strategien beim Abnehmen mit Arthrose sonst noch tragen, haben wir separat aufbereitet.
Am Rande ging es um ihre zweite Leidenschaft, die Heilpilze. Heimische Baumpilze wie die Schmetterlingstramete oder der Birkenporling hätten durchweg antientzündliche, antibakterielle und antivirale Eigenschaften, sagt Worseck. Speziell zu Arthrose oder Arthritis gebe es allerdings kaum Studien, räumt sie ein. Wie die Datenlage beim bekanntesten Vitalpilz aussieht, lesen Sie im Artikel über Reishi bei Entzündung und Arthrose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Kälte ist in Worsecks Darstellung ein Werkzeug, das fast nichts kostet und fast überall wartet. Der Stressreiz, der zunächst dagegen zu sprechen scheint, trägt nach ihrer Erklärung die Wirkung: angeregte Durchblutung, sinkende Entzündungswerte wie Interleukin-6, gedämpfte Schmerzweiterleitung, stärkere Infektabwehr. Die „sofortige Linderung” aus dem Interviewtitel gibt sie als ihre Praxiserfahrung wieder, zu den genauen Mechanismen läuft die Forschung noch.
Der Weg dorthin beginnt unter der Dusche, nicht im Eisloch: Zweierregel, Temperatur-Faustformel, der Herbst als Rampe, nie allein ins freie Wasser.
Einen anderen Blick auf Gelenkbeschwerden aus demselben Kongress wirft Dr. med. Ulrich Frohberger im Interview über ganzheitliche Orthopädie.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Kälteanwendungen sind ein starker Reiz für Herz und Kreislauf: Klären Sie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Raynaud-Syndrom, akuten Infekten oder in der Schwangerschaft vorab ärztlich, ob Eisbäder und kalte Duschen für Sie geeignet sind.
Häufige Fragen
Hilft Kältetherapie bei Arthrose und Gelenkschmerzen?
Wie oft und wie lange sollte man ins Eisbad gehen?
Wie beginnt man am besten mit Kältetherapie?
Was ist besser: Eisbad, Kryokammer oder Kneipp-Anwendungen?
Für wen ist Kältetherapie nicht geeignet?
Kann Kälte beim Abnehmen helfen?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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