Kein Durchfall, keine Blähungen, kein Ausschlag nach dem Essen. Wer so durchs Leben geht, hält Nahrungsmittelunverträglichkeiten für das Problem anderer Leute. Doch genau das halten Corinna van der Eerden, AFMCP & Daniel Auer, Functional medicine Experten, für einen Fehlschluss, gerade bei Autoimmunerkrankungen. Beim Autoimmunkongress erklärten die beiden, weshalb eine Reaktion auf Lebensmittel nach ihrer Erfahrung selten im Bauch zu spüren ist, wieso ein Test mit hundert Treffern wenig taugt und warum sie beim Stress keine Stunde Meditation verlangen. Das vollständige Gespräch läuft im Kongress.

Drei Beine für einen wackligen Stuhl

Wie entsteht eine Autoimmunerkrankung? Van der Eerden nutzt im Unterricht das Bild eines Stuhls. Ein Bein heißt Genetik: Die Gene machten den Körper an manchen Stellen schwächer, und dort entstehe leichter Entzündung. Das zweite Bein sei eine gestörte Darmbarriere, der viel beschriebene Leaky Gut, weil hinter dem Darm das Immunsystem sitze und bei undichter Barriere ständig Neues sortieren müsse. Das dritte: Stressoren, egal ob Job, Geldsorgen, Nährstoffmangel oder Schimmel in der Wohnung. Der Körper unterscheide nicht, woher der Stress komme. Kämen alle drei zusammen, schieße das Immunsystem über und richte sich gegen den eigenen Körper.

O-Ton aus dem Interview

Dann hat man Autoimmunität, und das, was wir dann diagnostiziert bekommen, unterscheidet einfach nur das Opfer.

Corinna van der EerdenFunctional medicine Experten

Ob Schilddrüse, Nerven oder Schmerzempfinden: Die Diagnose benenne nur, wo das Immunsystem gerade wüte. Auer geht weiter. In den USA habe er Hunderte Schmerzpatienten ohne Rheumadiagnose gesehen, weil die passenden Antikörper fehlten. Für ihn eine Schwarz-Weiß-Logik, denn Entzündung bedeute immer ein aktiviertes Immunsystem.

O-Ton aus dem Interview

Der Körper lügt nie. Symptome haben immer einen Grund. Und in unserer Praxis sehen wir einfach, dass das Immunsystem 99 Prozent der Zeit involviert ist, immer ein Faktor ist.

Daniel Auer

Die beiden sehen sogar jeden Menschen als Autoimmunpatienten, ob schon oder erst später. Die Medizin fasst den Begriff enger und knüpft ihn an Autoantikörper oder typische Gewebeschäden; eine stille Entzündung allein ist noch keine Autoimmunerkrankung. Wo die Grenze zum Verschleiß liegt, zeigt unser Grundlagenartikel Was ist Arthrose?.

Was bringt das Immunsystem aus dem Takt? Der erste Verdächtige der beiden liegt auf dem Teller.

Der erste Verdächtige liegt auf dem Teller

Auer nimmt kein Blatt vor den Mund. Milchprodukte und Weizen seien das Erste, was er Patienten wegnehme, weil beides in Europa Grundnahrungsmittel sei und Weizen nach seiner Erfahrung die Darmdurchlässigkeit erhöhe.

O-Ton aus dem Interview

Ich habe sehr selten Autoimmunität oder chronische Entzündung gesehen ohne Gluten- oder Weizenunverträglichkeit.

Daniel Auer

Van der Eerden liefert die Logik dahinter: Aus einem kleinen, latenten Problem mit Gluten werde mit der Zeit ein großes, weil die Barriere leide und der Körper auf immer mehr Lebensmittel reagiere. Dass sie hier anfangen, hat auch einen pragmatischen Grund. Eine Gurke lasse sich für eine Weile einfach weglassen. Schimmel im Haus müsse man erst finden.

Hinweis der Redaktion: Wer Gluten streichen möchte, spricht vorher mit seiner Praxis, denn eine Zöliakie lässt sich unter glutenfreier Kost schlechter nachweisen. Was dabei im Körper passiert, erklärt Dr. med. Cornelia Ott im Interview über Zöliakie und Gluten aus demselben Kongress.

Bleibt die Frage der Moderatorin: Wenn der Darm undicht ist, müsste man das doch spüren?

Kein Bauchweh, trotzdem Entzündung

Sie brachte sich selbst als Beispiel ein: Hashimoto, ein erhöhter Zonulin-Wert als Zeichen für eine durchlässige Darmbarriere, aber nie Verdauungsprobleme. Van der Eerdens Antwort dreht sich um eine Antikörperklasse.

O-Ton aus dem Interview

Diese IgG-1-bis-4-Antikörper, die machen Entzündung, die machen keinen Durchfall. Die bleiben ja nicht an der Stelle, wo sie entstehen, sondern verteilen sich im gesamten System.

Corinna van der Eerden

Zweiteiliges Schema: links löst ein Nahrungspartikel an einer Mastzelle eine Sofortreaktion aus, rechts heften Antikörper an ein durchgerutschtes Partikel und wandern über die Blutbahn zu entfernten, terrakottafarben markierten Entzündungsstellen

Zwei Wege, wie Essen das Immunsystem reizen kann, so wie Corinna van der Eerden und Daniel Auer sie beschreiben: Bei der Allergie reagiert der Körper sofort und am Ort des Kontakts. Bei der Unverträglichkeit heften sich nach ihrer Darstellung Antikörper an durchgerutschte Nahrungsbestandteile, wandern mit dem Blut und zünden Entzündung dort, wo der Körper ohnehin eine Schwachstelle hat.

Wo sie wirken, hänge von der Genetik ab und davon, wo das Immunsystem ohnehin aufmerksam sei. Gehirnnebel, Konzentrationsprobleme, Schmerzen im kleinen Zeh: All das könne aus ihrer Sicht eine IgG-Reaktion sein. Auer nennt den zweiten Grund, warum kaum jemand die Verbindung zieht. Eine Allergie melde sich binnen einer halben Stunde, eine IgG-Reaktion Tage später; dann wisse keiner mehr, ob es das Croissant oder die Banane war. Van der Eerden spricht von bis zu 72 Stunden. Eine Laktoseintoleranz sei etwas anderes: Dort fehle ein Enzym, und das spüre man tatsächlich im Bauch.

Genau hier kommt der Twist des Gesprächs: Die beiden halten den handelsüblichen IgG-Test selbst für wenig aussagekräftig.

Der Test, der zu viel zeigt

Ein IgG-Antikörper gegen Banane sage zunächst nur, dass das Immunsystem die Banane als fremd erkannt habe, so van der Eerden. Wer oft Bananen esse, habe eben Bananen-Antikörper. Ein Problem werde daraus erst, wenn das Immunsystem entscheide, gegen das Lebensmittel Entzündung zu machen.

O-Ton aus dem Interview

Grundsätzlich sagt es damit nur: Es ist fremd, es ist nicht du. Und das Problem entsteht erst dann, wenn das Immunsystem entscheidet, dass es diese Antikörper mit einem sogenannten inflammatorischen Komplement versieht.

Corinna van der Eerden

Umgekehrt könne ein Test leer ausgehen, weil ein unterdrücktes Immunsystem kaum Antikörper bilde. Auer kennt beide Enttäuschungen: alles im grünen Bereich, oder hundert Lebensmittel markiert. Deshalb nutzten sie einen Test, der die IgG-Reaktion mit der Komplementaktivierung kombiniert und Marker der Darmbarriere mitmisst. Fairerweise gehört dazu: Diesen Test vertreiben die beiden nach eigener Aussage in Europa selbst, und Studien zu besseren Verläufen damit nennt das Gespräch nicht.

Was Auer jedem empfiehlt, kostet nichts.

O-Ton aus dem Interview

Deswegen ist eine Elimination oder ein Eliminationsprozess mal für sechs Wochen, wenn man es noch nie gemacht hat, immer ein guter Anfang. Weil erst nach sechs Wochen kann man eigentlich mal schauen: Wie geht es mir jetzt? Wie geht es meiner Symptomatik?

Daniel Auer

Hinweis der Redaktion: Auslassdiäten über Wochen gehören in fachliche Begleitung, besonders bei Kindern, in der Schwangerschaft oder wenn ganze Lebensmittelgruppen wegfallen; sonst drohen Nährstoffmängel. Wie entzündungsarme Ernährung ohne Verbotsliste aussieht, zeigt unser Artikel zur Ernährung bei Arthrose.

Das andere Bein: Stress, den niemand wegmeditiert

Zurück zum Stuhl. Wer einem Kranken sage, Stress sei sein Hauptproblem, erzeuge damit neuen Stress, sagt van der Eerden. Stressfrei zu leben sei irrational. Ziel sei, dem Körper zu helfen, Alltagsstress als lästig statt als Lebensgefahr einzuordnen. Auer setzt dafür auf Technik: Vagusnerv-Stimulation per Gerät, Neurofeedback, nebenbei beim Gärtnern. Die Redaktion merkt an: Für solche Geräte im Alltag ist die Studienlage dünn; ein Spaziergang ist der besser belegte Weg.

Dann wird es persönlich. Drei Kinder, mehrere Firmen und eine Matte fürs Vagus-Training, an der beide seit drei Tagen vorbeilaufen. Van der Eerden findet es unfair, dass Ratgeber immer viel Zeit verlangen, wo Zeit doch fehle. Sie selbst habe früher beim Kochen zwischendurch Atemübungen gemacht.

Wissenschaftliche Grafikfigur mit durchscheinendem Skelett atmet ruhig an einer Küchenarbeitsfläche, der Vagusnerv ist als terrakottafarbene Linie von Kopf bis Bauch eingezeichnet
O-Ton aus dem Interview

Man muss nicht sein ganzes Leben auf den Kopf stellen und jetzt plötzlich zum Dauermeditierer werden, um seine Stressantwort zu verändern. Man kann das pragmatisch und schnell machen.

Corinna van der Eerden

Zehn Minuten draußen, eine Atemübung im Auto, ein Lebensmittel weniger: Wer an vielen kleinen Stellschrauben drehe, so die beiden, erreiche in Summe eine große Veränderung. Nicht die große Keule.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Corinna van der Eerden und Daniel Auer zeichnen Autoimmunität als Prozess mit drei Zutaten: genetische Schwachstellen, undichte Darmbarriere, Stressoren. Beim Essen warnen sie vor einem Fehlschluss: Eine Unverträglichkeit müsse nicht im Bauch zu spüren sein, weil IgG-Antikörper Entzündung an anderen Orten anzetteln könnten, verzögert um Tage.

Ihr Rat ist bodenständig: verdächtige Lebensmittel sechs Wochen weglassen, Tests kritisch lesen, Stress in kleinen Portionen begegnen. Dass sie den Begriff Autoimmunität weiter fassen als die Lehrbücher und selbst einen Test vertreiben, gehört zur Einordnung. Wie Antikörper und T-Zellen bei einer Autoimmunerkrankung zusammenspielen, erklärt Dr. med. Jenny Koch im Interview über den Angriff des Körpers auf sich selbst aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Corinna van der Eerden und Daniel Auer sprechen aus ihrer Praxis in der funktionellen Medizin. Autoimmunerkrankungen gehören in fachärztliche Betreuung; Auslassdiäten und Tests besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.

Häufige Fragen

Kann man eine Nahrungsmittelunverträglichkeit haben, ohne Verdauungsprobleme zu spüren?
Nach Darstellung von Corinna van der Eerden ja. Die beteiligten IgG-Antikörper machten Entzündung, keinen Durchfall, und sie verteilten sich über das Blut im ganzen Körper. Beschwerden könnten deshalb an ganz anderer Stelle auftreten, etwa als Konzentrationsprobleme oder Gelenkschmerzen.
Worin unterscheiden sich Allergie und Unverträglichkeit laut den beiden Experten?
Eine Allergie laufe über IgE-Antikörper und zeige sich binnen Minuten bis einer Stunde, sagt Daniel Auer. Eine IgG-vermittelte Unverträglichkeit reagiere verzögert, nach van der Eerden um bis zu 72 Stunden, weshalb kaum jemand den Zusammenhang mit einer Mahlzeit erkenne. Eine Laktoseintoleranz sei noch einmal etwas anderes, weil dort ein Enzym fehle.
Sind IgG-Tests auf Lebensmittel sinnvoll?
Die beiden halten den herkömmlichen IgG-Test für wenig aussagekräftig: Er zeige nur, dass das Immunsystem ein Lebensmittel als fremd erkannt hat. Sie setzen auf einen Test, der zusätzlich die Komplementaktivierung misst. Die Redaktion ergänzt: Allergologische Fachgesellschaften empfehlen IgG-Tests nicht zur Diagnose von Unverträglichkeiten, und die beiden Experten vertreiben den genannten Test selbst.
Was empfiehlt Daniel Auer als ersten Schritt bei Verdacht auf eine Unverträglichkeit?
Eine Auslassphase von sechs Wochen, wenn man das noch nie gemacht hat. Erst danach lasse sich beurteilen, ob sich die Beschwerden verändert haben. Die Redaktion rät, längere Auslassdiäten fachlich begleiten zu lassen und eine Zöliakie vor einem Glutenverzicht abklären zu lassen.
Wie gehen die beiden mit Stress bei Autoimmunerkrankungen um?
Nicht mit dem Anspruch, stressfrei zu leben. Van der Eerden hält das für unrealistisch und rät zu kleinen, alltagstauglichen Schritten wie Atemübungen beim Kochen oder zehn Minuten draußen. Auer setzt zusätzlich auf Technik wie Vagusnerv-Stimulation; die Studienlage dafür ist nach Einschätzung der Redaktion dünn.
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