Rückenschmerzen mit Ende dreißig, im MRT eine abgeflachte Bandscheibe, verschlissene Wirbelgelenke, ein enger Wirbelkanal. Solche Befunde gehörten früher zu Dachdeckern nach dreißig Jahren auf dem Gerüst. Doch die Menschen, die heute damit in die Reha kommen, sitzen im Beruf, und sie werden jünger. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress beschrieb Dr. med. Markus Sugg, Chefarzt orthopädische Reha, wie sich der Verschleiß der Wirbelsäule verändert hat und warum er die Ursache selten dort sucht, wo es wehtut. Sein Gespräch trug den Titel „Degenerationen der Wirbelsäule behandeln“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Vom Dachdecker zum Schreibtisch
Wer saß früher im Wartezimmer einer orthopädischen Reha? Sugg zählt auf: Dachdecker, Straßenbauer, Leute aus Tief- und Hochbau. Heute sieht er vor allem Patienten mit sitzender Tätigkeit, die Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht mitbringen. Der klassische Bandscheibenvorfall sei fast verschwunden. An seine Stelle trete etwas Diffuseres, das Sugg ein degeneratives Verschleißsyndrom nennt: ein bisschen verschmälerte Bandscheiben, ein bisschen Facettenarthrose, ein bisschen enger Wirbelkanal, dazu schwache Muskeln.
Klingt harmloser als ein Vorfall. Ist es nach seiner Erfahrung aber nicht.
Die Behandlung ist deshalb etwas schwieriger, weil es keinen Quick-Fix mehr gibt. Früher klassischer Bandscheibenvorfall, okay, vielleicht mal eine Injektion, gezielte Krankengymnastik oder vielleicht eine Operation, und dann war meistens das Problem gelöst.
Heute dauere es länger und funktioniere nur, wenn der Patient mitzieht: Ernährung umstellen, mehr bewegen. Vorher muss aber klar sein, was überhaupt behandelt wird, und genau da hakt es aus seiner Sicht.
Was das MRT zeigt, und was nicht
Der Moderator erzählt von einer Klientin mit Bandscheibenvorfall, Facettenarthrose und Gleitwirbel zugleich; behandelt wurde nur der Vorfall, weil er im Bild am schwersten aussah. Sugg kennt das. Es werde zu sehr auf die Bildgebung geschaut und zu wenig auf die Gesamtsituation, und oft sei kaum zu unterscheiden, welche der drei Strukturen die Schmerzen mache. Man müsse das Ganze als Ganzes sehen und an die Ursachen gehen.

Zur Einordnung: Verschleißzeichen im MRT sind auch bei Menschen ohne Rückenschmerzen die Regel. In einer systematischen Übersicht über 33 Studien mit 3.110 beschwerdefreien Personen zeigten 37 Prozent der 20-Jährigen und 96 Prozent der 80-Jährigen eine Bandscheibendegeneration; Vorwölbungen fanden sich bei 30 beziehungsweise 84 Prozent, umschriebene Protrusionen bei 29 beziehungsweise 43 Prozent, Risse im Faserring bei 19 beziehungsweise 29 Prozent. Die Autoren folgern, dass solche Befunde nur zusammen mit dem klinischen Bild gedeutet werden sollten. Quelle: Brinjikji W et al. 2015, AJNR Am J Neuroradiol 36(4):811-6, PMID 25430861.
Was sind diese Ursachen? Sugg nennt drei, und keine davon steht im Befund: eine steife Hüfte, ein falsches Bewegungsmuster und ein schwacher Rumpf. Seine Patienten könnten sich nicht mehr in der Hüfte beugen und beugten stattdessen die Wirbelsäule. Ob dabei eher die Bandscheibe oder das Facettengelenk leide, sei die Folge, nicht der Anfang.
Ganz häufig habe ich das gesehen, dass letztendlich die Hüfte das Hauptproblem ist. Hüfte tut aber selten weh. Deshalb wird sie nie untersucht.
Vielleicht denken Sie jetzt: Wenn die Hüfte nicht schmerzt, ist sie in Ordnung. Genau das hält Sugg für den Denkfehler, und er erklärt ihn mit einer Kette.
Die Kette der Gelenke
Sugg beruft sich auf das Joint-by-Joint-Prinzip aus der Trainingslehre: Jedes Gelenk hat eine Hauptaufgabe, und die wechselt von Etage zu Etage.
Sprunggelenk muss beweglich sein. Kniegelenk muss stabil sein. Hüftgelenk muss wieder beweglich sein. Die LWS muss wieder stabil sein. Und die BWS muss wieder beweglich sein. Und wenn das nicht funktioniert, dann kann ich noch so viel muskulär aufbauen, ich breche immer wieder durch.

Beweglich, stabil, beweglich, stabil, beweglich: So beschreibt Dr. Sugg die Aufgabenverteilung vom Sprunggelenk bis zur Brustwirbelsäule. Verliert die Hüfte ihre Beweglichkeit, holt sich der Körper die fehlende Bewegung aus seiner Sicht in der Lendenwirbelsäule, die eigentlich stabil bleiben sollte.
Fällt die Hüfte aus, wandert die Bewegung eine Etage höher in die Lendenwirbelsäule, die dafür nicht gebaut ist. Den Grund sieht Sugg im Sitzen: Die Hüfte versteift, der große Gesäßmuskel verlernt seinen Job, Gluteusamnesie nennt er das. Dabei sei er einer der wichtigsten Muskeln für einen starken Rücken und zugleich der am häufigsten vernachlässigte.
Sugg sieht das schon daran, wie jemand ins Untersuchungszimmer kommt; die meisten kämen gar nicht mehr auf den Boden. Seine Reihenfolge überrascht: Muskelaufbau kommt zuletzt.

Hüftgelenk muss beweglicher werden. Bewegungsqualität muss besser werden, hier vor allem das Hüftbeuge-Muster. Und bei mir eigentlich erst im dritten Schritt dann der muskuläre Aufbau.
Ein Hinweis der Redaktion: Nach einem frischen Bandscheibenvorfall gehört jeder Trainingsbeginn in ärztliche oder physiotherapeutische Rücksprache; bei Lähmungen, Gefühlsstörungen oder Störungen von Blase und Darm sofort in ärztliche Abklärung. Training bei Bandscheibenproblemen beschreibt Felix Kade im Interview über Training bei Bandscheibenproblemen, um Beweglichkeit geht es bei Dominik Barkow im Gespräch über Mobility bei chronischen Schmerzen.
Der Rücken ist selten allein krank
Und die Begleiterkrankungen? Massiv zugenommen, sagt Sugg: schlechte Ernährung, zu viel Industrienahrung, ein deutlicher Mangel an Mikronährstoffen, allen voran Omega-3-Fettsäuren. Viele Probleme des Bewegungsapparats führt er auf eine gestörte Energiegewinnung der Zellen zurück, eine mitochondriale Dysfunktion. Das ist seine Deutung; als gesicherte Ursache für Wirbelsäulenverschleiß gilt sie in der Orthopädie nicht.
Sein Fahrplan hat vier Stufen: erstens die Basics, wie er sie nennt, also Vitamin D, marine Omega-3-Fettsäuren, Magnesium und, besonders für Frauen, ausreichend Eiweiß; zweitens eine antientzündliche Ernährung ohne Fertigprodukte und mit weniger Kuhmilch; drittens ein Blick auf die Schilddrüse als übergeordnetes Stoffwechselorgan; viertens erst das Training. Beim TSH-Wert vertritt er mit 1,6 bis 2,2 einen engeren Zielbereich als die Labore; die Fachgesellschaften bleiben beim breiteren Referenzbereich, ein Wert innerhalb dieser Spanne gilt ohne weitere Befunde nicht als behandlungsbedürftig.
Und das Gewicht? Für den Rücken sei Übergewicht nicht von ganz großer Bedeutung, fürs Knie dagegen sehr: Das Knie spüre wirklich jedes Kilo. Mehr dazu im Artikel Abnehmen bei Arthrose; Facettenarthrose ist übrigens eine Arthrose der kleinen Wirbelgelenke. Osteoporose ohne Wirbelsäulenverschleiß habe er noch nie gesehen: Wer Schmerzen habe, bewege sich weniger, und dann komme der Verschleiß von selbst. Mehr dazu in unserem Artikel zu Ernährung und Bewegung bei Osteoporose.
Hinter allem steht für Sugg ein Begriff, den er als Hauptursache der meisten chronisch degenerativen Erkrankungen bezeichnet: die stille Entzündung.
Erst das Fundament, dann die große Analyse
Wer eine stille Entzündung vermutet, will sie messen. Sugg bremst: Eine aussagekräftige Mikronährstoffanalyse koste 600 bis 700 Euro und überfordere viele.
Es macht oftmals keinen Sinn, wenn ich gleich mit einer riesengroßen Mikronährstoffanalyse komme, der Patient komplett überfordert ist und noch nicht mal Omega-3 und Vitamin D nimmt.
Er beginnt deshalb mit wenigen klassischen Werten: CRP, Homocystein, HbA1c, Harnsäure, dazu eine Mineralstoffanalyse. Sein Einwand gegen den üblichen Check-up mit kleinem und großem Blutbild ist grundsätzlicher: Wenn dort etwas auffällt, sei der Schaden am Organ bereits da.
Wir wollen ja letztendlich die organischen Schäden vermeiden. Wir wollen ja letztendlich versuchen, dass das Fass nicht überläuft.
Für Vitamin D und Omega-3 empfiehlt er Selbsttests. Die Dosis legt er über zwei bis drei Messungen fest, täglich statt als Depot und zu einer fetthaltigen Mahlzeit. Die Redaktion ergänzt: Höher dosiertes Vitamin D gehört unter ärztliche Kontrolle, Laborwerte deutet die Ärztin oder der Arzt, und in Schwangerschaft oder bei Vorerkrankungen beginnt keine Nahrungsergänzung ohne Rücksprache.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dr. Sugg dreht den Blick um. Der Verschleiß der Wirbelsäule ist für ihn kein Schicksal des Alters und kein Bildproblem, sondern die Folge davon, wie ein Körper jahrelang bewegt und versorgt wurde. Seine drei Ursachen: steife Hüfte, falsches Beugemuster, schwacher Rumpf. Seine Reihenfolge: erst beweglich machen, dann richtig bewegen, dann kräftigen.
Manche Deutungen, etwa der enge TSH-Korridor oder die Rolle der Mitochondrien, sind seine Position, kein Konsens der Fachgesellschaften. Sein Kernsatz kommt ohne Labor aus: Untersucht wird meist nur, was wehtut. Die Hüfte tut selten weh. Dieselbe Frage aus anderer Sicht: Prof. Dr. Christian Ewelt im Interview über Degeneration und Trauma der Wirbelsäule; ums Kräftigen geht es bei Nico Herber im Gespräch über Krafttraining bei Rückenschmerzen.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden Rückenschmerzen, bei Warnzeichen wie Lähmungen, Gefühlsstörungen, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder Gewichtsverlust sowie vor jedem Trainingsbeginn nach Bandscheibenvorfall und vor jeder Nahrungsergänzung wenden Sie sich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.
Häufige Fragen
Warum werden Patienten mit Wirbelsäulen-Verschleiß laut Dr. Sugg immer jünger?
Was sind für Dr. Sugg die Hauptursachen von Rückenproblemen?
Warum untersucht Dr. Sugg bei Rückenschmerzen zuerst die Hüfte?
In welcher Reihenfolge behandelt Dr. Sugg Rückenpatienten?
Welche Laborwerte hält Dr. Sugg am Anfang für sinnvoll?
Spielt Übergewicht beim Verschleiß der Wirbelsäule eine Rolle?
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