„Steigern Sie sich nicht so hinein.“ Wer seit Jahren mit Schmerzen lebt, kennt diesen Rat. Doch Dr. Franz Sperlich, Arzt und Experte für angewandte Neurowissenschaften, hält ihn für zu kurz gedacht. Beim Schmerzkongress vertrat er eine These, die zunächst quer klingt: Ausgerechnet zwei Gefühle mit schlechtem Ruf, Trauer und Verachtung, könnten aus dem Kreislauf chronischer Schmerzen herausführen. Sein Gespräch drehte sich um die Frage, wie gesunde Emotionen die Schmerzregulation verbessern können; die vollständige Aufzeichnung sehen Sie im Kongress.

Warum Schmerz zuerst Ekel auslöst

Was haben Gefühle mit einem Bandscheibenvorfall zu tun? Für Sperlich ist die Frage falsch gestellt. Schmerz sei selbst ein emotionales Ereignis.

O-Ton aus dem Interview

Ich kenne kaum etwas anderes, was so akut Emotionen hervorruft wie Schmerzen.

Dr. Franz SperlichArzt und Experte für angewandte Neurowissenschaften

Ein akuter Schmerz reiße die gesamte Aufmerksamkeit an sich, biologisch sinnvoll: Wer sich verbrennt, soll reagieren. Die Emotion, die dabei als Erste anspringe, überrascht. Es sei der Ekel. Wer sich mit dem Hammer auf den Daumen schlägt, wendet sich ab, obwohl der Hammer längst ruhig in der Hand liegt. Genau dieses Abwenden sei die Aufgabe des Ekels. Danach folge meist ein Schuss Zorn.

Beim chronischen Schmerz kippt das Bild. Das System ahne, was kommt, und andere Emotionen übernähmen. Schmerz, der über Monate anhält, gelte in multimodalen Behandlungskonzepten als eigene Erkrankung, mit hohem Stellenwert für den psychologischen Anteil, und gehe statistisch überproportional mit einer depressiven Stimmungslage einher. Den Grund sieht Sperlich in der Aufmerksamkeit: Der Schmerz koste Energie, die überall sonst fehle. Er zitiert einen Spruch:

O-Ton aus dem Interview

Menschen, die gesund sind und vital sind, die haben tausend Wünsche und tausend Träume und tausend Ideen. Menschen, die Schmerzen haben, die haben nur einen Wunsch und eine Idee.

Dr. Franz Sperlich

Balkendiagramm aus einer europäischen Befragung von Menschen mit chronischen Schmerzen: 61 Prozent außer Haus weniger oder gar nicht mehr arbeitsfähig, 59 Prozent Schmerzen seit 2 bis 15 Jahren, 46 Prozent ständiger Schmerz, 21 Prozent Depression wegen der Schmerzen diagnostiziert, 19 Prozent Arbeitsplatz verloren

Zur Einordnung: In einer Telefonbefragung in 15 europäischen Ländern und Israel hatten 46 Prozent der Menschen mit chronischen Schmerzen ständige Schmerzen, 59 Prozent litten seit zwei bis 15 Jahren, 21 Prozent hatten wegen der Schmerzen eine Depressionsdiagnose erhalten, 61 Prozent waren außer Haus weniger oder gar nicht mehr arbeitsfähig, 19 Prozent hatten ihren Arbeitsplatz verloren. Quelle: Breivik H et al. 2006, Eur J Pain 10(4):287-333, PMID 16095934.

Eine solche Dauerstimmung, so Sperlich, könne über Jahre den Charakter verändern. Ein Hinweis der Redaktion: Hält eine gedrückte Stimmung über Wochen an, gehört sie in ärztliche oder psychotherapeutische Hände. Wie aber kann ein Gefühl einen Schmerz lauter stellen? Sperlichs Antwort beginnt mit einer Blase am Zeh.

Der Leuchtturm im Kopf

Nehmen Sie an, Sie haben sich beim Wandern eine Blase am kleinen Zeh gelaufen. Sitzen Sie still, spüren Sie nichts. Fragen Sie sich aber, wie es dem Zeh wohl geht, meldet er sich sofort.

O-Ton aus dem Interview

In dem Moment, wenn ich meine Aufmerksamkeit dahin lenke, dann ist mein Fokus da. Das ist wie so ein Leuchtturm, der das dann plötzlich beleuchtet.

Dr. Franz Sperlich

Sperlich bezieht sich auf die Gate-Control-Theorie (im Gespräch nennt er sie Gateway-Theorie), nach der mitentscheidet, wohin die Konzentration geht. Bei chronischen Schmerzen sei der Auslöser oft gar nicht mehr nötig, der Schmerz finde zentral statt. Eine Emotion mache den Lichtkegel besonders breit: die Furcht. Wer sich fürchte, reiße Augen und Ohren auf, und alles komme stärker an. „Hoffentlich ist die Blase nicht größer geworden“, und schon tut sie weh. Furcht spiele nach seiner Einschätzung bei allen chronischen Schmerzen im Hintergrund mit.

Kreisschema mit fünf Stationen: ein Schmerzreiz an einer Hautstelle, die Nervenbahn zum Rückenmark, das Gehirn, ein Leuchtturm als Aufmerksamkeit, dessen Lichtkegel auf die Hautstelle zeigt, und ein weit geöffnetes Auge und Ohr als Furcht, von dem ein terrakottafarbener Pfeil die Weiterleitung verstärkt

Der Kreis, den Dr. Franz Sperlich beschreibt: Ein Reiz läuft über das Rückenmark ins Gehirn, die Aufmerksamkeit richtet sich wie ein Leuchtturm auf die Stelle, Furcht öffnet alle Wahrnehmungskanäle, und das Signal wird auf dem Weg nach oben stärker weitergeleitet.

Wer der Situation die Aufmerksamkeit entziehe, nehme dem Kreislauf Energie, folgert Sperlich. Aber warum bleibt der Schmerz, wenn der Auslöser längst verheilt ist? Hier kommt eine Zellart ins Spiel, die kaum jemand kennt.

Wenn der Nerv das Schmerzen lernt

Früher, so Sperlich, habe man geglaubt, das Schmerzgedächtnis sitze allein zentral im Nervensystem. Heute wisse man, dass auch die Leitung selbst lernt. Er verweist auf Forschung zu den Gliazellen rund um den Nerv.

Mikroskopische Visualisierung einer gelben Nervenfaser, umgeben von violetten Gliazellen, deren terrakottafarbene Ausläufer sich eng um die Faser legen
O-Ton aus dem Interview

Die Gliazellen, das sind die Zellen um den Nerv herum. Die können das Signal so modulieren, dass plötzlich ein ganz leichter Impuls, also nur eine leichte Berührung, die normalerweise nicht wehtut, wie ein Schmerzimpuls weitergeleitet wird, weil es einfach wahnsinnig verstärkt wird. Das ist ein Lernprozess.

Dr. Franz Sperlich

Dieses lebenslange Lernen heißt Neuroplastizität, für Sperlich eine Medaille mit zwei Seiten: mit 80 noch Neues lernen, nach einem Schlaganfall Fähigkeiten zurückholen. Beim Schmerz lerne das System dagegen, eine Information immer intensiver weiterzuleiten. Ob Emotionen diesen Lernprozess beeinflussen, könne er nicht beweisen, sagt Sperlich offen; er gehe fest davon aus. Das ist seine Arbeitshypothese, keine belegte Kausalkette.

Wie aus einer solchen Überempfindlichkeit ein Modell für Körper, Psyche und Umfeld wird, beschreibt Felix Kade im Interview über das Bio-Psycho-Sozial-Modell des Schmerzes aus demselben Kongress. Sperlich geht einen anderen Weg. Er sortiert Gefühle.

Sieben Emotionen, sieben Aufgaben

Mit einer Hamburger Arbeitsgruppe hat Sperlich ein Modell gebaut, das er Globe of Emotions nennt: eine Kugel, auf der jede Emotion ihren Platz bekommt. Sechs der sieben gehen nach seiner Darstellung auf den Psychologen Paul Ekman zurück, der Basisemotionen an der Mimik quer durch Kulturen untersucht hat; eine hat die Gruppe ergänzt. Ob es solche Basisemotionen gibt, ist in der Forschung umstritten; Sperlich nutzt das Modell als Arbeitswerkzeug aus der Führungskräfteentwicklung, nicht als Diagnoseinstrument. Sein Grundsatz: Jede Emotion habe einen Zweck.

Trauer helfe loszulassen und sei zeitlich begrenzt. Erstaunen sei die Neugier des Kindes. Furcht sammle Informationen, erschöpfe aber als Dauerzustand. Verachtung sorge für Klarheit darüber, was man will. Zorn bringe ins Tun. Ekel wende ab, was beim chronischen Schmerz scheitere, weil man ihn im eigenen Körper mit sich herumträgt. Freude gebe als eine der wenigen Emotionen Energie zurück.

Vielleicht denken Sie jetzt: also positiv denken, möglichst viel Freude. Sperlich sieht das anders. Die Freude stehe am Ende des Durchlaufs. Der Weg dorthin führe über zwei Gefühle, die kaum jemand freiwillig aufsucht.

Drei Hebel: Trauer, Verachtung, Zorn

Der erste Hebel ist die Trauer. Wer merke, dass eine Situation chronisch geworden ist, solle sie betrauern, rät Sperlich: aussprechen, dass es schlimm ist, dass man sich das Leben anders vorgestellt hat. Keine lange Trauer, aber eine bewusste. Er selbst nutze dafür Filme oder Musik, für begrenzte Zeit. Er verweist auf Untersuchungen, nach denen Weinen Stresshormone abbaue; welche, nennt er nicht. Trauern sei mutig, nicht schwach.

Der zweite Hebel trägt den sperrigsten Namen.

O-Ton aus dem Interview

Die Verachtung ist letztlich die Emotion, die mir ermöglicht, in einen Emotionszustand zu kommen, zu sagen: Ich bin mehr als meine Schmerzen. Wenn ich in der Verachtung bin, dann habe ich die Nase oben. Dann habe ich zwar den Schmerz, aber ich bin mehr als dieser Schmerz.

Dr. Franz Sperlich

Gemeint ist keine Herabsetzung anderer, sondern eine innere Haltung: Der Schmerz habe seine Position, die eigenen Pläne stünden darüber. Aus dieser Haltung entstehe der dritte Hebel, der Zorn.

O-Ton aus dem Interview

Wenn ich den Zorn dann nicht hochfahre und zu einem Punkt komme, wo ich sage: Ich mache es jetzt, und ja, ich weiß, dass es gleich wehtun wird, aber ich mache es, und ich mache es bewusst und ich mache es dosiert, aber ich mache es. Dann habe ich schon gewonnen.

Dr. Franz Sperlich

Zorn sei nicht Wut, sondern die Entscheidung zu handeln. Dazu passt eine Regel seines Modells: Benachbarte Emotionen entziehen sich Energie. Wer im dunklen Keller Angst hat, macht das Licht an, und die Furcht sinkt. Bei chronischen Schmerzen empfiehlt Sperlich Handlungen ohne Schmerzbezug, etwa bewusst Musik hören. Zweite Regel: Emotionen stecken das Gegenüber an. Wer dauernd bedauert werde, erstarre mit. Sperlich rät deshalb zu einem Umfeld, in dem der Schmerz keine Rolle spielt, etwa einem alten Hobby.

Ein Hinweis der Redaktion: „Ins Tun kommen, obwohl es wehtut“ ist bei Rheuma, Arthrose oder Bandscheibenproblemen eine Frage der Dosis und gehört in ärztliche oder physiotherapeutische Abstimmung. Neue Lähmungen, Taubheit, Blasenstörungen, Fieber oder ungewollter Gewichtsverlust sind ein Fall für die ärztliche Abklärung. Wie eine multimodale Behandlung bei Gelenkschmerzen aussieht, lesen Sie im Artikel Arthrose behandeln.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Dr. Franz Sperlich dreht die Reihenfolge um: nicht erst den Schmerz loswerden und dann wieder fühlen, sondern die Gefühle als Werkzeug nehmen. Furcht hält den Leuchtturm auf die Stelle gerichtet; Trauer lässt los, Verachtung im Sinne von Klarheit stellt den Menschen über seinen Schmerz, Zorn bringt ins Handeln. Dass dies auch den chronischen Schmerz selbst abmildert, kennzeichnet er als Überzeugung, nicht als Beweis. Sein Modell ersetzt keine Diagnostik und keine Schmerztherapie.

Warum Schmerz nicht nur im Gelenk entsteht, sondern auch in der Verarbeitung, beschreibt unser Grundlagenartikel Arthrose verstehen. Ob chronische Schmerzen und Selbstheilung zusammenpassen, fragt Dr. Folker Meissner im Interview über Selbstheilung aus demselben Kongress. Und wie Gedanken nach einer Diagnose ähnliche Kreise ziehen, zeigt Felix Klemme im Interview über Abnehmen und Glaubenssätze, auf das der Moderator selbst verwies.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Das Emotionsmodell ist ein Arbeitsmodell des Experten, keine Leitlinienempfehlung. Chronische Schmerzen und eine anhaltend gedrückte Stimmung gehören in ärztliche Abklärung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.

Häufige Fragen

Was haben Emotionen nach Dr. Franz Sperlich mit chronischen Schmerzen zu tun?
Sperlich beschreibt Schmerz als zutiefst emotionales Ereignis: Akut ziehe er die gesamte Aufmerksamkeit auf sich und löse zuerst Ekel aus. Bei chronischen Schmerzen halte vor allem die Furcht den Kreislauf in Gang, weil sie die Wahrnehmung schärfe und der Schmerz dadurch stärker ankomme.
Warum soll ausgerechnet Trauer bei chronischen Schmerzen helfen?
Aus Sperlichs Sicht ist Trauer die Emotion des Loslassens und zeitlich begrenzt. Wer eine chronische Situation bewusst betrauere, etwa mit Hilfe eines Films oder einer Musik für eine begrenzte Zeit, könne aus der Dauerspannung der Furcht heraustreten. Eine Depression sei etwas anderes als Trauer; bei anhaltender gedrückter Stimmung gehört die Abklärung in ärztliche Hände.
Was meint Sperlich mit Verachtung als Hebel gegen Schmerz?
Verachtung steht in seinem Modell nicht für Herabsetzung anderer, sondern für Struktur und Klarheit über das eigene Wollen. Auf den Schmerz bezogen sei das die Haltung „Ich bin mehr als meine Schmerzen“: Der Schmerz habe seinen Platz, die eigenen Pläne stünden darüber.
Welche Rolle spielt der Zorn?
Zorn bringe in die Wirksamkeit, sagt Sperlich, also in die Entscheidung, etwas zu tun, obwohl es wehtun werde, bewusst und dosiert. Ohne diese Emotion bleibe man in der Vermeidung und erlebe keine Selbstwirksamkeit. Die Redaktion ergänzt: Belastung trotz Schmerz gehört in ärztliche oder physiotherapeutische Abstimmung.
Ist das Modell der sieben Emotionen wissenschaftlich belegt?
Der Globe of Emotions ist ein Arbeitsmodell von Sperlichs Hamburger Arbeitsgruppe, das ursprünglich aus der Führungskräfteentwicklung stammt. Die sechs Basisemotionen nach Paul Ekman, auf denen es aufbaut, sind in der Emotionsforschung umstritten. Studien zur Wirkung des Modells bei Schmerzpatienten nennt das Gespräch nicht.
Wie hängen Aufmerksamkeit und Schmerz zusammen?
Sperlich vergleicht Aufmerksamkeit mit einem Leuchtturm: Wohin der Strahl fällt, das wird bewusst gespürt, auch eine Blase am Zeh, die in Ruhe gar nicht auffällt. Er bezieht sich auf die Gate-Control-Theorie, nach der das Rückenmark Schmerzsignale nicht einfach durchleitet, sondern gefiltert weitergibt.
Weiterlesen

Damit kommen Sie einen Schritt weiter

Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Alle Artikel zu Chronische Schmerzen ansehen →