Der Rücken schmerzt, also steckt das Problem im Rücken. Diese Rechnung geht für Paul Seelhorst nicht auf. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress sprach er unter dem Titel „Stille Entzündungen im Körper: Ist der Darm schuld?“ über Entzündungen, die niemand spürt, und über eine Kette, die aus seiner Sicht im Darm beginnt und an der Bandscheibe enden kann. Dieser Artikel gibt die zentralen Aussagen wieder; das vollständige Interview läuft als Aufzeichnung im Kongress.
Ein Mückenstich zeigt, was eine stille Entzündung nicht tut
Jeder kennt die laute Entzündung. Eine Mücke sticht, die Stelle schwillt an, wird warm, juckt. Das Immunsystem schickt Blut hin, baut das Gift ab, löscht einen Brand, so Seelhorsts Bild. Die stille Variante macht nichts davon.
Eine stille Entzündung hingegen ist etwas, wo wir meistens gar nicht bemerken, dass der Körper sich entzündet oder entzündet ist. Deswegen nennt man es auch stille Entzündung.
Ausgelöst werde sie, wenn Stoffe über eine Schleimhaut in den Körper gelangen, die dort nichts zu suchen haben. Für Seelhorst ist das vor allem die Darmschleimhaut, und dort eine Schicht, dünner als ein Haar.
Dünner als ein Haar: die Schleimschicht im Darm
Ein durchlässiger Darm klingt nach Defekt. Seelhorst sieht das anders. Ein Stück Durchlässigkeit sei gewollt, das Immunsystem schaue so nach, was gerade gegessen wurde. Zum Problem werde der Zustand erst, wenn er nicht mehr aufhört: Das Mikrobiom gerät aus der Balance, die schützende Schleimschicht schwindet, und die empfindlichen Darmwandzellen liegen frei.
Dann kommt ein Molekül ins Spiel, das nach seiner Beobachtung selbst viele Darmtherapeuten nicht kennen: Lipopolysaccharid, kurz LPS. Es sitzt in der Hülle bestimmter Darmbakterien und wird frei, wenn diese zerfallen, nach jeder Mahlzeit. Im Darm sei das in Ordnung. Seine Kurzfassung:
Um das ganz zu simplifizieren: Der Darm wird durchlässig, LPS, was sich eigentlich im Darm befinden sollte, gelangt in den Blutkreislauf, das Immunsystem reagiert, sieht, hier ist ein Stoff, der gehört hier eigentlich nicht hin, reagiert damit, und eine Entzündung kommt zustande.

Zwei Zustände der Darmwand, wie Paul Seelhorst sie beschreibt: links eine dichte Schleimschicht über den Darmwandzellen, rechts eine ausgedünnte Schicht, freiliegende Zellen und Bakterienreste, die in die Blutbahn übertreten und dort eine Immunzelle auf den Plan rufen.
Seelhorst zieht die Linie weit: Schilddrüse, Rheuma, Depressionen, selbst Demenz und Diabetes bringt er mit LPS im Gewebe in Verbindung. Belegt sind bislang vor allem statistische Zusammenhänge; ob LPS im Blut Krankheiten auslöst oder begleitet, ist offen. Auch Leaky Gut ist keine anerkannte Diagnose, sondern beschreibt eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmbarriere. Wie er dieselbe Kette auf die Gelenke bezieht, lesen Sie im Interview über Darm und Gelenke.
Bleibt die Frage, wie ein Molekül aus dem Darm den Rücken erreichen soll.
Der Türsteher an der Bandscheibe
Seelhorst blendet eine Abbildung aus einer Übersichtsarbeit ein, die von einer „Gut-Disc-Axis“ spricht, einer Darm-Bandscheiben-Achse. Ihr Weg: Aus einem gestörten Darm gelangen Bakterien oder LPS ins Blut. Um die Bandscheibe liegt eine eigene Barriere, die Fremdes fernhalten soll; LPS überwinde sie. Und dahinter sei kaum noch Kontrolle.

Das ist wie wenn der Gangster schon in den Club reingekommen ist und der Türsteher hat es nicht geschafft, ihn abzuhalten. Und dann gibt es da Probleme. Da ist nicht viel Überwachung da drin.
Die Autoren, so gibt er sie wieder, hielten Autoimmunität für eine plausible Ursache der Entzündungen an der Bandscheibe; Ernährung, Prä- und Probiotika, sogar Stuhltransplantationen könnten zu neuen Therapien führen. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2020 fand bei Übergewichtigen mit Rückenschmerzen zudem eine veränderte Darmflora.
Zur Einordnung durch die Redaktion: Eine Übersichtsarbeit und eine kleine Beobachtungsstudie beschreiben eine Hypothese. Studien, in denen eine Darmbehandlung Rückenschmerzen gelindert hätte, gibt es nicht. Rückenschmerzen mit Warnzeichen wie Lähmungen, Gefühlsstörungen, Blasen- oder Darmentleerungsstörungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust gehören sofort in ärztliche Abklärung. Wie zwei Mediziner denselben Bauch mechanisch betrachten, zeigt das Interview über Darm und Rückenschmerzen aus demselben Kongress.
Warum gerät ein Darm überhaupt aus der Balance? Seelhorsts Antwort ist eine lange Liste.
Urwald im Bauch: warum Vielfalt zählt
Genetik, Umweltluft, Antibiotika, Hormone, Ernährung, Stress, Hygiene, Rauchen, Alkohol, Alter: Alles wirke auf das Mikrobiom, sagt Seelhorst. Zu viel Desinfektion schade, ein Hund, der im Wald schnüffelt, bereichere die eigene Mikrobenwelt.
Die naheliegende Schlussfolgerung wäre: LPS-Träger raus. Er lehnt das ab, obwohl gramnegative Bakterien wie Escherichia coli oder Klebsiella als Infektionskeime bekannt seien.
Sie sind dennoch Teil des Ökosystems Darm, und es bringt jetzt auch nichts zu probieren, die komplett auszuradieren, weil wir brauchen sie irgendwie auch.
Sein Bild dafür ist ein gesunder Urwald: Dürre, Überschwemmung, eine eingeschleppte Tierart steckt er weg, weil es für jede Störung eine Art gibt, die gegenhält. Im Darm heiße das: viele Mikroben mit vielen Fähigkeiten, wie Mitarbeiter in einer Firma, in der jede Stelle besetzt ist. Die guten Mikroben seien dabei meist längst da, nur unterdrückt.
Wir haben ja eigentlich alle in uns ganz viele tolle Mikroben, die sind nur komplett unterdrückt, wie so ein Samenkorn, was irgendwie unter der Erde ist und die ganze Zeit auf extra gute Bedingungen wartet.
Was Seelhorst empfiehlt und wo die Redaktion bremst
Seine Alltagsliste beginnt unspektakulär: weniger Alkohol, früher ins Bett, zwei bis drei Stunden Bewegung pro Woche, keine Fertigprodukte. Dann wird er deutlicher. Saatenöle wie Sonnenblumen- oder Rapsöl hält er für Industriemüll, Getreide auch als Sauerteig für minderwertig, Nachtschattengewächse wie Tomaten oder Paprika für Reizstoffe. Für harte Fälle empfiehlt er eine tierisch betonte Kost mit Innereien und Knochenbrühe, Früchte als Nachtisch, dazu kurzes Fasten: einen halben oder ganzen Tag, nicht länger.
Hier bremst die Redaktion. Ernährungsfachgesellschaften empfehlen eine ballaststoffreiche, pflanzenbetonte Kost; der Verzicht auf ganze Lebensmittelgruppen ist wissenschaftlich umstritten. Fasten, größere Umstellungen und Nahrungsergänzung gehören bei Vorerkrankungen, Medikamenten oder in der Schwangerschaft in ärztliche Rücksprache. Was zur entzündungsarmen Ernährung gesichert ist, fasst unser Artikel Ernährung bei Arthrose zusammen.
Seine erste Empfehlung sind allerdings sporenbasierte Probiotika. Milchsäurebakterien aus Kapseln oder Fermenten kämen nach seiner Darstellung kaum lebend im Darm an, Sporen dagegen schon; in den ersten Tagen seien Blähungen möglich. Er verweist auf eine Studie, in der Probanden einen Monat lang täglich Pizza aßen und dazu Sporen oder ein Placebo bekamen. Die Redaktion ordnet ein: Die Arbeit ist klein, teils herstellerfinanziert, und ihre Effektzahlen fallen niedriger aus als im Gespräch genannt. Seelhorsts Firma stellt solche Präparate her. Auch Vitamin D, Zink, Omega-3-Fettsäuren und Kollagen hält er für wichtig; was die Studienlage hergibt, steht in unserem Überblick zu Supplementen und ihrer Evidenz.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Paul Seelhorst erzählt Rückenschmerz als Geschichte, die im Darm beginnt: Schleimschicht schwindet, LPS gelangt ins Blut, das Immunsystem reagiert, und über die Barriere an der Bandscheibe könne die stille Entzündung die Wirbelsäule erreichen. Seine stärksten Sätze handeln vom Pflegen, nicht vom Vernichten: Die LPS-Träger gehören für ihn ins Ökosystem, entscheidend sei die Vielfalt.
Die Redaktion hält fest, was offenbleibt: Die Darm-Bandscheiben-Achse ist eine Hypothese, kein Beleg. Sein Ernährungsansatz steht quer zu den Fachgesellschaften, und bei den Probiotika berät ein Unternehmer, der sie verkauft. Sein Kernanliegen bleibt: den Darm nicht als Nebenschauplatz zu behandeln. Wie Entzündungen im Alltag gemanagt werden können, beschreibt Martin Krowicki im Interview über Entzündungsmanagement und Rückenschmerzen aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Paul Seelhorst ist Unternehmer im Bereich Darmgesundheit; eine ärztliche Ausbildung nennt die Anmoderation nicht. Die Verbindung zwischen Darm, stillen Entzündungen und Rückenschmerzen ist eine Hypothese. Fasten, Ernährungsumstellungen und Nahrungsergänzung beginnt niemand mit Vorerkrankungen, Medikamenten oder in der Schwangerschaft ohne ärztliche Rücksprache; Rückenschmerzen mit Warnzeichen gehören sofort in ärztliche Abklärung.
Häufige Fragen
Was ist eine stille Entzündung nach Paul Seelhorst?
Was sind Lipopolysaccharide (LPS) und warum spielen sie in seinem Modell eine Rolle?
Wie soll der Darm mit Rückenschmerzen zusammenhängen?
Muss man die LPS-tragenden Bakterien loswerden?
Welche Ernährung empfiehlt Seelhorst, und wie ist das einzuordnen?
Was hält Seelhorst von Probiotika?
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