Die Diagnose steht, das Rezept liegt bereit, die Frage nach dem Woher bleibt offen. Doch genau dort setzt ein Arzt an, der beim Menopause Kongress über Rheuma in der zweiten Lebenshälfte sprach: Karl Seeger, Arzt für ganzheitliche und integrative Medizin. Seine These widerspricht der Rheumatologie: Nicht das Immunsystem sei der Täter, sondern ein Auslöser weit davor, oft ein Virus. Das vollständige Gespräch sehen Sie im Kongress.
Über vierhundert Erkrankungen und eine Frage, die selten fällt
Seeger zählt zum rheumatoiden Formenkreis über vierhundert Erkrankungen und ordnet die rheumatoide Arthritis, wörtlich die Gelenkentzündung, den Autoimmunerkrankungen zu. Daneben nennt er Formen ohne Autoimmun-Hintergrund, etwa die Gicht mit ihren Harnsäurekristallen und das seronegative Rheuma, bei dem das Labor keine Antikörper findet.
Zur Einordnung: „Rheuma“ ist ein Sammelbegriff für weit über 100 Erkrankungen. Zu den entzündlich-rheumatischen Erkrankungen zählen die rheumatoide Arthritis, die Psoriasis-Arthritis und der Morbus Bechterew; Gicht gilt als Stoffwechsel-Rheuma, Fibromyalgie als Weichteilrheuma ohne Gelenkzerstörung. Vom Verschleiß der Arthrose unterscheidet sich entzündliches Rheuma grundsätzlich.

Zur Einordnung: Ein systematisches Review des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums fand in deutschen Studien der Jahre 2014 bis 2022 Prävalenzangaben von 0,42 bis 1,85 Prozent der Bevölkerung für die rheumatoide Arthritis, 0,32 bis 0,5 Prozent für die ankylosierende Spondylitis (Morbus Bechterew) und 0,11 bis 0,32 Prozent für die Psoriasis-Arthritis; alle entzündlich-rheumatischen Erkrankungen zusammen schätzen die Autorinnen auf 2,2 bis 3,0 Prozent, etwa 1,5 bis 2,1 Millionen Menschen. Die Daten stammen fast ausschließlich aus Krankenkassendaten mit moderatem bis hohem Verzerrungsrisiko. Quelle: Albrecht K et al. 2024, Zeitschrift für Rheumatologie 83(Suppl 1):20-30, PMID 36749363.
Beim Rheumafaktor, dem klassischen Laborwert, beginnt Seegers Abweichung vom Lehrbuch. Erhöhte Werte lese er nicht als Beweis für einen Angriff des Immunsystems auf den eigenen Körper, sondern als Hinweis auf eine Entzündung an den Gelenkhäuten. Und jede Entzündung habe eine Ursache. Also stellt er eine Frage, die in der Sprechstunde selten fällt.
Dann frage ich: Was war denn damals, bevor das entstanden ist? Irgendwann kam die Diagnose, da kamen die Symptome, dann sind sie zum Arzt. Stempel drauf, Rheuma. Und dann: Was war denn vorher? Häufig, nicht immer, aber häufig haben die eine starke Grippe gehabt, zum Beispiel eine Influenza.
Neben der Influenza nennt er das Epstein-Barr-Virus, Herpesviren und Corona, aber auch Borrelien, Yersinien und Chlamydien. Im Alter werde das Immunsystem schwächer, und Erreger, die man ein Leben lang in sich trage, könnten wieder aktiv werden. Immer sei das Geschehen multifaktoriell; auf seinen Folien stehen auch Gene, Umweltgifte, Zahnherde, Darm, Hormone und Psyche.
Hinweis der Redaktion: In der Rheumatologie gilt die rheumatoide Arthritis als Autoimmunerkrankung; Infektionen werden als mögliche Mitauslöser diskutiert, ein Nachweis, dass Viren das Rheuma im Alter verursachen, fehlt. Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie setzt auf eine frühe Basistherapie, weil ein früher Behandlungsbeginn die Gelenke schützt. Wer Basistherapie oder Kortison nimmt, setzt beides nie eigenmächtig ab und ändert nichts ohne Rücksprache mit Rheumatologin oder Rheumatologe.
Was geschieht im Gewebe, wenn eine solche Entzündung über Jahre schwelt? Für Seeger ist die Antwort Chemie.
Entzündung ist Oxidation: der leere Feuerlöscher
Eine Entzündung ist immer eine Oxidation. Eine Oxidation heißt, zu viele Sauerstoffradikale entstehen im Körper und die sind hochaggressiv.
Der Körper halte dagegen: Enzyme fangen die Radikale ab, so wie die Polizei den Gangster verhaftet. Nur sei dieser Schutz endlich.
Aber irgendwann, wenn die Entzündung die ganze Zeit am Laufen ist, also das Feuer die ganze Zeit brennt, haben wir irgendwann keinen Feuerlöscher mehr. Der ist leer, die Enzyme sind leergelaufen. Oder sie sind genetisch gar nicht angelegt.
Daraus werde ein Teufelskreis: Je höher die Oxidation, desto niedriger die Antioxidation. Die Redaktion ordnet ein: Oxidativer Stress, ein Übergewicht freier Radikale gegenüber den Schutzsystemen des Körpers, ist bei entzündlichen Erkrankungen messbar; ob antioxidative Therapie Verlauf und Beschwerden beeinflusst, ist wissenschaftlich offen.

Seegers Kette in drei Stufen: Die entzündete Gelenkhaut setzt Sauerstoffradikale frei, die körpereigenen Schutzenzyme fangen nur einen Teil ab, der Rest trifft auf Zellmembranen und lässt deren Fette oxidieren, beschreibt Karl Seeger.
Seeger blättert im Gespräch durch Laborbögen seiner Rheumapatienten: Marker für oxidativen Stress, die Schutzenzyme Glutathionperoxidase und Superoxiddismutase, oxidiertes LDL, dazu Elispot-Tests, die zeigen sollen, ob Epstein-Barr- oder Influenzaviren im Immunsystem noch eine Reaktion auslösen. Das koste Geld, räumt er ein. Die Redaktion ergänzt: Solche Spezialtests gehören nicht zur Standarddiagnostik der Rheumatologie und werden meist selbst gezahlt.
Ein Wert kehrt im Gespräch immer wieder. Er hat mit dem Küchenregal zu tun.
Innerlich ranzig: warum Seeger bei Omega-3 zur Vorsicht rät
Leinöl, das offen am Fenster steht, wird ranzig. Genau diesen Vorgang, sagt Seeger, finde er im Blut vieler Rheumapatienten: Lipidperoxidation, die Oxidation von Fetten. Betroffen seien nicht nur Fette aus der Nahrung, sondern die Zellmembranen selbst, die aus einer doppelten Schicht von Fettsäuren bestehen.

Das ist wie die Hauswand von so einem Haus, das wäre dann die Zellmembran, wenn das Haus die Zelle wäre. Wenn die oxidiert und die Lipidperoxidation so hoch ist, dann kann man es sich so vorstellen, wie wenn wir hier ein Loch reinhauen. Die Leute werden innerlich ranzig.
Auch die Membranen der Mitochondrien, der Kraftwerke der Zelle, bestünden aus solchen Fettschichten. Gingen sie zu Bruch, steige der oxidative Stress weiter und die Alterung beschleunige sich. Bei Rheumatikern und älteren Menschen sehe er diesen Wert sehr häufig erhöht.
Hier kommt der Twist. Omega-3-Fettsäuren gelten als entzündungshemmend, viele Menschen mit Gelenkbeschwerden nehmen sie ein. Seeger bremst: Gerade diese Fettsäuren oxidierten schneller als Omega-6-Fette, so wie Fischöl schneller ranzig werde als Sonnenblumenöl; bei hoher Lipidperoxidation könnten sie auch im Körper rascher kaputtgehen. Sein Rat lautet nicht Verzicht, sondern normale Mengen plus Antioxidantien wie Vitamin C, Zink und B-Vitamine. Mengen nennt die Redaktion nicht; was die Studien zu Omega-3 bei Gelenkbeschwerden hergeben, steht im Artikel zu Supplementen bei Arthrose. Nahrungsergänzung ersetzt keine Basistherapie und gehört bei Rheuma in ärztliche Rücksprache.
Was Seeger sonst einsetzt, ist eine lange Liste. Nicht alles darauf ist unumstritten.
Hormone, Entgiftung, Fasten: was er zusätzlich einsetzt
Verursachen sinkende Hormone in den Wechseljahren das Rheuma? Das glaube er nicht, sagt Seeger, beitragen könnten sie schon. Er testet den Hormonstatus im Labor und setzt bei Bedarf bioidentische Hormone ein, vor allem Progesteron und dessen Vorstufe Pregnenolon, Östrogen nur wenn nötig und über die Haut. Die Redaktion ordnet ein: Eine Hormontherapie in den Wechseljahren hat Nutzen und Risiken, etwa für Thrombosen und Brustkrebs, gehört in ärztliche Hand und ist zur Behandlung von Rheuma weder zugelassen noch durch Leitlinien gedeckt.
Zweiter Baustein ist die Entgiftung. Mit dem Alter ließen die Entgiftungssysteme nach, Umweltgifte sammelten sich an wie Müll in einer Stadt ohne Müllabfuhr. Er nennt schwefelhaltige Verbindungen wie Alpha-Liponsäure und N-Acetylcystein, Algenpräparate, Zeolith, in schweren Fällen ärztlich verordnete Chelatbildner, dazu viel Flüssigkeit und Fasten, das er nur für Menschen sieht, deren Körper nicht schon geschwächt ist. Die Redaktion merkt an: „Entgiftung“ als Behandlungskonzept ist umstritten, die Studienlage dünn; Chelattherapien haben ernste Risiken und sind nur bei nachgewiesener Vergiftung angezeigt. Heilfasten bei Rheuma nie ohne ärztliche Rücksprache, erst recht nicht unter Basistherapie. Wie Ernährung im Gelenk wirken kann, zeigt der Artikel Arthrose und Ernährung.
Bei aller Kritik am Rezeptblock: Als Gegner der Schulmedizin will Seeger nicht verstanden werden.
Ich darf betonen, dass ich persönlich die schulmedizinische Ebene nie auslasse. Die spielt bei mir auch in der integrativen Medizin immer eine Rolle. Das heißt jetzt nicht, dass ich gegen die Schulmedizin bin, aber ich versuche, es vernünftig anzuschauen und nicht nur einfach Medikamente zu verabreichen, ohne die Ursachen anzuschauen.
Seine Ursachenmedizin lasse sich auch anwenden, wenn rheumatologische Medikamente bereits verordnet sind; dann solle man sie erst recht betreiben. Akut hält er Kortison und Immunsuppressiva für vertretbar, langfristig wolle er an die Ursachen.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Karl Seeger liest Rheuma als Symptomenkomplex mit vielen Ursachen: ein zurückliegender Infekt, eine Entzündung, die zur Oxidation wird, erschöpfte Schutzenzyme, ranzige Fette in den Zellmembranen. Sein Weg ist die Ursachensuche mit dem Labor, ergänzt um Antioxidantien, Hormone, Entgiftung und Fasten, ausdrücklich zusätzlich zur Schulmedizin.
Rheuma ist schon okay, wenn man dann Rheuma sagt. Aber ist es denn nun wirklich Rheuma oder was steckt denn wirklich dahinter? Für mich ist es ein Symptomenkomplex, und der wird behandelt.
Die Redaktion hält fest: Die Virus-These ist eine Minderheitsposition, und die frühe Basistherapie bleibt der Weg, der die Gelenke nachweislich schützt. Wer Kortison länger nimmt, sollte auch die Knochen im Blick behalten; wie sich Osteoporose vorbeugen lässt, erklärt Dr. Martin Reschl, M.Sc. im Gespräch aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die Sicht von Karl Seeger auf Viren als Auslöser von Rheuma ist eine Minderheitsposition. Entzündlich-rheumatische Erkrankungen gehören in rheumatologische Betreuung; Basistherapie und Kortison werden nie ohne Rücksprache abgesetzt oder verändert. Bei einem geschwollenen, heißen Gelenk mit Fieber, bei plötzlicher Lähmung oder ungewolltem Gewichtsverlust suchen Sie rasch ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Ist Rheuma ab 60 wirklich keine Autoimmunerkrankung?
Welche Viren nennt Karl Seeger als Auslöser von Rheuma?
Was bedeutet „innerlich ranzig werden“?
Soll man bei Rheuma Omega-3-Fettsäuren einnehmen?
Kann ich meine Rheumamedikamente absetzen, wenn ich die Ursachen behandle?
Welche Laborwerte lässt Karl Seeger bei Rheuma bestimmen?
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