Ständig erschöpft, die Gelenke ziehen, die Entzündungswerte sind mal erhöht, mal unauffällig, und am Ende steht wieder ein Rezept gegen die Symptome. Doch in dieser Kette fehlt für Dr. med. Armin Schwarzbach (Humanmediziner, Laborleiter) oft eine Frage: Sitzt da ein Erreger, der nie richtig gegangen ist? Beim Entzündungskongress sprach er über chronische Infektionen als mögliche Ursache chronischer Entzündungen. Sein Interview trägt den Titel „Chronische Infektionen als Ursache für chronische Entzündungen“; das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress.
Drei I, die zusammengehören
Schwarzbach bringt seine Sicht auf eine Formel: die drei großen I. Infektion: Welcher Erreger ist im Körper aktiv, welcher nicht? Immundysfunktion, er sagt schlicht Immunschwäche. Und Inflammation, die Entzündung. Alle drei gehörten unweigerlich zusammen, in der Diagnostik wie in der Behandlung. Wie greifen sie ineinander?
Die Infektion unterhält und triggert natürlich die Inflammation. Das heißt, wenn ich die Infektion nicht bekämpfe, wird die Inflammation weitergehen. Auf der anderen Seite kann sich eine Inflammation auch verselbstständigen.

Die drei I nach Dr. Schwarzbach: Ein aktiver Erreger treibt die Entzündung an, eine geschwächte Abwehr lässt ihn bestehen, und die Entzündung kann sich mit der Zeit vom Auslöser lösen. Für ihn ein Kreis, der an allen drei Stellen gleichzeitig unterbrochen werden muss.
Aus einer verselbstständigten Entzündung könnten über eine Dysbalance der T-Helferzellen auch Autoimmunerkrankungen hervorgehen, so Schwarzbach; er nennt Hashimoto, rheumatoide Arthritis und Kollagenosen. Zugleich schränkt er ein: Nicht jeder habe eine Infektion, das müsse man erst durchleuchten. Wer das auslasse, bekämpfe nur die Entzündung, ohne den Treiber zu kennen. Henne oder Ei? Beides gehöre behandelt.
Dass eine Infektion überhaupt jahrelang schwelen kann, ist der Punkt, an dem Schwarzbach mit vielen Kollegen über Kreuz liegt.
Wann ist eine Infektion vorbei?
Chronische Infektionen kennt die Medizin durchaus. Tuberkulose, HIV, chronische Hepatitis, das sei unbestritten, sagt Schwarzbach. Bei Borrelien und anderen von Zecken übertragenen Erregern fehle die Akzeptanz dagegen völlig. Die Leitlinien sähen keine chronische Borreliose vor; ein IgG-Antikörper gelte als Spur einer abgelaufenen Infektion, und dann bleibe nur die symptomatische Therapie mit Kortison, Schmerzmitteln und Antidepressiva.
Zur Einordnung: Die Fachgesellschaften gehen davon aus, dass eine leitliniengerechte Antibiotikatherapie die Infektion beendet; fortbestehende Beschwerden gelten nicht als aktive Infektion. Schwarzbach vertritt eine Minderheitsposition, und er sagt das selbst: ein Kampf gegen Windmühlen, wie bei Don Quijote.
Seine Haltung hat eine Vorgeschichte. Nach einem Vortrag sei eine Patientin auf ihn zugekommen, Diagnose multiple Sklerose, auf einem Auge blind, im Rollstuhl. Ein zellulärer Borrelien-Test sei positiv ausgefallen, der Hausarzt habe eine Antibiotikatherapie versucht, und der Frau sei es nach seiner Schilderung danach deutlich besser gegangen. Sein Weltbild geriet ins Wanken. Ein Einzelfall belegt keinen Zusammenhang, und wer eine gesicherte Diagnose wie MS hat, ändert an der Therapie nichts ohne die behandelnde Neurologin oder den Neurologen. Schwarzbach selbst warnt vor dem umgekehrten Fehler.
Es ist nicht alles Borreliose, keine Frage. Man muss das sauber differenzialdiagnostisch herausarbeiten, aber dennoch muss man den Patienten ernst nehmen.
Was er heute tatsächlich am häufigsten im Labor sieht, ist dann auch gar nicht die Zecke.
Nicht die Zecke, der Darm
Vor 15 Jahren hätte er Borreliose genannt, ein paar Jahre später Chlamydien und Mykoplasmen. Heute erhalte er Proben aus über tausend Praxen und Kliniken weltweit, und das größte Thema darin sei der Darm: Enteroviren wie Coxsackie- und Echoviren, dazu Herpesviren wie Epstein-Barr- und Zytomegalievirus, und Darmbakterien wie Yersinien und Campylobacter.
Welche Beschwerden sollten hellhörig machen? Unverträglichkeiten, wechselnd Verstopfung und Durchfall, Histaminprobleme. Das Hauptsymptom aller dieser Infektionen sei aber unspezifisch: chronische Erschöpfung, weil die Viren die Mitochondrien der Zellen für sich nutzten. Dazu Gelenk- und Sehnenschmerzen, brennende Hände oder Füße. Seine Verbindungen zu neurologischen und psychiatrischen Krankheitsbildern gehen deutlich über die Studienlage hinaus; die Redaktion gibt sie nicht wieder.
Alle Erreger seien extrem stressgetriggert, wie das Herpesbläschen an der Lippe zeige. Die eigentliche Frage laute deshalb: Warum ist die Abwehr schwach? Anhaltende Erschöpfung, Fieber, ungewollter Gewichtsverlust oder Lähmungserscheinungen gehören unabhängig von dieser Deutung in ärztliche Abklärung. Wie sich Gelenkschmerz mit und ohne Entzündung unterscheidet, lesen Sie im Artikel zu Symptomen und Diagnose der Arthrose.
Wenn Antikörper so wenig sagen, wie findet man dann heraus, ob ein Erreger aktiv ist?
Ein Labortest ist immer nur ein Labortest
Naheliegend wäre: Blut abnehmen, Antikörper messen, fertig. So einfach sei es nicht, sagt Schwarzbach. Er ergänzt Tests der zellulären Immunantwort, ELISPOT und Interferon-gamma-Release-Assays, wie sie bei Tuberkulose und in der Transplantationsmedizin üblich seien. Für die Borreliose-Diagnostik empfehlen die Leitlinien solche Tests bislang nicht, weil ihre Aussagekraft nicht ausreichend belegt ist. Dann folgt ein Satz, den man von einem Laborleiter nicht erwartet.
Ein Labortest ist immer ein Labortest. Man muss immer die Beschwerden korrelieren mit dem, was ich dann an Labortesten mir aussuche.

Zur Einordnung: In der bundesweiten Gesundheitsstudie DEGS1 (2008 bis 2011) hatten 5,8 % der Frauen und 13,0 % der Männer Antikörper gegen Borrelien im Blut; das Infektionsrisiko war bei Menschen über 60 Jahren am höchsten. Antikörper zeigen einen zurückliegenden Kontakt mit dem Erreger an, nicht eine aktive Erkrankung. Quelle: Wilking H et al. 2015, Emerging Infectious Diseases 21(1):107-10, PMID 25531140.
Damit dreht Schwarzbach die Erwartung um. Nicht der Test entscheide, sondern seine Auswahl, und die treffe der behandelnde Arzt; der Labormediziner sei Bindeglied. Die Labormedizin sei immer nur so gut wie der diagnostizierende Arzt am Patienten. Und der brauche vor allem eines: Zeit.
Eine Anamnese muss eine Stunde dauern, sonst kann ich nie und nimmer das Ganze in einer Synopse führen, kann keine gescheite Differenzialdiagnose machen.
Drei Minuten habe der Hausarzt im Schnitt. Die Borreliose sei das Lehrbuchbeispiel: Eine Wanderröte hätten längst nicht alle, manche nur eine Sommergrippe oder eine vorübergehende Gesichtslähmung. Bis zur Diagnose dauere es nach seiner Erfahrung oft Jahre. Warum eine Schmerztherapie trotzdem ihren Platz hat, erklärt Prof. Dr. Sven Gottschling im Interview über unnötiges Leiden bei Schmerzen aus demselben Kongress.
Erst messen, dann stärken
Bleibt das zweite I. Ob eine Immunschwäche vorliegt, will Schwarzbach nicht raten, sondern messen: CD3-Zellen, natürliche Killerzellen, Immunglobuline quantitativ. Das könne auch der Hausarzt veranlassen, teuer sei es nicht. Danach die Stellschrauben des Alltags: starkes Übergewicht, das auf die Lunge drücke und die Sauerstoffsättigung senke, Alkohol, Stress, zu wenig frische Luft, und die Psyche. Mehr dazu in unseren Artikeln zum Abnehmen bei Arthrose und zur Ernährung bei Arthrose.
Vielleicht erwarten Sie jetzt das Mittel, das den Erreger vertreibt. Schwarzbach verweigert es ausdrücklich.

Es gibt keine Wunderpille, keine Wundermedizin für alle. Die gibt es nicht. Jeder Patient hat ein individuelles Erregerprofil, was natürlich heißt, ich benötige eine individuelle Therapie.
Das gilt für ihn auch umgekehrt. Antibiotika auf Verdacht hält er für falsch.
Ich muss erst mal wissen, was will ich überhaupt behandeln? Vielleicht habe ich auch gar keine Infektion. Dann macht ein Antibiotikum auch keinen Sinn.
Kortison werde aus seiner Sicht zu freigiebig verordnet. Hinweis der Redaktion: Verordnete Medikamente, auch Kortison, werden nie ohne Rücksprache verändert, und Antibiotika gehören ausschließlich in ärztliche Hand. Wie Entzündung und Herz-Kreislauf-System zusammenhängen, vertieft Markus Peters im Interview über chronische Entzündungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Dr. Schwarzbach stellt eine Frage an den Anfang, die im Alltag oft fehlt: Ist ein Erreger im Spiel, der die Entzündung unterhält? Seine drei I verbinden Infektion, Immunschwäche und Entzündung zu einem Kreis, den er an allen Stellen zugleich angehen will. Häufigste Verdächtige heute: Darmviren und Herpesviren. Häufigstes Zeichen: Erschöpfung.
Zugleich zieht er selbst Grenzen. Nicht alles ist Borreliose, ein Labortest ersetzt keine einstündige Anamnese, eine Wunderpille gibt es nicht. Seine Ansicht, dass Erreger über Jahre aktiv bleiben, teilen die Leitlinien nicht. Was sich unabhängig davon prüfen lässt, sind seine Fragen: Wie steht es um die Abwehr, und was tut der Lebensstil dafür?
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die Annahme, dass Borrelien und andere Erreger über Jahre aktiv bleiben, ist in der Fachwelt umstritten und wird von den Leitlinien nicht geteilt. Anhaltende Erschöpfung, Gelenkschmerzen oder Nervenbeschwerden gehören in ärztliche Abklärung. Laboruntersuchungen, Antibiotika und andere Medikamente werden ausschließlich mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt abgestimmt; verordnete Medikamente, auch Kortison, werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Was meint Dr. Schwarzbach mit den drei I?
Welche chronischen Infektionen sieht Dr. Schwarzbach am häufigsten?
Woran erkennt man laut Dr. Schwarzbach eine chronische Infektion?
Reicht ein Antikörpertest, um eine chronische Infektion zu finden?
Ist eine chronische Borreliose anerkannt?
Was rät Dr. Schwarzbach fürs Immunsystem?
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