Spinat, Mandeln, ein grüner Smoothie am Morgen und dazu ein Gramm Vitamin C: So sieht für viele ein gesunder Tag aus. Doch genau diese Zutaten können nach Ansicht von Annic Scholer (Ganzheitlicher Gesundheitscoach, funktionelle Medizin, Epigenetik- und DNA-Expertin) den Körper mit einem Stoff überladen, den er weder braucht noch gut wieder loswird: Oxalate. Beim Autoimmunkongress beschrieb sie, wie sich daraus winzige Kristalle bilden, die Gewebe reizen und das Immunsystem aus ihrer Sicht dauerhaft beschäftigen. Ihr Gespräch trug den Titel „Wenn Candida und Oxalate das Immunsystem in die Irre führen“; das vollständige Interview ist im Kongress zu sehen.

Ein alter Bekannter, den kaum jemand abklärt

Was sind Oxalate? Für Scholer Abwehrstoffe der Pflanze, enthalten in Blattgemüse, Getreide, Nüssen und Hülsenfrüchten. Der Gehalt schwanke mit Trockenheit und Regen, und der Mensch könne mit dem Stoff nichts anfangen. Fremd sei er ihm trotzdem nicht: In kleinen Mengen entstehe Oxalsäure im eigenen Stoffwechsel. Auch Pilze produzierten Oxalate, Candida könne sich sogar davon ernähren. Pilzinfektionen, die trotz Behandlung wiederkommen, sind für sie deshalb ein Anlass, auch auf Oxalate zu schauen.

O-Ton aus dem Interview

Es ist eigentlich ein Phänomen, das schon lange bekannt ist, auch in der Schulmedizin. Und trotzdem wird es sehr oft übersehen oder nicht abgeklärt oder eben einfach so ein bisschen abgetan.

Annic ScholerGanzheitlicher Gesundheitscoach, funktionelle Medizin, Epigenetik- und DNA-Expertin

Warum ein Stoff, der über die Niere den Körper verlässt, überhaupt Ärger machen soll, erklärt Scholer mit einem Bild, das man nicht so schnell vergisst.

Kristalle mit scharfen Kanten

Im Körper verbinde sich Oxalsäure mit Calcium und Magnesium, aber auch mit Eisen, Zink und Schwermetallen. Calciumoxalat sei schwerer löslich als Natrium- oder Kaliumoxalat, Verbindungen mit Schwermetallen noch schwerer. Und was nicht ausgeschieden wird, bleibt.

O-Ton aus dem Interview

Das sind winzig kleine Kristalle, und die haben rasiermesserscharfe Klingen sozusagen. Und diese Kristalle können das Gewebe reizen.

Annic Scholer

Wo die Kristalle lägen, dort reizten sie, sagt Scholer: im Darm, in der Leber, besonders hartnäckig in der Blase. Aus dem Dauerreiz werde eine Dauerentzündung. Ihre Liste reicht von Blasenentzündungen ohne Erregernachweis über brennende Schmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen bis zu Müdigkeit, Kribbeln und Konzentrationsstörungen; trüber Urin oder sandiger Stuhl seien weitere Hinweise.

Schema in drei Stufen von einem scharfkantigen Oxalatkristall über die gereizte Darmschleimhaut zu Immunzellen, die Botenstoffe in ein Blutgefäß abgeben

Vom Kristall zum Dauerreiz: Annic Scholer beschreibt, wie sich scharfkantige Oxalatkristalle in die Darmschleimhaut bohren, Immunzellen Botenstoffe abgeben und aus der ständigen Reizung eine stille Entzündung wird, die das Immunsystem nicht zur Ruhe kommen lässt.

Diese Breite macht die Sache schwer greifbar, das räumt Scholer ein. Als die Moderatorin fragte, ob ihr Brain Fog nun von den Hormonen, der Schilddrüse oder den Oxalaten komme, antwortete sie ehrlich: Das könne sie so nicht sagen. Ein Hinweis der Redaktion: Blut im Urin, Brennen beim Wasserlassen, Fieber oder Schmerzen in der Nierengegend gehören zeitnah in ärztliche Abklärung.

Wie aber soll aus gereiztem Gewebe eine Krankheit werden, bei der das Immunsystem den eigenen Körper angreift?

Vom Dauerreiz zur Autoimmunreaktion

Scholers Kette hat drei Glieder: Reizung, stille Entzündung, Immunreaktion. Wer ohnehin eine Neigung zu Autoimmunität habe, bei dem könnten die Kristalle den Prozess mit anstoßen. Hashimoto und Multiple Sklerose nennt sie ausdrücklich.

Wissenschaftliche Grafikfigur von vorn mit durchscheinendem Skelett und terrakottafarbenen Kristallmarken an Blase, Darm, Kniegelenken, Muskeln und Schilddrüse
O-Ton aus dem Interview

Da stehen Oxalate auch sehr groß im Zusammenhang mit diesen Erkrankungen, weil sie eben einfach das Immunsystem die ganze Zeit auf Trab halten. Und irgendwann kommt es einfach zu diesen Autoimmunreaktionen im Körper selber.

Annic Scholer

Dazu komme der Darm: Bei gestörter Darmflora und durchlässiger Schleimhaut könnten Kristalle die Barriere passieren und im Körper zirkulieren. Auch die Mitochondrien sieht sie als Opfer der scharfen Kanten, Erschöpfung erkläre sich so mit.

Zur Einordnung: Gesichert ist der Zusammenhang zwischen Oxalaten und Nierensteinen sowie die seltene erbliche Hyperoxalurie mit Ablagerungen in Organen. Dass Oxalate aus der Nahrung Autoimmunerkrankungen mit auslösen, ist eine Praxishypothese ohne kontrollierte Studien; der durchlässige Darm („Leaky Gut“) ist keine anerkannte Diagnose. Wie das Immunsystem lernt, eigen von fremd zu unterscheiden, erklärt Dr. med. Jenny Koch im Interview über Antikörper und Autoimmunität aus demselben Kongress.

Der Twist des Gesprächs kam, als es um Dinge ging, die viele gerade ihrer Gesundheit zuliebe einnehmen.

Vitamin C, Kollagen und der Tausch mit dem Schwefel

Vitamin C für die Abwehr, Kollagen fürs Bindegewebe: So stehen die Dosen im Regal. Scholer setzt ein Aber davor.

O-Ton aus dem Interview

Das ist nicht das Vitamin C, was in Oxalate umgewandelt wird, sondern die Verstoffwechselung von Vitamin C hat höhere Mengen von Oxalsäuren dann zur Folge.

Annic Scholer

Wer Probleme mit Oxalaten habe, solle aus ihrer Sicht nicht über 250, höchstens 500 Milligramm am Tag gehen. Gramm-Dosen hält sie auf Dauer für heikel, auch wenn sie lange gut vertragen wurden. Kollagen- und Proteinpulver bewertet sie ähnlich: Die Aminosäuren Glycin und Hydroxyprolin mündeten in den Oxalatstoffwechsel, mit der Zeit kippe es bei manchen.

Säulendiagramm: Hazard Ratio für Nierensteine bei Männern nach täglicher Vitamin-C-Aufnahme, 1,00 unter 90 mg, 1,19 bei 90 bis 249 mg, 1,15 bei 250 bis 499 mg, 1,29 bei 500 bis 999 mg, 1,43 ab 1.000 mg

Zur Einordnung: In der Health Professionals Follow-up Study stieg bei Männern das Risiko für erstmalige Nierensteine mit der täglichen Gesamtaufnahme von Vitamin C aus Nahrung und Präparaten: Hazard Ratio 1,19 bei 90 bis 249 mg, 1,15 bei 250 bis 499 mg, 1,29 bei 500 bis 999 mg und 1,43 ab 1.000 mg, jeweils gegenüber weniger als 90 mg. Bei den 156.735 Frauen der Nurses’ Health Studies fand sich kein signifikanter Zusammenhang. Quelle: Ferraro PM et al. 2016, Am J Kidney Dis 67(3):400-7, PMID 26463139.

Dann der Schwefel. Oxalate und Schwefel nutzten denselben Transporter in die Zelle, beschreibt Scholer: Ein andockendes Oxalat blockiere die Schwefelaufnahme, und komme es hinein, verlasse im Tausch ein Schwefelmolekül die Zelle. Wer wegen Unverträglichkeiten wenig Knoblauch, Zwiebeln, Brokkoli oder Eier esse, rutsche so in einen Mangel, der die Ausscheidung weiter bremse. Schwefliger Uringeruch und ein sehr niedriger Homocysteinwert seien für sie Hinweise. Die Redaktion ergänzt: Einnahme oder Absetzen solcher Präparate gehört bei Vorerkrankungen in ärztliche Rücksprache; was die Studienlage zu Gelenkpräparaten hergibt, steht im Artikel über Supplemente bei Arthrose.

Wer jetzt nur noch Reis und Hühnchen vor sich sieht, den überrascht der letzte Teil des Gesprächs.

Was auf den Teller darf

Die Moderatorin sprach aus, was viele denken: eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Scholer nahm ihr einen Teil der Sorge.

O-Ton aus dem Interview

Also von dem her ist die oxalatarme Ernährung nicht so eingeschränkt. Man kann sehr vieles essen. Es kommt einfach auf die Zusammensetzung und auf die Menge an, die wir essen.

Annic Scholer

Ihre Einteilung: sehr hoch, hoch, mittel, niedrig. Die kleine Gruppe „sehr hoch“ komme auch in kleinen Portionen nicht in den grünen Bereich: Spinat, Mangold, Rhabarber, Sauerampfer, Buchweizen, Mandeln, Süßkartoffeln, Grünkohl. Sonst zähle die Menge. Oxalatarm heiße für sie unter 50 Milligramm am Tag, 100 Gramm Spinat brächten allein weit über 500; Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte und Öle enthielten praktisch nichts. Ihre Tauschpartner: Rucola statt Grünkohl, Blaubeeren statt Himbeeren, Vanille statt Zimt.

Zwei Fallen hebt sie hervor: Gewürzmischungen wie Curry und konzentrierte Pflanzenkapseln, etwa Olivenblatt oder Katzenkralle. Reines Curcumin sei niedrig gemessen worden, Kurkuma-Extrakt eher hoch; mehr dazu in unserem Artikel zur Curcumin-Dosierung nach AWMF und in den Grundlagen der Arthrose-Ernährung.

Der wichtigste Satz fiel nach der Verabschiedung. Wer lange viel Oxalat gegessen und dazu Vitamin C oder Kollagen genommen habe, trage einen dauerhaft hohen Spiegel im Blut. Streiche man alles auf einmal:

O-Ton aus dem Interview

Wenn wir das nicht mehr zu uns nehmen, dann senkt der sich, und dann findet der Körper: Jetzt kann ich alles, was im Gewebe zurückgestaut ist, ins Blut freilassen. Und das kann viel sein, und dann kann es uns sehr schlecht gehen.

Annic Scholer

Sie nennt das Dumping und rät, die Oxalatmenge um höchstens fünf bis zehn Prozent pro Woche zu senken, begleitet statt im Alleingang. Die Redaktion ergänzt: Bei Autoimmunerkrankung, Nierensteinen oder Nierenerkrankungen wird die Umstellung ärztlich abgestimmt, verordnete Medikamente bleiben unangetastet.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Annic Scholer holt einen Stoff aus der Nische, den die Medizin vor allem mit Nierensteinen verbindet, und macht ihn zum Verdächtigen für Beschwerden, die sonst niemand zusammenbringt: Reizblase, brennende Schmerzen, Gelenke, Erschöpfung, Autoimmunreaktionen. Ihre Kette aus Kristallen, Dauerreiz und stiller Entzündung ist eine Praxishypothese, keine belegte Ursache. Hängen bleibt ihre Beobachtung, dass ausgerechnet Gesundheitsroutinen wie Smoothies, Mandelmehl, Vitamin C und Kollagen die Oxalatlast treiben können.

Ihr Handwerkszeug ist nüchtern: die sehr hohen Quellen kennen, sonst auf Menge achten, Supplemente prüfen, den Umstieg langsam gehen. Wie Laborwerte bei Nährstofffragen weiterhelfen, erklärt Dr. rer. medic. Martin Krowicki im Interview über Nährstoffe und Laborwerte aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Annic Scholer ist Gesundheitscoach und Therapeutin, keine Ärztin. Der Zusammenhang zwischen Oxalaten und Autoimmunerkrankungen ist wissenschaftlich nicht belegt. Ernährungsumstellungen und die Einnahme oder das Absetzen von Nahrungsergänzungsmitteln gehören bei Autoimmunerkrankungen, Nierensteinen oder Nierenerkrankungen in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei Blut im Urin, Fieber, starken Schmerzen oder neuen neurologischen Ausfällen ist eine ärztliche Abklärung nötig.

Häufige Fragen

Was sind Oxalate und wo kommen sie vor?
Annic Scholer beschreibt Oxalate als Abwehrstoffe der Pflanze, die in Blattgemüse, Getreide, Nüssen und Hülsenfrüchten stecken. Besonders viel enthalten nach ihrer Liste Spinat, Mangold, Rhabarber, Sauerampfer, Buchweizen, Mandeln und Süßkartoffeln. Der Gehalt schwanke je nach Wetter und Anbau, in kleinen Mengen bilde der Körper Oxalsäure auch selbst.
Wie sollen Oxalate das Immunsystem beeinflussen?
Nach Scholers Darstellung binden Oxalate im Körper Calcium und andere Mineralstoffe zu winzigen, scharfkantigen Kristallen. Diese reizten Darm, Blase und anderes Gewebe dauerhaft, daraus werde eine stille Entzündung, die das Immunsystem ständig beschäftige. Bei Menschen mit Neigung zu Autoimmunität könne das den Prozess mit anstoßen. Die Redaktion ergänzt: Gesichert ist der Zusammenhang mit Nierensteinen, für Autoimmunerkrankungen fehlen kontrollierte Studien.
Warum warnt Annic Scholer vor hohen Vitamin-C-Dosen?
Sie erklärt, dass nicht das Vitamin C selbst zu Oxalat werde, sondern sein Abbau im Stoffwechsel zusätzliche Oxalsäure entstehen lasse. Wer Probleme mit Oxalaten habe, solle aus ihrer Sicht bei 250 bis höchstens 500 Milligramm am Tag bleiben. Ähnlich bewertet sie Kollagen- und Proteinpulver wegen der Aminosäuren Glycin und Hydroxyprolin. Solche Einnahmen gehören bei Vorerkrankungen in ärztliche Rücksprache.
Woran erkennt man laut Scholer eine Oxalatbelastung?
Sie nennt wiederkehrende Blasenbeschwerden ohne Erregernachweis, brennende Schmerzen im Bauch oder in Armen und Beinen, Muskel- und Gelenkschmerzen, trüben Urin, hellen oder sandigen Stuhl sowie hartnäckige Pilzinfektionen als Hinweise. Messen lasse sich Oxalat im 24-Stunden-Urin oder über einen organischen Säuretest. Blut im Urin, Brennen beim Wasserlassen oder Fieber gehören immer in ärztliche Abklärung.
Muss man bei einer oxalatarmen Ernährung auf viel verzichten?
Nein, sagt Scholer. Nur wenige Lebensmittel seien so oxalatreich, dass sie wegfallen müssten. Bei allen anderen zähle die Menge; Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte und Öle enthielten praktisch keine Oxalate. Wichtig sei ihr, die Aufnahme nicht abrupt zu senken, sondern um höchstens fünf bis zehn Prozent pro Woche, weil der Körper sonst gespeicherte Oxalate auf einmal freisetze. Bei Autoimmunerkrankungen oder Nierensteinen gehört eine solche Umstellung in fachliche Begleitung.
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