Kalzium für die Knochen, am besten aus Milch. Wer über 50 ist, kennt diesen Rat als Naturgesetz. Doch ein Ehepaar aus der Vitalstoffmedizin hält ihn für die halbe Wahrheit. Im Nährstofftherapie Kongress erklärten Dr. med. Edmund Schmidt und Nathalie Schmidt, Facharzt für Allgemeinmedizin, orthomolekulare Medizin und Ernährungsmediziner (Edmund Schmidt) und Coach für orthomolekulare Medizin (Nathalie Schmidt), warum sie Kalzium fast nie als Präparat empfehlen und was der T-Score über Osteopenie und Osteoporose verrät. Ihr Gespräch trug den Titel „Starke Knochen auch im höheren Alter: Osteoporose & Osteopenie vorbeugen und behandeln“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Der Knochen lebt, und ab 30 verliert er
Knochen wirken wie totes Baumaterial. Für das Ehepaar Schmidt sind sie das Gegenteil: Gewebe im Dauerumbau, ähnlich der Haut. Zellen bauen ab, andere bauen neu auf, und nur dieser Wechsel halte den Knochen intakt. In der Jugend überwiege der Aufbau, um das 30. Lebensjahr sei der Höchststand erreicht, danach kippe die Bilanz. Wer als Kind zu wenig Kalzium oder Vitamin D bekommen habe, könne früher brüchige Knochen entwickeln.
Wo beginnt die Krankheit? Ab einem T-Score von minus 1,0 sprechen die Schmidts von einer Osteopenie, der Vorstufe, ab minus 2,5 von einer manifesten Osteoporose. An der Zahl allein wollen sie sich nicht festhalten: Wer im Minusbereich liege und sehr schwer sei, könne aus ihrer Sicht schon vorher wie eine Osteopenie behandelt werden.
Frauen treffe es etwa vier zu eins häufiger, sagt Dr. Schmidt, Männer aber auch. Als Risikofaktoren nennt er Rauchen, Alkohol, Veranlagung, chronische Erkrankungen wie Rheuma und bestimmte Medikamente, darunter aus seiner Sicht die Antibabypille. Am meisten bewegen lasse sich zwischen den beiden Schwellen.
Das Fenster heißt Osteopenie
Ist die Osteoporose erst einmal da, komme man um Medikamente in der Regel nicht herum, zumindest eine Zeit lang, so Dr. Schmidt. Vitalstoffe gebe er dazu. Der eigentliche Hebel liege früher.

Und deswegen ist es so wichtig, die Damen und Herren in der Osteopenie schon abzufangen, um sie dort schon vorbeugend zu behandeln. Und das ist die Domäne der Vitalstoffe.
Warum er bei der manifesten Osteoporose so deutlich wird, hat einen konkreten Grund.
Wenn der Wert erst mal so ist, dass der Therapeut oder Diagnostiker sagt, du hast eine Osteoporose, muss sie behandelt werden, denn nichts ist schlimmer, als dass ein Wirbelkörper einbricht. Denn dann hat man eventuell Lähmungen und muss kompliziert operiert werden.
Zur Einordnung: Die DVO-Leitlinie knüpft die medikamentöse Therapie an ein Bruchrisiko, das aus Knochendichte, Alter, Geschlecht und weiteren Faktoren berechnet wird. Wirkstoffgruppen wie Bisphosphonate oder knochenaufbauende Medikamente haben Nutzen und Nebenwirkungen; verordnete Mittel werden nie eigenmächtig abgesetzt.
Die Hormone erklärt Dr. Schmidt knapp: In den Wechseljahren versiege das Östrogen, ein wichtiger Faktor für die Knochenneubildung. Auch Männer kämen in einen Wechsel, der Abfall ihrer Geschlechtshormone wirke aber schwächer. Östrogen zu ersetzen, sei „nicht so ganz unproblematisch“; ob eine Hormonersatztherapie infrage kommt, ist eine ärztliche Abwägung von Nutzen und Risiken. Welche Nährstoffe der Knochen braucht, erklärt vor allem Nathalie Schmidt.
Sechs Nährstoffe und ein Teufelskreis
Kalzium kennt jeder. Nathalie Schmidt beginnt trotzdem woanders. Kalzium und Phosphor bildeten das Hydroxylapatit, die mineralische Knochensubstanz. Was viele nicht im Blick hätten, sei Magnesium: Sehr viele Menschen hätten einen Mangel, ohne ihn auszugleichen. Vitamin D nennt sie das Knochenvitamin an sich, und hier beginnt ihre Kette.
Das Vitamin D sorgt eben auch dafür, dass entsprechend das Calcium aus der Nahrung überhaupt erst aufgenommen werden kann. Wenn wir einen Vitamin-D-Mangel haben, haben wir automatisch auch einen Calciummangel.
Wer zu wenig Magnesium habe, bekomme einen Vitamin-D-Mangel, weil das Vitamin ohne Magnesium nicht aktiviert werde; das verschärfe den Kalziummangel. Ein Teufelskreis, wie sie sagt. Vitamin K2 fördere den Einbau von Kalzium in Knochen und Zähne; wer viel Vitamin D nehme und keine Gegenanzeigen habe, ergänze es nach ihrer Erfahrung oft sinnvoll dazu.

Die Kette, die Nathalie Schmidt beschreibt: Magnesium aktiviert das Vitamin D, Vitamin D öffnet dem Kalzium den Weg aus dem Darm ins Blut, Vitamin K2 lenkt es in den Knochen. Fehlt ein Glied, bringe auch viel Kalzium wenig, so ihre Sicht.
Dr. Schmidt ergänzt die Aminosäuren Lysin und Arginin, die aus seiner Sicht Kalziumaufnahme und Knochenaufbau unterstützen, sowie Bor, dessen Mangel hierzulande selten sei. Phosphor fehle fast nie: Ein Glas Cola decke beinahe den Tagesbedarf, zu viel störe wiederum die Vitamin-D-Umwandlung.
Hinweis der Redaktion: Mengen nennt das Gespräch dafür nicht, und die Redaktion gibt keine Dosierungsempfehlung. Vitamin K unter Vitamin-K-Antagonisten und hoch dosiertes Vitamin D gehören nur nach ärztlicher Rücksprache mit Laborkontrolle in den Alltag. Was gesichert ist, lesen Sie im Artikel Calcium und Vitamin D bei Osteoporose.
Alle diese Stoffe müssen erst in den Körper gelangen. Genau dort sieht Dr. Schmidt eine Falle.
Der Umweg über den Darm
Der Darm sei kein Ausscheidungsorgan, sagt Dr. Schmidt, sondern zuständig für Immunsystem, Stoffwechsel und die Aufnahme der Nährstoffe, die der Knochen brauche. Sein eindringlichstes Beispiel ist ein Medikament: Protonenpumpenhemmer, im Alltag Magensäureblocker genannt, oft monatelang genommen. Nach seiner Vorstellung fehle dann im Magen die Säure, das saure Milieu verschiebe sich in den Dünndarm, und genau dort funktioniere die Aufnahme der Vitalstoffe nicht mehr richtig. Kalziummangel, Vitamin-D-Mangel, dazu wenig Östrogen in der Menopause: So könne eine Osteoporose entstehen, die „manchmal ganz banal“ sei.

Zur Einordnung: In einer Fall-Kontroll-Studie aus britischen Hausarztdaten (13.556 Hüftbrüche, 135.386 Kontrollen, alle über 50) stieg das bereinigte Chancenverhältnis für einen Hüftbruch mit der Dauer der Einnahme von Protonenpumpenhemmern: 1,22 nach einem Jahr (95-%-Konfidenzintervall 1,15 bis 1,30), 1,41 nach zwei, 1,54 nach drei und 1,59 nach vier Jahren (1,39 bis 1,80). Bei mehr als einem Jahr Einnahme lag es insgesamt bei 1,44, bei langfristig hoher Dosis bei 2,65. Beobachtungsdaten belegen einen Zusammenhang, keinen Ursachenbeweis. Quelle: Yang YX et al. 2006, JAMA 296(24):2947-53, PMID 17190895.
Ein Hinweis der Redaktion: Magensäureblocker haben bei Refluxkrankheit, Geschwüren oder als Magenschutz ihren Platz. Ob und wie lange Sie sie brauchen, klären Sie ärztlich; eigenmächtiges Absetzen kann Beschwerden zurückbringen.
Milch, Kalzium und die Frage, was man wirklich ergänzt
Jetzt zur Milch. Sie sei für die meisten Menschen die Hauptquelle für Kalzium, räumt Nathalie Schmidt ein, aber nicht die einzige: Grünes Gemüse liefere ebenfalls Kalzium, und viele vertrügen Milchprodukte schlecht. Ihr Mann geht einen Schritt weiter.
Also Kuhmilch ist die Ernährung für Kälber, und die Milch als Ernährung für den Menschen wäre die Muttermilch. Letzten Endes ist Milch keine physiologische Geschichte.
Sein zentraler Punkt betrifft die Präparate: Kalzium ergänze man heute nur in wenigen Ausnahmen, weil ein Überschuss nach Einschätzung des Ehepaars Gefäßverkalkung und Nierensteine fördere. Sinnvoller sei es, Vitamin D und Magnesium in Ordnung zu bringen, damit das Kalzium aus der Nahrung ankommt. Die Bewertung der Milch als „nicht physiologisch“ ist die Position der Schmidts; ernährungswissenschaftlich gilt Milch als gut verwertbare Kalziumquelle, und die Studienlage zu Kalziumpräparaten und Herz-Kreislauf-Risiken ist uneinheitlich. Mehr dazu im Artikel Ernährung und Bewegung bei Osteoporose.
Magnesium müsse dagegen häufiger ergänzt werden, etwa bei Schilddrüsenunterfunktion oder Diabetes, sagt Nathalie Schmidt. Wer supplementiere, solle es sich einfach machen, ergänzt Dr. Schmidt: ein Kombinationspräparat, ein- oder zweimal täglich; zwei Wochen Kur bringe nichts. Dazu gehöre Bewegung: Knochen bräuchten Muskeln, ab 40 sei Krafttraining sinnvoll, und wer mit 70 kein Fitnessstudio wolle, gewinne schon mit dem Gang um den Block. Bei bekannter Osteoporose gehört der Trainingsbeginn in ärztliche Rücksprache, mit Blick auf Sturz- und Bruchrisiko; was geht, zeigt der Artikel Krafttraining bei Osteoporose.
Lässt sich eine Osteopenie zurückdrehen?
Vielleicht denken Sie jetzt: Dann nehme ich eben Vitalstoffe statt Tabletten. Genau davor warnt Dr. Schmidt.
Aber jetzt einfach zu sagen, nimm Vitalstoffe bei einer Osteoporose, das ist gefährlich, würde ich nicht empfehlen. Das ist auch unseriös. Also ich mache so etwas nur in Begleitung.
Bessern sich die Werte unter Medikamenten und Vitalstoffen, spreche nichts dagegen, die Medikamente ärztlich begleitet zu reduzieren. Der erste Erfolg sieht für beide bescheidener aus, als viele hoffen.
Null Verschlechterung ist oft auch ein gutes Ergebnis. Bei den Politikern heißt es ja immer die schwarze Null. Also positiv denken.
Die Osteopenie selbst halten beide aus ihrer Erfahrung für umkehrbar. Das ist Praxiserfahrung; belastbare Studien, die eine Umkehr allein durch Nahrungsergänzung zeigen, fehlen. Wie ein anderer Kongressgast Kollagen, Krafttraining und Mikronährstoffe für Knochen und Gelenke zusammendenkt, lesen Sie im Interview mit Dr. Martin Krowicki.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Das Ehepaar Schmidt verschiebt den Blick von der Osteoporose auf die Zeit davor. Die Osteopenie ist für beide das Fenster, in dem Ernährung, Bewegung und Vitalstoffe aus ihrer Sicht am meisten ausrichten. Ihre Reihenfolge: erst Magnesium und Vitamin D, dann K2, Kalzium nur aus der Nahrung. Zwei Sätze von Dr. Schmidt tragen den Rest: Eine manifeste Osteoporose gehört in medikamentöse Behandlung, Vitalstoffe allein hält er für unseriös. Und wer dauerhaft Magensäureblocker nimmt, sollte seine Knochen im Blick haben.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Nathalie Schmidt ist Coach für orthomolekulare Medizin, keine Ärztin. Osteoporose-Medikamente, Magensäureblocker und andere verordnete Arzneimittel werden nie ohne ärztliche Rücksprache abgesetzt oder verändert; Nahrungsergänzung in höherer Dosis gehört unter ärztliche Begleitung mit Laborkontrolle. Bei plötzlichem Rückenschmerz nach einem Sturz, Lähmungen oder Gefühlsstörungen suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Osteopenie und Osteoporose?
Betrifft Osteoporose nur Frauen?
Warum empfiehlt das Ehepaar Schmidt kein Kalziumpräparat?
Was haben Magensäureblocker mit den Knochen zu tun?
Reicht bei einer Osteoporose eine Ernährungsumstellung?
Kann sich eine Osteopenie zurückbilden?
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