Bei einer Autoimmunerkrankung richtet sich die Behandlung fast immer gegen das Immunsystem: bremsen, dämpfen, stillstellen. Doch Laszlo Schlindwein, Heilpraktiker & Apotheker, setzt seinen Blick eine Etage tiefer an. Beim Autoimmunkongress erklärte er, warum er bei jeder dieser Erkrankungen zuerst auf den Darm schaut, was kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat dort leisten und weshalb der Rat „mehr Ballaststoffe“ nach seiner Erfahrung nicht zu jedem Darm passt. Das vollständige Gespräch läuft im Kongress.
Der Regenwald im Bauch
Warum sollte ein Apotheker bei Hashimoto, Neurodermitis oder rheumatoider Arthritis zuerst nach dem Darm fragen? Schlindweins Antwort beginnt mit einer Zahl.
80 Prozent des Immunsystems sitzen im Darm. Und das ist eigentlich schon der wichtigste Punkt, weil, wenn wir über Autoimmunkrankheiten reden, dann hat immer das Immunsystem natürlich damit was zu tun.
Wie groß dieser Anteil genau ist, beziffert die Fachliteratur unterschiedlich. Sein Bild für den Darm ist ein Regenwald: Der Boden entspricht der Darmschleimhaut, das Klima dem Darmmilieu, etwa dem pH-Wert, die Tier- und Pflanzenarten den Mikroben. Stimmen alle drei, gedeiht das Ökosystem. Kippt eines, wachsen nach seiner Darstellung opportunistische Keime, die Schleimschicht wird dünner, und Bausteine aus Bakterienhüllen, die sogenannten LPS, geraten vermehrt an das Immunsystem. Eine Autoimmunerkrankung sei im Kern eine Disbalance dieses Systems, das nicht mehr sicher zwischen fremd und eigen unterscheide. Wie diese Unterscheidung funktioniert, erklärt Dr. med. Jenny Koch im Interview über das Immunsystem aus demselben Kongress.
Womit der Darm dieses Gleichgewicht selbst stützt, ist für Schlindwein das eigentlich spannende Thema.
Was kurzkettige Fettsäuren im Dickdarm tun
Kurzkettige Fettsäuren, in der Forschung unter dem englischen Kürzel SCFA geführt, zählt Schlindwein zu den wichtigsten Produkten eines gesunden Darms. Die bekanntesten heißen Butyrat, Acetat und Propionat.
Diese kurzkettigen sind teilweise auch in Nahrungsmitteln enthalten, aber größtenteils werden sie im Darm selbst produziert.
Hergestellt werden sie nach seiner Beschreibung von Darmbakterien, vor allem aus Ballaststoffen, die der Mensch selbst nicht verdauen kann. Zwei Wirkungen hebt er hervor. Erstens dienten sie den Mitochondrien der Darmzellen als Energielieferant. Zweitens griffen sie über die Genexpression in die Darmwand ein: Die Schleimbildung werde angeregt, der Zusammenhalt der Darmzellen gestützt, entzündungsfördernde Botenstoffe, die Zytokine, heruntergefahren.

So beschreibt Laszlo Schlindwein die Kette: Darmbakterien zerlegen Ballaststoffe, dabei entsteht Butyrat, das den Darmzellen Energie liefert und nach seiner Darstellung Schleimbildung und Zellzusammenhalt stützt.
Mit Fett im Sinne von Omega-3 habe das wenig zu tun, stellte er auf Nachfrage klar: Die kurze Kohlenstoffkette schicke diese Fettsäuren auf andere Stoffwechselwege als die langkettigen aus Öl oder Fisch.
Wenn Bakterien aus Ballaststoffen Butyrat machen, liegt der Schluss nahe: einfach mehr Ballaststoffe essen. Genau hier bremst Schlindwein.
Der Haken bei den Ballaststoffen
Die Rechnung „mehr Fasern, mehr Butyrat“ gehe nur in einem gesunden Darm auf, sagt er.
Trotzdem ist das ein zweischneidiges Schwert. Wenn der Darm schon gestört ist, dann kann er nicht so gut mit diesen Ballaststoffen umgehen. Das kann dann teilweise kontraproduktiv sein.
Die Folgen kennen viele Betroffene: Blähungen, ein aufgetriebener Bauch, nach seiner Beobachtung teils eine Verschiebung der Bakterien in die falsche Richtung. Im Regenwald-Bild: Dünger auf ausgelaugtem Boden ergibt keinen Wald, der Boden müsse ihn erst verarbeiten können.
Die Moderatorin brachte Menschen ins Spiel, die mit rein tierischer Kost ohne Ballaststoffe über schwere Autoimmunreaktionen hinweggekommen seien. Schlindwein ordnete das als Eliminationsdiät ein, die alles weglasse, worauf das Immunsystem reagieren könnte; aus seiner Praxis berichtet er von deutlichen Besserungen, kurzfristig und mit dem Ziel, später wieder Lebensmittel einzuführen. Einordnung der Redaktion: Für den Nutzen streng tierischer Kost bei Autoimmunerkrankungen fehlen kontrollierte Studien, eine so einseitige Ernährung birgt Mängelrisiken, und Ernährungsumstellungen bei einer Autoimmunerkrankung gehören in ärztliche Begleitung.

Zur Einordnung: In der Nationalen Verzehrsstudie II lag die mediane Ballaststoffzufuhr bei Männern zwischen 35 und 80 Jahren bei 25,5 bis 25,7 g pro Tag, bei Frauen bei 23,1 bis 24,5 g; der Richtwert der Fachgesellschaften beträgt mindestens 30 g. Insgesamt blieben 68,0 Prozent der Männer und 75,2 Prozent der Frauen darunter (7.093 Männer, 8.278 Frauen, 14 bis 80 Jahre). Quelle: Max Rubner-Institut 2008, Nationale Verzehrsstudie II, Ergebnisbericht Teil 2, Tabelle A.28.
Was passiert, wenn das Ökosystem kippt, zeigt sich für Schlindwein an einer Schicht, die nur eine Zelle dick ist.
Eine Zelle dick: die Darmbarriere

Das Darmepithel, also die Darmzellschicht, ist einzellig. Das heißt, sie ist sehr dünn und sehr empfindlich. Deswegen ist es so wichtig, dass wir den Darm auch gesund halten.
Über dieser Schicht liegt der Muzin-Schleim, den er als erste Abfangblockade beschreibt. In einer Dysbiose werde er dünner, entzündungsfördernde Bakterien nähmen zu, zwischen den Darmzellen könnten sich Lücken öffnen. Schlindwein spricht von einem Leaky Gut, einem durchlässigen Darm. Zur Einordnung: Eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmwand ist messbar, ob sie als eigenständiges Krankheitsbild taugt, ist in der Fachwelt umstritten.
Durch solche Lücken gelangten Nahrungsbestandteile und Bakterienbausteine wie LPS an die Immunzellen unter der Darmwand: Mastzellen, die Histamin freisetzen, Makrophagen, die Interleukin-6 und TNF-alpha ausschütten. Diese Kaskaden ließen sich im Blut messen und signalisierten Alarm, obwohl der Auslöser nach Schlindweins Worten vielleicht nur Ernährung, Stress oder eine emotionale Belastung sei. Eine dauerhaft leicht erhöhte Aktivität solcher Botenstoffe heißt stille Entzündung. Kurzkettige Fettsäuren seien hier die Gegenspieler: Sie stützten Schleim und Zellverbindungen und dämpften die Zytokine.
Was eine Stuhlprobe zeigt
Schlindwein arbeitet mit Stuhlanalysen spezialisierter Labore: Dysbiose-Index, bakterielle Vielfalt, Butyrat-Gehalt, Marker für Schleimhautschutz und entzündungsfördernde Bakterien. Dazu nennt er Zonulin und Alpha-1-Antitrypsin als Hinweise auf Durchlässigkeit, Calprotectin und Lactoferrin für Entzündung im Darm. Für die Deutung hat er einen klaren Rat.
Optimalerweise sucht man sich jemanden, der so ein bisschen Ahnung davon hat, weil es sonst als Patient sehr schnell unübersichtlich wird.
Hinweis der Redaktion: Bei Blut im Stuhl, anhaltendem Durchfall, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust gehört die Abklärung zuerst in die ärztliche Praxis, nicht in einen Selbsttest.
Womit Schlindwein anfangen würde
Wo er bei einer Autoimmunerkrankung selbst beginnen würde? Nicht mit einem Präparat, sondern mit einer Streichliste.
Wichtiger als was du isst, ist, was du nicht mehr isst.
Gemeint sind hochverarbeitete Produkte, die er nicht als Lebensmittel gelten lässt. Danach schaut er individuell: Weizen sei bei seinen Patienten oft ein Problem, Milchprodukte könnten das Immunsystem reizen, müssten es aber nicht, Hülsenfrüchte seien bei gesundem Darm und richtiger Zubereitung sinnvoll, bei gereiztem Darm wegen ihrer Lektine schwierig. Was Gluten bei Zöliakie auslöst, beschreibt Dr. med. Cornelia Ott im Interview über Zöliakie aus demselben Kongress; die Rolle der Ernährung bei verschleißbedingten Gelenkbeschwerden zeigt unser Artikel Arthrose und Ernährung.
Danach folgen Bewegung ohne Überlastung, denn intensiver Sport sei selbst ein Stressor für den Darm, und der Abbau von Dauerstress.
Parasympathikus ist König. Das ist nicht verhandelbar.
Verdauung und Reparatur liefen nur im Ruhemodus des Nervensystems; er nennt aktive Pausen, ein tragendes Umfeld, Zeit in der Natur. Ergänzend setzt er anfangs Mikronährstoffe ein, etwa Aminosäuren, Omega-3-Fettsäuren, Zink, Selen, Magnesium und Vitamin D, ausgerichtet an Laboranalysen. Was die Studienlage zu Nahrungsergänzungen hergibt, zeigt für Gelenkbeschwerden der Artikel Supplemente bei Arthrose zusammengetragen.
Ein Punkt gehört klar benannt: Schlindwein äußert sich kritisch zur Dauertherapie mit Kortisonpräparaten, die das Immunsystem unterdrücken und nach seinen Worten Nebenwirkungen an Knochen, Muskeln, Gewicht und Kreislauf haben können. Die Redaktion hält fest: Kortison und Immunsuppressiva werden bei Autoimmunerkrankungen aus guten Gründen verordnet und nie ohne ärztliche Rücksprache reduziert oder abgesetzt; auch Nahrungsergänzung gehört bei bestehender Erkrankung in ärztliche Begleitung.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Laszlo Schlindwein liest eine Autoimmunerkrankung vom Darm her. Darmschleimhaut, Milieu und Bakterienvielfalt bilden für ihn das Fundament; kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat sind in seiner Darstellung die Währung, mit der ein gesunder Darm Schleim, Zellzusammenhalt und Ruhe im Immunsystem bezahlt. Sein überraschendster Punkt ist die Warnung vor dem Reflex „mehr Ballaststoffe“: Ein gereizter Darm könne sie nicht verwerten, deshalb komme zuerst die Streichliste, dann der Aufbau.
Vieles davon ist Praxiserfahrung, keine Leitlinie, und die Studienlage zu Butyrat beim Menschen ist im Aufbau. Zwei Fragen aus dem Gespräch bleiben: Was steht auf der eigenen Streichliste? Und mit wem werden Laborwerte besprochen, bevor sich etwas ändert?
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Laszlo Schlindwein ist Heilpraktiker & Apotheker, kein Arzt. Autoimmunerkrankungen gehören in fachärztliche Betreuung; Ernährungsumstellungen, Nahrungsergänzung und jede Änderung verordneter Medikamente, insbesondere von Kortison oder Immunsuppressiva, besprechen Sie immer mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Häufige Fragen
Was sind kurzkettige Fettsäuren und wo entstehen sie?
Warum sind kurzkettige Fettsäuren für das Immunsystem wichtig?
Sollte man bei einer Autoimmunerkrankung einfach mehr Ballaststoffe essen?
Was meint Schlindwein mit Leaky Gut?
Welche Laborwerte nennt Schlindwein für den Darm?
Womit würde Schlindwein bei einer Autoimmunerkrankung anfangen?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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