Die Schilddrüsenwerte sind unauffällig, die Erschöpfung bleibt. Viele Frauen kennen diese Lücke zwischen Befund und Befinden. Doch was, wenn Müdigkeit, Allergien und Hashimoto einen gemeinsamen Nenner haben, den in Deutschland kaum ein Labor misst? Beim Autoimmunkongress vertrat Dr. rer. nat. Tina Ritter, Biologin und Heilpraktikerin, genau diese These. Ihr Thema: HPU, die Hämopyrrollaktamurie, aus ihrer Sicht eine übersehene Wurzel vieler Autoimmunerkrankungen. Die Schulmedizin kennt HPU nicht als Diagnose. Und Ritter sagt überraschend offen, warum die Zweifel lange berechtigt waren. Das vollständige Gespräch sehen Sie im Kongress.
Eine Störung mit schlechtem Ruf
Wer das Kürzel HPU in eine Arztpraxis trägt, erntet oft Stirnrunzeln. Ritter weicht dem nicht aus. Die Forschung dazu habe in der Psychiatrie begonnen, einem lange wenig beachteten Feld. Und die frühen Tests hätten schlicht nicht getaugt.
Das Testverfahren war nicht verlässlich, im letzten Jahrhundert muss man eigentlich fast sagen. Und wir haben in Deutschland immer noch das Problem, dass kein wirklich supersensitives Testverfahren angewendet wird. Also eigentlich kann man sagen, die wird zu Recht angezweifelt.
Ritter ordnet HPU den toxisch induzierbaren Porphyrien zu und verweist auf den Diagnoseschlüssel ICD. Zur Einordnung: Der Schlüssel E80 umfasst Porphyrinstoffwechselstörungen allgemein; HPU als eigene Diagnose steht weder dort noch in einer Leitlinie, kontrollierte Studien zu Test und Behandlung fehlen. Wie häufig HPU sei? Ritter nennt zehn Prozent der Frauen und ein Prozent der Männer, ohne eine unabhängige Quelle. Was aber soll in diesem Stoffwechsel schieflaufen?
Vom Nervengift zum Gewebeadukt
Ritter spricht von einer Störung, nicht von einer Krankheit, und die sei genetisch angelegt. Im Kern gehe es um Häm, den Baustein, der im Blut Sauerstoff transportiert und in den Mitochondrien Energie liefert. Bei HPU laufe dieser Aufbau nicht rund: Es entstehe zu wenig Häm, und es falle ein Nebenprodukt an, das Hämopyrrollaktam, das sie als Nervengift bezeichnet. Um es auszuscheiden, brauche der Körper mehr Zink und Vitamin B6, als die Nahrung liefern könne.
Und so können wir eigentlich eine große Überschrift über die HPU sagen: Das ist eine Entgiftungsstörung. Der Patient ist schon am Limit mit seinem Entgiftungssystem und kommt dadurch natürlich auch noch schneller ans Limit, wenn noch weitere Toxine dazukommen.
Als Auslöser nennt sie Infektionen, Schwermetalle, Schlafmangel und Dauerstress. Rund 90 Prozent ihrer Patienten klagten über rasche Erschöpfung, dazu kämen Allergien, Unverträglichkeiten und Reizdarm. Der Schritt zur Autoimmunität führt in ihrem Modell über die Einlagerung: Wer über Jahre zu wenig Zink und B6 habe, lagere das Nebenprodukt im Gewebe ab. Ritter nennt das Gewebeadukte. Wo sich etwas Fremdes an körpereigene Strukturen hänge, könne das Immunsystem die Stelle falsch lesen und aus Versehen gegen eigenes Gewebe vorgehen.

Zwei Wege für ein Nebenprodukt: Mit Zink und Vitamin B6 werde es gebunden und ausgeschieden, beschreibt Dr. rer. nat. Tina Ritter. Fehlen die beiden über Jahre, lagere es sich im Gewebe ab, und das Immunsystem greife die markierte Stelle an. Das ist Ritters Modell, kein gesicherter Mechanismus.
Ob das Modell trägt, ist offen; belegt ist die Kette nicht. Am deutlichsten sieht Ritter sie an der Schilddrüse.
Hashimoto als Wink mit dem Zaunpfahl
Zink, Vitamin B6 und Mangan seien auch für die Schilddrüse wichtig, sagt Ritter. Fehlten sie, arbeite das Organ schlechter, es entstehe oxidativer Stress im Gewebe, und eine Autoimmunreaktion habe leichtes Spiel. Ihre Schlussfolgerung formuliert sie zugespitzt.

Ich sage immer, Hashimoto ist eigentlich ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass man mal auf HPU testet.
In 15 Jahren Praxis, so Ritter, sei ihr keine Hashimoto-Patientin mit negativem HPU-Test begegnet. Die Beobachtung stammt aus einer Praxis, in die Menschen meist mit konkretem Verdacht kommen; eine Kontrollgruppe gibt es nicht.
Auffällig findet Ritter zudem, wann die Hashimoto bei ihren Patientinnen auftrete: in Phasen hormonellen Umbruchs, also Pubertät, Absetzen der Pille, Zeit nach einer Geburt, Wechseljahre. Viele Frauen hätten lange einen unterdrückten TSH-Wert und würden erst nach Jahren auffällig. Was ein TSH-Wert zeigt und was nicht, erklärt Dr. med. Gerald Menschik im Interview über den Schilddrüsenwert TSH aus demselben Kongress.

Zur Einordnung: In der britischen Whickham-Kohorte (2.779 Erwachsene, 20 Jahre Nachbeobachtung) erkrankten je 1.000 Frauen und Jahr 3,5 an einer spontanen Schilddrüsenunterfunktion, alle Ursachen zusammen 4,1; bei Männern waren es 0,6. Die Studie sagt nichts über HPU aus, sie zeigt nur, wie ungleich die Unterfunktion zwischen den Geschlechtern verteilt ist. Quelle: Vanderpump MP et al. 1995, Clin Endocrinol (Oxf) 43(1):55-68, PMID 7641412.
Warum Ritter dem Blutwert misstraut
Wer HPU vermutet, lässt Zink oder B6 im Blut messen. Naheliegend, findet Ritter, und trotzdem verkehrt: Vitamin B6 sitze zu 99 Prozent in der Muskulatur, nur ein Prozent im Blut.
Was wir im Blut sehen, ist eine Versorgungssituation. Der Körper versucht, diese Parameter im Gleichgewicht zu halten, um überall ausreichend die Zellen damit versorgen zu können. Das sagt aber gar nichts darüber aus, wie der Stoffwechsel funktioniert. Wie ein Stoffwechsel funktioniert, sehe ich nur im Urin, in dem, was prozessiert wurde oder nicht prozessiert wurde.
Bei den Urintests zieht sie eine scharfe Linie. Der ältere KPU-Test (Kryptopyrrolurie) messe alle Pyrrole mit einem alten Reagenz und schlage auch bei Menschen ohne HPU an, etwa nach Giftkontakt oder bei krankem Darm; aus ihrer Sicht ist er nicht spezifisch. Der HPU-Test eines niederländischen Labors fische den Komplex dagegen mit zwei Antikörpern aus dem Urin, deutsche Labore hätten die Grundsubstanz nicht isoliert. Chronisch Kranken rät sie zum 24-Stunden-Sammelurin. Eine unabhängige Validierung dieses Verfahrens nennt das Gespräch nicht.
Ritter zählt sich selbst zu den Betroffenen.
Wir werden permanent in eine psychische Ecke geschoben, weil unsere Symptome oft nicht erklärbar sind. Wir sind schulmedizinisch betrachtet oft gesund. Wir haben schöne Laborwerte und fühlen uns dabei total schrecklich.
Genau deshalb brauche es ein Testverfahren, das vor Ärzten Bestand habe, und eine Therapie, die sich biochemisch begründen lasse. Ihr Ausgleich ist dabei kleiner, als man denkt.
Drei Nährstoffe statt Vitamin-B-Komplex
Einfach einen B-Komplex nehmen? Ritter winkt ab. Der Ausgleich funktioniere mit drei, höchstens vier Mikronährstoffen: Zink, Mangan, aktivem Vitamin B6 und etwas Magnesium. Das aktive B6 heißt Pyridoxal-5-Phosphat, kurz P5P. Gewöhnliches Pyridoxin müsse der Körper erst umbauen, und genau dieser Schritt hänge bei erschöpften Menschen; die Zelle könne an B6 verhungern, während der Blutspiegel hoch aussehe. Gegen den B-Komplex spricht für sie, dass die Phosphatgruppe bevorzugt zum Vitamin B1 wandere. Sie trennt deshalb zeitlich: morgens der HPU-Ausgleich, mittags bei Bedarf ein B-Komplex, abends ein Multivitamin ohne Kupfer, dem Gegenspieler von Zink. Dazu erzählt sie eine Anekdote aus ihrer Jugend.
Ich bin da Woche um Woche hin und wurde immer langsamer, immer müder, trauriger, habe das Ding abgebrochen, habe gesagt: Leute, das ist einfach irgendwie nichts für mich. Und habe nicht verstanden, warum das für andere immer so gut funktioniert und für mich nicht.
Gemeint ist eine Eiweiß-Shake-Diät mit 18, die sie sich heute mit fehlendem B6 erklärt. Ihr Ernährungsrat lautet deshalb eher Low Carb mit konstantem Blutzucker als strikt ketogen, weil die Schilddrüse für die Umwandlung von T4 in T3 etwas Kohlenhydrate brauche. Fruktosereiche Mahlzeiten begrenzt sie auf eine am Tag.
Ein Hinweis der Redaktion: Ritter selbst sagt, chronisch Kranke, zu denen sie Autoimmunerkrankungen zählt, gehörten in therapeutische Hände. Hochdosiertes Zink, Mangan oder Vitamin B6 nehmen Sie nie ohne ärztliche Rücksprache, erst recht nicht bei Schilddrüsenmedikation oder in der Schwangerschaft; Schilddrüsenhormone setzt niemand eigenmächtig ab. Was die Studienlage zu Nahrungsergänzung hergibt, zeigt unser Artikel über Supplemente bei Arthrose; Grundsätze einer entzündungsarmen Kost stehen in den Ernährungsgrundlagen bei Arthrose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Tina Ritter liefert ein geschlossenes Modell: eine angeborene Störung der Häm-Bildung, ein giftiges Nebenprodukt, ein chronischer Verbrauch von Zink und Vitamin B6, Ablagerungen im Gewebe, ein irritiertes Immunsystem. Für sie erklärt das, warum manche Menschen Autoimmunerkrankungen entwickeln und andere nicht.
Ebenso klar ist, was fehlt: unabhängige Studien, ein standardisierter Test, eine Anerkennung in Leitlinien. Ritter benennt diese Lücke selbst. Wer sich in ihren Schilderungen wiedererkennt, hat einen Gesprächsanlass für die eigene Ärztin oder den eigenen Arzt, keine Diagnose. Wie das Immunsystem eigen von fremd unterscheidet und wo das kippt, erklärt Dr. med. Jenny Koch im Interview über Autoimmunität aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Dr. rer. nat. Tina Ritter ist Biologin und Heilpraktikerin, keine Ärztin; HPU ist keine schulmedizinisch anerkannte Diagnose. Autoimmun- und Schilddrüsenerkrankungen gehören in fachärztliche Betreuung; Nahrungsergänzung in hoher Dosis und jede Änderung an Medikamenten besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Häufige Fragen
Was ist HPU?
Ist HPU wissenschaftlich anerkannt?
Wie hängen HPU und Hashimoto nach Ritters Sicht zusammen?
Warum will Ritter den Test im Urin und nicht im Blut?
Welche Nährstoffe nennt Ritter, und was rät die Redaktion?
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