Müde trotz acht Stunden Schlaf, der Kopf wie in Watte, und die Blutwerte angeblich in Ordnung. Der übliche Rat: weniger Stress. Doch Sarita Preissl setzt tiefer an, bei den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen. Beim Stille Entzündungen Kongress vertrat sie, Spezialistin für Darmgesundheit, Mikronährstoffcoach, Medizinprodukteberaterin, Ausbildung in neurosystemische Integration, eine unbequeme These: Chronische Erschöpfung entsteht selten aus einem einzelnen Ereignis. Es brauche zwei Treffer, und der erste liege oft Jahre zurück. Ihr Gespräch trug den Titel „Mitochondrien-Burnout: Warum du ständig erschöpft bist und wie du deine Zellkraftwerke neu zündest“; das vollständige Interview ist als Aufzeichnung im Kongress zu sehen.
Der Balken biegt sich, lange bevor er bricht
Woher kommt eine Erschöpfung, die niemand kommen sah? Preissl arbeitet mit dem Bild eines Balkens, der sich unter Last biegt. Wer die Vorgeschichte Betroffener abfrage, finde die Warnzeichen fast immer Jahre früher: Hautprobleme, ein unruhiger Darm, schlechter Schlaf. Sie beruft sich auf ein Zwei-Treffer-Modell. Der erste Treffer sei eine Vorbelastung, genetisch, über den Darm, die Ernährung oder den Geburtsmodus. Der zweite lasse den Balken brechen: eine Virusinfektion wie Epstein-Barr oder Corona, ein Unfall, aus ihrer Sicht auch ein Eingriff beim Zahnarzt.
Klar, wenn ich jetzt einen Unfall habe und dann gelähmt bin, bin ich gelähmt. Da brauche ich nicht zwei Treffer, da reicht einer. Aber so ein Erschöpfungssyndrom, Burn-out, das kommt nicht von heute auf morgen. Das ist eine Entwicklung.
Dahinter steckt eine persönliche Geschichte. Mit ihrer Tochter sei sie von Arzt zu Arzt gelaufen und habe jedes Mal nur eine Creme bekommen. Genau dort beginne der Fehler: Symptome überbrücken, statt nach der Ursache zu fragen. Ihr Vergleich: die Kontrollleuchte im Auto.
Beim Auto machen wir das regelmäßig, aber wir Menschen, wir überbrücken einfach. Warten wir einfach, bis es wieder weg ist. Und das ist der riesengroße Fehler.
Was aber passiert nach dem zweiten Treffer im Körper? Preissl beschreibt eine Spirale, die sich von selbst weiterdreht.
Die Abwärtsspirale: Entzündung frisst Nährstoffe
Am Anfang steht aus ihrer Sicht oxidativer Stress. Er befeuere stille Entzündungen, die Entzündungen legten die Mitochondrien lahm, und die lieferten weniger Energie. Zugleich verbrauche der Körper seine Schutzstoffe: Selen, Zink, B-Vitamine, besonders B6. Fehlten sie, fielen die Schutzenzyme aus, der oxidative Stress steige weiter, die Runde beginne von vorn. Jedes Mal eine Stufe tiefer.
Dann werden die Mitochondrien schwächer, dann haben wir weniger Energie, weil in den Mitochondrien wird ja ATP produziert. Dann fallen unsere Schutzsysteme zusammen. Das sind teilweise Enzyme, die dafür sorgen, dass oxidativer Stress abgebaut wird.

Kreis mit Abwärtsdrall: Sarita Preissl beschreibt, wie oxidativer Stress stille Entzündungen anfacht, die Mitochondrien bremst, Schutznährstoffe aufzehrt und die Energie sinken lässt, bis die nächste Runde auf niedrigerem Niveau beginnt.
Als Quellen des oxidativen Stresses nennt Preissl neben Infekten eine instabile Halswirbelsäule und die sogenannte HPU, eine in der Umweltmedizin nach Dr. Bodo Kuklinski diskutierte Stoffwechselstörung. Beides ist ihre Sicht. In der wissenschaftlichen Medizin ist HPU als Krankheitsbild nicht anerkannt, Belege für die Halswirbelsäule als Erschöpfungsursache sind dünn; Preissl selbst räumt ein, aus Studien wisse man dazu „nicht viel“.
Bleibt die Spirale im Körper? Nein, sagt Preissl. Sie erreicht ein Organ, das bei Müdigkeit selten verdächtigt wird.
Wenn die Entzündung den Kopf erreicht
Preissl verweist auf die Blut-Hirn-Schranke: Entzündungsbotenstoffe könnten ins Gehirn gelangen und dort eine Neuroinflammation auslösen. Die Folgen, die sie nennt, kennen viele Erschöpfte: Nebel im Kopf, ein dauerhaft alarmiertes Angstzentrum (die Amygdala), weniger beruhigendes GABA, mehr Stresshormone, verändertes Schmerzempfinden. Der Griff zur Tablette dämpfe das Symptom, ändere an der Spirale aber nichts:
Ich habe Kopfweh und schmeiße mir eine Ibuprofen oder eine Paracetamol rein und die Kopfschmerzen hören auf. Diese Spirale läuft ja trotzdem weiter. Ich ändere nichts an der Ursache, aber es geht mir ganz kurz gut.
Dasselbe gelte für die Creme bei Neurodermitis, das Antihistaminikum oder den Magensäureblocker: kurz besser, Ursache unverändert. Ein Hinweis der Redaktion: Verordnete Medikamente setzt niemand auf eigene Faust ab, und anhaltende Erschöpfung gehört ärztlich abgeklärt, erst recht bei Gewichtsverlust, Fieber, Nachtschweiß oder Atemnot. Warum Blutwerte trügen können, erklärt Dr. med. Sabine Zitzmann im Interview über Müdigkeit trotz guter Blutwerte aus demselben Kongress.
Was also tun, während die Ursache gesucht wird? Preissl beginnt bei dem, was den Kraftwerken fehlt.
Was die Zellkraftwerke brauchen
Pauschal gesagt brauchten die Mitochondrien fast alle Nährstoffe, so Preissl. Ihre Basics: Omega-3-Fettsäuren, für sie der wichtigste Nährstoff gegen Entzündungen, der nach ihrer Erfahrung fast allen fehle, auch Menschen mit einer Fischmahlzeit pro Woche. Coenzym Q10, aus ihrer Sicht ab 30 und bei Mitochondrienproblemen wichtig. L-Carnitin, das ihr selbst bei Konzentrationsproblemen helfe. Magnesium als Grundnährstoff der Energiebildung, B-Vitamine als Bausteine, dazu Selen, Mangan und Zink, aus denen der Körper eigene Antioxidantien baue. Kalium würde sie nur nach Messung ergänzen, Alpha-Liponsäure nur langsam einschleichen, weil sie den Blutzucker senken könne.
Die Redaktion ergänzt: Wer Diabetes-Medikamente nimmt, schwanger ist oder chronisch krank, bespricht jede Nahrungsergänzung vorher ärztlich. Was die Studienlage zu Nahrungsergänzung hergibt, zeigt unser Artikel über Supplemente bei Arthrose.

Bei aller Begeisterung bremst Preissl die Erwartungen selbst.

Ich möchte auch wirklich betonen: Wenn man schwer krank ist, kann es sein, dass es nicht der Game Changer ist, nur zwei, drei Nährstoffe zuzuführen. Aber es kann im Gesamtprozess unterstützen. Notfalls einfach messen und sich begleiten lassen.
Wie passen Pflanzen und Pilze ins Bild? Preissl hat dafür eine Regel, die sie selbst zu selten befolgt.
Pilze, Grüntee, Olivenblatt und die Kunst des Einschleichens
Auf Preissls Folien stehen Polysaccharide aus Heilpilzen, die nach ihrer Beschreibung über die Darmbakterien wirkten. Reishi nennt sie bei Histaminproblemen und Schlafstörungen, Hericium für das Nervensystem, Cordyceps für die Mitochondrien; die Studie dazu stamme allerdings aus der Adipositasforschung, wie sie selbst einräumt. Grüntee-Extrakt und Olivenblattextrakt federten aus ihrer Sicht oxidativen Stress ab, Astaxanthin habe sie persönlich als starkes Antioxidans erlebt. Erfahrungsberichte, keine Studienergebnisse; wie ein Pflanzenstoff in Leitlinien bewertet wird, zeigt unser Artikel über Curcumin und seine Dosierung.
Ihr wichtigster Rat: Wer vorerkrankt sei, vertrage Pflanzenstoffe und Nährstoffe oft schlechter, reagiere auf Salicylsäure, Oxalsäure oder das schwer verdauliche Chitin der Pilze. Deshalb klein beginnen.
Bei meiner Tochter halte ich mich ganz stark daran. Ich denke mir nicht von heute auf morgen: Cool, jetzt kriegt die das einfach. Sondern ich schleiche die kleinen Mengen, Prisen ein und steigere es dann einfach zur gewünschten Dosis.
Zum Schluss rät sie, messen zu lassen, was messbar ist: Mikronährstoffe, Entzündungsparameter samt Blutsenkung, großes Blutbild, Blutzucker und Schilddrüsenwerte. Ein großes Blutbild zeige keinen Mangel direkt, auffällige Thrombozyten oder niedriges Hämoglobin könnten aber auf fehlendes B12, Folsäure oder Eisen hindeuten. Die Blutabnahme gehört in ärztliche Hände, das betont auch Preissl.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Sarita Preissl liest Erschöpfung als Endpunkt einer langen Entwicklung: zwei Treffer, dazwischen Jahre übersehener Signale, dann eine Spirale aus oxidativem Stress, stiller Entzündung und Nährstoffverbrauch, die die Mitochondrien drosselt und über das Gehirn auch Stimmung und Schmerzempfinden verändert.
Ihre Antwort ist unspektakulär: Ursachen suchen statt Symptome zudecken, Nährstoffstatus messen, Basics auffüllen, Pflanzenstoffe und Pilze langsam einschleichen, sich begleiten lassen. Ihre Erklärungen zu HPU oder Halswirbelsäule stehen außerhalb der schulmedizinischen Lehre und wollen selbst eingeordnet werden. Der Kern ihres Rats hängt daran nicht: früh hinschauen, wenn der Balken sich biegt. Was stille Entzündungen überhaupt sind, erklärt Dr. med. Patrick Assheuer im Interview über stille Entzündungen aus demselben Kongress; was eine entzündungsarme Ernährung leisten kann, lesen Sie in den Grundlagen der Arthrose-Ernährung.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Sarita Preissl ist Mikronährstoffcoach und Spezialistin für Darmgesundheit, keine Ärztin. Anhaltende Erschöpfung gehört ärztlich abgeklärt; Nahrungsergänzungsmittel, Heilpilze und Pflanzenextrakte werden bei Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme oder Schwangerschaft nur nach ärztlicher Rücksprache eingesetzt, verordnete Medikamente nie eigenmächtig verändert.
Häufige Fragen
Was meint Sarita Preissl mit dem Zwei-Treffer-Modell?
Wie hängen stille Entzündungen und Mitochondrien zusammen?
Welche Nährstoffe brauchen die Mitochondrien laut Preissl?
Reichen ein paar Nährstoffe gegen chronische Erschöpfung?
Warum rät sie, Heilpilze und Pflanzenstoffe langsam einzuschleichen?
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