„Sitz gerade.“ Den Satz kennen die meisten seit der Schulzeit, genützt hat er selten. Doch nach Ansicht von Dr. Helga Pohl, Psychologische Psychotherapeutin, Heilpraktikerin, Gründerin der Pohl-Schmerztherapie, liegt das an einem Denkfehler: Eine Fehlhaltung sei nichts, was man hat, wie eine Narbe. Sie sei etwas, was man tut, unwillkürlich, Tag für Tag, mit denselben Muskeln. Beim Schmerzkongress erklärte sie, welche Muskeln bei den häufigsten Fehlhaltungen verkürzt sind, warum ausgerechnet das Aufrichten wehtut und weshalb der Laptop für sie eine Fehlkonstruktion ist. Das vollständige Gespräch sehen Sie im Kongress.
Ein Becken, das man schief hält
Die Entdeckung machte Pohl an sich selbst. Ihr rechter Arm ließ sich nicht mehr strecken. Auf der eigenen Analysecouch probierte sie aus, was ihn bewegt: Nahm sie die Schulter nach vorn, ging es besser, und mit der Schulter bewegte sich das Becken. Vor dem Spiegel sah sie, was ihr jahrelang entgangen war. Sie stand schief.
Orthopäden hatten ihr Beckenschiefstand, Skoliose und ein verkürztes Bein attestiert. Nun kam ihr ein anderer Gedanke: Vielleicht habe sie gar keinen Beckenschiefstand, sondern halte ihr Becken schief.
Ich war sicher drei Tage high, als mir das klar wurde, dass Fehlhaltung nicht etwas ist, was man hat, sondern etwas, was man tut. Natürlich unwillkürlich, das macht keiner absichtlich.
Eine Fehlhaltung definiert sie als dauerhaft verschobenes Körpergewicht in der Schwerkraft: nach vorn, hinten, zur Seite, verdreht. Bewegung verkürze und verlängere Muskeln im Wechsel, das sei gesund. Wer in einer Position bleibe, müsse dieselben Muskeln unentwegt gegen die Schwerkraft halten. Daraus entstehe der Schmerz.
Hier trennen sich die Schulen. Burkhard Hock sieht im Beckenschiefstand die Ursache der meisten Muskel- und Gelenkbeschwerden (Interview über Beckenschiefstand aus demselben Kongress); Pohl fragt, wer das Becken hält. Die Redaktion ergänzt: Die Orthopädie unterscheidet strukturelle Skoliosen von haltungsbedingten Krümmungen. Welche vorliegt, klärt die Untersuchung.
Die Schildkrötenhaltung: vorne zu kurz
Rumpf gerundet, Schultern vor, Kopf vorgeschoben und im Nacken abgeknickt: Pohl nennt das Schildkrötenhaltung, die häufigste Fehlhaltung unserer Zeit. Der gängigen Erklärung widerspricht sie.
Der vorgebeugte Mensch ist nicht, wie viele denken, hinten zu schwach, sodass man die Rückenmuskeln trainieren müsste. Er ist vorne zu kurz.
Im Zentrum stehe der gerade Bauchmuskel, der den Brustkorb nach unten zieht, dazu die Brustmuskeln, die die Schultern nach vorn holen, und der Hüftbeuger. Die Nackenmuskeln hielten dagegen, damit der Blick geradeaus geht. Dort sitze Beschwerde Nummer eins: Nacken und Kopf, oft ein Kopfschmerz, der von hinten aufsteigt.

Vorne verkürzt, hinten unter Zug: Gerader Bauchmuskel, Brustmuskel und Hüftbeuger hielten den Rumpf nach vorn gebeugt, Rückenstrecker und Nackenmuskeln hielten dagegen, beschreibt Dr. Helga Pohl. Der Schmerz melde sich hinten, die Ursache liege vorn.
Verbreitet sei die Haltung, weil sie eine Gefühlsseite habe: Bei Kälte oder Schreck ziehen wir uns vorn zusammen, Feldenkrais habe das Körperschema der Angst genannt. Als Dauerzustand schränke sie die Atmung ein; viele kämen erschöpft aus dem Büro, obwohl sie „nur gesessen“ hätten. Pohl geht weiter und verbindet die Haltung mit Angstzuständen, gedrückter Stimmung und Harndrang durch Druck der Bauchdecke auf die Blase. Das ist ihre Deutung aus der Praxis; solche Beschwerden haben viele Ursachen und gehören zuerst in ärztliche Abklärung.
Warum merkt niemand, was er da tut? Weil es sich gut anfühlt.
Warum das Aufrichten wehtut
Muskeln arbeiten paarweise: Einer verkürzt sich, sein Gegenspieler gibt nach. Dieses Nachgeben, so Pohl, falle in der Fehlhaltung aus. Wer sich aufrichten will, reißt an Muskeln, die nicht mehr loslassen.
Das Gemeine ist, dass das Weiterreingehen in die Fehlhaltung nicht wehtut, ganz im Gegenteil, sondern das Rausgehen. Die Fehlhaltung selbst ist das Allergemütlichste, was man sich vorstellen kann.
So entstehe ein Teufelskreis: Wer Rückenschmerzen hat, spürt beim Vorbeugen den Zug in den Rückenstreckern, meidet die Bewegung und geht tiefer in die Haltung, die ihm angenehm erscheint. Wer trotz sichtbarer Fehlhaltung schmerzfrei sei, habe meist nur noch nicht lange genug gewartet. Auch Knieschmerzen sortiert Pohl nach Haltung: beidseitig vorn spreche für durchgedrückte Knie, einseitig für eine Schiefhaltung. Knieschmerz hat freilich viele Ursachen; woran Sie eine Kniearthrose erkennen, lesen Sie im Grundlagenartikel.
Das größte Organ ohne Facharzt
Nach dem größten Missverständnis der Medizin gefragt, nennt Pohl eine Leerstelle.
Das Größte ist eigentlich, dass die Muskeln nicht vorkommen, auch nicht das Bindegewebe, nicht die Faszien. Es gibt keinen Facharzt dafür. Das ist eigentlich das größte Organ im ganzen Körper.
Orthopäden röntgten und sähen Knochen, keine Muskeln; Ärzte fassten Patienten kaum noch an. Eine krumme Wirbelsäule im Bild werde zur Ursache erklärt, statt zu fragen, welche Muskeln sie krumm ziehen. Schuld sei nicht der einzelne Arzt, sondern ein System, das Bildgebung gut und Handarbeit schlecht bezahle.
Die Redaktion hält fest: Bildgebung hat ihren Platz, um Brüche, Tumoren, Entzündungen oder Nervenschäden auszuschließen. Schmerzen mit Lähmungen, Taubheit, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder Gewichtsverlust gehören sofort in ärztliche Abklärung. Wie ein Osteopath Faszien, Augen und Haltung verknüpft, zeigt Tobias Emrich im Interview über Muskeln, Faszien und Haltung aus demselben Kongress.
Fünf Verfahren gegen den weißen Fleck
Was tun, wenn man den Muskel nicht einmal spürt? Pohl spricht von sensomotorischer Amnesie: Wer eine Region lange nicht bewegt, verliere die Rückmeldung aus ihr.

Wenn ich den Arm bewege, habe ich hunderttausende Informationen darüber, was ich gerade mache und welcher Muskel welche Spannung hat. Das entfällt, und dann entsteht so ein weißer Fleck auf der Landkarte.
Deshalb helfe „Lass mal locker“ nicht. Die Pohltherapie kombiniert nach ihrer Darstellung fünf Bausteine: die Pandiculation nach Thomas Hanna, bei der der Patient den Muskel bewusst stärker anspannt und sehr langsam loslässt; eine aktive Schmerzpunktbehandlung; eine Bindegewebsbehandlung; Körperbewusstseinstraining; und die Umsetzung in den Alltag. Passive Behandlung allein hält sie für sinnlos: Wer zwölf Stunden krumm sitze, dem helfe keine Nackenmassage. Ob sich eine Skoliose zurückbilden lasse, beantwortet sie mit Ja, bei ihr selbst habe es funktioniert. Eine Studienlage nennt das Gespräch nicht; eine Skoliose im Wachstumsalter gehört in orthopädische Behandlung.
Was kann man selbst tun? Pohls erste Antwort überrascht: bitte nicht gerade machen.
Erste Hilfe: verstärken statt gegenhalten
Wer sich beim Krummsitzen ertappt, zieht die Schultern zurück und drückt das Kreuz durch. Für Pohl ist das der klassische Fehler: Der Spannung vorn werde eine Spannung hinten entgegengesetzt, ein sicherer Weg zu Schmerzen im unteren Rücken. Ihr Rat: die Fehlhaltung kurz verstärken und wieder herausgehen, mehrmals, damit Bewegung in die erstarrte Region kommt. Kein Allheilmittel, aber ein Anfang; eingefahrene Muster gehörten in therapeutische Hände.
Die gute Haltung ist die, wo alles frei beweglich ist und wo überhaupt nichts gehalten wird. In der guten Haltung, wie sie an kleinen Kindern zu sehen ist, wird nichts gehalten, alles ist frei, alle Gewichte übereinander.
Den größten Hebel sieht sie in den äußeren Umständen. Der Kopf folge den Augen, deshalb könne an einem flach stehenden Laptop niemand aufrecht arbeiten. Ihre Faustregel: das obere Drittel des Bildschirms auf Augenhöhe, weil der entspannte Blick etwa 15 Grad nach unten geht; den Laptop auf Bücher oder einen Ständer stellen, zweite Tastatur und Maus anschließen. Dazu ein schlichter Stuhl, auf dem die Füße ganz auf dem Boden stehen; Sitzflächen, die hinten tiefer sind als vorn, zwängen in den Rundrücken, das gelte für die meisten Sofas. Und alle „Bewegungsverhinderer“ aufspüren, vom Drehstuhl bis zum Backofen in Augenhöhe.

Zur Einordnung: In einer Kohorte von 1.334 Beschäftigten aus 34 Betrieben, deren Haltung per Video gemessen wurde, hatten Menschen, die mehr als 95 Prozent der Arbeitszeit saßen, über drei Jahre ein 2,34-fach erhöhtes Risiko für Nackenschmerzen (95-%-Konfidenzintervall 1,05 bis 5,21). Für Arbeit mit mindestens 20 Grad gebeugtem Nacken über mehr als 70 Prozent der Zeit lag das Risiko bei 1,63, statistisch nicht gesichert (0,70 bis 3,82); für Nackendrehung fand sich kein klarer Zusammenhang. Quelle: Ariëns GA et al. 2001, Occup Environ Med 58(3):200-7, PMID 11171934.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Helga Pohl stellt die übliche Reihenfolge auf den Kopf. Nicht das Röntgenbild erkläre den Schmerz, sondern das, was Muskeln Tag für Tag unbemerkt halten. Ihre Kernsätze: Eine Fehlhaltung wird getan, nicht gehabt. Der Vorgebeugte ist vorn zu kurz, nicht hinten zu schwach. Weh tut das Herauskommen, nicht das Drinbleiben. Ohne veränderten Alltag hält keine Behandlung.
Manches davon ist Erfahrungswissen, keine belegte Lehrmeinung, etwa die Verbindung von Haltung mit Angst oder Blase. Handfest sind ihre Alltagsregeln, allen voran: Bewegung zurückholen, ein Rat, der auch in der Behandlung der Arthrose ganz vorn steht. Wie ein Trainer Verspannungen erklärt, nämlich als Schutz bei fehlender Kraft, lesen Sie bei Wiktor Diamant im Interview über schmerzhafte Bewegungsmuster aus demselben Kongress; beide trennt genau eine Frage, ob man den Rücken kräftigen soll.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Dr. Helga Pohl ist Psychologische Psychotherapeutin und Heilpraktikerin, keine Ärztin. Anhaltende Schmerzen, Blasenbeschwerden, Angstzustände oder Kopfschmerzen werden zuerst ärztlich abgeklärt; Schmerzen mit Lähmungen, Taubheit, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder Gewichtsverlust sofort. Verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.
Häufige Fragen
Was versteht Dr. Helga Pohl unter einer Fehlhaltung?
Warum tut laut Pohl das Aufrichten weh und nicht das Krummsitzen?
Muss man bei einem Rundrücken die Rückenmuskeln trainieren?
Wie stellt man Laptop und Bildschirm nach Pohl richtig ein?
Kann eine Skoliose nach Pohls Erfahrung zurückgehen?
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