Herzinfarkt beim Kardiologen, Bluthochdruck beim Hausarzt, Vorhofflimmern beim Rhythmusspezialisten: Wer über 50 ist, kennt diese Arbeitsteilung. Doch für Markus Peters, Allgemeinmediziner, wachsen alle drei Diagnosen auf demselben Nährboden, der chronischen Entzündung. Beim Entzündungskongress erklärte er, was im linken Vorhof passiert, bevor das Herz aus dem Takt gerät. Sein Gespräch trägt den Titel „Chronische Entzündungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Der Zusammenhang“; die vollständige Aufzeichnung ist im Kongress zu sehen.
Neun von zehn Herzerkrankungen: Peters’ Rechnung
Blendet man angeborene Herzfehler aus, sind aus Peters’ Sicht mindestens 90 Prozent der erworbenen Herzerkrankungen dem Lebensstil geschuldet. Eine Praxisschätzung, keine Studienzahl. Der gemeinsame Nenner von Gefäßverkalkung, Rhythmusstörungen und Herzschwäche sei die chronische Entzündung. Seinen Patienten erklärt er das über das Cholesterin.
Cholesterin an sich ist kein Problem. Erst wenn das LDL-Cholesterin oxidiert, also mit einer Entzündung zusammenfällt, erst dann flockt es aus und lagert sich ab.
Dass Entzündung an der Arteriosklerose beteiligt ist, gehört zum kardiologischen Lehrbuchwissen; die 90 Prozent sind Peters’ Erfahrungswert. Wie aber gerät eine schwelende Entzündung in den Vorhof? Dafür muss man wissen, wo das Blut aus der Lunge ankommt.
Vier Venen und eine Tür, die nicht mehr schließt
Sinusknoten, AV-Knoten, Herzscheidewand, dann von der Herzspitze durch den ganzen Muskel: Diese Choreografie laufe ein Leben lang jede Sekunde ab, sagt Peters, und ihm laufe dabei jedes Mal eine Gänsehaut über den Rücken.
Der Störenfried sitzt an der Rückseite des Herzens, wo vier Lungenvenen in den linken Vorhof münden. Diese Venen zeigten von Natur aus eine unruhige elektrische Aktivität, die ein kräftiger Vorhofmuskel ausblenden könne. Mit dem Alter lasse die Abgrenzung nach, die Störimpulse schwappten in den Vorhof und brächten das Herz aus dem Takt. Als Risikofaktoren nennt er Herzschwäche, Bluthochdruck und Übergewicht; welche Abnehmstrategien tragen, steht in unserem Artikel Abnehmen bei Arthrose. Warum die Tür nicht mehr schließt, ist für Peters der Kern.
Herzmuskelgewebe geht zugrunde und wird ersetzt durch minderwertiges Bindegewebe, das leichter irritabel ist durch diese irreguläre Aktivität von den Lungenvenen. Und woran liegt das wiederum? An der chronischen Entzündung, die dort abläuft.

Die undichte Tür: An den Mündungen der Lungenvenen ersetzt Bindegewebe den Herzmuskel, Störimpulse gelangen in den Vorhof, beschreibt Markus Peters. Rechts der Kreis, der ihn beschäftigt: Entzündung baut Muskel ab, das Flimmern reizt die Entzündung weiter an.
Damit beginnt der Kreis: Jede Flimmer-Episode sei selbst ein Entzündungsreiz, Entzündungswerte stiegen laut Untersuchungen schon eine halbe Stunde nach Beginn. Eine Abwärtsspirale, sagt er.
Was die Kardiologie tut, und was aus Peters’ Sicht offen bleibt
Die leitliniengerechte Behandlung stellt Peters nicht in Frage, er verordnet sie selbst: rhythmusstabilisierende Medikamente, die elektrische Kardioversion mit einem Stromstoß in Kurznarkose und die Katheterablation, die das Gewebe um die Lungenvenen verödet. Sein Bild: Wer den Lärm von draußen nicht erträgt, macht das Fenster zu. Ohne diese Eingriffe komme man oft nicht aus. Nur an der Ursache änderten sie nichts.
Der Gashahn, der offen steht, ist vielleicht nicht die Ursache für das Feuer. Die Ursache für das Feuer ist noch was anderes. Nur solange der Gashahn nicht geschlossen wird, werden wir ein Problem haben, das Feuer wegzukriegen.
Für Betroffene heißt das nicht, den Kardiologen-Termin zu verschieben. Peters schirmt seine Patienten nach eigener Aussage zuerst leitliniengerecht ab, vor allem gegen den Schlaganfall; verordnete Gerinnungshemmer oder Betablocker setzt niemand ohne ärztliche Rücksprache ab. Woher aber kommt die Entzündung im Vorhof?
Feinstaub, Stress und ein weggenommenes Mikrofon
Peters’ Kaskade beginnt außen: Umweltgifte als äußere, Beziehungsstress als innere Stressoren. Beides fahre den Sympathikus hoch und den Parasympathikus herunter; chronisch folgten freie Radikale, Schäden an Zellmembranen und Mitochondrien und schließlich viele Krankheitsbilder, von denen die Herzerkrankungen nur ein Zweig seien. Jede Fachrichtung behandle ihren Zweig, niemand die Wurzel.
Ein Beispiel ist für ihn der Feinstaub moderner Motoren, dessen Partikel durch die Lungenbläschen ins Blut gelangten; das erste Organ auf dem Weg sei der linke Vorhof, für Peters der Windfang des Herzens. Dass Feinstaub das Herz-Kreislauf-System belastet, ist umweltmedizinisch breit untersucht; die Zuspitzung auf den Vorhof ist sein eigenes Erklärbild. Sein zweites Beispiel hat ihm auf Ärztetagungen Ärger eingebracht.
Ich habe wiederholt versucht, auf Ärztetagungen zu thematisieren, dass Erschöpfung zu Vorhofflimmern führen kann. Und ich habe es in der Tat einmal erlebt, dass mir das Mikrofon dafür aus der Hand genommen wurde.
Umso mehr habe ihn eine Arbeit gefreut, die Anfang 2020 in einem europäischen Kardiologie-Journal erschien: Ein US-Team habe bekannte Risikofaktoren herausgerechnet, übrig geblieben sei die vitale Erschöpfung, landläufig Burnout.

Zur Einordnung: Peters nennt keine Autoren; seine Beschreibung passt auf die ARIC-Auswertung von Garg und Kollegen, online seit Januar 2020. Von 11.445 Erwachsenen ohne Vorhofflimmern entwickelten 2.220 im Median über 23,4 Jahre ein Vorhofflimmern. Im obersten Viertel des Erschöpfungs-Fragebogens lag das Risiko im Grundmodell um 45 Prozent höher als im untersten (Hazard Ratio 1,45; 95-%-Konfidenzintervall 1,29 bis 1,64), nach Bereinigung um Begleiterkrankungen um 20 Prozent (1,20; 1,06 bis 1,35). Beobachtungsstudie, also Zusammenhang, kein Ursachennachweis. Quelle: Garg PK et al. 2021, Eur J Prev Cardiol 28(6):633-640, PMID 34021575.
Im Alltag höre er die Geschichte oft: kurze Episoden mit unregelmäßigem Puls, drei Jahre zuvor eine schwere Erschöpfung mit Reha. Wie chronische Infektionen als weiterer Zufluss diskutiert werden, erklärt Dr. med. Armin Schwarzbach im Interview über chronische Infektionen aus demselben Kongress.
Warum Peters auch Fünfzigjährige nicht in Ruhe lässt
Immer wieder sitze jemand vor ihm, 50 Jahre alt, mit Flimmern ohne Beschwerden, und frage, ob man etwas tun müsse. Mit 50 sei man ihm dafür definitiv zu jung, sagt Peters. Seine Begründung hat drei Teile; der erste betrifft die Innenhaut des Vorhofs.
Ich habe im Studium vor 30 Jahren noch gelernt: Endothel, diese Innenauskleidung von Gefäßen und auch vom Herzen, das ist wie eine Tapete hier an der Wand, und das hat keine weitere Funktion. Wir wissen heutzutage, dass dieses Endothel eine unglaubliche Vielzahl an Funktionen hat. Es ist ein Wahrnehmungsorgan.
Beim Flimmern verändere sich diese Innenhaut, es bildeten sich leichter Gerinnsel, deren häufigster Zielort das Gehirn sei: Schlaganfall. Zweitens das Flimmern selbst, das die Entzündung anfacht. Drittens der Herzmuskel, der über Jahre in die Herzschwäche rutschen könne. Ob Gerinnungshemmer nach erfolgreicher Ablation abgesetzt werden dürfen, sei auch in der Kardiologie offen, weil der Eingriff die Innenhaut nicht repariere. Peters’ Konsequenz ist eine entzündungshemmende Begleittherapie, keine Empfehlung zum Absetzen.
Ein Marker, ein Patient und ein junger Hund
In seiner Praxis misst Peters unter anderem TNF-alpha, weil dieser Botenstoff nach seiner Beobachtung auch in kardiologischen Studien als Entzündungsmarker dient. Als Inspiration nennt er eine Übersichtsarbeit zu entzündungshemmenden Heilpflanzen wie Kurkuma, Berberin, Resveratrol und Apigenin. Daraus hat er mit einem Praxiskollegen ein pflanzliches Nahrungsergänzungsmittel entwickelt, das er im Gespräch empfiehlt. Name und Bezugsquelle lassen wir weg: Peters ist hier Anbieter, eine Wirkung auf Vorhofflimmern ist nicht belegt. Dazu nennt er Nährstoffe für die Mitochondrien, etwa Coenzym Q10, Magnesium und Omega-3-Fettsäuren. Was die Leitlinie zur Curcumin-Dosierung bei Gelenkbeschwerden sagt, steht im Artikel zur Curcumin-Dosierung nach AWMF.
Seine Erfahrung bündelt er in einer Patientengeschichte: ein erschöpfter Mann, zwei Kardioversionen, nach denen das Flimmern binnen Stunden zurückkam; nach mehreren Wochen entzündungshemmender Begleittherapie habe er kein Flimmern mehr gespürt. Ein Einzelfall, aus dem sich kein Erfolg für andere ableiten lässt. Peters selbst betont: Je länger das Flimmern bestehe, desto schwerer die Therapie, wie bei einem jungen Hund, dem man schlechtes Benehmen nicht dreimal durchgehen lassen dürfe. Wiederkehrend unregelmäßiger Puls, Luftnot oder Brustschmerz gehören unabhängig davon in ärztliche Abklärung, im Zweifel sofort.
Am Ende wird Peters persönlich. Er ist selbst Herzpatient, hat nach eigenen Worten Vorhofflimmern, Herzschwäche und Angina pectoris erlebt und eine Herzklappenoperation hinter sich. Ärzte, findet er, seien mutlos geworden und verbreiteten Angst. Sein Gegenmittel ist eine Haltung.

Ich habe ein Problem, beispielsweise Vorhofflimmern oder Bluthochdruck, aber ich bin nicht das Problem. Sich nicht mit Erkrankungen zu identifizieren, das ist ein ganz entscheidender Punkt. Ich nehme es ernst, ich kümmere mich darum. Aber das wird nicht mein Lebensinhalt.
Nachts kämen die Gespenster, das kenne er; dann helfe es, sich neu zu fokussieren. Ein Patient mit einem Blutdruck von 190 zu 120 sei allein durch das ruhige Gespräch messbar heruntergekommen, erzählt er. Ein solcher Wert bleibt trotzdem ein Fall für die Praxis.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Markus Peters denkt Herzkrankheiten von der Wurzel her. Vorhofflimmern ist für ihn kein isoliertes Schaltproblem, sondern ein Signal, auf Entzündung, Stress, Erschöpfung und Umwelt zu schauen. Die kardiologische Standardtherapie hält er für unverzichtbar, aber unvollständig, solange der Gashahn offen bleibt. Seine Deutungen zu Feinstaub, TNF-alpha und pflanzlichen Präparaten sind Erfahrungsmedizin eines Hausarztes, keine Leitlinie.
Welche Rolle pflanzliche Antioxidantien bei Entzündung spielen könnten, vertieft Kornelia C. Rebel im Gespräch über Astaxanthin und OPC aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Vorhofflimmern, Herzschwäche und Bluthochdruck gehören in ärztliche Betreuung; verordnete Herzmedikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei Brustschmerz, plötzlicher Luftnot, Lähmungen oder Sprachstörungen sofort den Notruf 112 wählen.
Häufige Fragen
Wie hängen chronische Entzündung und Herz-Kreislauf-Erkrankungen laut Markus Peters zusammen?
Wie entsteht Vorhofflimmern nach Peters’ Erklärung?
Kann ein Burnout Vorhofflimmern begünstigen?
Muss Vorhofflimmern behandelt werden, wenn man nichts davon spürt?
Ersetzt Peters’ Ansatz Kardioversion oder Ablation?
Welchen Laborwert nutzt Peters, um chronische Entzündung einzuschätzen?
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