Knieschmerz, Röntgenbild, Diagnose Verschleiß: Für viele endet die Ursachensuche genau hier. Doch beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress saß ein Sporttherapeut, der an dieser Stelle erst anfängt zu suchen. Nicht im Gelenk, sondern im Gewebe rundherum. Moritz Penne, Sportwissenschaftler, Biochemiker und Sporttherapeut, sprach mit Gastgeber Martin Auerswald unter dem Titel „Paradigmenwandel: Eine neue Art der Schmerztherapie” über Bindegewebe, Zuglinien und acht Bewegungen, die nach seiner Erfahrung kaum jemand sauber hinbekommt. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder, mit O-Tönen und in indirekter Rede. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Knetmasse: Was acht Stunden Sitzen mit dem Bindegewebe machen
Ist Arthrose einfach das Alter? Penne hält dagegen. Wenn Gelenke sich abnutzten, müssten sie es aus seiner Sicht gleichmäßig tun. Meist geschehe es aber einseitig, und den Auslöser dafür liefere der Alltag.
Jeder von uns sitzt wahrscheinlich acht bis zehn Stunden am Tag. Und alleine das hat so einen großen Einfluss auf das Bindegewebe. Das Bindegewebe bleibt einfach in dieser Position, wie so Knetmasse, die man einfach in eine bestimmte Position gebracht hat. Und wenn man die dann trocknen lässt, dann ist die auch fest in der Position.
Bindegewebe sei plastisch, erklärt er. Wer am Rechner den ganzen Tag die Schultern nach vorn zieht, dessen Gewebe richte sich irgendwann darauf ein, und die Schulter bleibe in dieser Stellung. Unlösbar sei das nicht, betont Penne, und eine Operation selten der einzige Weg. Wie aber wird aus festem Gewebe ein abgeriebener Meniskus?
Zuglinien und Schmirgelpapier: Wie Penne den Verschleiß erklärt
Penne zeigt ein Video von sich selbst: fünfzig Kalorien Rudern auf Zeit, danach fünfzig Überkopf-Kniebeugen mit 42 Kilo. Sein rechtes Knie fällt nach innen. Arthrose habe er noch keine, sagt er. Trainiere er aber jahrelang so weiter, rechne er mit einem abgenutzten Außenmeniskus. Dieselbe Kniestellung sehe er bei sehr vielen Läufern.
Sein Modell arbeitet nicht mit einzelnen Muskeln, sondern mit Zuglinien: Bindegewebsbahnen, die von den Zehen bis in den Schädel reichen. Liegt auf einer davon dauerhaft Zug, verändere das die Stellung des Gelenks.
Wenn man sich das vorstellt, dann ist es wie Schmirgelpapier. Je mehr Zug ich auf diesen Zuglinien habe, mit denen wir arbeiten, desto näher sind die Gelenke. Je näher die aneinander sind, desto mehr reiben die aneinander und desto stärker ist auch die Abnutzung.

Zug von oben und unten presst die Kniescheibe gegen den Oberschenkelknochen, das Knie kippt nach innen: So erklärt Moritz Penne, warum sich ein Außenmeniskus einseitig abreibt.
Die Arbeit des Sporttherapeuten sei deshalb ein Puzzle: Welche Linie ist zu fest, welche muss geöffnet, welche gestärkt werden? Nährstoffe spielten für den Wiederaufbau eine Rolle, so Penne, zuerst aber müsse der Zug raus. Welche Wege die Leitlinien bei der Behandlung der Arthrose vorsehen, haben wir separat zusammengefasst. Was aber ist dieses Gewebe, das da zieht?
Von der Orange bis zur Zelle
Penne greift zu einem Bild aus der Obstschale.

Wenn man eine Orange aufpult, dann hat man immer diese weißen Fäden dazwischen. Und genau so kann man sich das vorstellen im Muskel. Bis zur kleinsten Muskelfaser hat jede so eine Bindegewebshülle, die außen nochmal schützend vorliegt.
Moritz PenneAm Ende sei jede Zelle mit jeder anderen verbunden, in einem Netz, das die Biologie extrazelluläre Matrix nennt. Je mehr Zug auf dem Gewebe, desto mehr Zug auf den Zellen, und desto schlechter arbeiteten sie, so Pennes Darstellung. Deshalb sei Alltagsbewegung so grundlegend.
Die Schulter, die am Sprunggelenk hängt
Jetzt der Gedanke, der im Gespräch am meisten verblüfft. Wer Schulterschmerzen hat, erwartet eine Behandlung an der Schulter. Penne sucht woanders.
Das kann so weit gehen, dass Schulterprobleme an der rechten Schulter daher kommen, dass das linke Sprunggelenk unbeweglicher ist. Wenn das linke Sprunggelenk unbeweglich ist, dann hat die rechte Schulter bei jeder Bewegung deutlich mehr Last abzufangen, und dementsprechend können da Probleme entstehen.
Eine Stunde auf der Schulter herumzuarbeiten sei dann der falsche Ansatz. Erst müsse der ganze Körper wieder gerade stehen. Jeder Alltag präge dabei eigene Muster, bei Musikern anders als bei Bauarbeitern oder Fußballern. Und Stress? Nach Pennes Beobachtung reagiert eine bestimmte Zuglinie besonders empfindlich auf Anspannung, die Folge seien häufig Rückenschmerzen und ein insgesamt festeres Gewebe. Was Dauerstress im Körper sonst anrichtet, lesen Sie im Artikel über Stress, Cortisol und Arthrose.
Zu seinem Weg erzählt Penne offen: CrossFit seit dem 18. Lebensjahr, in seiner Box die Begegnung mit Andi Eichmeier, der das Konzept bereits anwandte, die ersten Klienten Freunde und Familie, kostenlos. Wo es bei einem selbst hakt, lässt sich nach Penne zu Hause testen.
Acht Grundbewegungen, die kaum jemand sauber schafft
Sein Maßstab ist ein Kind am Strand.
Wenn man sich ein Kleinkind anschaut, wenn man es am Strand spielen sieht, dann sitzt es in einer perfekten Kniebeuge und kann das auch stundenlang machen. Und wenn man dann in einen Raum voller Vorstände geht, die den ganzen Tag auf dem Stuhl sitzen und super gestresst sind, und die mal eine Kniebeuge machen lässt, dann kann ich versprechen, dass nach einer Minute maximal noch zehn Prozent der Leute in der Kniebeuge sitzen.
Er selbst wäre einer von den Vorständen, gibt Auerswald zu. Penne beschreibt acht Grundbewegungen, die er Archetypen nennt: Kniebeuge, Deadlift (etwas vom Boden aufheben), Einbeinkniebeuge, Ausfallschritt, Frontrack-Position, Push-up oder Press, Hang und Überkopfposition. Sein Vorschlag: jede Bewegung ausprobieren und sich dabei filmen. Kippt das Knie nach innen oder rundet sich der Rücken, sei das ein Hinweis auf eine feste Kette. Noch niemand, sagt er, habe alle acht fehlerfrei geschafft. Der Weg zurück führt für ihn über Krafttraining:
Krafttraining gibt einem die Möglichkeit, diese Bewegung sauber auszuführen, in einer sicheren Umgebung. Das heißt, man muss es nicht super schnell durchführen, und man kann das Gewicht progressiv steigern.
Für den Anfang rät er zu einem Trainer, der die acht Bewegungen einmal anschaut. Wie Sie Rücken und Rumpf mit einfachen Übungen stärken, zeigt unser Artikel über Übungen bei Rückenschmerzen.
Vier Übungen und ein Atemtrick für zu Hause
Bevor es an die Rolle geht, kommt bei Penne die Atmung. Sein Schema heißt Breath, Contract, Relax: tief einatmen, fünf Sekunden halten und dabei den Muskel anspannen, an dem gearbeitet wird, dann ausatmen und komplett lockerlassen. Erst jetzt wird mobilisiert. Der Atem aktiviere den Parasympathikus, und der erst angespannte, dann gelöste Muskel reagiere weniger empfindlich auf Druck. So habe er auch bei Auerswald gearbeitet, der kurz vor dem Gespräch mit einer blockierten Schulter bei ihm war.
Dann die vier Übungen. Erstens der Couch Stretch nach Kelly Starrett, für Penne die wichtigste Mobilisation: ein Knie am Boden, der Fuß hinten an der Wand, Oberkörper aufrecht, kein Hohlkreuz, die Hüfte Richtung Boden schieben. Zweitens die Außenseite des Oberschenkels mit der Faszienrolle. Drittens der große Rückenmuskel, Arm über Kopf auf der Rolle. Viertens der Nacken mit einem Lacrosse- oder Tennisball. Als Intensität nennt er eine 7 auf einer Skala bis 10.
Ein Wort der Redaktion: Penne beschreibt seine Praxis, keine Leitlinie. Anhaltende oder akut starke Gelenk- und Rückenschmerzen gehören zuerst in ärztliche Abklärung. Bei Entzündungsschüben, nach Operationen, bei Osteoporose oder Bandscheibenvorfall sollten Mobilisation und Krafttraining nur nach Rücksprache mit Ärztin, Arzt oder Physiotherapie begonnen werden.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Pennes Modell in einem Satz: Gelenke nutzen sich aus seiner Sicht nicht ab, weil sie alt sind, sondern weil festes Bindegewebe sie in eine schlechte Bahn zwingt. Sitzen formt das Gewebe wie Knetmasse, Zuglinien pressen Gelenkflächen zusammen, die Ursache kann weit vom Schmerzort liegen. Der Weg zurück: acht Grundbewegungen als Test, Krafttraining als Werkzeug, vier Mobilisationen mit Atmung davor.
Ob sich Spannung wirklich so über Ketten überträgt, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Pennes Beobachtungen sind Praxiserfahrung, keine Studienlage.

Zur Einordnung: In einer repräsentativen Befragung von 2.508 Menschen ab 14 Jahren in Deutschland gaben 26,9 Prozent chronische Schmerzen an, 7,4 Prozent erfüllten die Kriterien für chronische beeinträchtigende Schmerzen ohne Tumorursache und 2,8 Prozent die einer Schmerzkrankheit. Quelle: Häuser W et al. 2014, Der Schmerz 28(5):483-92, PMID 25245594.
Wie ein Orthopäde denselben Körper ganzheitlich betrachtet, lesen Sie im Interview mit Dr. med. Ulrich Frohberger. Und wie Tim Böttner Beweglichkeit trainiert, zeigt sein Interview über Mobility-Training aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Anhaltende oder akut starke Schmerzen in Gelenken und Rücken sollten ärztlich abgeklärt werden. Beginnen Sie Mobilisations- und Kraftübungen bei Entzündungsschüben, nach Operationen oder bei bekannten Vorerkrankungen nur nach Rücksprache mit Ärztin, Arzt oder Physiotherapie.
Häufige Fragen
Was meint Moritz Penne mit Zuglinien?
Warum soll Sitzen das Bindegewebe verändern?
Kann Schulterschmerz wirklich vom Sprunggelenk kommen?
Welche acht Grundbewegungen nennt Penne als Selbsttest?
Welche Übungen empfiehlt er für zu Hause?
Für wen sind diese Übungen nicht ohne Rücksprache geeignet?
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