Ein Kreuz, das seit Monaten schmerzt, und ein Therapeut, der zuerst die Füße bearbeitet. Das klingt nach vertaner Zeit. Doch für Ulf Pape, Heilpraktiker (Schwerpunkte: Physiotherapie/Massage/ parietale Osteopathie), Autor, ist genau das Faszien-Arbeit. Beim Schmerzkongress sprach er über „Faszien-Arbeit in der physiotherapeutischen Schmerztherapie“ und zeigte auf der Liege, warum ein Bindegewebsnetz von Kopf bis Fuß den Blick auf den ganzen Körper verlangt. Seine zweite These überrascht mehr: Das wichtigste Werkzeug gegen verklebte Faszien ist keine Rolle, sondern die eigene Bewegung. Das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress.
Ein Netz, das bis in die Zellen reicht
Chronisch wird ein Schmerz nach Papes Beschreibung, wenn er sich über Wochen häuft; oft bilde sich ein Schmerzgedächtnis, und die Schonhaltung werde selbst zum Problem. Wo sitzen die Faszien in dieser Kette?
Früher, sagt Pape, habe man darunter nur die Hüllen der Muskeln verstanden, das Weiße am rohen Fleisch. Heute zähle man Sehnen, Bänder, Organhüllen und Trennwände dazu.
Das ist wirklich ein Bindemittel im wahrsten Sinne des Wortes, ein klebriges, flexibles, auch elastisches Bindemittel, in dem das Strukturprotein Kollagen dominiert. Faszien sind elastisch, und sie sind überall und nirgends.
Millimeterdicke Muskelfaszien gehörten ebenso dazu wie feinste Fäden bis in die Zellen. Für die Schmerztherapie sei ein Detail entscheidend: In den Faszien säßen viele Schmerzfühler, an den Sehnen häuften sich Rezeptoren noch einmal, dazu Druck- und Lagefühler, die dem Gehirn melden, wie ein Gelenk steht. Deshalb seien Muskelansätze die wichtigsten Problemzonen.

Ein Muskel im Querschnitt, wie Ulf Pape ihn mit dem Bild einer aufgeschnittenen Orange erklärt: Die Faszie umhüllt den Muskel und durchzieht ihn bis in die einzelnen Faserbündel. Am Übergang zur Sehne häufen sich nach seiner Beschreibung Schmerz- und Lagefühler, weshalb er dort die wichtigsten Problemzonen sieht.
Was ein verklebtes Kreuz mit dem Fuß zu tun hat, erklärt ein Modell aus den USA.
Von Kopf bis Fuß in einem Zug
Der Rolfer und Osteopath Thomas Myers beschreibt myofasziale Züge: Muskelbindegewebe, das über mehrere Muskeln hinweg als durchgehende Bahn verläuft. Pape zeigt die rückseitige Bahn vom Kopf über Rückenstrecker und Kreuzbein, Oberschenkelrückseite und Wade bis unter die Fußsohle.
Sind die Faszien an der Lendenwirbelsäule verfilzt, wirke sich das nach diesem Modell auf den ganzen Zug aus. Papes Bild dafür: ein Dachboden voller Spinnennetze, in dem ein Windstoß auch die Netze bewegt, die er gar nicht trifft.
Wenn ich einen Rückenschmerzpatienten habe, arbeite ich unter anderem auch an den Füßen, an den Waden, im Schultergürtel und am Kopf.
Lokaler Fokus, globaler Blick. An den Ursprüngen und Ansätzen der Muskeln fänden sich zudem empfindliche Punkte, die an ganz anderer Stelle Schmerz auslösten.
Einordnung der Redaktion: Die Faszienketten nach Myers sind ein Erklärungsmodell aus der Körperarbeit; anatomische Studien bestätigen die Kontinuität nicht für alle Züge. Was Pape auf der Liege macht, hängt allerdings weniger vom Modell ab als vom Tempo.
Langsam statt kräftig
Pape behandelt im Gespräch kniend auf der Liege, weil er so aus seinem Körperschwerpunkt arbeite und vom Fuß bis zum Kopf reiche. Er zieht mit den Fingerkuppen entlang der Wirbelsäule bis zum Beckenkamm, sinkt mit der Atmung unter die Rippenbögen, um das Zwerchfell zu entlasten, dehnt Hüftbeuger und Gesäß. Ein Grundsatz zieht sich durch alles.

Das ist wirklich sehr wichtig, wenn man die Faszien erreichen will, wenn man Verfilzung in den Faszien lösen möchte, dass man sehr langsam arbeitet.
Wo das Gewebe fest sei, werde er nicht schneller, sondern noch langsamer; er nennt es „einschmelzen“. Dazu kombiniere er Dehnung, Mobilisation, Massage und Akupressur.
Bei der Akupressur sieht Pape eine Verwandtschaft: Als Linien gezeichnet ähnelten die myofaszialen Züge den Meridianen der chinesischen Medizin, und Akupressurpunkte lägen oft dort, wo auch Triggerpunkte sitzen. Das ist seine Deutung. Ob Meridiane als anatomische Struktur existieren, ist nicht belegt, die Überschneidung beider Punktsysteme wird in der Fachliteratur kontrovers diskutiert.
Man könnte erwarten, dass ein solcher Therapeut für Handarbeit wirbt. Pape tut das Gegenteil.
Das Ziel ist nicht die Massage
Alles Gezeigte seien passive Techniken, sagt Pape, Mittel zu einem anderen Zweck.
Ziel sollte es immer sein in der Behandlung, die Patienten dahingehend zu motivieren, sich vielseitig, ich betone vielseitig, komplex aktiv zu bewegen.
Dann kämen die Faszien wieder in Balance; erste Linderung komme oft früher. Muskeltraining bleibe wichtig, ebenso Koordination, für die Faszien mit wenig Gewicht und zusammengesetzten Bewegungen. Sein Beispiel ist die Schreibtischhaltung: runder Rücken, Schultern nach innen, Nacken fest. Dagegen öffne er Brust und Hände, drehe die Schultern nach außen und beschreibe mit den Oberarmen kleine Achten; nach zehn Wiederholungen knacke es oft im Nacken, ohne dass er ihn berührt habe. Warum Muskeltraining auch dem Knochen dient, zeigt der Artikel Krafttraining bei Osteoporose.

Zur Einordnung: In der Cochrane-Analyse von 249 randomisierten Studien zu chronischem unspezifischem Kreuzschmerz lag der Schmerz unter Bewegungstherapie bei der ersten Nachuntersuchung um 15,2 Punkte (Skala 0 bis 100) niedriger als ohne Behandlung, unter üblicher Versorgung oder Placebo, um 9,1 Punkte niedriger als unter anderen konservativen Verfahren und gleichauf mit manueller Therapie (Unterschied 1,0 Punkt). Die Autoren werten 15 Punkte als klinisch bedeutsam. Quelle: Hayden JA et al. 2021, Cochrane Database of Systematic Reviews 9:CD009790, PMID 34580864.
Und die Faszienrolle aus dem Sportgeschäft?
Rolle, Pistole, Hand
Pape hält die Rollen für meist viel zu teuer, sein Urteil fällt knapp aus.
Kann helfen, aber es wird jetzt auch nicht große Probleme lösen.
Er selbst lege eine Rolle gern unter das Kreuzbein und trainiere in dieser Position gleich die tiefe Bauchmuskulatur, statt nur hin und her zu rollen. Für Massagepistolen zieht er eine Grenze: nur auf große Weichteilbereiche, nicht auf Knochen, als Laie keinesfalls an die Halswirbelsäule. Die Redaktion ergänzt: Bei Blutverdünnern, Osteoporose, Thrombosen, akuten Entzündungen oder nach Operationen gehören solche Geräte vorher in ärztliche Rücksprache.
Wichtiger als jedes Gerät ist Pape etwas anderes. Berührung setze das Bindungshormon Oxytocin frei und entspanne, Faszien zögen sich bei Stress zusammen, so seine Sicht.
Geräte ersetzen nicht die zwischenmenschliche Berührung. Ich empfehle meinen Patientinnen und Patienten, auch mal mit dem Partner, mit der Familie, mit der Oma oder guten Freunden zu kommen.
Seine Partnerübung ist verblüffend einfach: Der Laie legt ein paar Finger auf eine verspannte Stelle am Rücken, der andere bewegt sich hinein und heraus, macht einen Buckel, schlängelt die Wirbelsäule. Pape nennt das, sich den Schmerz „ausorganisieren“. Dass es auch im hohen Alter geht, zeigt er an seinem 90-jährigen Vater, mit dem er nach einem Schlaganfall Bewegungsmuster übt.
Zu viel Angst vor der falschen Bewegung
Kann man sich dabei verletzen? Pape empfiehlt Anleitung durch Therapeuten, den größten Teil sieht er aber im Entdecken der eigenen Bewegungsbedürfnisse. Was unangenehm sei, verlasse man dank der Schutzreflexe des Körpers und erweitere Grenzen Schritt für Schritt. Nach Operationen oder bei schwerer Krankheit sei deutlich mehr Vorsicht geboten.
Der Moderator brachte die Bewegungsangst ins Spiel, die auch Felix Kade in seinem Kongress-Interview beschreibt, nachzulesen im Interview zum Bio-Psycho-Sozial-Modell. Pape stimmt zu und setzt einen eigenen Akzent.
Vor allem auch erst mal das bewegen, was keine Mühe macht, was nicht wehtut, dann langsam mal reingehen, wieder rausgehen, wirklich auf sein inneres Gefühl, auf seine Wahrnehmung hören.
Hinweis der Redaktion: Papes Gelassenheit gilt dem, wie er sagt, normal Verspannten. Schmerzen mit Lähmungen, Taubheit, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder nach einem Sturz gehören zügig in ärztliche Abklärung. Welche Rolle Bewegung bei Arthrose spielt, zeigt unser Artikel zur Behandlung der Arthrose.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Ulf Pape denkt Schmerz in Netzen statt in Punkten: Faszien reichen Störungen weiter, deshalb behandelt er bei Rückenschmerz auch Füße und Kopf, und auf der Liege gilt Langsamkeit vor Kraft. Sein Faszienketten-Modell ist wissenschaftlich nur teilweise abgesichert, die Parallele zu den Meridianen bleibt eine Deutung aus der Praxis.
Seine Ratschläge stehen davon unabhängig: Geräte sparsam, Bewegung vielseitig und mit wenig Gewicht, Berührung lieber von Menschen als von Maschinen, weniger Angst vor der eigenen Bewegung, solange keine Warnzeichen vorliegen. Wie Tobias Emrich Faszien, Haltung und Störfelder osteopathisch ordnet, zeigt sein Interview über Muskeln, Faszien und Haltung aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ulf Pape ist Heilpraktiker, kein Arzt. Manuelle Techniken, Massagegeräte und Übungen bei chronischen Schmerzen gehören in therapeutische oder ärztliche Begleitung, besonders nach Operationen, bei Osteoporose, Thrombosen, akuten Entzündungen oder Warnzeichen wie Lähmungen und Blasenstörungen.
Häufige Fragen
Was sind Faszien nach der Definition von Ulf Pape?
Warum behandelt Pape bei Rückenschmerzen auch die Füße?
Hilft eine Faszienrolle gegen chronische Schmerzen?
Was ist bei einer Massagepistole zu beachten?
Kann man sich bei Faszienübungen zu Hause verletzen?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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