Kein Brot, kein Zucker, viel Fett, und das Immunsystem kommt zur Ruhe? Wer mit Hashimoto, Rheuma oder Morbus Crohn lebt, hat diesen Tipp vermutlich schon gehört. Doch Dr. med. Elke Lorenz, Kardiologin, Lipidologin und Keto Expertin, setzt den Hebel woanders an: nicht beim Weglassen, sondern bei einem Molekül, das die Leber erst bildet, wenn der Zucker ausbleibt. Beim Autoimmunkongress sprach sie im Interview „Wie Ketose dein Immunsystem neu programmiert“ über Ketonkörper, den Darm und die Frage, wie viel Fleisch eine Eliminationsdiät verträgt. Das vollständige Gespräch läuft im Kongress.

Zwei Wege ins Immunsystem

Warum sollte eine Ernährungsform etwas an einer Autoimmunerkrankung ändern? Lorenz nennt zwei Gründe; der erste klingt nach dem, was jeder erwartet.

O-Ton aus dem Interview

Die ketogene Ernährung schließt per se schon mal viele Lebensmittel aus, die potenziell entzündlich wirken und das Immunsystem scharf schalten beziehungsweise im Laufe der Zeit auch überfordern.

Dr. med. Elke LorenzKardiologin, Lipidologin und Keto Expertin

Gluten und Zucker stehen dabei für sie ganz vorn. Der zweite Grund ist weniger bekannt: In der Ketose bildet die Leber Ketonkörper, und diesen Molekülen schreibt Lorenz eine eigene entzündungshemmende Wirkung zu, unabhängig vom Teller. Dazwischen liegt der Darm, für sie der Dreh- und Angelpunkt jeder Autoimmunerkrankung.

Schema: durchgestrichene Getreideähre und Zuckerwürfel, daneben eine Leber, aus der kleine Ketonkörper über ein Gefäß zu Gehirn, Immunzellen und Darm strömen

Der doppelte Hebel, wie Dr. Elke Lorenz ihn beschreibt: Links fallen reizende Lebensmittel weg, rechts liefert die Leber Ketonkörper, die aus ihrer Sicht das Immunsystem dämpfen und das Gehirn versorgen.

Gleich darauf schränkt sie ein: Nicht jede Keto-Ernährung tue jedem gut. Die Bandbreite sei riesig, und genau dort beginnen die Fehler.

Sauberes Keto ist nicht das, was im Keto-Regal steht

Erythrit-Shakes, Proteinriegel, Wurst ohne Zucker: alles ketokonform, nach Lorenz trotzdem nicht gesund. Solche Convenience-Produkte sind für sie höchstens eine Notlösung unterwegs. Ihr Maßstab ist ein anderer.

O-Ton aus dem Interview

Das Prinzip einer jeden gesunden Ernährung, ich sage das immer mit dem Slogan „Eat real food“: also eben nichts, was verpackt ist, nichts, was mehr als drei Zutaten auf der Verpackung hat.

Dr. med. Elke Lorenz

Innerhalb dieses Rahmens variiert vieles. Was heute als Keto gilt, sei die modifizierte Atkins-Variante mit rund 65 Prozent Fett, 20 bis 25 Prozent Protein und wenig Kohlenhydraten. Beim Eiweiß mahnt sie zur Vorsicht: Der Körper mache daraus vornehmlich Zucker, zu viel davon verhindere den Fettstoffwechsel. Vor einem ketogen-veganen Alleingang warnt sie ausdrücklich.

Wer aber schon einen entzündeten Darm hat, steht vor einer zweiten Frage: Welche Lebensmittel verträgt er überhaupt noch?

Die Polizei, die nicht schlafen darf

Bevor Lorenz eine Ernährungsform empfiehlt, erhebt sie die Geschichte eines Menschen bis zur Geburt zurück: Kaiserschnitt oder Geburtskanal, gestillt oder nicht, was jemand nie gut vertragen hat. Bei Autoimmunerkrankungen liege nach ihrer Überzeugung immer eine durchlässige Darmwand vor, ein Leaky Gut. In der Schulmedizin gilt das Konzept als umstritten, eine anerkannte Diagnose „Leaky Gut“ gibt es nicht. Was hinter der Darmwand geschieht, erklärt sie mit einem Bild.

O-Ton aus dem Interview

Die Polizei in der Stadt, die 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche beschäftigt ist und Stellung halten muss und die nicht schlafen, die sich nicht ausruhen können, und irgendwann nach drei, vier, fünf Tagen, vielleicht sogar erst nach einer Woche, passieren Fehler.

Dr. med. Elke Lorenz

Der Fehler bestehe darin, dass das überlastete Immunsystem körpereigene Strukturen als fremd einstufe. Deshalb sortiert sie zuerst aus, was den Darm reizt, neben Gluten und Zucker auch pflanzliche Antinährstoffe wie Oxalate und Lektine. Sie räumt selbst ein, dass die Wissenschaft hier nicht einheitlich sei, dass die Schulmedizin nur Oxalat-Nierensteine als Krankheitsbild kenne und Tests keine hundertprozentige Wahrheit lieferten. Was Oxalate im Körper anrichten sollen, vertieft Annic Scholer im Interview über Candida und Oxalate aus demselben Kongress.

Am konsequentesten fällt dieses Aussortieren aus, wenn gar keine Pflanze mehr auf dem Teller liegt.

Nur Fleisch: Eliminationsdiät mit Preisschild

Die carnivore Ernährung, ausschließlich tierische Lebensmittel, nennt Lorenz die nährstoffreichste Eliminationsdiät, die sie kenne. Die Variante PKD, die sicher in Ketose hält, nutze sie als befristeten Reset für den Darm; danach würden Lebensmittel Schritt für Schritt wieder eingeführt. Die große Mehrheit ihrer Klienten berichte von einer Besserung.

Als Beleg verweist sie auf eine Fallserie von zehn Menschen mit Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn, deren Beschwerden unter ketogen-carnivorer Kost zurückgegangen seien. Zur Einordnung: Die Serie von Norwitz und Soto-Mota (2024) rekrutierte über eine Umfrage in sozialen Medien nur Fälle, die bereits auf die Ernährung angesprochen hatten, ohne Kontrollgruppe. Und die Übersäuerung? Hier ist Lorenz ungewöhnlich offen.

O-Ton aus dem Interview

Wenn man sich sehr proteinreich in der carnivoren Ernährung ernährt, dann kann ich dieses Argument gar nicht zu 100 Prozent widerlegen.

Dr. med. Elke Lorenz

Beim Abbau von Eiweiß fielen Säuren an, die der Körper ausscheiden müsse. Deshalb behält sie Magnesium, Kalzium, Kalium, Natrium und Bicarbonat im Blick, misst Omega-3, wenn kein fetter Fisch auf dem Plan steht, und ergänzt Nährstoffe, wo nötig. Von der These, Carnivore bräuchten keine Supplemente, hält sie Abstand. Dass Fleisch Darmkrebs verursache, hält sie für eine Schlagzeile, die sich beim Blick auf die zugrunde liegenden Studien relativiere, zumindest für Weidefleisch von Wiederkäuern. Die Krebsforschungsagentur der WHO stuft verarbeitetes Fleisch allerdings weiterhin als krebserregend ein, rotes Fleisch als wahrscheinlich krebserregend.

Ein Hinweis der Redaktion: Eine so strenge Eliminationsdiät bei einer Autoimmunerkrankung, womöglich unter Medikamenten, gehört in ärztliche Begleitung mit Laborkontrollen. Wie pflanzenreiche Kost bei Gelenkentzündung bewertet wird, lesen Sie in den Grundlagen der Ernährung bei Arthrose; die Studienlage zu Omega-3 fasst unser Beitrag über Supplemente bei Arthrose zusammen.

Drei Monate, nicht drei Wochen

Lohnt sich der Versuch bei jeder Autoimmunerkrankung? Lorenz weitet die Frage aus: Keto und oder Carnivor sei bei den meisten Autoimmun- und anderen entzündlichen Erkrankungen einen Versuch wert, allerdings nur richtig und lange genug. Mindestens drei Monate; viele Studien liefen nur zwei bis vier Wochen. Schnell reagierten nach ihrer Erfahrung Haut, Asthma und Darm, auch bei Multipler Sklerose und Zyklusbeschwerden könne sich etwas bessern, sofern zugleich Milchprodukte wegfielen.

Säulendiagramm: Lebensqualität bei Multipler Sklerose vor und nach sechs Monaten ketogener Ernährung, körperlich 67 zu 79 Punkte, seelisch 71 zu 82 Punkte

Zur Einordnung: In einer Studie mit 65 Erwachsenen mit schubförmiger Multipler Sklerose stieg die selbst eingeschätzte Lebensqualität nach sechs Monaten ketogener Ernährung im körperlichen Bereich von 67 auf 79 Punkte und im seelischen Bereich von 71 auf 82 Punkte (Skala 0 bis 100). Die Studie hatte keine Kontrollgruppe, 83 Prozent der Teilnehmenden hielten die Diät durch. Quelle: Brenton JN et al. 2022, J Neurol Neurosurg Psychiatry 93(6):637-644, PMID 35418509.

Bei Hashimoto wird sie vorsichtig. Hundert Betroffene, hundert Ausgangslagen: Krankheitsdauer, Restfunktion der Schilddrüse, Über- oder Unterfunktion. Manchen tue ein dauerhaft sehr niedriger Insulinspiegel nicht gut. In der Klinik habe sie Krankheiten nur verwaltet, sagt sie; daraus wuchs ihre Haltung.

O-Ton aus dem Interview

Ich folge aber keiner Meinung, sondern ich schaue mir den Menschen an und versuche, mit ihm gemeinsam herauszufinden: Was ist denn für dich jetzt gerade der beste Weg?

Dr. med. Elke Lorenz

Bleibt die Frage, was an diesen Molekülen so besonders sein soll.

Die Magie dahinter

Die Leber bildet Ketonkörper, weil das Gehirn keine Fettsäuren verwerten kann und ohne Zucker einen Ersatz braucht, erklärt Lorenz. Dieser Ersatz sei sogar der bessere Brennstoff: mehr Energie je Molekül, weniger freie Radikale, dazu die entzündungshemmende Wirkung. Ihr Fazit zum Immunsystem:

Wissenschaftliche Grafikfigur im ruhigen Gehschritt, im Rumpf die terrakottafarben hervorgehobene Leber, von der ein feiner Strom aquamarinfarbener Partikel zu Gehirn und Darm zieht
O-Ton aus dem Interview

Die Ketonkörper beeinflussen und regulieren das Immunsystem, sowohl das angeborene Immunsystem als auch das erworbene Immunsystem. Und das ist die Magie dahinter.

Dr. med. Elke Lorenz

Derselbe Weg erkläre, warum Fasten bei Autoimmunerkrankungen wirke: Auch dabei entstehen Ketonkörper. Die Redaktion ergänzt: Fasten bei Autoimmunerkrankung, Diabetes oder unter Medikamenten nie ohne ärztliche Rücksprache. Wie Fasten und Keto zusammenspielen, beschreiben Dr. med. Lulit und Mabon Wunder im Interview über Fasten, Keto und das Immunsystem.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Dr. Elke Lorenz verschiebt die Keto-Debatte vom Teller in die Leber. Nicht das Weglassen allein, sondern die Ketonkörper selbst sind für sie der Grund, weshalb Ketose und Fasten bei Autoimmunerkrankungen einen Versuch wert seien. Dogmatisch ist sie dabei nicht: sauberes Keto statt Convenience, Eiweiß mit Maß, Mineralien und Omega-3 im Blick, Carnivor nur als befristete Eliminationsdiät, für Hashimoto keine Pauschalantwort.

Ihre Thesen zu Leaky Gut und Antinährstoffen bleiben Positionen in einem jungen Forschungsfeld, das sagt sie selbst. Ihr Praxisrat trägt auch ohne sie: drei Monate Geduld, Laborwerte statt Bauchgefühl, ein Mensch, der hinschaut, statt einer Meinung.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ketogene, carnivore oder Fasten-Programme bei einer Autoimmunerkrankung gehören in ärztliche Begleitung mit Laborkontrollen; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert.

Häufige Fragen

Wie soll ketogene Ernährung bei Autoimmunerkrankungen wirken?
Dr. Elke Lorenz nennt zwei Mechanismen. Erstens fielen mit Keto viele Lebensmittel weg, die das Immunsystem aus ihrer Sicht reizen, vor allem Gluten und Zucker. Zweitens bilde die Leber in der Ketose Ketonkörper, die als Molekül entzündungshemmend wirkten und das Immunsystem regulierten. Die Studienlage dazu ist noch jung.
Ist jede ketogene Ernährung automatisch gesund?
Nein, sagt Lorenz. Keto-Convenience-Produkte mit Zuckeralkoholen, Zusatzstoffen und ungünstigen Ölen sieht sie nur als Notlösung unterwegs. Ihr Prinzip lautet „Eat real food“: nichts Verpacktes, nichts mit mehr als drei Zutaten. Vor einer ketogen-veganen Ernährung ohne fachliche Begleitung warnt sie ausdrücklich.
Was ist die carnivore Ernährung und für wen kommt sie laut Lorenz in Frage?
Carnivor heißt nur tierische Lebensmittel; die Variante PKD kombiniert das mit einem Fett-Protein-Verhältnis, das sicher in die Ketose führt. Lorenz nutzt sie als zeitlich begrenzte Eliminationsdiät, um danach Lebensmittel Schritt für Schritt wieder einzuführen. Die Redaktion ergänzt: Eine so strenge Ernährungsform gehört bei Autoimmunerkrankungen in ärztliche Begleitung.
Führt viel Fleisch zu Übersäuerung?
Lorenz räumt ein, dass sie dieses Argument bei sehr proteinreicher carnivorer Kost nicht vollständig widerlegen kann, weil beim Abbau von Eiweiß Säuren anfallen. Sie achtet deshalb auf Magnesium, Kalzium, Kalium, Natrium und Bicarbonat, misst die Omega-3-Versorgung und ergänzt Nährstoffe, wenn es nötig ist.
Wie lange sollte man eine Ernährungsumstellung ausprobieren?
Mindestens drei Monate, sauber durchgezogen, sagt Lorenz. Viele Studien liefen nur zwei bis vier Wochen, das reiche nicht. Manche Menschen spürten bei carnivorer Ernährung schon nach zwei bis vier Wochen eine Veränderung, etwa bei Neurodermitis oder Darmbeschwerden.
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