„Damit müssen Sie leben.” Kaum ein Satz fällt bei der Diagnose Arthrose so oft wie dieser. Doch beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress saß eine Frau, die ihn mit 16 Jahren gehört hat und bis heute nicht akzeptiert. Nicht weil sie die Diagnose anzweifelt. Sondern weil sie die Haltung dazu für gestaltbar hält. Gesundheitscoach Verena Krone sprach dort unter dem Titel „Raus aus der Opferhaltung - Wie du Schöpfer deiner Gesundheit wirst” über Glaubenssätze und Selbstwirksamkeit. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder, mit O-Tönen und in indirekter Rede. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.

Die Prognose mit 16: „Das künstliche Kniegelenk kommt irgendwann”

Ein Chirurg, ein Gipsbett, ein Mädchen im Leistungssport. Die Botschaft: starker Knorpelschaden, Sport in der bisherigen Form vorbei, das künstliche Gelenk nur eine Frage der Zeit. Krone erzählt das ohne Groll, aber mit einer Beobachtung, die das Gespräch prägt. Der Arzt habe nicht gelogen. Er habe weitergegeben, was er selbst für wahr hielt. Wenige Jahre später habe ein jüngerer Arzt ihre nächste Knieverletzung völlig anders behandelt. Prognosen seien von den Überzeugungen des Behandlers gefärbt, sagt sie. Menschlich, aber fachlich nicht immer sauber. Was sie als Teenager gerettet habe, war weniger Wissen als Trotz.

Mikroskopische Nahaufnahme von Gelenkknorpel mit pflaumenfarbenen Knorpelzellen in petrolfarbener Matrix und einer aufgerauten terrakottafarbenen Schadstelle an der Oberfläche
O-Ton aus dem Interview

Ich habe eine sehr starke innere Stimme: Wenn mir jemand sagt, es geht nicht, dann sage ich, das werden wir doch erst mal sehen.

Portrait von Verena KroneVerena KroneGesundheitscoach, kPNI-Therapeutin

Diesem Widerspruch verdankt sie ihre Berufswahl und zwei Fragen, die sie seitdem begleiten: Warum ist das passiert, und wie werde ich wieder gesund? Der Weg führte in die klinische Psychoneuroimmunologie.

Wie Stresshormone das Gelenkmilieu beeinflussen können, beschreibt unser Artikel über Stress, Cortisol und Arthrose. Bleibt die Frage, was Krone mit Opferhaltung meint. Schuld jedenfalls nicht.

Halb voll, halb leer: 250 Milliliter und zwei Weltbilder

Vielleicht denken Sie jetzt: Wer chronische Schmerzen hat, dem hilft kein Optimismus-Vortrag. Krone würde nicht widersprechen. Ihr Bild ist schlichter.

O-Ton aus dem Interview

Du hast ein Glas, 500 Milliliter passen rein, 250 Milliliter sind drin. Die einen sagen, es ist halb voll, die anderen sagen, es ist halb leer. Beide sprechen über 250 Milliliter. In mir ist es fest verankert zu sagen, das Glas ist halb voll, egal wie herausfordernd die Situation gerade ist.

Verena Krone

Die 250 Milliliter sind die Diagnose. Sie ändern sich durch die Betrachtung nicht. Was sich ändere, sei die Frage danach: Was kann ich aus der Situation machen? Krone räumt ein, dass ihr diese Haltung leichter fällt als anderen, und auch sie habe Phasen, in denen sie schlecht über sich denke.

Hier setzt die Redaktion einen Punkt, den Krone selbst mehrfach macht: Wer in einer Opferhaltung steckt, ist weder dumm noch schuld. Arthrose entsteht aus Alter, Genetik, Verletzungen, Belastung und Stoffwechsel. Kein Gedanke hat einen Knorpel abgenutzt, kein Gedanke baut ihn wieder auf. Es geht um den Spielraum, der trotz Diagnose bleibt. Warum viele ihn nicht mehr sehen, erklärt Krone mit einem Blick ins Kinderzimmer.

Wie eine Opferhaltung entsteht: Laufen lernen und wieder verlernen

Kinder zweifeln nicht. Sie fallen hin, stehen auf, fallen wieder.

O-Ton aus dem Interview

Ich habe drei Kinder, die strotzen vor Selbstvertrauen und vor Selbstsicherheit. Die machen einen Fehler nach dem anderen, wenn sie neue Dinge lernen, wie Laufen, Greifen, Malen, Sprechen. Und sie machen weiter und lernen so lange, bis sie aufgestanden sind, ihre Schritte gemacht haben, irgendwann keinen Halt mehr brauchen und dann rennen können.

Verena Krone

Dieses Urvertrauen habe jeder mitgebracht, glaubt sie. Verloren gehe es durch die Umwelt: Eltern, Lehrer, Großeltern, später Medien. Daraus entstehe eine Weltanschauung, die sich wie die eigene anfühle, aber übernommen sei. Genau so entstehe der Gedanke, mit Arthrose müsse man sich abfinden: Schmerz als Dauerzustand, irgendwann die Prothese.

Der Twist: Krone will nicht in der Vergangenheit graben. Die Frage „seit wann glaube ich das?” diene nur dazu, den Mechanismus zu erkennen. Wichtiger sei der Blick nach vorn. Wer im Kopf nur das Bild „Schmerzmittel und künstliches Gelenk” trage, steuere darauf zu, sagt sie. Warum wir trotzdem so oft im Alten bleiben, erklärt sie nüchtern.

O-Ton aus dem Interview

Das hat damit zu tun, dass ich in den alten Mustern, in denen ich groß geworden bin und die ich für wahr halte, Sicherheit empfinde. Tun die Knie weh, habe ich keine Energie, bin ich ständig müde, gereizt: Mir geht es damit nicht gut, aber ich kenne mich hier aus.

Verena Krone

Das Vertraute fühlt sich sicher an, auch wenn es weh tut. Krones erster Hebel dagegen ist unscheinbar.

Der Ausredenkatalog: Was die Sprache verrät

Aus einem Gedanken entstehe eine Entscheidung, daraus Handlungen, daraus eine Emotion, beschreibt Krone. Kommunikation sei eine dieser Handlungen, und an den eigenen Worten könne man erkennen, ob man sich selbst sabotiert. Ihre Klassiker: „ja, aber”, „wenn, dann”, „ich kann das nicht”, „die anderen”. Je länger dieser Ausredenkatalog, desto wahrscheinlicher stehe man sich selbst im Weg.

Schema eines Kreislaufs aus vier verbundenen Stationen: Gedanke, Entscheidung, Handlung und Emotion, jede Station als Piktogramm in einem Kreis

Vom Gedanken zur Emotion: Krone beschreibt einen Kreislauf, in dem aus Gedanken Entscheidungen, daraus Handlungen und am Ende Gefühle entstehen. Die Sprache rechnet sie zu den Handlungen, an ihr lasse sich Selbstsabotage am leichtesten erkennen.

Dann folgt eine Übung mit Papier und Stift. Zwei Spalten: links „deswegen kann ich das nicht”, rechts „wie es eben doch geht”. Die linke füllt sich meist von selbst. Anschließend wird sie mit einem dicken roten Stift durchgestrichen, damit das Gehirn einen Anker bekommt. Ab dann gilt nur noch die rechte Spalte. Krone verbietet die Ausreden nicht, wie sie sagt, sie blockiert den Zugang.

Wie wenig Röntgenbild und erlebter Schmerz manchmal zusammenpassen, zeigt unser Artikel zum klinisch-radiologischen Paradoxon. Krone würde hinzufügen: Auch das Umfeld gehört auf den Prüfstand.

Umfeld, Dankbarkeit und die Zehn-Prozent-Regel

Wie wichtig ist das Umfeld? Krone wollte erst „gar nicht so wichtig” sagen und korrigierte sich sofort. Das Umfeld spiegele die innere Haltung, weil man es als Erwachsener weitgehend selbst geschaffen habe: Beruf, Partner, Freundeskreis, Einkaufszettel. Wer sich verändern wolle, dürfe sich bewusst mit Menschen umgeben, die schon dort sind. Bei den Grenzen ist sie ehrlich: Auf Gesundheitssystem oder Budget habe man keinen Einfluss, wohl aber auf die Reaktion darauf.

Ihr wichtigstes Alltagswerkzeug klingt fast zu einfach.

O-Ton aus dem Interview

Dankbarkeit ist die Einstiegsdroge, weil die kannst du täglich trainieren, solltest du auch täglich trainieren. Und die ist so easy zu trainieren. Du kannst für jedes bisschen dankbar sein, ob es ein Dach über dem Kopf ist, Kleidung am Körper, Essen im Kühlschrank.

Verena Krone

Konkret: jeden Tag fünf Dinge aufschreiben, morgens oder abends. Nach einer Woche sei man genervt, nach drei bis sechs Monaten spüre man den Unterschied.

Ein Hinweis der Redaktion gehört an diese Stelle. Im Gespräch fallen auch Sätze über Menschen, die „alles nur über die Gedanken” geheilt hätten. Solche Berichte geben wir bewusst nicht wieder. Haltung und Dankbarkeit sind Werkzeuge für den Umgang mit einer chronischen Erkrankung, kein Ersatz für Diagnostik, Physiotherapie oder Medikamente. Setzen Sie nie eine Therapie ab, weil Sie sich innerlich stärker fühlen. Wer sich durch das Thema Eigenverantwortung unter Druck gesetzt oder schuldig fühlt, sollte sich psychotherapeutische Unterstützung holen.

Zum Schluss die Frage, die Krones Kunden am häufigsten stellen: Wie lange dauert das?

O-Ton aus dem Interview

Rechne mindestens mit zehn Prozent der Zeit, die du die Thematik kennst, bis es zu einer neuen Gewohnheit geworden ist und die Transformation stattgefunden hat. Wenn du 20 Jahre in dem Prozess bist, dann gib dir doch mal zwei Jahre.

Verena Krone

Das nehme den Druck raus. Schneller gehe es mit jemandem an der Seite, sagt die Coachin, die nach eigener Aussage selbst immer drei Coaches hat.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Krones Kernbotschaft ist keine Heilsbotschaft. Sie lautet: Die Diagnose ist ein Befund, die Haltung dazu eine Entscheidung, und die wurde oft von anderen getroffen, bevor man sie selbst bemerkt hat. Ihr Werkzeugkasten: auf den eigenen Ausredenkatalog hören, die Zwei-Spalten-Übung mit rotem Stift, ein Umfeld, das die neue Richtung stützt, fünf Dankbarkeitssätze am Tag und eine realistische Zeitrechnung.

Was Bewegung dabei leisten kann, zeigt das GLA:D-Programm. Wie ein Orthopäde im selben Kongress Körper und Lebensführung zusammen betrachtet, lesen Sie im Interview mit Dr. med. Ulrich Frohberger über ganzheitliche Orthopädie.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung. Verena Krone ist Gesundheitscoach, keine Ärztin. Innere Haltung und Selbstwirksamkeit ergänzen die Behandlung einer Arthrose, sie ersetzen weder Diagnostik noch Therapie. Ändern oder beenden Sie Medikamente und Behandlungen nur in Absprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Häufige Fragen

Was versteht Verena Krone unter Opferhaltung bei Arthrose?
Laut Krone ist es die Überzeugung, nach der Diagnose nichts mehr selbst bewirken zu können: sich mit Schmerzen abfinden, auf das künstliche Gelenk warten. Diese Haltung sei meist von außen übernommen, nicht selbst gewählt.
Kann man Arthrose mit der richtigen Einstellung heilen?
Das behauptet der Artikel nicht, und die Redaktion rät ausdrücklich davon ab, so zu denken. Krone beschreibt Haltung als ein Werkzeug neben Ernährung, Schlaf und Bewegung, das den Umgang mit der Erkrankung verändert. Diagnostik und ärztliche Therapie bleiben die Basis.
Woran erkenne ich laut Krone, dass ich mich selbst sabotiere?
An der Sprache. Wer häufig „ja, aber", „wenn, dann", „ich kann das nicht" oder „die anderen" sagt, führt nach ihrer Beobachtung einen langen Ausredenkatalog. Sie lädt ihre Kunden ein, eine Zeit lang auf genau diese Wörter zu achten.
Wie funktioniert die Zwei-Spalten-Übung?
Krone lässt eine Tabelle anlegen: links „deswegen kann ich das nicht", rechts „wie es eben doch geht". Die linke Spalte wird anschließend mit einem dicken roten Stift durchgestrichen. Die körperliche Handlung setze dem Gehirn einen Anker, nur die rechte Spalte dürfe weiter benutzt werden.
Wie lange dauert eine Veränderung nach Krones Erfahrung?
Sie gibt ihren Kunden eine Faustregel mit: mindestens zehn Prozent der Zeit, die man ein Thema schon kennt. Wer 20 Jahre mit einem Muster lebt, sollte sich zwei Jahre geben. Das nehme den Druck raus, dass alles in zwei Monaten verschwunden sein muss.
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