Die Antikörper sind gestiegen. Wer mit Hashimoto, rheumatoider Arthritis oder einer anderen Autoimmunerkrankung lebt, kennt diesen Moment vor dem Laborbefund, und meist folgt der Gedanke: Es wird schlimmer. Doch genau diesen Schluss hält Dr. med. Jenny Koch, Praktische Ärztin für Funktionelle und ganzheitliche Medizin, für zu kurz gegriffen. Beim Autoimmunkongress erklärte sie Schritt für Schritt, wie das Immunsystem eigen von fremd unterscheidet, an welcher Stelle diese Unterscheidung kippt und warum ein Antikörper für sie eher ein Fähnchen ist als ein Angriff. Das vollständige Gespräch läuft im Kongress.

Kein Organ, sondern ein Netzwerk

Wo sitzt das Immunsystem? Viele hätten darauf keine Antwort, beobachtet Koch. Ihre eigene fällt grundsätzlich aus.

O-Ton aus dem Interview

Das Immunsystem ist ein überlebenswichtiges Abwehrsystem in unserem Körper, und das ist kein einzelnes Organ, wie wir das von anderen Organen kennen, sondern das besteht aus ganz vielen Anteilen.

Dr. med. Jenny KochPraktische Ärztin für Funktionelle und ganzheitliche Medizin

Zu diesen Anteilen zählt sie Barrieren wie die Haut, kleine Eiweiße, die Erreger unschädlich machen, und vor allem Immunzellen: gebildet im Knochenmark, verteilt dort, wo der Körper Kontakt zur Außenwelt hat, also in Darm, Lunge und Leber, dazu in Lymphsystem und Blut.

Schiefgehen könne das in zwei Richtungen. Zu schwach, dann häufen sich Infekte. Zu stark, dann entstehen nach ihrer Darstellung Allergien und Autoimmunerkrankungen, weil die Abwehr auf körpereigene Bausteine reagiert. Wo aber lernt eine Immunzelle, was eigen ist? An einem Organ, das kaum jemand bewusst wahrnimmt.

Die Schule hinter dem Brustbein

Der Thymus liegt hinter dem Brustbein und bildet sich im Lauf des Lebens zurück. Für Koch ist er der entscheidende Ort im Autoimmungeschehen: Dort reifen die nach ihm benannten T-Zellen und würden darauf trainiert, körpereigene Zellen zu erkennen und in Ruhe zu lassen. Wie streng diese Prüfung ausfällt, zeigt eine Zahl, die Koch selbst bemerkenswert findet.

O-Ton aus dem Interview

Ungefähr ein Prozent der T-Zellen, die gebildet werden, verlassen den Thymus wieder. Alle anderen werden abgetötet. Das ist wirklich nur eine ganz kleine Anzahl, und wenn wir wissen, 99 Prozent der Zellen werden aussortiert, dann wissen wir, da ist auch eine große Fehleranfälligkeit.

Dr. med. Jenny Koch

Schema: Aus dem Knochenmark wandern junge T-Zellen in den Thymus hinter dem Brustbein, ein breiter Pfeil führt die meisten aussortierten Zellen ab, ein schmaler Pfeil lässt wenige freigegebene Zellen in die Blutbahn

Die Thymus-Schule, wie Dr. Jenny Koch sie beschreibt: Junge T-Zellen kommen aus dem Knochenmark, im Thymus wird der weitaus größte Teil aussortiert, nur wenige geprüfte Zellen erreichen die Blutbahn.

Das Problem sei nicht die hohe Ausschussquote, sondern der Fehler beim Sortieren. Entkomme eine T-Zelle, die auf eigenes Gewebe reagiert, könne sie über Blut und Lymphe etwa die Schilddrüse erreichen und dort einen Autoimmunprozess anstoßen. Als weitere Auslöser nennt sie Schadstoffe und die molekulare Mimikry: Erreger, die körpereigenen Strukturen ähneln, sodass die Abwehr beides verwechselt; für das Epstein-Barr-Virus und Multiple Sklerose sei das in Untersuchungen gut belegt.

Naheliegend wäre: Je mehr Autoantikörper im Blut, desto heftiger der Angriff. Genau hier widerspricht Koch.

Das Fähnchen und der Angriff

Antikörper stammen von den B-Zellen und sind das, was ein Labor messen kann. Viele Patienten schauten zuerst auf diesen Wert, berichtet Koch; er sei ein wichtiger Verlaufsmarker. Nur greife er selbst nichts an.

O-Ton aus dem Interview

Die Antikörper kann man sich vorstellen wie ein Fähnchen. Die binden daran und zeigen: Hier ist etwas auffällig. Und erst wenn dann eine T-Zelle, die auch ein entsprechendes Aktivitätslevel hat, dorthin findet, daran bindet und merkt, hier ist ja etwas, greifen sie und auch andere Immunzellen das Organ an.

Dr. med. Jenny Koch

Ob eine T-Zelle in dieses Aktivitätslevel gerät, hänge vom Milieu ab. Chronisch entzündete Zähne, ein entzündeter Darm, fehlende Nährstoffe: All das hebe über Botenstoffe im Blut das Entzündungsniveau im ganzen Körper. Beim Darm spricht Koch von einer Durchlässigkeitsstörung oder einem Leaky-Gut-Syndrom; die Redaktion merkt an, dass dieses Konzept als eigenständiges Krankheitsbild umstritten ist.

Daraus folgt für Koch etwas Überraschendes: Jemand könne sehr hohe Antikörper haben und im Ultraschall eine gesund aussehende Schilddrüse. Umgekehrt könne jemand fast keine messbaren Antikörper haben und trotzdem innerhalb weniger Jahre eine zerstörte Schilddrüse.

O-Ton aus dem Interview

Es ist nicht allein die Antikörperlast und wie aktiv die B-Zellen sind, sondern es kommt auf diese Umgebungsfaktoren an, ob die Zellen dann entscheiden, als Reaktion auf die Antikörper wirklich eine Zerstörung einzuleiten oder eben nicht.

Dr. med. Jenny Koch

Ihre Konsequenz: Wer sich nach mehr Schlaf, Bewegung und anderer Ernährung spürbar besser fühlt und dann steigende Antikörper sieht, solle sich nicht entmutigen lassen, sondern mit der Ärztin auch den Organbefund anschauen, etwa den Schilddrüsen-Ultraschall. Hinweis der Redaktion: Welche Kontrollen nötig sind, legt die behandelnde Praxis fest; sie fallen nicht weg, weil man sich gut fühlt. Die zwei Typen von T-Helferzellen vertieft Ruth Biallowons im Interview über TH1 und TH2 aus demselben Kongress.

Bleibt die Frage, wie aus einem eigenen Eiweiß ein Fremdkörper wird. Koch zeigt dafür ein Bild, das sie mit einer Kidneybohne vergleicht.

Wenn ein Schadstoff das Eiweiß verkleidet

3D-Nahaufnahme eines bohnenförmigen körpereigenen Eiweißes, an dem kleine Schadstoffpartikel haften und die Oberfläche terrakottafarben verformen, während sich eine Immunzelle nähert
O-Ton aus dem Interview

Haptene sind grundlegend kleine Stoffe, die in unseren Körper eindringen können und die für sich vom Immunsystem überhaupt nicht wahrgenommen werden. Die können aber an ein körpereigenes Protein binden, und dann kann dieses körpereigene Protein anders aussehen.

Dr. med. Jenny Koch

Docken fremde Kleinstteile an, etwa Schwermetalle, die Koch als Klassiker nennt, verändere sich die Form des Eiweißes, und eine vorbeikommende Immunzelle stufe das Bekannte als fremd ein. Aus ihrer Sicht ist das nicht einmal fehlgeleitet: Das Immunsystem tue, wofür es gebaut ist, nur an einem chemisch veränderten Ziel.

So erklärt sie, warum Autoimmunerkrankungen fast jedes Gewebe treffen können, von Schilddrüse und Leber bis zu Haut und Gelenken; den Unterschied zur verschleißbedingten Arthrose erklärt unser Grundlagenartikel. Und weil Stress und Entzündungsniveau dieselben Prozesse stören, trage jemand mit einer Autoimmunerkrankung nach ihrer Erfahrung ein höheres Risiko für eine zweite.

Säulendiagramm: Anteil der Bevölkerung mit mindestens einer Autoimmunerkrankung in Großbritannien 2000 bis 2019, Frauen 13,1 Prozent, Männer 7,4 Prozent, gesamt 10,2 Prozent

Zur Einordnung: In einer britischen Kohortenstudie mit 22.009.375 Personen waren im Zeitraum 2000 bis 2019 10,2 Prozent der Bevölkerung von mindestens einer von 19 untersuchten Autoimmunerkrankungen betroffen, 13,1 Prozent der Frauen und 7,4 Prozent der Männer. Die Autoren berichten zudem, dass Autoimmunerkrankungen häufig gemeinsam auftreten. Quelle: Conrad N et al. 2023, Lancet 401(10391):1878-90, PMID 37156255.

Daraus leitet Koch ab, Schadstoffe im Alltag zu meiden und bei nachgewiesener, chronisch erhöhter Schwermetallbelastung eine ärztlich geführte Ausleitung zu erwägen. Die Redaktion ergänzt: Solche Verfahren gehören ausschließlich in ärztliche Hände und beginnen mit einer Messung.

Was Dr. Koch ihren Patienten rät

Die Liste, die Koch dann nennt, kennt jeder, und genau das ist ihr Punkt: Stressabbau, Bewegung, Schlaf, Ernährung stünden überall, würden aber kaum umgesetzt. Beim Stress rät sie zur Bestandsaufnahme: Welche Stressoren lassen sich verkleinern? Das müsse nicht die Kündigung sein, manchmal reiche ein klärendes Gespräch mit einem Kollegen. Bei der Ernährung hält sie wenige Regeln für fast alle passend: wenig Transfette, kein Industriezucker, keine stark verarbeiteten Lebensmittel, gegebenenfalls weniger Gluten. Weil ein überaktives Immunsystem nach ihrer Beobachtung auch auf gesunde Lebensmittel reagieren könne, rät sie zur Abklärung von Unverträglichkeiten. Wie Ernährung im Gelenk wirkt, zeigt der Artikel Arthrose und Ernährung.

Bei Schadstoffen wird sie konkret: Duftstoffe, Raumdeos, parfümierte Kosmetik und Reinigungsmittel reduzieren, neue Kleidung vor dem ersten Tragen waschen, nicht aus To-go-Bechern trinken. Dazu Nährstoffmängel ausgleichen und ein stabiler Blutzucker. Hinweis der Redaktion: Ernährungsumstellungen, Nahrungsergänzung und Ausleitungen gehören in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente, etwa Schilddrüsenhormone oder Immunsuppressiva, werden nie ohne Rücksprache verändert.

Am Ende wechselt Koch die Ebene. Gerade gesundheitsbewusste Menschen erlebe sie oft in Angst: vor dem nächsten Schub, vor Schadstoffen, vor Lebensmitteln. Diese Angst sei selbst ein Stressor. Ihr Gegenmittel heißt Vertrauen.

O-Ton aus dem Interview

Man kann nicht alles vermeiden. Man darf aber auch darauf vertrauen, dass der Körper wirklich sehr viel kann und dass der wahnsinnig viele tolle Mechanismen hat.

Dr. med. Jenny Koch

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Dr. Jenny Koch zerlegt die Autoimmunerkrankung in drei Fragen: Wurde eine fehlerhafte T-Zelle im Thymus übersehen? Wie hoch ist das Entzündungsniveau, das aus einem Fähnchen einen Angriff macht? Was hat ein eigenes Eiweiß fremd gemacht? Antikörper bleiben für sie ein Marker, nicht das Maß der Zerstörung.

Ihr Praxisrat ist unspektakulär und deshalb leicht zu unterschätzen: Stressoren benennen, schlafen, bewegen, wenige Ernährungsregeln, Schadstoffe im Alltag reduzieren, Nährstoffe prüfen lassen. Welche Entzündungsquellen im Alltag oft übersehen werden, zeigt Markus Grimm im Interview über versteckte Entzündungsfallen aus demselben Kongress.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Autoimmunerkrankungen gehören in fachärztliche Betreuung; Laborkontrollen, Medikamente und Therapieentscheidungen besprechen Sie immer mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Häufige Fragen

Warum greift das Immunsystem bei einer Autoimmunerkrankung den eigenen Körper an?
Nach Darstellung von Dr. Jenny Koch versagt dabei die Sortierung im Thymus: T-Zellen, die auf körpereigenes Gewebe reagieren, werden normalerweise aussortiert. Entkommen einzelne, können sie ein Organ als gefährlich einstufen. Dazu kämen Schadstoffe, Erreger, die körpereigenen Strukturen ähneln, und eine genetische Veranlagung.
Bedeuten steigende Antikörper, dass die Erkrankung schlimmer wird?
Nicht zwangsläufig, sagt Dr. Koch. Antikörper markierten auffällige Strukturen, der eigentliche Angriff gehe von aktivierten T-Zellen aus. Es gebe Menschen mit sehr hohen Antikörpern und gesund aussehender Schilddrüse und umgekehrt. Sie rät, Befinden und Organbefund mitzubewerten; welche Kontrollen nötig sind, entscheidet die behandelnde Praxis.
Was sind Haptene und was haben sie mit Autoimmunerkrankungen zu tun?
Haptene sind laut Dr. Koch kleine Stoffe, etwa Schwermetalle, die für sich vom Immunsystem nicht bemerkt werden. Binden sie an ein körpereigenes Eiweiß, verändere sich dessen Form, und Immunzellen könnten das eigene Eiweiß für fremd halten.
Kann man mit einer Autoimmunerkrankung weitere bekommen?
Dr. Koch beschreibt, dass viele Autoimmunerkrankungen ähnliche Ursachen in der Fehlregulation des Immunsystems haben. Wer eine habe, trage deshalb nach ihrer Erfahrung ein höheres Risiko für eine zweite. Eine große britische Kohortenstudie beschreibt ebenfalls ein häufiges gemeinsames Auftreten.
Welche Lebensstilfaktoren nennt Dr. Koch bei Autoimmunerkrankungen?
Stressoren im Alltag konkret benennen und verkleinern, ausreichend Schlaf und Bewegung, wenige Ernährungsregeln wie wenig Transfette, kein Industriezucker und keine stark verarbeiteten Lebensmittel, Unverträglichkeiten abklären, Schadstoffe in Kosmetik und Haushalt reduzieren, Nährstoffmängel ausgleichen. Die Redaktion ergänzt: Änderungen bei einer Autoimmunerkrankung gehören in ärztliche Begleitung.
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