„Das liegt bei uns in der Familie.“ Wer seit Jahren Schmerzen hat, kennt diesen Satz, und oft sagt er ihn sich selbst. Er klingt nach Schicksal. Doch Jan Kielmann, Experte für holopathische und ganzheitliche Gesundheit, hält ihn für eine halbe Wahrheit. Beim Schmerzkongress legte er dar, dass die Gene zwar festlegen, wofür ein Körper anfällig ist, dass aber der Alltag entscheidet, ob daraus etwas wird. Sein Gespräch trug den Titel „Genetische Hintergründe chronischer Schmerzen“; die Aufzeichnung sehen Sie im Kongress.

Die Zelle als Stadt, die DNA als Speicher

Was passiert im Körper, wenn Sie ein Stück Kuchen essen? Kielmann beginnt bei der einzelnen Zelle, für ihn eine kleine Stadt mit Kraftwerken, Fabriken und Müllabfuhr; im Kern liege die DNA. Die Bauchspeicheldrüse schütte Insulin aus, das Signal werde bis zur DNA durchgereicht, und dort sei die Antwort schon hinterlegt: einen Zuckertransporter bauen, Zucker aufnehmen, nach dem Signal alles wieder abbauen. Die DNA sei deshalb weniger ein kluger Computer als ein Speichermedium. Kommt Signal A, folgt Reaktion B.

Schema einer Zelle im Querschnitt, in der ein Signal am Rezeptor über eine Signalkette den Zellkern erreicht und die Zelle daraufhin einen Transportkanal für Zucker in die Membran baut

Vom Signal zur Antwort: Ein Botenstoff dockt an der Zellhülle an, die Nachricht läuft bis zum Zellkern, und die Zelle baut daraufhin einen Transportkanal. So beschreibt Jan Kielmann den Weg, auf dem Umwelt und Ernährung täglich bestimmen, welche Gene abgelesen werden.

Hitze und Kälte, Essen und Fasten, Bewegung, Stress, Sonne: All das verändere nach seiner Darstellung in jedem Augenblick, welche Gene gerade abgelesen werden.

O-Ton aus dem Interview

Die Gene bleiben zwar immer gleich, egal ob wir jetzt ein Baby sind oder ein Rentner, aber alles andere beeinflusst den Ausdruck dieser Gene.

Jan KielmannExperte für holopathische und ganzheitliche Gesundheit

Die Schalter dafür heißen Epigenetik. Kielmann vergleicht die Gene mit Stromleitungen und Lampen im Haus, die Epigenetik mit den Lichtschaltern. Nutrigenomik sei die Frage, was aus der Umwelt diese Schalter bedient.

Wenn aber alles die Gene beeinflusst, was bleibt dann vom Satz „das liegt in der Familie“?

Die Pistole, der Lauf und der Abzug

Vater, Onkel, Bruder, alle mit derselben Krankheit. Also Schicksal? Kielmann hält dagegen: Wenn alle in einer Familie gleich essen, gleich arbeiten und im gleichen Haus wohnen, müsse eine gemeinsame Krankheit nicht genetisch sein. Für klassische Erbkrankheiten gelte das nur eingeschränkt, räumt er ein. Für den großen Rest gelte sein Leitbild: Die Gene seien die Pistole.

O-Ton aus dem Interview

Die verschiedenen Mutationen sind sozusagen die Richtung, in die der Pistolenlauf zeigt. Aber die Umwelt ist das, was den Auslöser auslöst.

Jan Kielmann

Der Lauf könne auf chronische Schmerzen zeigen; solange niemand abdrücke, passiere nichts. Das ist seine Deutung. Familien- und Zwillingsstudien stützen zumindest ihre Richtung.

Säulendiagramm: Erblicher Anteil an chronischen Schmerzen 29 Prozent ohne und 16 Prozent mit Korrektur um Lebensstil und Haushalt, bei schweren chronischen Schmerzen 44 und 30 Prozent

Zur Einordnung: In der schottischen Familienstudie Generation Scotland mit 7644 Teilnehmenden aus 2195 Großfamilien ließen sich 29 Prozent der Unterschiede beim Auftreten chronischer Schmerzen und 44 Prozent bei schweren chronischen Schmerzen auf erbliche Faktoren zurückführen. Wurden Alter, Body-Mass-Index, Geschlecht, Einkommen, Beruf, Bewegung und der gemeinsame Haushalt herausgerechnet, blieben 16 und 30 Prozent. Quelle: Hocking LJ et al. 2012, European Journal of Pain 16(7):1053-63, PMID 22337623.

Welche Gene meint Kielmann konkret? Eines nennt er beim Namen.

Ein Gen namens COMT und die Frage, wie schnell es läuft

Das Gen heißt COMT. Es trage die Bauanleitung für ein Enzym, das Botenstoffe wie Dopamin abbaut, dazu Östrogene und die Stoffe, die beim Verbrennen von Essen entstehen. Der eigentliche Punkt sind für ihn die Varianten: Ein Enzym arbeite schneller oder langsamer. In Kombination mit weiteren Genen könne der Körper empfindlich auf Cortisol reagieren, und ein Mensch sei dann von Geburt an stressanfälliger als sein Nachbar.

Kielmann spricht von einem Dreigespann: Anfälligkeit für Stress, für Entzündung, für Schmerz. Zwei Menschen könnten dasselbe Leben führen, und einer habe trotzdem mehr Entzündung im Körper. Wer so gebaut sei, müsse entzündungsärmer leben: weniger Frittiertes, mehr Gemüse und Fisch, weniger Zucker, Weizen und Milch. Das ist Kielmanns Empfehlung, keine Leitlinie; was bei Gelenkbeschwerden belegt ist, steht in unserem Überblick zu den Grundlagen der Ernährung bei Arthrose.

Vielleicht denken Sie jetzt an einen Gentest. Kielmann selbst warnt davor, sich von berechneten Risiken verrückt machen zu lassen; ein Risiko sei kein Urteil. Die Redaktion ergänzt: Für chronische Schmerzen ist die Aussagekraft solcher Genprofile begrenzt. Und die Hoffnung auf das eine Gen dämpft Kielmann gleich mit.

O-Ton aus dem Interview

Es ist nicht ein Gen, mit dem man mit einem Nahrungsergänzungsmittel eine Kondition behandelt, sondern es sind Netzwerke von Genen. Es ist gar nicht so leicht, die zu beeinflussen.

Jan Kielmann

Bleibt die Frage, wie aus Stressanfälligkeit Schmerz wird. Kielmanns Antwort führt in den Darm.

Stress, Darm, Entzündung: Kielmanns Kette zum Schmerz

Stress, das sei nicht nur der schreiende Chef oder das leere Konto. Wer sein Stresssystem messe, etwa über die Herzfrequenzvariabilität, entdecke Auslöser, die er nie als Stress empfunden habe: Nachrichten, volle Autobahn, Stadtlärm. Bei sich selbst fand Kielmann die tägliche Autobahnfahrt; seine Lösung war die rechte Spur mit Hörbuch.

O-Ton aus dem Interview

So ganz normale Sachen, an die wir uns gewöhnt haben, die wir jeden Tag machen, können bei uns Stress auslösen.

Jan Kielmann

Den Mechanismus dahinter beschreibt er so: Cortisol sei eigentlich ein Entzündungshemmer, der Haken liege im Dauerbetrieb. Chronisch erhöhtes Cortisol steigere die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut. Gelangten Bakterienbestandteile und unverdaute Eiweiße ins Blut, müsse das Immunsystem ständig reagieren, und aus der Dauerreaktion werde eine chronische Entzündung, die den Darm weiter durchlässig mache. Ein Kreis, der nach seiner Darstellung bis an die Nerven reicht.

3D-Nahaufnahme einer verzweigten gelben Nervenendigung im Bindegewebe, an die violette Immunzellen terrakottafarbene Botenstoffe abgeben
O-Ton aus dem Interview

Generell kann einfach chronische Entzündung die Sensibilität der Schmerzrezeptoren erhöhen und auch die Sensibilität der Immunzellen erhöhen.

Jan Kielmann

Kielmann geht so weit, Gelenkverschleiß, der nicht vom Sport kommt, im Kern auf chronische Entzündung zurückzuführen. Das ist seine Position; die Forschung sieht bei Arthrose ein Zusammenspiel aus Belastung, Stoffwechsel und niedriggradiger Entzündung, nachzulesen in Was ist Arthrose?. Auch die durchlässige Darmwand als Krankheitsursache ist umstritten: Dass die Barriere unter Stress durchlässiger wird, ist belegt; was das für einzelne Krankheitsbilder bedeutet, bleibt offen.

Wie ein Kollege aus demselben Kongress stille Entzündungsherde als Schmerzquelle aufspürt, zeigt Reinhard Clemens im Interview über Entzündungsherde und chronische Schmerzen. Kielmann selbst kam zum Thema nicht über Studien, sondern über den eigenen Körper.

Der Bauch als Arzt: Kielmanns eigene Geschichte

Mit etwa 30, erzählt Kielmann, hätten Ärzte ihm wegen einer Autoimmunerkrankung zu einer Operation geraten. Er lehnte ab und stieß auf ein altes Buch, dessen Autor riet: eine Woche ohne Milch, dann schauen. Sein leichter Haarausfall habe aufgehört, mit Milch sei er zurückgekommen, zehnmal durchgespielt. Nach seiner Schilderung gingen seine Schmerzen innerhalb von drei bis sechs Monaten um 80 Prozent zurück; rückblickend deutet er das als unerkannte Allergie gegen Milcheiweiß.

Eine persönliche Erfahrung, keine Studie, und Kielmann sagt selbst, man könne es Zufall nennen. Die Redaktion ergänzt: Wer Lebensmittelgruppen streichen oder eine empfohlene Behandlung ablehnen will, bespricht das mit den behandelnden Ärzten. Kielmann nahm aus der Episode eine Haltung mit: Er habe seinen Bauch zum Arzt erklärt. Der Körper gebe Warnungen, und wer sie nicht lesen könne, erlebe, wie sie lauter würden.

Wie arbeitet er heute? Mit einem sehr langen Gespräch, das er Detektivarbeit nennt, und erst danach mit gezielten Tests. Was er sucht, fasst ein Satz zusammen, der die Logik des ganzen Gesprächs trägt.

O-Ton aus dem Interview

Im Körper ist eigentlich nichts chronisch, zumindest ist das die laufende Theorie: Der Körper probiert immer, sich auszugleichen und einen Idealzustand zu erreichen. Wenn etwas chronisch aussieht, dann muss es daran liegen, dass da jeden Tag etwas diese chronische Krankheit am Leben erhält. Und was machen wir jeden Tag? Atmen, Wasser trinken, essen, uns in unserer Umwelt aufhalten.

Jan Kielmann

Heilen könne er niemanden, betont er, er helfe nur dabei, dass der Körper es selbst tut, und das brauche Zeit. Ein Hinweis der Redaktion: Schmerzen mit Lähmungen, Taubheit, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder Blasenstörungen gehören sofort in ärztliche Abklärung, unabhängig von jeder Ursachensuche.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Jan Kielmann nimmt dem Satz „das liegt in der Familie“ seine Endgültigkeit. Die Gene geben aus seiner Sicht eine Richtung vor, mehr nicht; entscheidend sei, was Tag für Tag auf die Zellen einwirkt. Sein Weg zum Schmerz führt über Stressanfälligkeit, Darm und stille Entzündung, seine Antwort ist ein entzündungsarmer Alltag und die Suche nach dem, was die Beschwerden täglich füttert. Dass Erblichkeit nur einen Teil der Schmerzneigung erklärt, ist gut belegt. Die Darmwand als Drehscheibe ist seine Deutung. Sein praktischer Kern trägt auch ohne sie: Stress ernst nehmen, Körpersignale beachten, Veränderungen ärztlich begleiten lassen.

Wie Gedanken und Glaubenssätze auf den Schmerz wirken, vertiefen im selben Kongress Felix Kade im Interview über das bio-psycho-soziale Schmerzmodell und Felix Klemme, den Kielmann ausdrücklich empfiehlt, im Interview über Abnehmen und Opferhaltung.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Jan Kielmann ist Ernährungsberater und Experte für holopathische und ganzheitliche Gesundheit, kein Arzt. Genetische Untersuchungen, Ernährungsumstellungen und der Verzicht auf Lebensmittelgruppen bei Vorerkrankungen gehören in ärztliche Begleitung; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Schmerzen mit Lähmungen, Taubheit, Fieber, ungewolltem Gewichtsverlust oder Blasen- und Darmstörungen sind sofort ärztlich abzuklären.

Häufige Fragen

Sind chronische Schmerzen vererbbar?
Nach Jan Kielmanns Darstellung geben die Gene eine Anfälligkeit vor, nicht die Krankheit. Ob aus der Anlage Beschwerden werden, entscheide die Umwelt: Ernährung, Stress, Schadstoffe, Bewegung. Zur Einordnung: In einer schottischen Familienstudie erklärten erbliche Faktoren 16 bis 30 Prozent der Unterschiede beim Auftreten chronischer Schmerzen, nachdem Lebensstil und Haushalt herausgerechnet waren.
Was bedeutet Epigenetik im Zusammenhang mit Schmerzen?
Kielmann vergleicht die Gene mit den Stromleitungen und Lampen eines Hauses und die Epigenetik mit den Lichtschaltern. Die Erbinformation bleibe gleich, das An- und Ausschalten einzelner Gene verändere sich aber ständig, je nachdem, was auf die Zelle einwirkt.
Welches Gen nennt Jan Kielmann im Zusammenhang mit chronischen Schmerzen?
Er nennt das Gen COMT. Es enthalte den Bauplan für ein Enzym, das Botenstoffe wie Dopamin sowie Östrogene und bestimmte Nahrungsbestandteile abbaut. Je nach Variante laufe dieses Enzym schneller oder langsamer, was nach seiner Darstellung die Stressanfälligkeit mitbestimmt. Die Redaktion ergänzt: Der Zusammenhang zwischen COMT-Varianten und Schmerz wird erforscht, die gemessenen Effekte sind klein.
Wie hängen Stress, Darm und Schmerz nach Kielmanns Sicht zusammen?
Chronischer Stress halte den Cortisolspiegel hoch, das erhöhe die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut. Gelangten Bakterienbestandteile und unverdaute Eiweiße ins Blut, reagiere das Immunsystem dauerhaft, und diese anhaltende Entzündung mache die Schmerzrezeptoren empfindlicher. Das ist seine Deutung; die Rolle der Darmdurchlässigkeit als Krankheitsursache ist in der Forschung nicht abschließend geklärt.
Was empfiehlt Kielmann Menschen mit chronischen Schmerzen konkret?
Er sucht nach eigener Aussage in einem langen Gespräch nach dem, was die Beschwerden Tag für Tag am Leben hält, und testet erst danach gezielt. Als Grundlage nennt er einen entzündungsarmen Lebensstil mit weniger Stress und weniger Schadstoffen. Die Redaktion ergänzt: Ernährungsumstellungen bei Vorerkrankungen gehören in ärztliche Begleitung, verordnete Medikamente werden nie eigenmächtig verändert.
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