Kein Rotwein, kein gereifter Käse, keine Tomaten: Wer die Diagnose Histaminintoleranz bekommt, streicht meist als Erstes den Speiseplan zusammen. Doch dieser Reflex greift nach Ansicht von HP Kyra Kauffmann (Heilpraktikerin, Autorin) zu kurz. Die allerwenigsten Histaminprobleme seien ernährungsbedingt, sagt sie; der Stoff selbst sei zunächst ein Helfer. Beim Entzündungskongress sprach sie über Histamin als Botenstoff mit festen Aufgaben im Immunsystem und im Gehirn und über Mastzellen als die eigentlichen Verdächtigen. Ihr Interview trägt den Titel „Histamin - Der missverstandene Entzündungs-Botenstoff“; das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress.
Ein Stoff, den der Körper mit Absicht herstellt
Was ist Histamin überhaupt? Für Kauffmann zuerst ein Naturstoff; schon das Brennen der Brennnessel gehe auf Histamin zurück. Vor allem aber stelle der Körper ihn ständig selbst her, aus der Aminosäure Histidin mit Hilfe von Vitamin B6. Warum sollte er das tun, wenn der Stoff nur Ärger macht?
Kauffmann nennt zwei Aufgaben. Im Gehirn wirke Histamin als Botenstoff für Aufmerksamkeit, Wachheit und Konzentration. Im Gewebe arbeite es für das Immunsystem, sie vergleicht es mit einem Dirigenten: Bei einem Wespenstich oder einem Schnitt in den Finger ebne Histamin den anderen Immunzellen den Weg, sodass weiße Blutkörperchen schneller an die Verletzung gelangen.
Wir haben von Natur aus die Fähigkeit, mit Histamin klarzukommen. Histamin ist unser Freund und Helfer in erster Linie.
Warum bekommt dieser Helfer dann so oft die Schuld? Die Antwort führt zu einem Laborwert.
Der Diagnosehammer
Der Begriff Histaminintoleranz sei Ende der 1980er-Jahre aufgekommen, erzählt Kauffmann. Bei Menschen mit unerklärlichen Darmbeschwerden habe man ein Enzym gemessen, die Diaminoxidase, kurz DAO, eines von zwei bekannten Enzymen, die Histamin abbauen. Fiel der Wert niedrig aus, stand die Diagnose.
Wenn ein Mangel festgestellt wird, kommt auch heute noch sofort der Diagnosehammer Histaminintoleranz. Das ist oft viel zu kurz gesprungen in der Diagnostik und wird dem Gesamtthema Histamin nicht gerecht.
Wie sie das Thema stattdessen denkt, erklärt sie mit einem Bild.
Ich spreche ganz gern von einem Histamin-Fass, was wir füllen können, was aber auch zwei Abflussrohre haben sollte.
Das eine Rohr sei die Histamin-N-Methyltransferase für das körpereigene Histamin, das zweite die DAO, die vor allem Histamin aus der Nahrung abfange und die kleinere Rolle spiele. Gefüllt werde das Fass keineswegs nur über den Teller, sondern durch Dauerstress, Alkohol, Medikamente und Hormonschwankungen. Verstopft würden die Abflüsse, wenn Mikronährstoffe fehlten. Eine Diät gegen ein volles Fass sei deshalb der falsche Weg.

Das Histamin-Fass, wie Kyra Kauffmann es beschreibt: Stress und Alkohol füllen es von oben, zwei Enzyme leeren es nach unten, das eine im Gewebe, das andere im Darm. Läuft es über, zeigen sich aus ihrer Sicht die Beschwerden, egal, woher das Histamin stammt.
Wenn nicht die Nahrung das Fass füllt, was dann?
Mastzellen: Das Problem sitzt im Gewebe, nicht auf dem Teller
Mastzellen seien wenig bekannt, sagt Kauffmann, weil sie nicht im Blut, sondern im Gewebe sitzen und sich per Blutabnahme nicht untersuchen lassen. Sie speicherten viele Botenstoffe, vor allem Histamin. Und sie könnten dauerhaft gereizt sein, durch Hormonschwankungen etwa oder eine Schilddrüsenunterfunktion, und schütteten dann immer wieder Histamin aus. Betroffene glaubten, sie vertrügen keinen Rotwein, und strichen die Ernährung zusammen. Mit dem Essen habe das aus ihrer Sicht meist nichts zu tun.

Zur Einordnung: In einer österreichischen Praxisauswertung von 62 Patientinnen und Patienten mit einer Diaminoxidase unter 10 U/ml nannten 92 % Blähbauch, 73 % Völlegefühl nach dem Essen, 71 % Durchfall, 68 % Bauchschmerzen und 55 % Verstopfung; 96,8 % gaben mehr als drei Beschwerden zugleich an. Die Autoren sehen in dieser Streuung einen Grund, warum die Diagnose im Alltag schwerfällt. Quelle: Schnedl WJ et al. 2019, Intestinal Research 17(3):427-33, PMID 30836736.
Und die Salami-Pizza mit Gorgonzola? Die schlage durchaus auf den Magen, sagt Kauffmann. Nur liege die Ursache tiefer.

Letztendlich sind die Mastzellen im Darm irritiert und entzündet. Infolgedessen sinkt die Diaminoxidase erst ab und nicht umgekehrt.
Der niedrige Laborwert sei also Folge, nicht Auslöser, und könne sich erholen. Dazu komme oft eine gestörte Darmflora mit histaminbildenden Bakterien wie Klebsiellen oder Clostridien; wer die in sich trage, habe auch bei strengster Diät ein Histaminproblem. Von DAO-Präparaten zum Einnehmen hält sie wenig: Das Enzym gehe nur in die Knie, weil es ständig Histamin aus Entzündungen im Darm abbauen müsse.
Warum sieht die Medizin in Histamin dann vor allem den Störenfried?
Blockieren oder verstehen?
Ende des 19. Jahrhunderts sei die Anaphylaxie erstmals beschrieben worden, Histamin habe man rasch als Auslöser erkannt, in den 1930er- und 1940er-Jahren seien die ersten Antihistaminika gefolgt. Die Medizin habe gelernt, die Wirkung zu blockieren. Nur: Das Histamin bleibe im Körper, und dass es auch nützliche Aufgaben habe, werde kaum gesehen.
Dass Mastzellen heute auf Pollen reagieren, erklärt sie mit der Evolution: Über Jahrtausende hätten sie Parasiten bekämpft; fehle dieser Gegner, richteten sie sich gegen Harmloses.
Bei einer Anaphylaxie überlege ich natürlich nicht, warum das Fass voll ist. Genauso wie ich jemandem, der in der Wüste gerade verdurstet, Wasser gebe. Aber letztendlich führt bei allen chronischen Erkrankungen immer nur der Weg in die Gesundheit, wenn man an die Ursachen geht.
Ein Hinweis der Redaktion: Eine Anaphylaxie ist ein Notfall für den Rettungsdienst. Verordnete Medikamente, auch Antihistaminika, setzt niemand eigenmächtig ab; Kauffmann selbst rät, eine Umstellung nur gemeinsam mit dem Arzt zu prüfen.
Was das Fass füllt
Welche Auslöser sieht sie am häufigsten? Chronische Entzündungen, oft unbemerkt, im Rachenraum, im Kiefer und vor allem im Darm. Eine schlecht eingestellte Schilddrüse; bei Hashimoto sehe sie ständig schwankende Histaminspiegel. Und chronische Infektionen, etwa mit Borrelien. Wie ein Labormediziner solche Infektionen einschätzt, lesen Sie im Interview mit Dr. med. Armin Schwarzbach über chronische Infektionen aus demselben Kongress.
Zahnherde im Kieferknochen, Schwermetalle, Schäden an der Halswirbelsäule und nitrosativen Stress zählt sie ebenfalls dazu. Das sind Konzepte der Umwelt- und Komplementärmedizin mit dünner Studienlage, die die Schulmedizin nicht als eigenständige Krankheitsbilder anerkennt. Auch ihre Verbindung von Histamin zu Angst, Depression und Regelschmerzen geht über die gesicherte Datenlage hinaus; psychische Erkrankungen gehören in fachärztliche Behandlung.
Beim Essen bleibt sie pragmatisch: keine Diät, aber weglassen, was Mastzellen reize, also stark Verarbeitetes, Konserven, Zusatzstoffe. Alkohol nennt sie die größte Histaminbombe; bei Kranken gehöre er konsequent weg. Wie eine entzündungsarme Küche aussieht, zeigt unser Artikel zu den Grundlagen der Ernährung bei Arthrose.
Der Hebel, der nichts kostet
Vielleicht erwarten Sie jetzt Präparate. Kauffmann beginnt woanders.
Ich fange bei meinen Patienten immer über den Schlaf an, weil wir in dieser Zeit von sechs bis acht Stunden so viel für unseren Körper zu tun haben, dass der Schlaf stimmen muss.
Im Tiefschlaf werde der Histaminspiegel im Nervensystem gesenkt. Wer regelmäßig gegen drei Uhr wach liege, erlebe nach ihrer Deutung einen Histaminschub; erst wenn das Histamin nachts gesunken sei, könne morgens das Cortisol ansteigen. Ihre Konsequenz: früher ins Bett, abends weniger Blaulicht. „Schlaf ist das A und O für alles“, sagt sie, und das koste nichts, dafür müsse niemand ein Nahrungsergänzungsmittel bestellen. Was Nahrungsergänzung bei Gelenkbeschwerden leisten kann, ordnet unser Artikel zur Evidenz von Supplementen bei Arthrose ein. Anhaltende Schlafstörungen, Herzrasen oder ungewollter Gewichtsverlust gehören aus Sicht der Redaktion unabhängig davon in ärztliche Abklärung.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Kyra Kauffmann dreht die Reihenfolge um: nicht zuerst die Lebensmittelliste, sondern die Frage, warum das Histamin-Fass überläuft. Histamin ist für sie ein körpereigener Helfer; problematisch werde er erst, wenn Mastzellen dauerhaft gereizt seien, vor allem im Darm. Ein niedriger DAO-Wert sei dann eher Folge als Ursache. Ihre Werkzeuge: Alkohol weglassen, frisch kochen, Medikamente mit dem Arzt durchgehen, schlafen. Ihre Deutungen zu Zahnherden, Halswirbelsäule oder Psyche muss jede Leserin und jeder Leser selbst einordnen; der Rat zum Schlaf funktioniert auch ohne sie. Wie chronische Entzündung das Herz belastet, erklärt Markus Peters im Interview über chronische Entzündungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Kyra Kauffmann ist Heilpraktikerin, keine Ärztin. Ihre Einschätzungen zu Mastzellerkrankungen, Zahnherden, Halswirbelsäule und psychischen Erkrankungen sind in der Fachwelt umstritten oder nicht belegt. Anhaltende Verdauungsbeschwerden, Schlafstörungen, Herzrasen oder Gewichtsverlust gehören in ärztliche Abklärung; eine Anaphylaxie ist ein Notfall. Verordnete Medikamente, auch Antihistaminika, werden nie ohne Rücksprache abgesetzt oder umgestellt.
Häufige Fragen
Ist Histamin nach Kyra Kauffmanns Darstellung schädlich?
Warum hält Kauffmann die Diagnose Histaminintoleranz oft für zu kurz gesprungen?
Was sind Mastzellen und welche Rolle spielen sie laut Kauffmann?
Muss man bei Histaminproblemen auf histaminreiche Lebensmittel verzichten?
Was hält Kauffmann von Antihistaminika?
Womit sollte man nach Kauffmann anfangen?
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