Rückenschmerz, im Befund ein Bandscheibenvorfall, und der erste Rat klingt fast immer gleich: dehnen. Gesäß, hintere Oberschenkel, tief nach vorn beugen. Doch genau diese Übungen streicht Felix Kade, Personal Trainer, bei gereizten Nerven als Erstes. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress erklärte er, warum er die übliche Gleichung umdreht: Nicht die Steifheit macht den Schmerz, der Schmerz macht die Steifheit. Sein Gespräch trug den Titel „Training bei Bandscheibenproblemen“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress.
Zwei Sorten Anfragen, eine klare Grenze
Wer meldet sich bei einem Trainer mit Schwerpunkt Bandscheibe? Zwei Gruppen, sagt Kade. Die erste hat gerade die Diagnose bekommen und berichtet von Taubheit, zunehmenden Schmerzen, Missempfindungen im Fuß. Mit ihr arbeitet er nicht. Er fragt, ob Zehenspitzen- oder Fersengang schwerfallen, und schickt die Person zum Arzt. Einfach loszutrainieren, wie es manche Kollegen propagieren, lehnt er ab.
Für mich gibt es ganz klar Symptome, die gehören zu einem Arzt, unabhängig davon, was andere Experten davon halten.
Als Warnzeichen nennt er Taubheit in der Leiste, ungeplanten Gewichtsverlust, Nachtschweiß und Ausstrahlung in beide Beine. Ernste Ursachen seien selten, weniger als fünf Prozent der Fälle, aber wer sie übersehe, riskiere einen bleibenden Nervenschaden. Die Redaktion schließt sich an: Solche Zeichen gehören sofort in ärztliche Abklärung, und ein Trainingsbeginn nach Bandscheibenvorfall nie ohne ärztliche Rücksprache.
Die zweite Gruppe ist Kades eigentliches Publikum: Menschen mit Beschwerden seit einem Jahr oder länger. Bei ihnen beginnt er mit einer Frage, die in keinem Befund steht.
Passt der Schmerz überhaupt zum Bild?
Im MRT ein Vorfall bei L5/S1, also bekommt er die Schuld an jedem Schmerz im Rücken. Kade bremst. Er verweist auf eine viel zitierte Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2015 über knapp 3000 Menschen ohne Rückenschmerzen: Mit dem Alter zeigten fast alle irgendeine Veränderung.
Die Frage ist: Passt die Symptomatik am Ende zu dem Bild? Wir können ja nicht sagen, nur weil wir jetzt auf einmal Rückenschmerzen haben, dass der Bandscheibenvorfall oder die Veränderung dafür verantwortlich ist.
Deshalb testet er zuerst. Verstärkt sich der Schmerz beim Vorbeugen unter Last? Gibt es Steifigkeit am Morgen, Schmerz beim Niesen, eine Reaktion, wenn der Nerv gezielt auf Zug kommt? Nicht selten, erzählt er, bleibe bei Klienten mit einer Jahre alten Diagnose jeder dieser Tests stumm. Dann lege er die Diagnose beiseite und arbeite nach Symptomen: Welche Richtung löst den Schmerz aus, und welche Belastung ist noch verträglich? Die Zahlen jener Übersichtsarbeit zeigt unser Artikel zu Dr. Sugg über Verschleiß der Wirbelsäule; dass Bild und Beschwerden auch bei Arthrose auseinanderfallen können, lesen Sie unter Arthrose: Symptome und Diagnose.
Den typischen Vorfall führt Kade bei neun von zehn Klienten auf einen Mechanismus zurück: Vorbeugen unter Druck.

Vorbeugen unter Last: So beschreibt Felix Kade den häufigsten Verletzungsmechanismus seiner Klienten. Der Gallertkern wandert nach hinten, der Faserring wölbt sich vor, die Nervenwurzel wird gereizt; dieselbe Bewegung verstärke meist auch die Symptome.
Weglassen heißt bei Kade: drei Wochen
Wenn die Beugung den Schmerz auslöst, wird sie gestrichen. Für immer? Genau dieses Missverständnis will Kade vermeiden. Verbote mag er nicht, lieber spricht er von mehr Optionen.
Dieses Bewegung-Weglassen ist immer vorübergehend gemeint. Wenn wir im Eingangstest herausfinden, dass Vorbeugen Symptome auslöst, heißt das nicht, dass das für die nächsten 20 Jahre verboten ist, sondern vorübergehend, kurzfristig für zwei bis drei Wochen.
Sein Vergleich ist der umgeknickte Fuß: ein paar Tage schonen, dann zunehmend belasten, bis er wieder frei beweglich ist. In der Zwischenzeit sucht er Alternativen: aus der Hüfte beugen statt aus der Lendenwirbelsäule, im Büro eine Lordosestütze oder ein gerolltes Handtuch, im Auto Sitz und Lehne weiter nach hinten. Dazu ein Timer: alle 30 Minuten aufstehen.
Und Dehnen? Hier wird Kade deutlich.
Die Gleichung läuft andersrum
Die naheliegende Erklärung: Der Rücken schmerzt, weil die Muskeln verkürzt sind, also muss gedehnt werden. Kade hört sie ständig, sagt er. Für ihn steht sie auf dem Kopf.
Wir haben nicht die Schmerzen, weil wir eine eingeschränkte Beweglichkeit haben, sondern wir haben die eingeschränkte Beweglichkeit, weil wir Schmerzen haben.
Der Körper schütze eine gereizte Struktur, indem er den Bewegungsumfang begrenze. Wer in der akuten Phase hineindehne, arbeite gegen diesen Schutz. Kade berichtet von Klienten, die beim Vorbeugen nicht bis zu den Knien kamen. Drei Wochen ohne Dehnen, dann berührten sie den Boden, weil die Struktur Ruhe bekam. Bei ausstrahlenden Schmerzen ist er am strengsten.

Ein irritierter Nerv, wo wir klar ausstrahlende Schmerzen haben, der mag es nicht, gedehnt zu werden.
Ob im Einzelfall gedehnt wird, entscheiden Ärztin, Arzt oder Physiotherapie. Kade selbst greift lieber zur Hantel, anders als viele denken.
Kreuzheben mit einer Kettlebell
Krafttraining ist für Kade das Mittel der Wahl, weil Klienten dabei erleben, dass ihr Körper belastbar ist. Kreuzheben und Kniebeugen bleiben im Programm, nur angepasst: statt 100 Kilo vom Boden eine 20-Kilo-Kettlebell von einer Box, statt der tiefen Kniebeuge das Aufstehen von einer Bank. Dann steigen Gewicht und Bewegungsumfang, bis die Angst vor Bewegung schwindet.
Für alte Vorfälle, deren Bild sich seit Jahren nicht ändert, hat er drei Prinzipien, seine heilige Dreifaltigkeit, wie er sagt. Erstens: die Hüfte unabhängig von der Lendenwirbelsäule bewegen lernen; die meisten kompensierten Hüftbewegung über den unteren Rücken. Zweitens: die hintere Kette aus Rückenstreckern, Gesäß und hinteren Oberschenkeln auf Kraftausdauer trainieren. Am Rückenstrecker strebt er über 60 Sekunden Spannungszeit pro Satz an, notfalls nur gehalten in der 45-Grad-Schräge. Drittens: die Wirbelsäule Segment für Segment ansteuern.
Man kann nichts trainieren, was man nicht bewegen kann.
Wenn die halbe Lendenwirbelsäule weder beuge noch strecke, lande der Stress auf dem einen Segment, das sich noch bewegt, und das sei oft das verletzte. Sein Einstieg: die Katze-Kuh-Übung im Vierfüßlerstand, nicht als ein Block, sondern Wirbel für Wirbel. Was Krafttraining dem Knochen bringt, beschreibt unser Artikel Krafttraining bei Osteoporose.
Der Teufelskreis und die Pollen
Bleibt die Angst. Kade zeichnet ängstlichen Klienten einen Kreis: Verletzung, Schmerz, Hilfesuche, dann ein Satz wie „die Bandscheibe könnte platzen“. Angst. Weniger Bewegung. Der Körper baut ab, weil er spart, was er nicht braucht. Dann trägt man beim Umzug doch die Waschmaschine, der untrainierte Rücken meldet sich, die Prophezeiung erfüllt sich. Nach einer Studie, die er anführt, stammten über 80 Prozent solcher Überzeugungen von Ärzten, Physiotherapeuten und anderen Gesundheitsberufen.
Dagegen hält er, dass eine Bandscheibe in Laborversuchen mehrere hundert Kilogramm trage, umgeben von Wirbelkörpern, Bändern, Muskeln und Faszien; Werte aus totem Gewebe, wie er selbst einschränkt. Sein Kern: Schmerzverstärkung nach langer Vorgeschichte heißt selten Schaden, sondern ein vorsichtiges System, wie ein Immunsystem, das auf harmlose Pollen reagiert.
Wir konfrontieren uns mit dem Reiz, der Probleme macht, in einer geringeren Dosis. Wir impfen quasi unseren Körper gegen die Bewegung.
Und Bettruhe? Die meisten Leitlinien empfehlen nach seiner Kenntnis höchstens einen Tag, danach so viel Bewegung wie möglich. Kade erzählt von sich selbst: kürzlich beim Kreuzheben übertrieben, am nächsten Tag kaum gehfähig, zwei Runden mit dem Hund, deutlich besser. Fünf Minuten um den Block reichten, und wenn nicht fünf, dann zwei.

Zur Einordnung: In einer randomisierten Studie mit 183 Patienten mit Ischiasbeschwerden durch eine Nervenwurzelreizung berichteten nach zwei Wochen 70 Prozent der Bettruhe-Gruppe und 65 Prozent der Gruppe mit abwartendem Vorgehen eine Besserung; nach zwölf Wochen waren es in beiden Gruppen 87 Prozent. Auch Schmerz, Funktion, Arbeitsausfall und Operationsrate unterschieden sich nicht bedeutsam. Quelle: Vroomen PC et al. 1999, N Engl J Med 340(6):418-23, PMID 9971865.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Felix Kade dreht zwei Dinge um. Die Reihenfolge: Warnzeichen abklären, prüfen, ob der Schmerz zum Bild passt, erst dann trainieren. Und die Richtung: nicht dehnen, was sich schützt, sondern belasten, was Belastung verträgt, in kleinen Dosen. Seine drei Prinzipien und sein Rat gegen das Dehnen sind Trainerpraxis, keine Leitlinie; seine Kritik an Gesundheitsberufen ist Beobachtung, kein Urteil über einzelne Praxen.
Den Kraftteil vertieft Nico Herber im Interview über Krafttraining bei Rückenschmerzen aus demselben Kongress. Wie eine Physiotherapeutin die Ursache jenseits der Bandscheibe sucht, lesen Sie im Gespräch mit Hannah Gantner.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Felix Kade ist Personal Trainer, kein Arzt und kein Physiotherapeut. Ein Trainingsbeginn nach Bandscheibenvorfall gehört immer in ärztliche oder physiotherapeutische Rücksprache; bei Lähmungen, Gefühlsstörungen, Störungen von Blase oder Darm, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Wann schickt Felix Kade Menschen mit Bandscheibenproblemen zuerst zum Arzt?
Reicht die Diagnose Bandscheibenvorfall im MRT, um das Training zu planen?
Sollte man bei einem Bandscheibenvorfall dehnen?
Muss man auslösende Bewegungen dauerhaft vermeiden?
Welche drei Prinzipien nutzt Kade bei lange bestehenden Bandscheibenproblemen?
Was rät Kade Menschen, die sich aus Angst vor Verletzung kaum noch bewegen?
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