Wer seit Jahren mit chronischen Schmerzen im Rücken lebt, kennt die Erklärung aus Praxis und Internet: Das kommt von der Haltung. Doch was, wenn die Reihenfolge nicht stimmt? Beim Schmerzkongress vertrat Felix Kade, Medizinischer Fitnesstrainer, Reha-Trainer für Orthopädie, Faszientrainer, eine These, die vielen Betroffenen widersprechen dürfte: Eine veränderte Haltung sei häufiger Folge von Schmerzen als ihre Ursache. Und Schmerz entstehe nie an einer Stelle allein. Sein Gespräch trug den Titel „Bio-Psycho-Sozial-Modell: Ursache von Schmerz & die Rolle von Haltung“; das vollständige Interview sehen Sie kostenlos in der Kongress-Aufzeichnung.
Ein Vogel fliegt nicht mit Flügeln allein
Angefangen hat Kade mit dem Gegenteil seiner heutigen Position. Mit einem Freund entwickelte er ein Programm für bessere Körperhaltung, überzeugt, damit verschwänden auch die Beschwerden. Die Haltung besserte sich. Die Schmerzen blieben bei vielen. Diese Lücke habe ihn zum bio-psycho-sozialen Schmerzmodell geführt.
Nach Kades Darstellung verarbeitet das Gehirn neben dem Gewebesignal auch soziale Prägungen, etwa wie Eltern reagierten, wenn ein Kind hinfiel, und psychische Faktoren wie Schlafmangel, Ängste oder Unzufriedenheit im Job. Sie lösten den Schmerz nicht aus, könnten ihn aber verstärken. Dazu kämen biologische Anteile: Gelenkverschleiß, Entzündungen, Ernährung, Stress und, selten, die Haltung.
Man kann nicht nur den Vogel nehmen und sagen: Er hat Flügel, deswegen kann er fliegen. Nein, er braucht auch die Umwelt, die Aufwinde und Strömungen, damit man diese Fähigkeit Fliegen tatsächlich erklären kann. Es ist der Vogel und die Umwelt, beides gleichzeitig. Genauso ist es beim Thema Schmerz.
Wer sich damit beschäftige, lande oft beim anderen Extrem und halte alles für psychisch. Auch das sei falsch: Es spielten immer alle drei Ebenen zusammen. Was sichtbarer Gelenkverschleiß allein über Schmerzen aussagt, zeigt unser Grundlagenartikel zur Arthrose.

Drei Zuflüsse, ein Ergebnis: Körperliche Signale, psychische Verfassung und soziales Umfeld laufen nach Kades Darstellung im Gehirn zusammen. Erst dort entstehe das, was wir als Schmerz empfinden.
Wie wird daraus ein Dauerzustand?
Der Lautstärkeregler im Rückenmark
Akuter Schmerz sei sinnvoll, sagt Kade: Er schütze verletztes Gewebe, bis es nach sechs bis zwölf Wochen verheilt sei. Dass er trotzdem bleibt, führt Kade auf wiederkehrende Muster zurück. Das erste: Angst vor Bewegung, gerade nach einem Bandscheibenvorfall und dem Rat, nie mehr als fünf Kilo zu heben.
Wenn unser System eine Bewegung als Bedrohung interpretiert, dann kann es sein, dass sich eine Bewegung immer schmerzhaft anfühlt, obwohl das Gewebe an sich gesund ist.
Der zweite Faktor ist für ihn Dauerstress, und hier wird Kade konkret bis auf die Zellebene. Um jede Schaltstelle im Rückenmark lägen Gliazellen, Immunzellen des Nervensystems, die wie Überwachungskameras nach Gefahr suchten: Krankheitserreger, Verletzungszeichen, aber auch Stress. Schlage die Kamera an, werde die Signalübertragung beschleunigt. Kurzfristig clever, bei Dauerstress bleibe die Verstärkung eingeschaltet.
Die Musik auf der CD wurde nicht lauter aufgenommen. Sie hat eine Lautstärke, beim Rezeptor. Aber die Lautstärkeregler im Rückenmark drehen das Ganze einfach lauter auf.
Wie stark Gliazellen beim Menschen auf psychischen Stress reagieren, ist nicht abschließend geklärt; viele Befunde stammen aus Tierstudien. Als dritten Faktor beschreibt Kade das Katastrophisieren. Sein Vergleich dafür ist der Knöchel.
Wenn wir mit dem Fuß umknicken, dann wissen wir, wir sind jetzt umgeknickt. Das braucht ein bisschen Entlastung. Irgendwann fange ich wieder an, das Ding zu belasten. Irgendwann laufe ich wieder normal und denke gar nicht darüber nach. Bei Rückenschmerzen passiert das auffallend häufig, dass Leute denken: Rücken tut weh, da muss irgendwas kaputt sein, ich darf mich nicht mehr belasten.
Alle drei gingen oft Hand in Hand, sagt Kade. Und die Haltung, der Klassiker jeder Rückenschmerz-Erklärung?
Die Korrelationsfalle in der Praxis
Kade beschreibt einen Denkfehler, dem Ärzte und Therapeuten aus seiner Sicht leicht aufsitzen. Wer beruflich nur Menschen mit Beschwerden sehe, viele davon zusammengesunken, halte Haltung und Schmerz bald für ein Paar. Dass draußen viele mit derselben Haltung beschwerdefrei herumliefen, bleibe unsichtbar.
Sein Praxisbeispiel: Eine Klientin mit Bandscheibenvorfall hatte ein Hohlkreuz, jeder Behandler habe ihr die Schmerzen damit erklärt. Im Eingangstest tat das Gegenteil weh, das Runden des Rückens unter Last. Das Hohlkreuz deutet Kade als Schutzstrategie des Körpers.
Ich habe auch schon sehr oft erfahren, und die Wissenschaft gibt mir da recht, dass eine veränderte Körperhaltung eher die Folge von Schmerzen ist, weniger die Ursache, weil der Körper eben clever ist und die betroffene Struktur entlasten möchte.
Ist Haltung also nie ein Faktor? Ja und nein, antwortet Kade. Wer zwanzig Jahre zusammengekauert vor dem Computer sitze, bei dem spiele sie wohl mit hinein. Seine Zeit investiere er trotzdem lieber in Bewegung, Belastungsmanagement, Pausen, weniger Stress und gute Ernährung. Einen anderen Blick vertritt im selben Kongress Dr. Helga Pohl im Interview über Fehlhaltung und Schmerz.
Ein Tag Ruhe, dann bewegen
Zur Schonung sagt Kade ohne Umschweife: Bewegung sei das A und O. Aus einem Fachbuch von 2020 zur Evidenzlage zitiert er die Empfehlung von höchstens einem Tag Ruhe, danach Bewegung im machbaren Rahmen: zehn Minuten spazieren, lockere Übungen, leichtes Krafttraining.
Einen Bandscheibenvorfall versteht er als Wunde, die das Immunsystem aufräumt und die anschließend heilt; ein großer Teil verschwinde innerhalb von drei bis sechs Monaten von selbst. Wer die Stelle nach der ersten Ruhewoche behutsam belaste, zeige dem neuen Gewebe, wie es sich ausrichten solle. In eine Schnittwunde am Finger drücke niemand ständig hinein, beim Rücken beachte kaum jemand die Heilungsphasen.

Zur Einordnung: Eine systematische Übersicht über 31 Studien fand bei Patienten ohne Operation eine Rückbildung des vorgefallenen Bandscheibengewebes in 96 Prozent der Fälle bei abgelöstem Gewebe (Sequester), in 70 Prozent bei ausgetretenem Kern (Extrusion), in 41 Prozent bei umschriebener Vorwölbung (Protrusion) und in 13 Prozent bei breiter Vorwölbung (Bulging). Vollständig verschwunden war der Vorfall bei 43 Prozent der Sequester und 15 Prozent der Extrusionen. Quelle: Chiu CC et al. 2015, Clin Rehabil 29(2):184-95, PMID 25009200.
Ein Hinweis der Redaktion: Belastung nach einem Bandscheibenvorfall gehört in ärztliche oder physiotherapeutische Rücksprache; auch Kade rät zur Arbeit mit einem Fachmann. Bei Lähmungen, Gefühlsstörungen, Störungen von Blase oder Darm, Fieber oder Gewichtsverlust ist sofortige Abklärung nötig. Bewegungsformen bei Gelenkbeschwerden: unser Artikel zur Arthrose-Behandlung.
Belastung macht belastbar
Bei chronischen Schmerzen arbeitet Kade weniger am Gewebe als an der Angst, und zwar wie bei einer Spinnenphobie: erst im selben Raum, dann näher heran, irgendwann sitzt die Spinne auf der Hand. Für den Rücken heißt das: Wer sich vor dem Beugen fürchtet, beginnt im Vierfüßlerstand, dann im Sitzen, dann im Stehen, später mit Gewicht.
Dieselbe Stufenlogik gilt für Hobbys. Viele verböten sich Wandern oder Tanzen, bis sie schmerzfrei seien. Kade lässt sie ab Tag eins beginnen: erst eine Minute, dann zwei, nach einem Monat vielleicht eine Stunde.

Belastung macht uns belastbar. Ohne Belastung keine Belastbarkeit. Es wirkt zum einen auf körperlicher Ebene, aber es wirkt auch auf die Psyche. Dass die Leute mitbekommen: Ich kann ja. Wenn ich will, kann ich. Und wenn ich dranbleibe, wird es auch besser.
Deshalb arbeitet er gern mit Gewichten. Wer nach einem halben Jahr wieder 100 Kilo vom Boden hebe, denke über seinen Rücken anders: nicht mehr fragil, sondern belastbar. Die schmerzende Stelle sei eine Körperregion wie jede andere, die man wieder normal bewegen lernen dürfe. Was Krafttraining leisten kann, zeigt auch unser Artikel Krafttraining bei Osteoporose.
Vitamin D, Omega-3-Fettsäuren und ein Multipräparat gehörten bei Kade zum Standard, seine Praxis als Trainer. Er selbst rät, Lücken per Blutbild mit dem Arzt abzuklären; die Redaktion schließt sich an.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Felix Kade nimmt der Haltung die Hauptrolle und gibt sie einem Zusammenspiel zurück: Gewebe, Nervensystem, Gedanken, Stress und Umfeld formen gemeinsam, was als Schmerz ankommt. Chronisch werde Schmerz aus seiner Sicht vor allem durch Bewegungsangst, Dauerstress und Katastrophisieren.
Seine Antwort: früh bewegen, Heilungsphasen respektieren, sich der gefürchteten Bewegung in Stufen nähern, Hobbys ab Tag eins zurückholen. Die Deutungen zu Gliazellen und Nahrungsergänzung sind die Sicht eines Trainers; der Rat, in Bewegung zu bleiben statt zu schonen, deckt sich mit der Nationalen VersorgungsLeitlinie Kreuzschmerz.
Wie stark Gefühle den Schmerz mitschreiben, vertieft Dr. Franz Sperlich im Interview über Emotionen und Schmerz aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Felix Kade ist Trainer, kein Arzt und kein Physiotherapeut. Training nach einem Bandscheibenvorfall und der Einsatz von Nahrungsergänzung gehören in ärztliche oder physiotherapeutische Rücksprache; bei Lähmungen, Gefühlsstörungen, Störungen von Blase oder Darm, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust suchen Sie sofort ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Was bedeutet das bio-psycho-soziale Schmerzmodell?
Ist eine schlechte Haltung schuld an Rückenschmerzen?
Warum werden akute Schmerzen chronisch?
Wie lange sollte man sich bei Rückenschmerzen schonen?
Was ist graduelle Exposition bei Schmerzen?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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