Ein Bein ein paar Millimeter kürzer, eine Einlage in den Schuh, fertig. So kennen es viele mit Rücken- oder Hüftschmerzen. Doch Burkhard Hock, Heilpraktiker mit dem Schwerpunkt Orthopädie, Buchautor, Verleger und Ausbilder, hält diesen Schluss meist für falsch. Beim Schmerzkongress legte er in seinem Gespräch „Beckenschiefstand: Die Ursache der meisten Muskel- und Gelenkprobleme“ dar, warum aus seiner Sicht selten das Bein zu kurz ist, sondern fast immer das Becken verdreht. Das vollständige Interview ist als Aufzeichnung im Kongress zu sehen.
Neun von zehn? Woher Hocks Zahl stammt
Die Zahl klingt gewaltig, und Hock nennt sie ohne Zögern: Etwa 90 Prozent der Menschen hätten einen Beckenschiefstand. Quelle ist seine Datenbank aus fast drei Jahrzehnten Praxis, dazu eine Erhebung an 1.906 Patienten mit Ärzten und Physiotherapeuten, die auf 90,2 Prozent kam. Nachlesen könne man das als PDF auf der Homepage seines Verbandes; eine Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift erwähnt er nicht.
Wichtiger ist ihm die Unterscheidung dahinter. Wirklich unterschiedlich lang gewachsene Beine seien selten, etwa 4 Prozent. Der Rest sei funktionell: Das Becken steht verdreht, deshalb wirkt ein Bein länger. Geprüft habe er das mit einem befreundeten Radiologen im Abgleich mit Röntgenbildern.

Zur Einordnung: Eine systematische Übersicht über Röntgenstudien von 1970 bis 2005 fand anatomische Beinlängenunterschiede bei 90 Prozent der Untersuchten, im Mittel 5,2 Millimeter (Standardabweichung 4,1). Klinisch bedeutsam wird ein Unterschied nach Einschätzung der Autoren für die meisten Menschen erst ab etwa 20 Millimetern. Die Übersicht teilt also anders auf als Hock: kleine anatomische Unterschiede fast überall, meist ohne Folgen. Quelle: Knutson GA 2005, Chiropractic & Osteopathy 13:11, PMID 16026625.
Hier liegt der erste Reibungspunkt. Bei fünf Millimetern winke die Schulmedizin ab, sagt Hock; er sehe Menschen mit fünf Millimetern und großen Beschwerden, die nach dem Begradigen verschwänden. Kontrollierte Studien zu seiner Methode nennt das Gespräch nicht.
Bleibt die Frage, wie ein Becken aus der Waage gerät, wenn die Beine gleich lang sind.
Der Sturz aufs Gesäß: Wie ein Becken aus Hocks Sicht kippt
Hocks Antwort führt zum Iliosakralgelenk zwischen Kreuzbein und Darmbein. Er beschreibt es als einziges Gelenk des Körpers mit verzahnten statt glatten Flächen; diese Verzahnung entstehe erst in der Pubertät, deshalb behalte ein Kind, das mit verdrehtem Becken durch diese Jahre laufe, den Schiefstand aus seiner Sicht dauerhaft.
Beim Erwachsenen sieht er den Auslöser fast immer in einem Sturz auf das Gesäß: Eine Beckenhälfte verdrehe sich gegen das Kreuzbein, die straffen Bänder hielten die neue Stellung fest. Nach vorn gedreht werde das Bein länger, nach hinten kürzer. Fast jeder erinnere sich an so einen Sturz, aufs Eis, vom Pferd, die letzte Treppenstufe im Dunkeln.

So beschreibt Burkhard Hock die Mechanik: Dreht sich eine Beckenhälfte am Iliosakralgelenk nach vorn, wandert die Hüftpfanne nach unten und das Bein wirkt länger; dreht sie nach hinten, wirkt es kürzer. Die Knochen selbst bleiben gleich lang.
Daraus folgt für ihn eine Reihenfolge. Übungen gegen Knie, Hüfte oder schiefe Wirbelsäule hält er für Arbeit am falschen Ende, solange die Basis nicht stimmt.
Wenn der Beckenschiefstand nicht beseitigt ist, machen wir immer eine Arbeit am Symptom und nie an der Ursache.
Warum ein schiefes Becken wehtun soll, ist damit noch nicht erklärt.
Kurze Muskeln, gepresste Gelenke: Hocks Schmerzformel
Die naheliegende Antwort wäre: Schief ist ungesund. Hock argumentiert anders, denn er kennt Menschen, die krumm stehen und nichts spüren. Der Schmerz entstehe durch Muskeln, die sich an die Fehlstellung anpassen und verkürzen.
Wenn die Muskulatur, die über ein Gelenk zieht, zu kurz ist, verdrängt sie die Gelenkflüssigkeit, gibt eine höhere Reibung, höhere Abnutzung, Arthrose. Das ist der Weg.
Er geht so weit, Arthrose nicht als Krankheit, sondern als Symptom zu kurzer Muskulatur zu bezeichnen. Das steht quer zum Lehrbuch: Die Medizin beschreibt Arthrose als Erkrankung mit vielen Ursachen, darunter Alter, Veranlagung, Übergewicht und Verletzungen; eine rein muskuläre Ursache ist nicht belegt. Was im Gelenk geschieht, erklärt unser Grundlagenartikel Was ist Arthrose?.
Die Kette laufe weiter nach oben, sagt Hock: Steht das Becken links höher, neige sich die Lendenwirbelsäule, der Oberkörper gleiche gegen, der Kopf neige sich zurück, weil Augen und Kleinhirn die Mitte suchten. So entstehe eine Skoliose.

Die Physik fragt nicht, wo tut es weh, sondern die Physik fragt: Stimmen deine Achsen? Und wenn die Achsen nicht stimmen, dann kommen die Probleme ganz von alleine.
Wo Hock dann ansetzt, überrascht: nicht an den großen Muskeln.
Schneewittchen und die sieben Zwerge
Als er seine Datenbank erstmals auswertete, fielen ihm acht Muskeln auf, die immer wieder an Gelenkproblemen beteiligt waren. Sieben nannte er die Zwerge; als ein achter dazukam, schlug eine Seminarteilnehmerin „Schneewittchen“ vor. Gemeinsam sei allen acht: Sie sind kurz. Nicht die langen Oberschenkelmuskeln machten die Probleme, sondern kleine Muskeln direkt am Gelenk, am Knie der Musculus popliteus, sein „Hauptaggressor“. Rund 70 Prozent seiner Patienten würden mit diesen acht Muskeln schmerzfrei, sagt er, wieder eine Zahl aus der eigenen Auswertung.
Bei etwa 40 Prozent seiner Patienten beginne der Schiefstand gar nicht im Becken, sondern an einem Knie, das nicht ganz durchgestreckt werde. Was bei Arthrose im Knie passiert, beschreibt unser Artikel zur Gonarthrose.
Wie findet Hock den Übeltäter? Mit einer Frage, die er nie stellt.
Ich frage den Patienten zum Beispiel nie, wo es weh tut. Das ist eine Frage, die gibt es bei mir gar nicht. Sondern: Kannst du mir eine Bewegung nennen, die den Schmerz verstärkt oder erzeugt? Wenn ich die Bewegung kenne, bin ich sofort an der Ursache.
Wer nach einer halben Stunde Gehen Kreuzschmerzen bekomme, habe häufig zu kurze Waden: Der Fuß rolle nicht mehr ab, also hebe der Rücken die ganze Beckenseite an. Verkürzt würden solche Muskeln vor allem durch Sitzen. Eine Grenze zieht er selbst: Tut es immer weh, in jeder Stellung, denke er an eine Entzündung. Die Redaktion ergänzt: Dauerschmerz, nächtlicher Schmerz, Fieber, Gewichtsverlust, Taubheit oder Lähmungen gehören zügig in ärztliche Abklärung.
Dehnen: 40 Sekunden, ohne Schmerz, ohne Wippen
Sind kurze Muskeln das Problem, liegt Dehnen nahe. Den Einwand, Dehnen bringe nichts, lässt Hock gelten, sofern man einen Muskel in Ruhelage verlängern wolle; ihm gehe es um die Bewegungsweite eines Gelenks. Er beruft sich auf Untersuchungen eines Schülers an der Universität Göttingen: In den ersten Sekunden melde der Muskel sinngemäß „drohe zu reißen“, die Nachbarmuskeln spannten an. Erst nach 15 bis 18 Sekunden gebe der Körper nach; wer nur 15 Sekunden halte, habe gekräftigt statt gedehnt.
Deshalb muss man, wenn man dehnt, mindestens 40 Sekunden die Haltung einnehmen, und die Haltung sollte so aussehen, dass keine Bewegung durchgeführt wird während des Dehnens.
Jedes Wippen setze den Zähler auf null, und wer in den Schmerz dehne, löse den Schutzreflex erneut aus. Physiotherapeutische Studien der 1990er Jahre (Bandy und Irion, Physical Therapy 1994 und 1997) fanden, dass 30 Sekunden Halten die Beweglichkeit ebenso verbesserten wie 60 Sekunden; die Mindestdauer ist also offen, die Richtung deckt sich mit Hocks Rat. Wie eine Ärztin Fehlhaltung und Schmerz zusammenbringt, zeigt Dr. Helga Pohl im Interview über Fehlhaltung und Schmerz aus demselben Kongress.
Dahinter steckt bei Hock eine eigene Geschichte: 28 Jahre Handball, nie gedehnt. Mit 38 habe ihm ein Professor statt einer Operation das Dehnen verordnet, zwei Jahre später habe alles wieder gestimmt.
Als ich vor 30 Jahren anfing, mit meinem Heilpraktiker-Dasein zu arbeiten, war ich der Meinung, man wird alt und dann wird man steif. Und jetzt weiß ich, man wird zuerst steif und dann alt.
Die Beckenkorrektur selbst läuft bei ihm über eine „Hausaufgabe“: eine Umstellübung abends im Bett, nach der man vier Stunden nicht aufstehen soll, weil die tiefe Beckenmuskulatur sonst zurückziehe; Kontrolle nach vier Wochen. Bei hochgradiger Osteoporose seien ihm die Hände gebunden, ohne Untersuchung empfehle er keine Übung. Die Redaktion ergänzt: Verordnete Einlagen legt niemand ohne Rücksprache weg, und bei Schmerzen nach einem Sturz, Taubheit oder Blasenstörungen gehört die Abklärung zum Arzt.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Burkhard Hock denkt in Achsen. Am Anfang vieler Muskel- und Gelenkbeschwerden steht aus seiner Sicht ein nach einem Sturz verdrehtes Becken, gefolgt von Muskeln, die sich verkürzen und Gelenke zusammenpressen. Seine Werkzeuge: ein genauer Befund, eine Umstellübung fürs Becken, das Dehnen weniger kurzer Muskeln und die Frage nach der Bewegung statt nach dem Ort des Schmerzes.
Seine Zahlen stammen aus der eigenen Praxis, nicht aus unabhängigen Studien, und die These vom Beckenschiefstand als Ursache fast aller Beschwerden ist in der Fachwelt umstritten; die Übersicht im Diagramm zeigt, dass kleine Beinlängenunterschiede fast jeder hat, meist ohne Beschwerden. Sein Rat zum Dehnen steht auf breiterem Boden. Wie ein Physiotherapeut schmerzhafte Bewegungsmuster liest, beschreibt Wiktor Diamant im Interview über Bewegungsmuster aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Burkhard Hock ist Heilpraktiker, kein Arzt. Beckenübungen, Dehnprogramme oder der Verzicht auf verordnete Einlagen gehören bei Schmerzen, Osteoporose oder nach einem Sturz in ärztliche oder physiotherapeutische Abstimmung; bei Taubheit, Lähmungen, Blasenstörungen, Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust ist eine ärztliche Abklärung nötig.
Häufige Fragen
Was versteht Burkhard Hock unter einem funktionellen Beckenschiefstand?
Woher kommt die Zahl von 90 Prozent?
Wie erklärt Hock den Zusammenhang zwischen schiefem Becken und Arthrose?
Wie lange soll man laut Hock eine Dehnung halten?
Kann man einen Beckenschiefstand selbst feststellen?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Stille Entzündungen hinter chronischen Schmerzen? Was ein normales Blutbild nicht zeigt
Heilpraktiker Reinhard Clemens erklärt, wie stille Entzündungen Schmerzen unterhalten sollen und warum ihn ein normales Blutbild nicht beruhigt.
Artikel lesen →
Arthrose ohne OP? Was Dr. Wolfgang Feil vor jedem Eingriff ändern würde
Bei Arthrose wird zu früh operiert, sagt Dr. Wolfgang Feil. Er setzt auf entzündungssenkende Ernährung, Bewegung und Gelassenheit.
Artikel lesen →
Schilddrüse und chronische Schmerzen: Wenn den Muskeln die Kraft zum Stützen fehlt
Coach Anja Hecht sieht bei vielen Schmerzpatienten eine schwächelnde Schilddrüse. Wie sie Muskelkraft, Laborwerte und Schlaf zusammendenkt.
Artikel lesen →