Nach dem Sport dauert die Erholung länger, der Schlaf trägt nicht mehr, die Waage zeigt zwei Kilo mehr. Ab 50 gilt das als normal. Doch Daniel Harbs hört aus solchen Sätzen etwas anderes heraus: ein entzündliches Grundrauschen, das niemand bemerkt. Beim Stille Entzündungen Kongress sprach der Facharzt für Allgemeinmedizin, Sportmediziner, Ernährungs- und Orthomolekularmediziner über den Zusammenhang zwischen stillen Entzündungen und dem Altern der Zellen, Fachwort Inflammaging. Sein Gespräch trug den Titel „Inflammaging stoppen: So bleibst du länger jung trotz Entzündungsdruck“. Statt Biochemie brachte er ein Haus, einen Feueralarm und einen Korb Äpfel mit.
Ein Grundrauschen, das niemand hört
Harbs grenzt stille Entzündungen von dem ab, was jeder kennt: Fieber, Halsweh, ein Infekt, der einen ins Bett zwingt.
Stille Entzündungen sind, wie der Name schon sagt, eigentlich kleine subakute Entzündungen, die im Körper ablaufen, ohne dass man sie wirklich bemerkt. Es sind keine lauten Entzündungen, so wie man sie zum Beispiel bei einem richtigen akuten Infekt hat.
Als typische Zeichen nennt er nachlassende Leistungsfähigkeit, schlechte Regeneration nach dem Sport, schleichende Gewichtszunahme und Schlaf, der nicht mehr erholt. Als Treiber sieht er Ultraverarbeitetes, viel Zucker und ständiges Knabbern, bei dem das Insulin nie zur Ruhe kommt. Woran man eine stille Entzündung erkennt, beschreibt Dr. med. Patrick Assheuer im Interview über stille Entzündungen aus demselben Kongress.
Was das mit dem Altern zu tun hat, erklärt Harbs an einem Neubau.
Ein Haus, das gepflegt werden will
Ein Neubau riecht gut, man wohnt gern darin. Wer lange bleiben will, muss ihn pflegen. Für Harbs ist das der Kern.
Ein Haus braucht Energie, ein Haus braucht Wartung, ein Haus braucht Reparatur und auch Schutz. Und genauso ist das mit unserem Körper auch. Wenn wir diese Mechanismen nicht für unseren Körper haben, dann wird unser Körper genauso zerfallen, wie das Haus zerfallen würde.
Energie heißt im Körper ATP, die Energiewährung aus den Mitochondrien. Damit bezahle der Körper Muskelarbeit, Nervenimpulse, Zellteilung und Reparatur, sagt Harbs; sinke die Zellenergie, folgten Müdigkeit und schlechte Regeneration. Wartung, Reparatur und Schutz dagegen laufen über Schalter. Vier davon hatte er auf einer Folie mitgebracht.
Vier Schalter und ein Feueralarm
Zwei Paare, jeweils Gegenspieler. Das erste Paar steuert Bauen und Aufräumen: Ein Schalter, in der Fachsprache mTOR, stehe für Wachstum, Aufbau und Speicherung. Sein Gegenspieler AMPK werde aktiv, wenn der Zelle Energie fehlt, und starte die Reparatur. Das Problem sei der Dauerbetrieb des ersten: Werde ständig am Haus gebaut, könne nicht mehr aufgeräumt und repariert werden.

Zwei Paare, ein Gleichgewicht: Daniel Harbs beschreibt einen Bauschalter und einen Reparaturschalter, dazu einen Alarmknopf und dessen Feuerwehr. Steht ein Schalter dauerhaft an, komme die Zelle aus der Balance, so seine Deutung.
Das zweite Paar ist der Feueralarm. NF-kappa-B nennt Harbs den Alarmknopf, den Stress, oxidative Reize und Toxine ständig drückten.
Wenn ständig dieser Alarmknopf im Körper dran ist, wird auch das sogenannte Inflammaging vorangetrieben. Also das sind diese chronischen stillen Entzündungen im Alter.
Die Feuerwehr dazu heiße Nrf2 und schalte antioxidative Enzyme an. Vielleicht denken Sie jetzt: Dann muss der Alarm eben aus. Hier nimmt das Gespräch eine Wendung. Die Moderatorin fasste zusammen, dass jeder Schalter einen Gegenspieler hat, damit nichts kippt: kein Dauerbau, kein Putzfimmel, kein Alarm ohne Feuerwehr. Nicht Abschalten sei das Ziel, sondern Balance. Harbs bestätigte das.
Was aber passiert mit Zellen, die alt sind und trotzdem bleiben?
Müllabfuhr, Werkstatt und faule Äpfel
Für den Abtransport gealterter Zellen hat Harbs ein Bild parat: die Müllabfuhr, in der Fachsprache Autophagie. Die Mitophagie mache dasselbe mit den Mitochondrien, für ihn eine TÜV-Werkstatt: Was noch läuft, bleibt; was nicht, wird ausgemustert. Heikel werde es bei Zellen, die weder funktionieren noch verschwinden. Seneszente Zellen nennt sie die Forschung, Harbs sagt Zombiezellen.
Die werden also nicht abtransportiert von der Müllabfuhr, sondern die bleiben einfach dort liegen, produzieren aber entzündungsfördernde Substanzen. Wie so ein fauler Apfel in einem Korb: Die drumherum werden dann auch faul, weil dieser eine Apfel faul ist.
Dann stellt er Stoffe vor, die er Booster nennt und den Schaltern zuordnet: Spermidin, Fisetin, NADH, Coenzym Q10, PQQ, Kreatin und Taurin, dazu die Pflanzenstoffe Curcumin, Resveratrol, Astaxanthin und Astragalus sowie das Enzym Nattokinase. Was man davon nutze, bleibe jedem selbst überlassen, sagt er. Die Redaktion ordnet ein: Die Daten zur Zellalterung stammen für die meisten dieser Stoffe aus Zell- und Tierversuchen; Nahrungsergänzung gehört, gerade neben Blutverdünnern, in ärztliche Rücksprache. Was die Leitlinie zu einem dieser Stoffe sagt, steht in unserem Artikel zur Curcumin-Dosierung nach AWMF. Bemerkenswert ist ohnehin, was Harbs vor die Booster stellt.
Erst Darm, Leber und Bauchfett, dann alles andere
Bevor er über Langlebigkeit spreche, müsse die Basis stimmen, sagt Harbs: Ernährung, Bewegung, Darm und Leber. Funktioniere der Darm nicht, funktioniere häufig der ganze Körper nicht. In seiner Praxis sehe er viele Patienten mit Blähungen oder Bauchschmerzen und gestörter Bakteriengemeinschaft. Nähmen Fäulnisbakterien überhand, könne die Darmbarriere leiden, bis zu einem Zustand, den er als Leaky Gut beschreibt: winzige Lücken zwischen den Darmzellen, durch die Stoffe ins Blut gelangten und das Immunsystem reizten. Das Konzept ist in der Medizin umstritten; ob eine erhöhte Darmdurchlässigkeit Krankheiten auslöst oder nur begleitet, ist offen.
Zweite Basis: das innere Bauchfett.
Diese kleinen Speckröllchen sind jetzt nicht so dramatisch, aber das viszerale Fett, das ist das Schädliche. Das produziert Entzündungsmediatoren, und das wollen wir natürlich möglichst reduzieren.
Der Hebel dafür seien weniger Kohlenhydrate, und damit meint er nicht nur Torte, sondern Brot, Pasta, Pizza, teils auch Kartoffeln und Reis, dafür mehr Eiweiß und gute Fette. Auch die Leber profitiere, weil sie sonst verfette. Wie Ernährung im Gelenk wirkt und wie eine Gewichtsabnahme gelingt, zeigen unsere Artikel Arthrose und Ernährung und Abnehmen bei Arthrose. Ein Hinweis der Redaktion: Deutlich weniger Kohlenhydrate gehören bei Diabetes oder regelmäßiger Medikamenteneinnahme in ärztliche Begleitung, weil sich die Wirkung von Medikamenten verändern kann.
Was der Arzt an diesem Tag selbst getan hat
Moderatorin Barbara Plaschka wollte am Ende wissen, was Harbs an diesem Tag für sein eigenes Altern getan hatte. Die Antwort fiel unspektakulär aus.

Ich mache ein Intervallfasten. Das heißt, ich habe nicht gefrühstückt heute Morgen, versuche ein bisschen die essensfreie Zeit zu strecken. Das Zweite: Ich gehe immer zu Fuß zur Arbeit, dass ich ein bisschen Bewegung habe.
Dazu ein paar Kapseln, darunter Spermidin, und der Versuch, viel zu trinken, was nicht immer klappe. Ebenso offen erzählt er vom Speicheltest fürs biologische Alter, den er mit seiner Frau gemacht habe: Er sei älter gewesen als sein Kalenderalter, seine Frau deutlich jünger. Seitdem höre er zu Hause regelmäßig „Ich bin jünger als du“, für ihn eine absolute Motivation.
Die Aussagekraft solcher Tests für den Einzelnen ist nicht gesichert. Zum Fasten gehört ein Satz der Redaktion: Bei Diabetes, Essstörungen, in der Schwangerschaft oder unter regelmäßiger Medikation wird keine Fastenform ohne ärztliche Rücksprache begonnen. Was Studien zu Fasten und Entzündungsmarkern zeigen, ist nüchterner.

Zur Einordnung: In einer Meta-Analyse von 18 randomisierten Studien sank das C-reaktive Protein unter Intervallfasten im Mittel um 0,029 mg/dl gegenüber den Kontrollgruppen (95-%-Konfidenzintervall 0,000 bis 0,058), unter Kalorienreduktion ohne Fastenfenster um 0,001 mg/dl (minus 0,034 bis 0,037), über alle Studien gepoolt um 0,024 mg/dl (0,005 bis 0,044). TNF-alpha und Interleukin-6 veränderten sich nicht signifikant. Der Effekt ist messbar, aber klein. Quelle: Wang X et al. 2020, Nutrition 79-80:110974, PMID 32947129.
Anfangen lohne sich in jedem Alter, sagt Harbs; es sei eigentlich nie zu spät.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Daniel Harbs erzählt Zellbiologie als Hausverwaltung: Energie, Wartung, Reparatur, Schutz. Stille Entzündungen sind in seinem Bild der Feueralarm, der nicht mehr aufhört, Zombiezellen die faulen Äpfel im Korb. Seine Reihenfolge: erst Darm, Leber, Bauchfett und Bewegung, dann einzelne Stoffe. Die Booster-Liste ist seine Sicht als Arzt mit Longevity-Schwerpunkt, die Studienlage am Menschen dünn. Sein Alltagsprogramm braucht keine Kapsel: Essenspausen, der Fußweg zur Arbeit, Wasser.
Wie Mitochondrien mit Erschöpfung zusammenhängen, vertieft Sarita Preissl im Interview über Mitochondrien und Erschöpfung aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Aussagen zu Nahrungsergänzungsmitteln und Pflanzenstoffen sind die Sicht des Experten und keine Empfehlung der Redaktion. Fasten, Ernährungsumstellungen und Nahrungsergänzung besprechen Sie bei Vorerkrankungen oder Medikamenteneinnahme mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Häufige Fragen
Was versteht Daniel Harbs unter stillen Entzündungen?
Was bedeutet Inflammaging nach Harbs?
Welche vier Schalter meint Harbs?
Was sind Zombiezellen?
Was hält Harbs für die Basis, bevor Nahrungsergänzung überhaupt ein Thema ist?
Was tut Daniel Harbs selbst für sein Altern?
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