Ein guter Schuh stützt, polstert und hebt die Ferse ein wenig an. Doch beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress stellte eine Physiotherapeutin genau dieses Polster in Frage. Schon ein halber Zentimeter unter der Ferse, sagt Vivian Gläsel, verändere die Statik vom Sprunggelenk bis zum Rücken. Im Netz heißt sie Vivi Barfuß, im Kongress sprach sie unter dem Titel „Alles über Barfußlaufen” über 33 Gelenke pro Fuß, die Ernährung des Knorpels und den Fehler, der Einsteiger ausbremst. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder, mit O-Tönen und in indirekter Rede. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
33 Gelenke, die im Schuh kaum etwas zu tun haben
Gläsel greift im Gespräch zu einem Plastikskelett des Fußes. Wie viele Gelenke stecken darin? 33 pro Fuß, dazu rund 20 Muskeln. Und all diese Gelenke, so ihre Kernthese, seien für Bewegung gebaut, nicht für das Stillhalten in einer festen Sohle.
Gelenke brauchen Bewegung, um gesund zu bleiben. Es gibt meiner Ansicht nach nichts Besseres für ein Gelenk als Bewegung. Jedes Gelenk hat keine direkte eigene Blutversorgung, sondern ein Gelenk wird versorgt durch die Flüssigkeit, die im Gelenk drin ist. Und jedes Gelenk hat sein eigenes kleines Universum.
Diese Flüssigkeit erreiche jede Ecke eines Gelenks nur dann, wenn es sich viel bewegt. Für ihre Kursteilnehmer hat sie ein Bild gefunden, das hängen bleibt.
Ich sage immer, grüner Saft ist für unseren Körper oder unsere Verdauung wie Bewegung für Gelenke. Wir brauchen einfach Bewegung. Barfußlaufen ist deswegen toll, weil da viel mehr Bewegung ankommt im Fuß.
Warum Knorpel ohne Gefäße auskommt, lesen Sie im Artikel Knorpel hat keine Nerven. Bleibt die Frage, was die Schuhsohle damit zu tun hat. Mehr, als ihre Dicke vermuten lässt.
Ein halber Zentimeter, der bis in die Hüfte reicht
Steht der Fuß flach, bildet der Unterschenkel etwa einen rechten Winkel zum Boden. Hebt die Sohle die Ferse an, kippt der Fuß bergab. Damit der Körper nicht nach vorn fällt, müsse das Sprunggelenk sich weiter öffnen, erklärt Gläsel an einem improvisierten Modell. Und dabei bleibe es nicht: Knie, Hüfte und irgendwann der Rücken müssten ausgleichen, dass der Mensch im Schuh dauerhaft leicht bergauf steht. Schon ein halber Zentimeter Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuß verändere die Statik.

Links steht der Fuß flach, rechts hebt die Sohle die Ferse an. Nach Gläsels Darstellung öffnet sich das Sprunggelenk dann weiter, Knie und Hüfte gleichen aus, damit der Körper nicht nach vorn kippt.
Ob High Heels deshalb zwangsläufig Hüftprobleme machen? Gläsel bleibt vorsichtig. Zusammenhänge gebe es, die Höhe des Absatzes mache einen großen Unterschied. Dass alle Frauen mit Absatzschuhen Hüftprobleme bekämen, habe sie aber noch nie beobachtet.
Vielleicht erwarten Sie jetzt die Aufforderung, alle Schuhe wegzuwerfen. Sie kommt nicht. Die Barfuß-Coachin trägt Schuhe.
Je älter ich werde, desto weniger dogmatisch werde ich in jeglicher Lebensrichtung, und ich habe auf jeden Fall auch Barfußschuhe und trage die auch sehr gerne. Ich möchte ein schönes Leben haben und mein Leben genießen mit schönen Gefühlen. Und es ist ein unschönes Gefühl, auf sehr heißem Asphalt oder auf sehr kaltem Asphalt unterwegs zu sein.
Verbrennungen, Erfrierungen, Scherben am Frankfurter Bahnhof: Solche Zonen meide sie, mit oder ohne Schuh. Was sie nicht meidet, ist der Fersengang. Damit widerspricht sie einem Glaubenssatz der eigenen Szene.
Über die Ferse abrollen: verboten? Nicht beim Gehen
In vielen Barfußforen gilt der Fersenaufsatz als Kardinalfehler. Gläsel sortiert zuerst die Begriffe: Gehen ist langsam, Laufen ist schnell. Für das Gehen fällt ihr Urteil eindeutig aus.

Beim Gehen ist es ganz normal, dass wir über die Ferse abrollen. Die Ferse ist dazu designt, diesen Kipphebel zu machen. Deswegen sieht die auch so aus. Das heißt, es ist nicht schädlich, über die Ferse abzurollen.
Vivian GläselDas Fersenbein habe innen eine schwammartige Struktur, die Stöße abfängt. Sie selbst gehe seit zehn Jahren in Barfußschuhen über die Ferse, ohne Beschwerden. Anders beim Joggen: Ohne gedämpfte Sohle über die Ferse zu laufen, tue irgendwann weh. Hier rät sie zum Vor- oder Mittelfußlauf mit flachem Aufsatz. Ein pauschales Richtig oder Falsch hält sie für unprofessionell.
Und der Asphalt? Das hänge von der Fitness ab. Wer sehr steif sei oder Hohlfüße habe, könne den Fuß oft nicht entspannen und wieder verriegeln. Die meisten seien allerdings eher zu schwach als zu steif, und langsames Gehen sei nach ihrer Erfahrung auch auf hartem Boden unproblematisch.
Einlagen, Beinlängen und der Quick-Fix
Bei Fußbeschwerden werde häufig zuerst eine Einlage verschrieben, berichtet Gläsel aus ihrer Praxis. Für sie ein Quick-Fix, der vielen nicht helfe, weil dieselben Menschen später wieder bei ihr landeten. Sie mache deshalb grundsätzlich ihre eigene Befundung.
Ein Beispiel ist die Beinlängendifferenz. Bei der tatsächlichen sei ein Bein wirklich kürzer, bei der funktionellen stehe meist nur das Becken etwas schief. Und schief seien wir alle. Ihre rechte Augenbraue, erzählt sie, ist dunkler als die linke. Die meisten Körper kompensierten so etwas unbemerkt.
Wie ein Orthopäde mit ganzheitlichem Blick dieselben Fragen beantwortet, lesen Sie im Interview mit Dr. med. Ulrich Frohberger aus demselben Kongress. Gläsel setzt woanders an: bei der Frage, wie viel Bewegung ein Gelenk überhaupt noch kennt.
Der Einstieg: Gelenkkreise in Zeitlupe und unebener Boden
Wer sitzt, bewegt sich in einer einzigen Ebene. Zwölf bis 16 Stunden am Tag, schätzt Gläsel. Die Gelenkflüssigkeit brauche jedoch Varianz: Drehungen, Belastung, ungewohnte Winkel. Ihr erster Schritt ist deshalb kein Spaziergang, sondern eine Übung, die sie am Handgelenk zeigt: Unterarm fixieren, das Handgelenk so weit beugen, wie es geht, den kleinen Finger zur Seite führen, langsam in die Streckung, dann Richtung Daumen zurück. Ein voller Kreis, nur mit diesem einen Gelenk, in Zeitlupe und im schmerzfreien Bereich. Dasselbe funktioniere für Sprunggelenk, Knie und Hüfte. Wie langsam? Langsamer, als man denkt.
Die zweite Zutat ist der Untergrund. Auf Waldboden, Kies oder Wiese müsse sich der Fuß bei jedem Schritt neu anpassen, und das mobilisiere die kleinen Fußgelenke automatisch. Ihre Dosierung: zehn Minuten, dann eine Viertelstunde, dann eine halbe Stunde. Der Grund für diese Vorsicht sitzt im Fuß selbst. Dort arbeiten zahlreiche Muskeln, die nach Gläsels Worten genauso Muskelkater bekämen wie jeder andere und sich an ihren Ansätzen entzünden könnten, wenn man sie überfordert.
Ein strukturiertes Übungskonzept bei Arthrose beschreibt unser Artikel zum GLA:D-Programm. Einen weiteren Blick auf Beweglichkeit wirft Tim Böttner im Interview über Mobility-Training.
Umstellung oder Umwerfung: der häufigste Fehler
Was passiert, wenn die Begeisterung größer ist als die Geduld, kennt Gläsel aus vielen Rückmeldungen.
Es gibt leider immer wieder Menschen, die nach ihrer Umstellung, die wahrscheinlich dann keine Umstellung war, sondern eine Umwerfung, Schmerzen haben und manche sogar auch Ermüdungsbrüche. Es gibt Stressfrakturen, wenn man die Füße einfach so überfordert.
Das typische Muster: Der Barfußschuh fühlt sich am ersten Tag großartig an, der komplette Alltag wird sofort umgestellt, nach zwei Tagen kommt der Muskelkater. Der Gastgeber gesteht: sofort zehn Kilometer gejoggt, monatelang Blutblasen. Gläsels Gegenrezept: eine halbe Stunde gemütlicher Spaziergang, dann langsam steigern.
Der zweite Fehler betrifft die Größe. Schuhgrößen seien nicht genormt, und vorn brauche der Fuß rund 1,2 Zentimeter Platz zum Abrollen. Eine bestimmte Marke empfiehlt sie nie; über 70 Hersteller gebe es inzwischen, und jeder Fuß sei anders.
Aus Sicht der Redaktion gehört hier ein Hinweis dazu: Wer Diabetes hat, an Nervenschäden in den Füßen (Neuropathie) leidet, ausgeprägte Fußfehlstellungen mitbringt oder eine Osteoporose kennt, sollte den Umstieg auf Barfuß- oder Minimalschuhe vorab ärztlich abklären. Bei gestörtem Schmerzempfinden bleiben Überlastungen leicht unbemerkt, bei verminderter Knochendichte steigt das Risiko für Ermüdungsbrüche.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Auf die Frage nach dem Wichtigsten braucht Gläsel drei Sätze.
Bewegung ist A und O. Die Qualität von Bewegung ist wirklich auch entscheidend. Die Varianz der Bewegung ist wichtig.
In ihrer Darstellung ist der Fuß ein unterbeschäftigtes Organ mit 33 Gelenken, die ihre Nahrung aus Bewegung ziehen. Die Sohle verschiebe die Statik nach oben, der Fersengang beim Gehen sei kein Fehler, der Sprint in den neuen Alltag dagegen schon. Ihr Weg beginnt mit Gelenkkreisen in Zeitlupe und endet nicht in einem Dogma. Was Bewegung bei Kniearthrose bedeuten kann, ordnet unser Grundlagenartikel zur Gonarthrose ein.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Der Umstieg auf Barfuß- oder Minimalschuhe belastet Fußmuskeln, Sehnen und Knochen neu: Klären Sie bei Diabetes, Neuropathie, ausgeprägten Fußfehlstellungen oder Osteoporose vorab ärztlich, ob und wie schnell ein solcher Umstieg für Sie geeignet ist.
Häufige Fragen
Warum soll Barfußlaufen gut für die Gelenke sein?
Was macht ein Absatz mit der Körperhaltung?
Ist es falsch, über die Ferse abzurollen?
Wie fängt man mit Barfußlaufen an?
Welche Fehler machen Anfänger beim Umstieg?
Für wen ist der Umstieg auf barfuß heikel?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
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