Ein Bandscheibenvorfall im MRT, und der Fall scheint entschieden: Der Gallertkern drückt auf den Nerv, deshalb der Schmerz. Doch beim Rheuma & Arthrose Online-Kongress widersprach eine Physiotherapeutin diesem Automatismus. Hannah Gantner hält den Vorfall für eine Folge, nicht für den Auslöser. Unter dem Titel „Die unerwartete Ursache hinter Rückenschmerzen und Bandscheibenvorfällen” sprach sie über verkürzte Muskeln, einen tief liegenden Hüftbeuger und alte Glaubenssätze. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder, mit O-Tönen und in indirekter Rede. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.

Folge statt Ursache: Wie Gantner den Bandscheibenvorfall liest

Die Mechanik bestreitet sie nicht. Die Bandscheibe arbeite als Stoßdämpfer, der gallertartige Kern schlucke einen großen Teil des Drucks. Werde dieser Druck punktuell und ungünstig, trete der Kern irgendwann aus. Der Unterschied liegt in der Bewertung. In der Medizin werde vermittelt, die Bandscheibe sei kaputt und deshalb schmerze der Rücken. Gantner dreht das um: Der Vorfall sei eine Folgereaktion auf Störfaktoren, die die Bandscheibe schon lange vorher falsch belastet hätten.

Ihr Hauptargument ist ein Blick in die Sprechzimmer.

O-Ton aus dem Interview

Die Praxis zeigt, dass es sehr viele Menschen gibt mit Bandscheibenvorfällen, die keine Schmerzen haben. Und dass es sehr viele Menschen gibt mit Rückenschmerzen, die keine Bandscheibenvorfälle haben.

Hannah GantnerExpertin bei Schmerz und Bandscheibenvorfälle

Wäre die ausgetretene Bandscheibe der Schmerzauslöser, so ihre Logik, müsste jeder Mensch mit Vorfall Schmerzen haben und jeder Rückenschmerz einen Strukturschaden zeigen. Beides treffe in vielen Fällen nicht zu. Der Schmerz sei für sie eher ein Hinweis des Körpers, dass etwas im Leben verändert gehört.

Balkendiagramm: 66,0 Prozent der Frauen und 56,4 Prozent der Männer in Deutschland hatten in den letzten zwölf Monaten Rückenschmerzen

Zur Einordnung: Laut einer Befragung des Robert Koch-Instituts hatten 66,0 Prozent der Frauen und 56,4 Prozent der Männer in den vergangenen zwölf Monaten Rückenschmerzen, bei 15,5 Prozent waren sie chronisch. Quelle: von der Lippe et al. 2021, Journal of Health Monitoring 6(S3), Robert Koch-Institut.

Dass Bildbefund und Beschwerden oft nicht zusammenpassen, kennt auch die Orthopädie. Wir haben es im Artikel über das klinisch-radiologische Paradoxon beschrieben. Wie viel Gewicht ein einzelner Befund hat, klärt die ärztliche Untersuchung. Was Gantner daraus gemacht hat, war zunächst ein Bruch mit ihrem eigenen Beruf.

Der Punkt, an dem das Standardprogramm nicht mehr reichte

Nach der Ausbildung zog Gantner nach eigenen Worten jahrelang das übliche Programm durch: ein bisschen Manualtherapie, Stabilisationsübungen, Kräftigung. Die Patienten waren zufrieden. Die Ergebnisse waren es nicht.

O-Ton aus dem Interview

Da muss ja mehr dahinterstecken. Wenn diese Übungen wirklich helfen würden, dann müsste ja auch jeder schmerzfrei werden.

Hannah Gantner

Dazu kam der Rahmen: 20 bis 30 Minuten pro Patient, auf der Überweisung stand „Heilgymnastik”, und rechtlich sei sie an genau das gebunden gewesen. Sie beschreibt eine Phase echter Frustration, weil sie mehr sah, als sie behandeln durfte. Der Ausweg wurde die Online-Arbeit. Im Gespräch entschuldigt sie sich einmal fürs Dazwischenreden: Sie sei aufgeregt, sie habe so viel zu erzählen.

Vielleicht denken Sie jetzt: Dann sind es eben schwache Rückenmuskeln. Genau diese Erklärung lässt Gantner nicht gelten. Würden ein paar zu schwache Muskeln den Schmerz verursachen, müsste jeder schmerzfrei werden, der sein Übungsblatt abarbeitet. Was sie stattdessen bei fast allen Rückenpatienten findet, lässt sich anfassen.

Verklebt, verkürzt, unelastisch: das Muster in der Muskulatur

Rein muskulär sehe sie bei sehr vielen Menschen mit Rückenschmerzen eine verklebte, verkürzte, unelastische Muskulatur. Die Wirbelsäule könne die Belastung dann nicht mehr sauber verarbeiten. Dagegen brauche es therapeutische Übungen, allerdings nicht irgendwelche.

O-Ton aus dem Interview

Das kennt wahrscheinlich kaum wer: Die Übung muss vielfältig sein, vielwinkelig und endgradig. Und wenn das eine Übung erfüllt, hat man eine sehr gute Wahrscheinlichkeit, dass man körperlich die Ursache erwischt und lösen kann.

Hannah Gantner

Dann kommt der Muskel, der in ihrem Konzept eine Sonderrolle spielt: der Psoas, ein Hüftbeuger, der Oberkörper und Unterkörper direkt verbinde und extrem tief sitze.

O-Ton aus dem Interview

Dieser Psoas-Muskel wird auch Muskel der Seele genannt. Das heißt, das ist ein Muskel, der sehr viele Verletzungen, Stress, Emotionen und so weiter abspeichern kann.

Hannah Gantner

Stehe er unter Spannung, gerate das Nervensystem in Unruhe und es entstehe Zug auf der Wirbelsäule, der nach ihrer Sicht zu Bandscheibenvorfällen oder Gleitwirbeln beitragen könne. Das Problem: Mit den Händen komme kein Therapeut wirklich an ihn heran, und der klassische Ausfallschritt dehne nie tief genug. Sie arbeitet deshalb mit anderen Methoden, die sie im Interview nicht näher ausführt.

Lendenwirbelsäule und Becken von vorn mit dem gespannten Psoas, der von den Lendenwirbeln durch das Becken zum Oberschenkelknochen zieht

Gantners Schlüsselmuskel: Der Psoas entspringt nach ihrer Beschreibung am zwölften Brustwirbel und an den Lendenwirbeln, zieht durch das Becken zum Oberschenkelknochen und übt unter Spannung Zug auf die Wirbelsäule aus.

Eine Beobachtung gibt Gantner als Praxiserfahrung weiter: Bei Frauen mit großen Bandscheibenvorfällen finde sie häufig eine unbehandelte Kaiserschnittnarbe, die sich zum Störfeld entwickelt habe. Das ist ihre Deutung, keine belegte Ursachenkette. Welche Übungen die Rückenmuskulatur stärken, lesen Sie im Artikel über Übungen bei Rückenschmerzen. Bleibt die Frage, warum der Körper überhaupt bis zum Vorfall geht. Gantner sagt: Er hat vorher längst gewarnt.

Erst zwickt es, dann kommt der Hexenschuss

Der Vorfall komme selten aus dem Nichts, beschreibt Gantner.

Dreidimensionale Nahaufnahme einer aufgeschnittenen Bandscheibe zwischen zwei Lendenwirbeln, aus der Kernmaterial nach hinten austritt
O-Ton aus dem Interview

In der Regel ist es ja so, dass irgendwann mal der Rücken zwickt, dann zwickt er immer mehr, dann kommt der Hexenschuss, weil der Besitzer von diesem Körper eben nicht drauf gehört hat.

Portrait von Hannah GantnerHannah Gantner

Der Hexenschuss vergehe, das Zwicken kehre in kürzeren Abständen zurück, und wer dann nichts ändere, bekomme irgendwann die deutlichere Botschaft. Was der Körper damit meint, arbeitet Gantner mit ihren Patienten wie bei einer Zwiebel heraus: Ein Thema werde bewusst und aufgelöst, dann komme das nächste, bis man am Kern sei. Welche Themen liegen unter den Schichten? Gantner antwortet mit einer Liste, die sie selbst als Pauschalisierung kennzeichnet.

O-Ton aus dem Interview

Wenn ich es jetzt pauschalisieren müsste, ist sehr oft bei Menschen mit Rückenschmerzen Perfektionismus ein Thema. Also: Ich bin nicht gut genug. Ich muss perfekt sein. Ich muss alles selber schaffen. Ich darf keine Hilfe annehmen.

Hannah Gantner

Im Rücken steckten außerdem oft Existenzängste. Bei Müttern beobachte sie den Anspruch, perfekt zu sein und die eigenen Bedürfnisse zu übergehen. Lösten sich solche Muster, verändere sich nach ihrer Erfahrung nicht nur der Schmerz, sondern auch die Beziehung zu Kindern, Partner und eigenem Körper. Wie Dauerstress und Gelenkbeschwerden zusammenhängen können, beschreibt unser Artikel über Stress, Cortisol und Arthrose.

Schmerzmittel, Spritzen, Operation: Wo Gantner Grenzen zieht

Bei akuten Schmerzen, wenn Menschen sich kaum noch bewegen können, hält Gantner Schmerzmittel für vertretbar. Der Schmerz löse Panik aus, und eine Mutter mit kleinen Kindern müsse funktionieren. Nur dürfe daraus keine Dauerlösung werden.

O-Ton aus dem Interview

Schmerzmittel lösen nie das Problem, sondern sie behandeln eher nur das Symptom.

Hannah Gantner

Kortisoninfiltrationen sieht sie noch kritischer: Die Wirkung halte nach ihrer Erfahrung einige Tage bis eine Woche, dann folge die nächste Spritze. Zur Operation formuliert sie ihr größtes Anliegen: Betroffene sollten nicht aus Angst heraus entscheiden. Ein Eingriff bedeute nicht automatisch, dass danach alles gut sei, die Reha sei anstrengender als ohne Operation. Sie berichtet von Patienten, denen es nach einer OP nicht besser ging.

Hier ergänzt die Redaktion ausdrücklich: Ein Bandscheibenvorfall mit Lähmungserscheinungen, Taubheit im Genital- oder Gesäßbereich oder einer Störung von Blase oder Darm ist ein Notfall und gehört sofort in die Klinik. Akute starke Rückenschmerzen sollten ärztlich abgeklärt werden, bevor man Übungen auf eigene Faust beginnt. Schmerzmittel oder Kortison setzt niemand ohne Rücksprache mit der verordnenden Ärztin oder dem Arzt ab. Ob eine Operation nötig ist, entscheidet sich im Einzelfall nach medizinischen Kriterien. Mehr dazu im Artikel akute Rückenschmerzen: was tun.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

In Gantners Darstellung ist der Bandscheibenvorfall kein Defekt, sondern das Ende einer Kette: ungünstige Belastung, verkürzte Muskulatur, ein verspannter Psoas, darunter oft Stress und alte Glaubenssätze. Ihr stärkster Punkt ist ein nüchterner Befund, den auch die Orthopädie kennt: Bildbefund und Schmerz laufen häufig auseinander. Ihre Schlussfolgerungen daraus, vom „Muskel der Seele” bis zur Kaiserschnittnarbe, sind Erfahrungswissen aus ihrer Praxis und so auch zu lesen.

Für den Alltag bleiben drei Gedanken: wiederkehrendes Zwicken ernst nehmen, Bewegung mit vielen Winkeln und vollem Bewegungsumfang wählen, den eigenen Stresspegel als Teil des Rückenproblems mitdenken. Alles mit ärztlicher Begleitung, sobald der Schmerz stark, neu oder mit Ausfällen verbunden ist.

Wie Gedanken auf den Körper wirken, war im selben Kongress auch Thema bei Verena Krone im Interview über Selbstheilung und Schöpferkraft. Einen anderen Zugang zu chronischem Schmerz zeigt Moritz Penne im Interview über Schmerztherapie und Bindegewebe.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ein Bandscheibenvorfall mit Lähmungserscheinungen, Taubheit im Genital- oder Gesäßbereich oder Blasen- und Darmstörungen ist ein Notfall: sofort den Rettungsdienst oder eine Klinik aufsuchen. Akute starke Rückenschmerzen lassen Sie bitte ärztlich abklären, Medikamente ändern Sie nur in Rücksprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Häufige Fragen

Verursacht ein Bandscheibenvorfall immer Schmerzen?
Nach Darstellung von Hannah Gantner nicht. Sie verweist auf viele Menschen, die einen Bandscheibenvorfall haben und nichts davon spüren, und auf ebenso viele mit Rückenschmerzen ohne jeden Vorfall. Für sie ist der Vorfall deshalb eine Folge ungünstiger Belastung, nicht die eigentliche Ursache des Schmerzes. Die ärztliche Untersuchung bleibt trotzdem der Ort, an dem der Einzelfall eingeordnet wird.
Welche körperlichen Gemeinsamkeiten sieht Gantner bei Rückenpatienten?
Laut Gantner ist die Muskulatur bei sehr vielen Betroffenen verklebt, verkürzt und unelastisch, was die Belastung der Wirbelsäule verändere. Eine Sonderrolle gibt sie dem Hüftbeuger Psoas, der von der Brust- und Lendenwirbelsäule bis zum Oberschenkel zieht und bei Spannung Zug auf die Wirbelsäule ausübe.
Welche Übungen empfiehlt Hannah Gantner bei Rückenschmerzen?
Sie nennt keine einzelne Übung, sondern drei Kriterien: Eine Übung müsse vielfältig, vielwinkelig und endgradig sein, um verklebte Muskulatur nach ihrer Erfahrung dauerhaft zu lösen. Klassische Stabilisations- und Kräftigungsprogramme hält sie für zu kurz gegriffen. Bei akuten Beschwerden sollte jede Übung vorher mit Arzt oder Therapeut abgestimmt werden.
Was hält Gantner von Schmerzmitteln bei Bandscheibenvorfall?
In der akuten Phase hält sie Schmerzmittel für sinnvoll, weil starker Schmerz Panik auslöse und Betroffene handlungsfähig bleiben müssten. Sie plädiert aber dafür, sie nur kurz einzusetzen, weil sie das Symptom dämpften und nicht die Ursache behandelten. Änderungen an Medikamenten gehören aus Sicht der Redaktion immer in die ärztliche Rücksprache.
Welche seelischen Themen sieht sie hinter Rückenschmerzen?
Gantner nennt Perfektionismus, den Glaubenssatz „Ich bin nicht gut genug", die Überzeugung, alles allein schaffen zu müssen, sowie Existenzängste. Bei Müttern beobachtet sie häufig den Anspruch, perfekt zu sein und ständig zu geben. Diese Sicht ist ihre Erfahrung aus der Praxis, keine wissenschaftlich belegte Kausalkette.
Wann ist ein Bandscheibenvorfall ein Notfall?
Unabhängig vom Interview gilt: Treten Lähmungen, Taubheit im Genital- oder Gesäßbereich oder Störungen von Blase oder Darm auf, ist das ein Notfall, der sofort in die Klinik gehört. Auch akute starke Rückenschmerzen sollten ärztlich abgeklärt werden, bevor man auf eigene Faust Übungen oder Selbsthilfe beginnt.
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