Ein Rücken, der seit Monaten schmerzt, bekommt heute meist zuerst ein Bild: Röntgen, MRT, Befund. Doch Tobias Emrich, Gründer des ZTT – Physiotherapeut & Heilpraktiker, traut dem Bild allein wenig zu. Beim Schmerzkongress sprach er über „Muskeln, Faszien, Haltung - Störfelder der Osteopathie und wie wir sie beseitigen“ und drehte den üblichen Blick um: Nicht die schiefe Stelle im Körper macht die Beschwerden, sondern die feste. Das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress.
Erst die Durchblutung, dann alles andere
Was ist aus osteopathischer Sicht das Wichtigste im Körper? Emrichs Antwort: die Durchblutung. Jede Zelle brauche Nährstoffe und vor allem Sauerstoff, und jede Zelle müsse ihre Abfallstoffe loswerden. Wo Blut und Lymphe stocken, liefen die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zelle, im Notbetrieb. Warum das irgendwann wehtut, erklärt er als Kette von Fragen.
Warum tut es eigentlich weh? Weil es verspannt ist. Warum tut es weh? Weil es nicht richtig durchblutet wird. Warum tut es weh? Weil der Sauerstoff fehlt. Wenn die nicht funktionieren, dann fängt der Körper an, einen Entzündungsprozess auszulösen.
Die Entzündung sei zunächst ein Reparaturversuch: Botenstoffe weiten die Gefäße, reizen aber zugleich die Schmerzrezeptoren. Ob das spürbar wird, hänge von Stärke und Dauer ab. Eine leicht zusammengedrückte Hand störe zwei Wochen lang kaum, eine fest gepresste nach zwei Minuten sehr.

Die Kette, die Tobias Emrich beschreibt: Verspanntes Gewebe engt Gefäße ein, den Zellen fehlt Sauerstoff, der Körper schüttet Entzündungsbotenstoffe aus, und die reizen die Nervenendigungen. Ein osteopathisches Erklärungsmodell, kein Befund im Einzelfall.
Drei Wege führten in diese schlechte Durchblutung. Der erste ist mechanisch: Faszien und Muskeln, die durch stundenlanges Sitzen fest werden. Der zweite läuft über die Gefäße. Unter Stress verteile der Körper das Blut um, mehr in Gehirn und Muskeln, weniger in den Darm; Dauergestresste kennen die kalten Hände und Füße. Der dritte ist der Stoffwechsel: verklebte rote Blutkörperchen bei hohem Blutzucker, rauchbeladene Blutkörperchen, die weniger Sauerstoff tragen. Bei vielen komme alles zusammen.
Wo aber sitzen Spannungen, die niemand bemerkt? Emrich sucht sie an Stellen, die mit dem Rücken scheinbar nichts zu tun haben.
Vier Störfelder, die die Haltung steuern
Wie hält sich ein Mensch aufrecht? Nach Emrichs Darstellung rechnet das Gehirn ständig aus, wo unten ist: aus dem Gleichgewichtsorgan, aus Druckrezeptoren in Füßen und Gelenken und, sobald die Augen offen sind, vor allem aus dem Blick. Er nennt das Posturologie, Haltungslehre.

Sobald wir aber die Augen aufmachen, übernehmen auch die Augen die Führung. Der ganze Körper, das ganze Gleichgewichtsorgan sorgt eigentlich permanent dafür, dass sich die Augen auf einer horizontalen Ebene befinden.
Daraus leitet er vier Störfelder ab. Die Augen: Kurzsichtige, er selbst eingeschlossen, entwickelten einen vorgeschobenen Kopf und einen kleinen Buckel. Die Füße: Zu enge Schuhe ließen die Fußmuskeln verkümmern, stützende Einlagen änderten daran nichts; Emrich trägt seit sieben Jahren Minimalschuhe. Kiefer und Zähne: Alles im Mund melde der Trigeminusnerv in den Hirnstamm, wo auch die kurzen Nackenmuskeln gesteuert würden; nach einer Kiefersanierung habe er selbst nach zehn Jahren wieder eine tiefe Kniebeuge geschafft. Und Narben: Eine rosa Narbe sei ein Störfeld.
Ein Hinweis der Redaktion: Dass eine Hornhautverkrümmung eine Skoliose auslöst oder ein Zahn eine Hüfte blockiert, sind Beobachtungen aus Emrichs Praxis, keine belegten Zusammenhänge; kontrollierte Studien dazu sind rar. Brille oder Einlagen legt niemand auf eigene Faust ab, und bei Diabetes oder Nervenstörungen an den Füßen gehört Barfußlaufen in ärztliche Rücksprache. Die Kieferseite dieser Kette zeigt Dr. Dominik Nischwitz im Interview über Zahnstörfelder aus demselben Kongress, die Fußseite Dr. Emanuel Gläsel im Gespräch über Barfußlaufen.
Wenn Augen, Füße und Kiefer den Körper verziehen, muss man ihn dann gerade rücken?
Schief ist fast jeder. Fest ist das Problem
Die Orthopädie misst: ein Zentimeter Beinlängendifferenz, Beckenschiefstand, Einlage. Emrich hält das für den falschen Maßstab.
Fast jeder Mensch ist ja schief in sich. Er hat einen schiefen Körper. Aber die Frage ist, wo ist er nicht elastisch? Wo ist er fest? Weil das sind eigentlich die Stellen, die ihn stören.
Er berichtet von älteren Patienten mit krummem Rücken, denen es jahrelang gut gehe, bis ein Ereignis die Kompensation kippt. Eine Patientin habe plötzlich starke Rückenschmerzen, seit ihr kranker Mann nachts Hilfe brauche und sie nicht mehr schlafe. Behandelt werde dann die fehlende Erholung, nicht der krumme Rücken. Wer den Beckenschiefstand dagegen als Hauptursache sieht, findet die Gegenposition im Interview mit Burkhard Hock aus demselben Kongress.
Wie findet Emrich die feste Stelle? Zuerst durch Fragen.
Das Wichtigste ist natürlich immer die Anamnese. Ohne die Anamnese kannst du es vergessen. Die macht ungefähr 60 oder 70 Prozent der Therapie aus. Du kriegst eigentlich auch drei Viertel der Ursachen durch die richtigen Fragen raus.
Danach kommen die Hände. Ein Bild vom Körper vergleicht Emrich mit dem Foto eines Autos, das beim Fahren quietscht: Der Schaden auf dem Bild müsse nicht der Grund für das Geräusch sein. Osteopathen sähen mit den Händen, ob ein Bauch weich oder fest ist. Aus seiner Schule übernimmt er zudem Zuordnungen von Organen zu Rückenabschnitten, etwa Kreuzschmerz bei Dickdarmproblemen; auch das ist ein Modell, kein gesicherter Zusammenhang. Wie sich Beschwerden und Bildbefund grundsätzlich unterscheiden, erklärt unser Artikel zu Symptomen und Diagnose bei Arthrose.

Zur Einordnung: Eine Meta-Analyse aus 15 randomisierten Studien fand drei Monate nach osteopathischer Behandlung eine zusätzliche Schmerzminderung gegenüber den Vergleichsgruppen von 12,91 Punkten bei unspezifischem Rückenschmerz, 14,93 Punkten bei chronischem Rückenschmerz, 23,01 Punkten bei Schwangeren und 41,85 Punkten nach der Geburt, jeweils auf einer Skala von 0 bis 100. Die Autoren bewerten die Evidenz als moderat, bei Schwangeren als niedrig, und fordern größere Studien. Quelle: Franke H, Franke JD, Fryer G 2014, BMC Musculoskeletal Disorders 15:286, PMID 25175885.
Drücken, halten, in der Länge benutzen
Seine erste Methode war die Myoreflextherapie des Konstanzer Arztes Kurt Mosetter. Ihr Prinzip passt in zwei Sätze.
Letztendlich drückt man auf den Muskelansatz und hält den Druck. Und dadurch reguliert der Muskel seine Spannung.
Das sei eine funktionelle Behandlung: Ein lange nicht benutzter Muskel sei wie abgeschaltet, der gehaltene Druck erinnere das Nervensystem an ihn. Davon unterscheidet Emrich strukturell verhärtetes Gewebe, das er mit zähem Fleisch vergleicht, das lange garen muss. Solche Stellen brauchten Wärme, am besten Rotlicht, und eine Bearbeitung, die das Gewebe wieder verschiebbar macht. Was Ulf Pape aus demselben Kongress zur Faszien-Arbeit auf der Liege sagt, ergänzt dieses Bild.
Behandeln allein reiche aber nicht. Wer die gelöste Stelle nicht benutze, verfestige sie erneut. Emrichs Regel: einmal am Tag jedes Gelenk bis ans Ende bewegen, mit Zug oder Gewicht, damit die Muskeln in der Länge arbeiten. Dazu die Stressregulation: fünf bis sechs Sekunden einatmen, fünf bis sechs Sekunden ausatmen, durch die Nase, eine Viertelstunde, ein- bis zweimal täglich. Die Redaktion ordnet ein: Atemtraining gilt als sicher; wie stark es Schmerzen beeinflusst, ist weniger gut belegt als seine Wirkung auf das Stressempfinden. Ein Rückenschmerz mit Lähmungen, Taubheit, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber oder nach einem Sturz gehört zuerst zum Arzt. Was Bewegung bei Gelenkbeschwerden leisten kann, zeigt unser Überblick zur Arthrose-Behandlung.
Wer hier eigentlich heilt
Wie lange dauert das? Emrich antwortet mit seiner eigenen Schulter: vier Jahre Schmerzen, dann eine Viertelstunde Behandlung und zwei Tage Ruhe. Nach 15 Behandlungen über knapp zwei Jahre seien Schulterschmerz, Schwindel und Tinnitus verschwunden. Bei anderen Patienten liege darunter ein Mangel, Stress oder Schlaflosigkeit, und dann helfe Drücken allein nicht.
Einerseits ist der Therapeut wichtig, aber andererseits ist die Person noch viel wichtiger, weil die muss es ja letztendlich umsetzen. Ich kann ja nur ein Angebot machen.
Schmerzmittel verteufelt er nicht. Wenn das Haus brenne, rufe man die Feuerwehr; nur wer sie jeden Tag rufe, bekomme irgendwann einen Wasserschaden.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Tobias Emrich erklärt chronische Schmerzen über einen einzigen Hebel: die Durchblutung. Fest gewordenes Gewebe, enge Gefäße unter Stress und Stoffwechselfaktoren führten in die Unterversorgung, der Körper antworte mit Entzündung und Schmerz. Gesucht werde deshalb nicht die schiefe, sondern die feste Stelle, mit ausführlicher Anamnese und mit den Händen.
Seine vier Störfelder der Haltung stammen aus der Posturologie; die Studienlage dazu ist dünn. Sein Praxisrat kommt ohne sie aus: Muskeln in der Länge benutzen, verhärtetes Gewebe wärmen und verschieben, gehaltener Druck auf Muskelansätze, langsame Atmung durch die Nase. Und die Einsicht, dass der Therapeut ein Angebot macht, das der Patient umsetzen muss.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Tobias Emrich ist Physiotherapeut und Heilpraktiker, kein Arzt. Osteopathische und manuelle Behandlungen, Atemübungen und Eigentraining bei chronischen Schmerzen gehören in therapeutische oder ärztliche Begleitung; Brillen, Einlagen oder Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert, und Warnzeichen wie Lähmungen, Taubheit, Blasenstörungen, Fieber oder Gewichtsverlust brauchen zuerst eine ärztliche Abklärung.
Häufige Fragen
Wie erklärt Tobias Emrich chronische Schmerzen aus osteopathischer Sicht?
Was versteht Emrich unter Störfeldern der Haltung?
Muss ein schiefer Körper behandelt werden?
Was passiert bei der Myoreflextherapie?
Welche Atemübung empfiehlt Emrich gegen Stress?
Wann gehört ein Rückenschmerz zum Arzt statt zum Osteopathen?
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