Eine Knochendichtemessung zeigt, was verloren ist. Sie zeigt nicht, was gerade verloren geht. Doch genau diese Lücke will ein Mann schließen, der sein Handwerk an Korallenriffen gelernt hat. Beim Osteoporose Kongress (23. Oktober bis 1. November 2026) sprach der Physiker Prof. Dr. Anton Eisenhauer unter dem Titel „Osteoporose erkennen: Das Frühwarnsystem für Knochenschwund” über einen Test, der die Calciumbilanz des Skeletts aus Blut oder Urin ablesen soll. Dieser Artikel gibt das Gespräch journalistisch wieder. Das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Von der Koralle zum Knochen
Warum sollte jemand, der Korallenriffe vermisst, etwas über menschliche Knochen wissen? Eisenhauer nennt es ein Äquivalenzprinzip: Was die Meeresforschung messen könne, lasse sich oft auf die Medizin übertragen. Sein Lieblingsbeispiel ist der Ultraschall, dessen Echolot-Technik in Kiel für die Tiefenmessung im Meer entwickelt und dann in die Medizin überführt worden sei.
Bei Calcium laufe es ähnlich. Die Methode sei ursprünglich entwickelt worden, um die Gesundheit von Korallenriffen zu bestimmen; die Transportprozesse für Calcium ließen sich nach seinen Worten im Prinzip eins zu eins auf den Knochen übertragen. Klingt einfach. Aber was genau wird da gemessen?
Rotwein und Volkslauf: Was ein Isotop ist
Der Schlüsselbegriff heißt Isotop, und Eisenhauer erklärt ihn ohne Formel. Jedes Element komme in mehreren Varianten vor, die sich allein in der Masse unterscheiden. Im Alltag merkt davon niemand etwas, messtechnisch und im Körper sei der Unterschied sichtbar.
Das ist ungefähr so, als würde jemand sagen: Rotwein. Und der Rotweinkenner sagt: Was für ein Rotwein? Dann gibt es einen Beaujolais und einen Burgunder oder einen Spätburgunder, das ist alles Rotwein, aber aus unterschiedlichen Lagen. Ungefähr so ist es auch mit den Elementen: Es gibt eben Untervarietäten, die sich in der Masse unterscheiden.
Entscheidend ist, was auf dem Weg durch den Körper passiert. Die Nahrung sei deutlich reicher am schwereren Calcium 44, im Knochen finde sich dagegen etwas mehr vom leichteren Calcium 42. Warum? Eisenhauer greift zu einem Bild aus dem Breitensport.
Stellen Sie sich einen Volkslauf vor, wo vor dem Start alle Läufer auf einem Haufen zusammenstehen. Fällt aber der Startschuss, dann wird sich dieses Feld sehr schnell separieren. Wenn man sagt, das Ziel ist der Knochen, dann kommen im Knochen die gut trainierten, leichten Isotope an, während die schweren in den Produkten vorher hängen bleiben.
Für jeden Menschen stelle sich dabei ein eigenes Gleichgewicht ein, aus dem Eisenhauer einen Schwellenwert ableitet: Liegt das gemessene Verhältnis darunter, verliere der Körper mehr Calcium aus dem Knochen, als er über die Nahrung aufnimmt. Liegt es darüber, sei die Bilanz gesund. Bleibt die Frage, wie das Signal aus dem Knochen in ein Röhrchen kommt.
Warum die Blutprobe nüchtern sein muss
Die Antwort steckt in einer Zahl, die Eisenhauer mehrfach nennt: Calcium bleibe nur etwa eine Stunde im Blut. Wer morgens nüchtern Blut abgeben lässt, hat seit Stunden nichts gegessen; das Calcium im Blut stamme dann ausschließlich aus dem Knochen.

Nach spätestens einer Stunde ist das Calcium im Blut immer das Gleiche wie im Knochen. Das heißt, das Blut ist ein Träger des Knochensignals.
Prof. Dr. Anton EisenhauerFür den Urin gelte das gleiche Prinzip; diesen Test könne man zu Hause durchführen, Blut müsse ein Arzt abnehmen. Aus der Differenz beider Werte lasse sich ablesen, wie gut die Nieren Calcium zurückhalten, und damit, ob eine Osteoporose primär entsteht oder sekundär durch eine eingeschränkte Nierenfunktion.
Und die Knochenumbaumarker CTX und NTX, die Labore heute bestimmen? Diese zeigten nach Eisenhauers Darstellung nur, wie aktiv die knochenabbauenden Zellen sind, nicht aber, ob der Aufbau mithält; eine Bilanz liefere erst sein Isotopenverhältnis. Hinweis der Redaktion: Diese Einordnung stammt vom Anbieter des Tests, unabhängige Bewertungen durch Fachgesellschaften waren nicht Gegenstand des Gesprächs.

Aufnahme gegen Abgabe: Nach Eisenhauers Darstellung liefert erst das Isotopenverhältnis eine Bilanz beider Richtungen. Überwiegt die Abgabe ins Blut, verliere der Knochen netto Calcium; Umbaumarker zeigten nur die Aktivität der abbauenden Zellen.
Die Alterskurve, die Sportler unterschreiten
Aus den bisherigen Messungen beschreibt Eisenhauer eine Alterskurve. Je jünger ein Mensch, desto höher liege sein Isotopenwert. Mit den Jahren sinke er, bis er um das 75. Lebensjahr herum in die Nähe des Schwellenwerts komme. Altersgerechter Knochenschwund sei in diesem Sinn keine Krankheit, das Frakturrisiko steige trotzdem.
Deutlich unter der Kurve lägen zwei Gruppen: Patienten mit metastasiertem Prostatakrebs und Leistungssportler. Hier kippt das Gespräch. Sport gilt als Knochenschutz, doch ab einer bestimmten Intensität sehe man in den Daten einen klaren Calciumverlust. Eine Blutprobe direkt nach einem Marathon falle stark negativ aus und normalisiere sich innerhalb von etwa einer Stunde. Zurückschauen könne der Test dagegen nicht, gemessen werde immer der aktuelle Zustand. Was die klassische Knochendichtemessung leistet, lesen Sie in unserem Artikel zur Osteoporose-Diagnose per Knochendichte.

Zur Einordnung: Eisenhauers Alterskurve stammt aus den Messdaten seines Unternehmens. Wie stark die Diagnose mit dem Alter zunimmt, zeigt das Robert Koch-Institut: unter 45 Jahren selten, zwischen 45 und 64 bei 4,4 Prozent der Frauen und 1,9 Prozent der Männer, ab 65 bei 24,0 und 5,6 Prozent. Quelle: RKI, GEDA 2014/2015-EHIS.
Der Traum vom Frühwarnsystem und seine Hürden
Fragt man Eisenhauer nach seiner Vision, wird der Physiker persönlich.
Mein Traum wäre, dass Menschen frühzeitig diesen Test machen, um ihren Status zu sehen. Am besten noch mit einer DEXA-Messung in Verbindung, dass man einen Ausgangswert hat.
Wer die Pathologie einer Krankheit erkenne, bevor Symptome auftreten, habe Jahre Zeit zu handeln, so seine Überzeugung. Prophylaxe sei ein Gedanke, der in der Medizin bislang kaum vorkomme. Die Hürde benennt er offen.
Ein Problem ist natürlich, dass diese neue Art der Diagnostik nicht inhärent aus der Medizin herauskommt, sondern eigentlich aus den Ansätzen der Meeresforschung, wo wir Techniken übertragen. Das ist auch ein kulturelles Problem.
In Kiel arbeite er deshalb mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein zusammen und entwickle weitere Marker aus Isotopen- und Spurenelementverhältnissen.
Drei Punkte gehören aus Sicht der Redaktion dazu. Eisenhauer hat das Unternehmen mitgegründet, das den Test verkauft, und stellte ihn im Gespräch als „unser Produkt” vor. Die Krankenkassen übernehmen ihn nach Stand des Gesprächs nicht. Und: Solche Tests ersetzen keine ärztliche Diagnostik. Ob er im Einzelfall sinnvoll ist, gehört in die Sprechstunde, nicht in den Online-Warenkorb.
Seine Tipps, mit einer Warnung vorweg
Zum Schluss stellt der Kongress-Gastgeber die beiden Standardfragen: ein Tipp, ein Fehler. Eisenhauer schickt einen Satz voraus.
Ich muss aber dazu sagen, ich bin ja kein Arzt. Das ist kein ärztlicher Rat.
Aus seinen Daten zieht er trotzdem Beobachtungen. Frauen, die regelmäßig Sport treiben, neigten kaum zu Osteoporose. Als knochengerecht gelten ihm Joggen, Nordic Walking und Muskelaufbau; Schwimmen und Radfahren seien gut fürs Herz, aber nicht für den Knochen. Beim Essen plädiert er für calciumreiche Kost mit Milchprodukten und wenig Zucker; vegan lebende Menschen zeigten in seinen Tests häufiger Störungen der Calciumbilanz.
Und der Fehler? Ein Getränk. Er berichtet von sehr jungen Menschen mit deutlichem Calciumverlust, die sich fast ausschließlich von Cola ernährten; der hohe Phosphorgehalt störe die Calciumaufnahme. Wer wegen Unverträglichkeiten ketogen isst oder Lebensmittelgruppen streicht, brauche eine Alternative für das Calcium, sonst zeige sich der Mangel Jahrzehnte später.
Zwei Dinge setzt die Redaktion dazu. Wer bereits eine Osteoporose-Diagnose hat, beginnt mit Joggen oder Krafttraining nie ohne ärztliche Rücksprache; welche Übungen infrage kommen, zeigt unser Artikel zum Krafttraining bei Osteoporose. Und welche Lebensmittel wie viel Calcium liefern, steht in unserer Übersicht zu Calcium in Lebensmitteln.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Aus Eisenhauers Sicht lässt sich die Calciumbilanz des Skeletts aus einer nüchternen Blut- oder Urinprobe ablesen, weil das Isotopenverhältnis im Blut das des Knochens spiegelt. Unter einem individuellen Schwellenwert verliere der Körper netto Calcium, lange bevor eine Knochendichtemessung etwas zeigt. Die Methode stammt aus der Korallenforschung, sein Unternehmen vertreibt sie, die Kassen zahlen nicht. Seine Tipps gibt er ausdrücklich als Nicht-Arzt: knochenbelastender Sport, calciumreiche Ernährung, Vorsicht bei Cola und einseitigen Diäten.
Wie die etablierte Knochendichtemessung funktioniert, ist Thema von Prof. Dr. Ralf Oheim im Interview über das Messen der Knochendichte. Der Gastgeber dieses Gesprächs, Samuel Kochenburger, spricht in seinem eigenen Interview über Vitamin D, Vitamin K und Magnesium.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Prof. Dr. Anton Eisenhauer ist Physiker, kein Arzt, und Mitgründer des Unternehmens, das den beschriebenen Test anbietet. Calcium-Isotopen-Tests ersetzen keine ärztliche Diagnostik; Fragen zu Knochendichtemessung, Laborwerten und Training bei Osteoporose klären Sie bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Häufige Fragen
Wie soll ein Calcium-Isotopen-Test Osteoporose früh erkennen?
Warum muss die Blutprobe morgens nüchtern abgegeben werden?
Was unterscheidet den Test von Knochenumbaumarkern wie CTX?
Ersetzt der Test die Knochendichtemessung?
Welchen Sport hält Eisenhauer bei Osteoporose für sinnvoll?
Was sollte man aus seiner Sicht vermeiden?
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