Milch für die Knochen, so hat es eine ganze Generation gelernt. Doch Kathrin Dücker trinkt seit rund zehn Jahren keine, und ihren Kalziumwert beschreibt sie als optimal. Beim Säure Basen Kongress sprach Kathrin Dücker, Ganzheitliche Arthrose-Expertin & Gesundheitscoach, darüber, wie sie basische Ernährung, Mineralstoffe und Bewegung für Knochen und Gelenke zusammendenkt. Ihr Gespräch trug den Titel „Wie du durch eine basenüberschüssige Ernährung deine Knochen stärkst!“; in voller Länge sehen Sie es kostenlos im Kongress. Das Säure-Basen-Konzept, von dem sie ausgeht, ist umstritten; wo die Redaktion einordnet, steht es dabei.
Der Körper als Puffer: Dückers Ausgangspunkt
Wo fängt Knochengesundheit an? Für Dücker nicht beim Kalzium, sondern bei den Säuren. Die westliche Kost kippe das Gleichgewicht: Fleisch und Wurst an erster Stelle, dazu Weißmehl, Zucker, Fertigprodukte, Nikotin und Alkohol. Fehlten gleichzeitig basenbildende Lebensmittel, bleibe dem Körper aus ihrer Sicht nur ein Ausweg.
Um diese Säuren zu neutralisieren, wird der Körper, wenn er nicht genug basische Lebensmittel bekommt, gezwungen, auf körpereigene basische Mineralstoffe zurückzugreifen. Der Körper greift seine eigenen Vorräte an.
Kalzium, Kalium und Magnesium würden dann vermehrt ausgeschieden, notfalls aus Knochen und Zähnen geholt. Das erhöhe das Osteoporose-Risiko, sagt sie.

So beschreibt Kathrin Dücker ihr Modell: Überwiegen die Säurebildner, hole sich der Körper Mineralstoffe aus dem Knochen. Die Redaktion ordnet diese Hypothese im Text ein.
Zur Einordnung durch die Redaktion: Beim gesunden Menschen halten Lunge und Nieren den pH-Wert des Blutes in einem engen Bereich, die Ernährung verschiebt ihn nicht. Die Studienlage zur „Übersäuerung“ als Ursache von Knochenschwund ist dünn; Bilanzstudien fanden bislang keinen Kalziumverlust des Körpers durch säurelastige Kost. Unstrittig ist der Kern ihres Rats: viel Gemüse, Salat, Nüsse und Saaten, wenig Fleisch, Wurst und Zucker.
Was Dücker daraus für die Gelenke ableitet, geht noch einen Schritt weiter.
Von den Knochen zu den Gelenken
Seien Haut, Niere und Lunge mit den Säuren überfordert, lagere der Körper sie zwischen, so Dückers Bild: im Bindegewebe und damit auch im Knorpel. Das fördere Entzündungen und Knorpelschäden. Arthrose gelte heute zunehmend als lebensstilbedingte Entzündungserkrankung, und die Ursache sehe sie vorwiegend in der Übersäuerung. Dass Arthrose entzündliche Anteile hat und der Lebensstil den Verlauf beeinflusst, teilt die Forschung; eine Einlagerung von Säuren im Knorpel ist damit nicht belegt.
Die Skepsis ihrer Klienten kennt Dücker aus eigener Erfahrung. In ihren Zwanzigern habe sie geraucht, in der Kantine immer das Fleischgericht gewählt und fast nie gekocht. Heute sei sie ihrer Arthrose fast dankbar, weil sie deswegen ihr Leben umgestellt habe. Der Weg dahin war radikal.
Ich habe mich drei Monate absolut streng basisch ernährt. Ich habe drei Monate wirklich nur basisch gegessen, nur Gemüsesalate und Sprossen und so weiter. Das war natürlich sehr extrem. Das würde ich heute auch so nicht mehr machen.
Nach diesen drei Monaten seien ihre Schmerzen weg gewesen, ohne dass sie Bewegung eingebaut hätte. Sie schiebt selbst nach: Fingergelenke sind klein, eine Hüfte brauche eher ein bis anderthalb Jahre. Die Redaktion ergänzt: Das ist eine Einzelerfahrung, kein Beleg. Eine über Monate einseitige Kost gehört in ärztliche oder ernährungstherapeutische Begleitung, und Beschwerden bei Arthrose schwanken von Natur aus.
Der größte Streitpunkt des Gesprächs war ein Glas Milch.
Milch: Kalziumquelle oder Kalziumräuber?
Jahrzehntelang habe die Werbung Milch als besten Kalziumlieferanten verkauft, sagt Dücker, und an diesem Bild gebe es heute Zweifel. Sie stellt beide Lager nebeneinander.
Es gibt die einen Lehrmeinungen, die heute noch sagen, Milch ist und bleibt ein guter Calcium-Lieferant. Und dann gibt es die anderen Meinungen, die heute sagen, schwierig, die Milch enthält zwar Calcium, gar kein Zweifel, aber der Körper kann das Calcium vielleicht gar nicht so gut aufnehmen.
Ihre Argumente: Beim Abbau des tierischen Eiweißes entstünden schwefelhaltige Aminosäuren, deren Neutralisation möglicherweise mehr Kalzium koste, als die Milch liefere. Dazu Laktoseunverträglichkeit, die Allergene Kasein und Molkeprotein, Rückstände aus konventioneller Haltung.
Deswegen empfehle ich meinen Klienten immer, auf Milch ganz zu verzichten und Milchprodukte sparsam einzusetzen.
Naturjoghurt und Quark lässt sie in Maßen gelten. Und die Forschung?

Zur Einordnung: Eine Metaanalyse prospektiver Kohortenstudien fand bei Frauen (6 Studien, 195.102 Teilnehmerinnen, 3.574 Hüftbrüche) je Glas Milch täglich ein relatives Hüftbruchrisiko von 0,99 (95-%-Konfidenzintervall 0,96 bis 1,02), also keinen Zusammenhang in beide Richtungen. Bei Männern (3 Studien, 75.149 Teilnehmer, 195 Hüftbrüche) lag es bei 0,91 (0,81 bis 1,01); die Autoren halten hier mehr Daten für nötig. Ein Glas entspricht etwa 300 mg Kalzium. Beobachtungsdaten, kein Ursachenbeweis. Quelle: Bischoff-Ferrari HA et al. 2011, Journal of Bone and Mineral Research 26(4):833-9, PMID 20949604.
Milch schützt demnach nicht messbar, schadet aber auch nicht. Wer sie weglässt, deckt den Kalziumbedarf anders; wie, steht in unserem Artikel zu Calcium und Vitamin D. Dückers Antwort:
Grünes Blattgemüse ist einfach ein super Kalziumlieferant, allen voran zum Beispiel Brokkoli und Grünkohl. Mandeln sind ein guter Lieferant. Sesamsamen sind super.
Dazu nennt sie kalziumreiche Mineralwässer. Magnesium komme aus grünem Gemüse, Saaten, Nüssen und Bananen; wer bereits „übersäuert“ sei, solle es nach ihrer Empfehlung anfangs drei Monate als Nahrungsergänzung auffüllen. Vitamin D empfiehlt sie Sommer wie Winter. Dosierungen nennt sie nicht. Die Redaktion rät, Nahrungsergänzung nach Blutwert und in ärztlicher Rücksprache einzusetzen; Vitamin D lässt sich überdosieren.
Bewegung: der Schwamm im Gelenk
Ohne Anstrengung, so Dücker, blieben Säuren im Körper, die abgeatmet werden müssten. Wichtiger noch: Belastung stärke den Knochen. Und dann kommt ein Punkt, den kaum jemand kenne.

Gelenke werden nicht durchblutet, Gelenke haben keine Blutgefäße. Das heißt, ein Gelenk bekommt die Nährstoffe nur durch die Bewegung. Das ist dann wie ein Schwamm: Bei der einen Bewegung wird der Schwamm zusammengedrückt, dann saugt er die Nährstoffe auf, und bei der Gegenbewegung gibt er alte Stoffe ab, die raus sollen.
Genauer gilt das für den Gelenkknorpel: Er hat keine Blutgefäße und wird über die Gelenkflüssigkeit versorgt, die Be- und Entlastung in ihn hinein- und herausdrückt. Gelenkkapsel und Gelenkinnenhaut sind durchblutet. Wer nach einer Osteoporose-Diagnose mit Training beginnen will, spricht das vorher mit Ärztin oder Arzt ab, mit Blick auf Sturz- und Bruchrisiko; welche Belastung Knochen aufbaut, lesen Sie im Artikel zum Krafttraining bei Osteoporose.
Weitere Faktoren aus ihrer Sicht: Bauchfett als Dauerquelle von Entzündungsbotenstoffen, eine gestörte Darmflora, Stress, dazu der Östrogenmangel nach der Menopause, der das Osteoporose-Risiko stark erhöhe. Osteoporose betrifft auch Männer, seltener und meist später. Was Bauchfett im Gelenk anrichtet, beschreibt unser Artikel zum Hoffa-Fettkörper.
Aus der Küche nennt sie grünen Tee, Kurkuma, Ingwer, grüne Smoothies und Hagebuttenpulver, für das sie auf Studien verweist, ohne sie zu nennen. Ihr Coaching setze zu 70 Prozent auf Ernährung. Welche Nährstoffe Knochen und Gelenke aus Sicht eines Osteopathen brauchen, erklärt Dr. Martin Krowicki im Interview aus dem Osteopathie Kongress.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Kathrin Dücker erzählt ihre Knochen- und Gelenkgeschichte von den Säuren her: Wer basenreich isst, schone aus ihrer Sicht die Mineralstoffvorräte; wer Fleisch, Wurst, Weißmehl und Zucker häuft, zwinge den Körper zum Raubbau. Milch streicht sie, Kalzium holt sie aus Blattgemüse, Nüssen, Saaten und Mineralwasser, und ohne Bewegung komme im Knorpel nichts an.
Die Redaktion trennt zwei Dinge. Die Säure-Basen-Hypothese ist als Erklärung für Knochenschwund nicht belegt, und Milch ist nach den Kohortendaten weder Schutz noch Gefahr für die Hüfte. Der praktische Kern ihres Rats hält trotzdem: viel Gemüse, wenig Verarbeitetes, ausreichend Kalzium aus welcher Quelle auch immer, regelmäßige Belastung. Ihre Besserung nach drei Monaten bleibt eine Einzelerfahrung an kleinen Gelenken.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Kathrin Dücker ist Ernährungs- und Gesundheitscoach, keine Ärztin. Ernährungsumstellungen bei Vorerkrankungen, Nahrungsergänzungsmittel und der Beginn eines Trainingsprogramms bei Osteoporose oder Arthrose gehören in ärztliche Rücksprache; verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert. Bei plötzlichem Rückenschmerz nach einem Sturz, einem heißen, geschwollenen Gelenk mit Fieber oder ungewolltem Gewichtsverlust suchen Sie ärztliche Hilfe.
Häufige Fragen
Was versteht Kathrin Dücker unter basenüberschüssiger Ernährung?
Macht Übersäuerung die Knochen brüchig?
Braucht man Milch für starke Knochen?
Welche Kalziumquellen empfiehlt Kathrin Dücker statt Milch?
Warum ist Bewegung laut Dücker für Knochen und Gelenke so wichtig?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Calcium und Vitamin D: Das Fundament für starke Knochen
Calcium allein reicht nicht — Vitamin D öffnet erst die Tür. Warum 55 % der Frauen die 1.000-mg-Empfehlung verfehlen und wie Sie beides absichern.
Artikel lesen →
Mineralstoffe bei Osteoporose: Calcium allein baut keinen Knochen
Bei Osteoporose denken alle an Calcium. Dr. med. Udo Böhm erklärt im Kongress-Interview, warum Phosphat, Magnesium, Zink und Vitamin K dazugehören.
Artikel lesen →
Omega-3 bei Osteoporose: Ein Arzt streicht zuerst das Sonnenblumenöl
Omega-3 für die Knochen? Facharzt Bastian Hölscher erklärt im Kongress-Interview, warum er erst Omega-6 kürzt, dann misst und erst danach ergänzt.
Artikel lesen →