Die Schulter schmerzt seit Monaten. Physiotherapie, Ruhe, eine Spritze: Es kommt zurück. Das große Blutbild beim Hausarzt war unauffällig. Doch genau dieser Satz, „da ist nichts“, ist für Reinhard Clemens der Anfang der Suche, nicht ihr Ende. Beim Schmerzkongress erklärte der Heilpraktiker aus Berlin im Gespräch „Stille Entzündungsherde als Ursache chronischer Schmerzen“, weshalb stille Entzündungen aus seiner Sicht hinter vielen chronischen Schmerzen stecken und warum ein Standardlabor sie meist nicht erfasst. Das vollständige Interview ist im Kongress abrufbar.

Einen Bruch sieht man. Eine Glut nicht.

Beim Beinbruch sieht jeder, was passiert ist. Auch eine akut entzündete Schulter falle auf, sagt Clemens: dick, gerötet, Blutsenkung und CRP hoch. Dafür sei die Medizin gut gerüstet. Sein Thema beginnt dort, wo nichts davon zu sehen ist und der Schmerz trotzdem bleibt.

O-Ton aus dem Interview

Silent Inflammation ist wie so eine Glut. Nicht ein loderndes Feuer, sondern eine Glut. Das ist also eine leichte Entzündung im Körper, die eher chronisch ist, die vielleicht manchmal still ist, manchmal aufflammt und die sich nicht unbedingt als eine manifeste Autoimmunkrankheit zeigen muss.

Reinhard ClemensHeilpraktiker

Eine Glut brauche keine Rheumafaktoren, keine Schilddrüsen-Antikörper, keine Darmentzündung wie bei Morbus Crohn. Sie sei multifaktoriell: Ernährung, Histamin, Umweltstoffe. Wer nur nach klassischem Rheuma suche, finde bei einer Glut nichts. Wie aber wird aus einer harmlosen Zerrung ein Dauerzustand?

Wie aus einer Zerrung ein Dauerreiz wird

Eine Zerrung heilt in zwei, drei Wochen. Warum bleibt manches? Im Normalfall, so Clemens, verschließen Blutplättchen die Wunde, weiße Blutkörperchen räumen die Trümmer weg, das Gewebe wird erneuert. Das Immunsystem sei also auch Müllabfuhr.

Mikroskopische Visualisierung einer Immunzelle mit Ausläufern zwischen Kollagenfasern, die eine Gruppe terrakottafarben glimmender Gewebezellen abtastet
O-Ton aus dem Interview

Die Immunzelle patrouilliert ja durch dein Gewebe, durch deine Blutbahn, wie so ein Streifenpolizist, der dann alles kontrolliert. Der guckt sich ja nicht die Haut als Ganzes an, sondern er guckt sich einige Hautzellen an und guckt, sind die normal oder sind die nicht normal.

Reinhard Clemens

Hier setzt seine Erklärung an. Nach einer Verletzung könne Gewebe eine andere Form bekommen, für die kontrollierende Immunzelle sehe es dann fremd aus, wie ein Erreger. Sie greift an, die Entzündung wird neu angestoßen, besonders bei Menschen, deren Körper ohnehin zu Überreaktionen neige, etwa bei Hashimoto.

Dass der Körper so etwas normalerweise stoppt, liegt für Clemens an einer eingebauten Bremse.

O-Ton aus dem Interview

Erstmal wollen wir eine Immunreaktion hochfahren, weil da entweder was aufgeräumt oder beseitigt werden muss. Wenn der Körper oder das Immunsystem der Meinung ist, das Gefährliche ist abgewehrt, der Feind ist bekämpft, dann kommen die T-regulatorischen Zellen und sagen: So, jetzt stoppen wir die Entzündungsreaktion wieder. Weil der Körper hat eine Selbstschutzfunktion, er will sich ja nicht selber schädigen.

Reinhard Clemens

Schema in fünf Schritten: Gewebeschaden in einer Muskelfaser, patrouillierende Immunzelle, veränderte Zellen in Terrakotta, Dauerreiz mit Botenstoffen an einer Nervenfaser, darunter eine regulatorische T-Zelle als Bremse

Vom Riss zur Glut: Reinhard Clemens beschreibt, wie verändertes Gewebe nach einer Verletzung für Immunzellen fremd aussehen und die Entzündung immer wieder anstoßen kann, solange die Bremse durch regulatorische T-Zellen nicht greift.

Vitamin D rege diese Zellen an, sagt er, deshalb könne es bei chronischen Entzündungen helfen, „nicht bei jedem gleich, abhängig von der Immunlage“. Zur Einordnung: Ein Nutzen hoher Vitamin-D-Dosen bei Autoimmun- oder Schmerzerkrankungen ist in Studien nicht durchgängig belegt; Dosierungen gehören nach Blutwert in ärztliche Rücksprache. Und der Streifenpolizist hat einen blinden Fleck: das Standardlabor.

Das große Blutbild ist kleiner, als es klingt

„Da ist alles gemacht worden“, hört Clemens oft von Patienten mit dem Hausarztbefund. Er zeigt ihnen dann die Laborliste: Das große Blutbild, streng genommen nur die Blutkörperchen, koste 4,60 Euro; mit Leber-, Nierenwerten und CRP komme man auf rund 30. Ein guter Anfang, sagt er. Aber eben ein Anfang.

O-Ton aus dem Interview

Wenn der Hausarzt findet, dein CRP, deine Blutsenkungsgeschwindigkeit und deine Leukozyten sind normal und sagt, da ist nichts, dann heißt das, dass du keine starke, heftige, akute Entzündung im Körper hast. Das ist auch schon eine Botschaft. Aber ob da im Stillen was passiert, das ist damit noch nicht geklärt.

Reinhard Clemens

Er misst deshalb zusätzlich Zytokine, Botenstoffe des Immunsystems, in sogenannten Immunbalance-Tests. Die Redaktion ergänzt: Diese Panels sind Selbstzahlerleistungen, und ob ein einzelnes Zytokinprofil bei einer Person verlässlich eine stille Entzündung anzeigt, ist nicht gesichert. Dass unterschwellige Entzündung und Schmerzempfinden zusammenhängen, zeigen dagegen Bevölkerungsstudien mit einem Marker, den jedes Labor kennt.

Säulendiagramm der Tromsø-Studie: Hazard Ratio für den Abbruch eines Kältetests bei hs-CRP über 3 mg/l, 1,24 nach Alter und Geschlecht, 1,22 nach weiteren Einflussfaktoren, 1,22 zusätzlich nach chronischen Schmerzen, Referenz 1,0

Zur Einordnung: In der sechsten Tromsø-Studie hielten 10.274 Erwachsene (Alter im Median 58 Jahre) die Hand bis zu 106 Sekunden in 3 Grad kaltes Wasser. Wer ein hs-CRP über 3 mg/l hatte, zog die Hand häufiger vorzeitig zurück: Hazard Ratio 1,24 (95-%-Konfidenzintervall 1,12 bis 1,37) nach Alter und Geschlecht, 1,22 (1,09 bis 1,36) nach Berücksichtigung von Lebensstil, BMI, Statinen und seelischer Belastung, unverändert 1,22 auch nach Berücksichtigung bestehender chronischer Schmerzen. Quelle: Schistad EI et al. 2017, Pain 158(7):1280-1288, PMID 28420008.

Schübe, Histamin und der Zufall der Blutabnahme

Selbst empfindliche Marker könnten normal ausfallen, räumt Clemens ein. Das Immunsystem arbeite nicht jeden Tag gleich: Wer eine Glutensensitivität habe und gerade viel davon gegessen habe, bei dem flammten die Werte auf; wer den Moment der Blutabnahme verpasse, sehe nichts. Histamin nennt er als zweiten Taktgeber, den man im Alltag kaum bemerke.

Bei der Immunbalance geht er weiter: Bei Allergikern sehe er häufig einen TH2-Shift, eine Verschiebung der Helferzellen Richtung Überreaktion, die auch bei Candida-Besiedlung und Quecksilberbelastung auftrete. Das ist seine Lesart aus der naturheilkundlichen Labordiagnostik; schulmedizinisch ist diese Verknüpfung nicht anerkannt, kontrollierte Studien am Menschen fehlen. Wie Genetik und Entgiftungskapazität aus Sicht eines anderen Kongress-Experten zusammenspielen, beschreibt Jan Kielmann im Interview über genetische Hintergründe chronischer Schmerzen.

Detektivarbeit in Stufen

Vielleicht denken Sie jetzt an eine Laborrechnung mit vier Stellen. Clemens winkt ab. Seine erste Untersuchung ist das Gespräch, ein bis zwei Stunden: Wann hat es angefangen, was steht in der Familie, gibt es Amalgam oder einen toten Zahn? Immer wieder falle ein Nebensatz wie „ach ja, da war noch was mit der Schilddrüse“, für ihn ein Hinweis auf eine autoimmune Grundstimmung.

Dann Stufendiagnostik: bei Verdauungsproblemen zuerst Darmflora, Nahrungsmitteltest, Histamin. Ein Therapieplan läuft etwa drei Monate, dann wird nachgemessen; wer halb besser ist, geht eine Stufe tiefer. Für Labor gäben Patienten beim Erstkontakt meist um die 300 Euro aus.

O-Ton aus dem Interview

Labordiagnostik ist wie ein Navigationsgerät, es gibt eine sehr gute Route vor. Aber wenn man nur nach Navi fährt, fährt man vielleicht auch irgendwo in eine Baustelle rein, die der Navi noch nicht drin hat. Man muss die Dinge auch umsetzen.

Reinhard Clemens

Ein Hinweis der Redaktion: Wer wegen Hashimoto Schilddrüsenhormone nimmt, setzt sie nicht ab, weil ein Therapeut die Entzündung anders deutet. Schmerzen mit Fieber, Gewichtsverlust, Lähmungen oder Blasenstörungen gehören sofort in ärztliche Abklärung.

Vitamin D, Omega-3 und ein Satz gegen sich selbst

Gibt es etwas, das jeder tun kann? Fast jeder habe im Winter einen Vitamin-D-Mangel, den Status könne man messen. Beim Omega-3-Index finde er in 80 bis 90 Prozent der Fälle zu wenig, „wahrscheinlich eher 99“. Er rät zu moderaten Dosierungen. Was Studien dazu bei Gelenkbeschwerden hergeben, steht in unserem Überblick zu Nahrungsergänzung bei Arthrose.

Beim Zucker wird er persönlich.

O-Ton aus dem Interview

Das steht in meinen Therapieplänen eigentlich immer mit drin: Zuckerverzehr minimieren. Muss ich mir auch selber immer wieder sagen. Ich würde auch jetzt nicht behaupten, Zucker ist ein Gift. Ich finde das manchmal noch ein bisschen reißerisch, aber die Dosis macht das Gift.

Reinhard Clemens

Bei der Ernährungsform legt er sich nicht fest, manchen bekomme vegan, anderen eher Fleisch. Grundlagen zur entzündungsarmen Kost finden Sie im Artikel zur Ernährung bei Arthrose. Entgiftung, Mitochondrien und Mikrostromtherapie streift das Gespräch nur; die Redaktion ordnet ein: Ausleitungsverfahren ohne nachgewiesene Vergiftung und Mikrostromtherapie sind bei chronischen Schmerzen wissenschaftlich schwach belegt und gehören nicht in Eigenregie.

Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können

Reinhard Clemens verschiebt die Frage. Nicht „ist die Schulter kaputt?“, sondern „warum hört mein Körper mit dem Entzünden nicht auf?“. Seine Antwort: eine Glut aus mehreren Quellen, die im Standardlabor keine Spur hinterlässt und zwischen den Fachärzten durchs Raster fällt. Sein Handwerk ist nüchtern: lange zuhören, in Stufen messen, drei Monate Zeit geben, weniger Zucker. Seine Deutungen zu Quecksilber, Candida und Entgiftung trägt die Studienlage nicht; sein Grundgedanke, dass ein normales großes Blutbild keine Entwarnung für stille Entzündungen ist, hat dagegen Rückhalt in der Forschung. Wie eine Kongress-Kollegin ähnliche Beschwerden vom Hals her erklärt, zeigt das Interview mit Anja Hecht über Schilddrüse und chronische Schmerzen.

Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Reinhard Clemens ist Heilpraktiker, kein Arzt. Chronische Schmerzen gehören in ärztliche Abklärung, besonders bei Fieber, Gewichtsverlust, Lähmungen oder Blasenstörungen; Laborwerte, Nahrungsergänzung, Ausleitungsverfahren und Dosierungen werden mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt festgelegt, verordnete Medikamente nie in Eigenregie verändert.

Häufige Fragen

Was versteht Reinhard Clemens unter einer stillen Entzündung?
Clemens vergleicht sie mit einer Glut: eine leichte, eher chronische Entzündung, die mal still ist, mal aufflammt und sich nicht zwingend als Autoimmunkrankheit mit Rheumafaktoren oder Antikörpern zeigt. Ausgelöst werde sie aus seiner Sicht durch mehrere Faktoren zugleich, etwa Ernährung, Histamin und Umweltbelastungen.
Reicht laut Clemens ein großes Blutbild, um Entzündungen auszuschließen?
Nein. Nach seiner Aussage zeigen CRP, Blutsenkung und Leukozyten vor allem starke akute Entzündungen an. Sind sie normal, sei das eine Botschaft, aber keine Entwarnung für stille Prozesse. Er nutzt zusätzlich Zytokinmessungen, sogenannte Immunbalance-Tests. Die Redaktion ergänzt: Solche Panels sind Selbstzahlerleistungen, ihre Aussagekraft für Einzelpersonen ist nicht gesichert.
Wie kann aus einer Zerrung ein chronischer Schmerz werden?
Clemens beschreibt, dass geschädigtes Gewebe nach der Heilung anders aussehen könne. Immunzellen, die das Gewebe kontrollieren, hielten es dann womöglich für fremd und griffen es an. Besonders bei Menschen mit einer Neigung zu Überreaktionen könne das die Entzündung immer wieder anstoßen. Das ist seine Deutung, kein gesicherter Mechanismus für jeden Dauerschmerz.
Wie geht Clemens diagnostisch vor?
Mit ein bis zwei Stunden Anamnese, dann Stufendiagnostik: erst das Naheliegende wie Darmflora oder Nahrungsmitteltests, dann bei Bedarf tiefer. Therapiepläne setzt er auf rund drei Monate an und prüft danach, was sich verändert hat. Für Labor gäben Patientinnen und Patienten zu Beginn meist um die 300 Euro aus.
Welche Basics empfiehlt er bei chronischen Schmerzen?
Vitamin D nach Statusmessung, Omega-3-Fettsäuren nach Fettsäure-Status und weniger Zucker. Bei der Ernährungsform legt er sich nicht fest: Manchen bekomme vegan, anderen eher Paleo. Aus Sicht der Redaktion gehören Dosierungen von Nahrungsergänzung in ärztliche oder therapeutische Rücksprache, besonders bei Vorerkrankungen und Medikamenten.
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