Osteoporose verläuft lange Zeit völlig lautlos. Sie tut nicht weh, sie warnt nicht vor — und genau das macht sie so tückisch. Bei vielen Menschen ist der erste spürbare Hinweis erst der Bruch selbst: ein Handgelenk, das beim Abfangen eines Sturzes nachgibt, ein Wirbel, der ohne erkennbaren Anlass zusammensackt, im schlimmsten Fall eine Hüfte. Vor allem die Hüftfraktur ist gefährlich, weil sie für viele ältere Menschen einen einschneidenden Verlust an Selbstständigkeit bedeutet und mit einer deutlich erhöhten Sterblichkeit im ersten Jahr nach dem Bruch einhergeht.6

Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie erkennt man den Knochenschwund, bevor der erste Knochen bricht? Die Antwort ist eine schmerzlose Messung, die nur wenige Minuten dauert — die Knochendichtemessung. Sie macht sichtbar, was Sie nicht spüren, und sie tut das früh genug, dass noch Zeit zum Gegensteuern bleibt.

In diesem Artikel führen wir Sie durch die moderne Osteoporose-Diagnostik: Wie die DXA-Messung abläuft, was die Begriffe T-Wert und Z-Wert wirklich bedeuten, wie das Risiko-Werkzeug FRAX das Bild ergänzt, welche Laborwerte dazugehören — und wann der richtige Zeitpunkt für eine Messung gekommen ist. Grundlage ist die aktuelle S3-Leitlinie des Dachverbands Osteologie (DVO) von 2023.1

Die DXA-Messung: der Goldstandard

Wenn von einer Knochendichtemessung die Rede ist, ist fast immer die DXA-Messung gemeint (gesprochen „Dexa”, die Abkürzung steht für Dual-Energy X-ray Absorptiometry, also Doppel-Röntgen-Absorptiometrie). Sie gilt international und auch in der DVO-Leitlinie als das Standardverfahren zur Bestimmung der Knochendichte.1

Das Prinzip ist einfach: Ein Gerät sendet Röntgenstrahlen mit zwei unterschiedlichen Energien durch den Körper. Knochen schwächen diese Strahlung stärker ab als Weichgewebe — und aus dem Unterschied lässt sich sehr präzise berechnen, wie viel Mineralsalz (vor allem Calcium) im Knochen steckt. Das Ergebnis ist die Knochenmineraldichte (englisch bone mineral density, kurz BMD).

Für Sie als Patientin oder Patient ist die Untersuchung unkompliziert:

  • Schmerzlos und schnell: Sie liegen angekleidet und entspannt auf einer Liege, während ein Messarm langsam über Sie hinwegfährt. Die eigentliche Messung dauert nur wenige Minuten.
  • Sehr strahlungsarm: Die Strahlendosis ist gering — sie liegt deutlich unter der einer herkömmlichen Röntgenaufnahme und in der Größenordnung der täglichen natürlichen Strahlenbelastung.
  • Gemessen wird an zwei Orten: standardmäßig an der Lendenwirbelsäule und an der Hüfte (am proximalen Oberschenkelknochen). An der Lendenwirbelsäule wird der Mittelwert mehrerer Wirbelkörper bestimmt.1

Warum gerade diese beiden Stellen? Weil hier osteoporotische Brüche besonders häufig und besonders folgenschwer sind — und weil die Messung an mehreren Stellen das Bild verlässlicher macht. Maßgeblich für die Einordnung ist dann der niedrigste der gemessenen Werte.

T-Wert und Z-Wert verstehen

Eine reine Zahl für die Knochendichte sagt zunächst wenig aus — sie muss eingeordnet werden. Genau das leisten zwei Vergleichswerte: der T-Wert und der Z-Wert.

Der T-Wert vergleicht Ihre Knochendichte mit der eines gesunden jungen Erwachsenen zum Zeitpunkt der höchsten Knochenmasse. Angegeben wird, um wie viele sogenannte Standardabweichungen Ihr Wert von diesem jugendlichen Idealwert abweicht. Ein T-Wert von 0 entspräche dem jungen Durchschnitt; negative Werte bedeuten weniger Knochenmasse.

Die Einteilung geht auf eine Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zurück und ist bis heute weltweit gültig:2

T-WertEinordnungWas es bedeutet
über −1,0NormalbefundDie Knochendichte liegt im Bereich gesunder junger Erwachsener
−1,0 bis −2,5Osteopenie (Vorstufe)Die Knochendichte ist verringert, aber noch nicht im Osteoporose-Bereich
−2,5 oder darunterOsteoporoseDefinitionsgemäße Osteoporose anhand der Knochendichte
−2,5 oder darunter + bereits erfolgter Bruchmanifeste OsteoporoseOsteoporose, die sich bereits durch eine Fraktur gezeigt hat

Der Z-Wert funktioniert ähnlich, vergleicht Ihre Knochendichte aber nicht mit jungen Erwachsenen, sondern mit Gleichaltrigen desselben Geschlechts. Er ist vor allem bei jüngeren Menschen aussagekräftig und kann ein Warnsignal sein: Ein auffällig niedriger Z-Wert spricht dafür, dass mehr Knochen verloren gegangen ist, als für das Alter zu erwarten wäre — ein möglicher Hinweis auf eine zugrunde liegende andere Ursache (dazu unten mehr).4

Wichtig zur Einordnung: Der T-Wert ist ein zentraler Baustein, aber nicht das alleinige Kriterium für die Diagnose. Die DVO-Leitlinie betont ausdrücklich, dass die Knochendichte immer im klinischen Gesamtbild bewertet werden muss — gemeinsam mit Alter, Vorgeschichte und Risikofaktoren.1 Auch die innere Architektur und Qualität des Knochens entscheiden über die tatsächliche Bruchgefahr, und die bildet die reine Dichtemessung nur teilweise ab.

FRAX: das 10-Jahres-Frakturrisiko

Hier kommt ein zweites Werkzeug ins Spiel, das die Knochendichtemessung sinnvoll ergänzt: FRAX (Fracture Risk Assessment Tool). Entwickelt wurde es von einem WHO-Kooperationszentrum an der Universität Sheffield, und es beantwortet eine andere Frage als die reine Dichtemessung.3

Während der T-Wert beschreibt, wie dicht der Knochen aktuell ist, schätzt FRAX, wie wahrscheinlich in den nächsten 10 Jahren ein Knochenbruch ist. Das ist die für die Therapieentscheidung eigentlich relevante Größe — denn behandelt wird nicht eine Zahl, sondern ein Risiko.

FRAX berechnet aus einer Reihe gut erfassbarer persönlicher Angaben zwei Wahrscheinlichkeiten: das Risiko für eine große osteoporotische Fraktur (Wirbel, Hüfte, Unterarm, Oberarm) und das Risiko speziell für einen Hüftbruch. In die Berechnung fließen unter anderem ein:3

  • Alter, Geschlecht und Körpermaße (Größe, Gewicht)
  • ein bereits erlittener Knochenbruch
  • eine Hüftfraktur bei Vater oder Mutter
  • aktuelles Rauchen und erhöhter Alkoholkonsum
  • eine längere Behandlung mit Kortison (Glukokortikoiden)
  • rheumatoide Arthritis und andere Ursachen einer sekundären Osteoporose

Der entscheidende Vorteil: FRAX lässt sich mit oder ohne Knochendichtewert nutzen. Liegt ein DXA-Ergebnis vor, wird die Schätzung genauer. So entsteht ein Gesamtbild, das deutlich mehr aussagt als der T-Wert allein — denn klinische Risikofaktoren tragen Informationen zum Bruchrisiko bei, die über die reine Knochendichte hinausgehen.2 Ob aus dem errechneten Risiko eine Behandlung folgt, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt anhand der in der DVO-Leitlinie hinterlegten Schwellen.1

Welche Laborwerte dazugehören

Die Knochendichtemessung sagt etwas über das Ob und Wie stark des Knochenschwunds — aber nicht über das Warum. Deshalb gehört zur sorgfältigen Diagnostik fast immer auch eine Laboruntersuchung des Blutes. Sie verfolgt zwei Ziele.

Erstens geht es um die Bausteine des Knochenstoffwechsels. Bestimmt werden typischerweise das Calcium (der zentrale Mineralstoff des Knochens), das Phosphat, die alkalische Phosphatase (ein Enzym des Knochenumbaus) und das Vitamin D (genauer: 25-Hydroxy-Vitamin-D), das die Calciumaufnahme aus dem Darm erst ermöglicht. Ein Vitamin-D-Mangel ist häufig und gut behandelbar.

Zweitens — und das ist mindestens ebenso wichtig — dient das Labor dem Ausschluss anderer Ursachen. Nicht jede Osteoporose ist „primär”, also altersbedingt. Ein Teil der Fälle ist Folge einer anderen Erkrankung oder einer Behandlung; man spricht dann von sekundärer Osteoporose.4 Häufige Auslöser sind eine Schilddrüsenüberfunktion, eine Überfunktion der Nebenschilddrüsen, bestimmte Magen-Darm-Erkrankungen mit gestörter Nährstoffaufnahme oder eben eine längere Kortisontherapie. Eine gezielte Basis-Laboruntersuchung — neben Calcium und Vitamin D etwa Nieren- und Leberwerte, Blutbild und der Schilddrüsenwert TSH — deckt einen erheblichen Teil dieser behandelbaren Ursachen auf.4

Der praktische Nutzen ist groß: Wird eine sekundäre Ursache gefunden, lässt sie sich oft direkt behandeln — und der Knochen profitiert mit.

Wann Sie zur Messung sollten

Eine Knochendichtemessung ist kein Routine-Check für jeden. Sinnvoll ist sie dann, wenn das individuelle Risiko erhöht ist. Nach der DVO-Leitlinie 2023 spielen dabei vor allem Alter, Geschlecht und vorhandene Risikofaktoren zusammen.1 Anlass, das Thema bei Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt aktiv anzusprechen, besteht typischerweise in diesen Situationen:

  • Nach einem Knochenbruch, der ohne großen Anlass passiert ist — etwa nach einem Sturz aus dem Stand. Solche „Fragilitätsfrakturen” sind ein deutliches Warnsignal und oft der erste sichtbare Hinweis auf eine Osteoporose.
  • Bei Frauen nach den Wechseljahren, besonders bei früher Menopause oder weiteren Risikofaktoren — denn mit dem Wegfall des Östrogens beschleunigt sich der Knochenabbau.
  • Bei Männern im höheren Lebensalter mit Risikofaktoren — Osteoporose ist kein reines Frauenthema.
  • Bei längerer Kortisontherapie (Glukokortikoide), etwa wegen Rheuma, Asthma oder chronisch-entzündlicher Erkrankungen.
  • Bei bekannten Grunderkrankungen, die den Knochen schwächen können (etwa Schilddrüsen- oder Magen-Darm-Erkrankungen), sowie bei Osteoporose oder Hüftfrakturen in der nahen Verwandtschaft.

Wie verbreitet das Thema ist, zeigen die Zahlen des Robert Koch-Instituts: Bei den Frauen ab 65 Jahren berichtet rund jede Vierte von einer ärztlich diagnostizierten Osteoporose.5 Gerade weil die Erkrankung so lange still bleibt, lohnt es sich, bei erhöhtem Risiko nicht auf Symptome zu warten, sondern die Messung gezielt anzusprechen.

Was Sie aus diesem Artikel mitnehmen sollten

Wenn Sie nur einige Punkte erinnern, dann diese:

  1. Die DXA-Messung ist der Goldstandard — schmerzlos, in wenigen Minuten erledigt, sehr strahlungsarm und an Lendenwirbelsäule und Hüfte durchgeführt.
  2. Der T-Wert ordnet das Ergebnis ein: ab −2,5 spricht man von Osteoporose, zwischen −1 und −2,5 von der Vorstufe Osteopenie. Der Z-Wert vergleicht mit Gleichaltrigen.
  3. FRAX schätzt Ihr 10-Jahres-Bruchrisiko aus Knochendichte und persönlichen Risikofaktoren — das ist die für die Therapieentscheidung eigentlich wichtige Größe.
  4. Das Labor klärt das Warum — es prüft Calcium und Vitamin D und schließt behandelbare sekundäre Ursachen aus.
  5. Den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen: Bei erhöhtem Risiko, im entsprechenden Alter und immer nach einem Bruch ohne großen Anlass lohnt es sich, eine Messung aktiv anzusprechen.

Wer verstehen möchte, was sich im Knochen überhaupt abspielt und warum die Bilanz mit dem Alter kippt, findet die Grundlagen im Pillar-Artikel: Was Osteoporose wirklich ist.

Vertiefung

Sie möchten noch tiefer einsteigen?

Zwei Wege, mehr aus Ihrem Wissen zu machen – wählen Sie, was zu Ihnen passt.

Sofort verfügbar

Medumio Akademie

Lebenslanger Zugriff auf alle Kongresse, Masterclasses und Experteninhalte zu Rheuma, Arthrose und vielen weiteren Gesundheitsthemen.

  • Über 25 Kongresse + neue Inhalte monatlich
  • Hunderte Stunden Experteninterviews
  • Sofortiger Zugriff, jederzeit kündbar
Akademie kennenlernen →
Kostenlos · 12.–21. Juni 2026

Rheuma & Arthrose Kongress

10 Tage. 25 Experten. 28 Interviews. Kostenfreie Anmeldung zum Live-Kongress mit den führenden Stimmen der naturheilkundlichen Gelenkmedizin.

  • Komplett kostenfrei während der Laufzeit
  • Inkl. Anmeldegeschenk „11 Naturheilmittel"-Guide
  • Premium-Zugang optional für lebenslangen Zugriff
Kostenlos anmelden →

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er dient der Information und Orientierung. Ob eine Knochendichtemessung für Sie sinnvoll ist und welche Konsequenzen sich aus dem Ergebnis ergeben, besprechen Sie mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem Arzt.

Quellen

Leitlinien

  1. [1]Dachverband Osteologie (DVO) (2023): S3-Leitlinie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei postmenopausalen Frauen und bei Männern ab dem 50. Lebensjahr. DVO – Leitlinie 2023 · Zum Volltext ↗

Studien & Epidemiologie

  1. [3]Kanis JA, Johnell O, Oden A, Johansson H, McCloskey E (2008): FRAX and the assessment of fracture probability in men and women from the UK. Osteoporosis International 19(4) · DOI: 10.1007/s00198-007-0543-5 · PMID: 18292978
  2. [5]Robert Koch-Institut (Fuchs J, Kuhnert R, Scheidt-Nave C) (2017): 12-Monats-Prävalenz von Osteoporose in Deutschland (GEDA 2014/2015-EHIS). Journal of Health Monitoring 2(3) · DOI: 10.17886/RKI-GBE-2017-067 · Zum Volltext ↗

Reviews & Meta-Analysen

  1. [2]Kanis JA (WHO Study Group) (1994): Assessment of fracture risk and its application to screening for postmenopausal osteoporosis: synopsis of a WHO report. Osteoporosis International 4(6) · DOI: 10.1007/BF01622200 · PMID: 7696835
  2. [4]Sheu A, Diamond T (2016): Secondary osteoporosis. Australian Prescriber 39(3) · PMID: 27346916
  3. [6]Abrahamsen B, van Staa T, Ariely R et al. (2009): Excess mortality following hip fracture: a systematic epidemiological review. Osteoporosis International 20(10) · PMID: 19421703