Osteoporose ist keine reine Frauenkrankheit. Dieser Satz mag überraschen, denn im öffentlichen Bewusstsein gilt Knochenschwund noch immer als ein Thema, das Frauen nach den Wechseljahren betrifft — und sonst niemanden. Diese Vorstellung ist nicht nur unvollständig, sie ist für Männer regelrecht gefährlich. Denn sie führt dazu, dass die Erkrankung bei Männern oft jahrelang übersehen wird, bis der erste Knochen bricht.
Tatsächlich tragen auch Männer ein erhebliches Risiko. Sie erkranken im Schnitt zwar später als Frauen, weil ihnen der abrupte Östrogenabfall der Wechseljahre fehlt — aber sie erkranken. Und wenn es sie trifft, sind die Folgen häufig sogar schwerwiegender. Genau deshalb verdient die männliche Osteoporose mehr Aufmerksamkeit, als sie heute bekommt: Sie ist unterschätzt, unterdiagnostiziert und unterbehandelt zugleich.
Die Zahlen, die kaum jemand kennt
Beginnen wir mit der Statistik, die das Bild gerade rückt: Etwa jeder fünfte Mann über 50 Jahre erleidet im weiteren Verlauf seines Lebens einen osteoporosebedingten Knochenbruch.2 Eine große bevölkerungsbasierte Untersuchung beziffert das verbleibende Lebenszeitrisiko für eine Fraktur bei 60-jährigen Männern auf rund 25 Prozent — und bei Männern mit bereits nachgewiesener niedriger Knochendichte steigt es noch deutlich an.6
Das ist keine Randnotiz. Zwar liegt die Häufigkeit osteoporotischer Brüche bei Männern insgesamt niedriger als bei Frauen — grob bei etwa der Hälfte. Doch ein Bruch ist bei Männern oft folgenschwerer. Besonders deutlich wird das bei der Hüftfraktur: Die Sterblichkeit im ersten Jahr nach einem Hüftbruch ist bei Männern erkennbar höher als bei Frauen.3 Männer geraten also seltener in diese Situation — aber wenn, dann mit ernsteren Konsequenzen.
Hinzu kommt ein zweites Problem, das die Zahlen verzerrt: Vieles bleibt unsichtbar. Ein erheblicher Teil der männlichen Osteoporose wird erst nach dem ersten Knochenbruch überhaupt erkannt — und selbst dann nicht immer behandelt. Studien zeigen, dass Männer nach einer Fragilitätsfraktur sogar seltener als Frauen auf Osteoporose untersucht und therapiert werden.3 Das Risiko ist real, nur die Aufmerksamkeit fehlt.
Warum Männer später und seltener diagnostiziert werden
Wenn das Risiko so klar ist — warum bleibt die Erkrankung bei Männern dann so oft im Dunkeln? Dafür gibt es mehrere ineinandergreifende Gründe.
Das Vorurteil im Kopf. Sowohl bei Betroffenen als auch bei Behandelnden ist Osteoporose mental fest mit „Frau nach den Wechseljahren” verknüpft. Klagt ein Mann über Rückenschmerzen oder bricht sich nach einem leichten Sturz das Handgelenk, denken viele Ärztinnen und Ärzte zunächst an alles Mögliche — nur selten zuerst an einen porösen Knochen. Diese diagnostische Lücke ist gut dokumentiert: Männer mit hohem Risiko werden seltener abgeklärt und behandelt als Frauen in vergleichbarer Lage.3
Der spätere und stillere Verlauf. Frauen erleben mit der Menopause einen klar datierbaren Einschnitt, der das Thema Knochen auf die Agenda setzt. Männer haben diesen Wendepunkt nicht. Bei ihnen sinkt der Hormonspiegel langsam und schleichend über viele Jahre — ohne ein Warnsignal, das zur Vorsorge motiviert. So vergeht oft ein Jahrzehnt unbemerkt.
Fehlende systematische Vorsorge. Während die Knochendichtemessung bei Frauen ab einem gewissen Alter und Risiko fest etabliert ist, wird sie Männern viel seltener angeboten. Es fehlt schlicht der Reflex, danach zu fragen.
Das Ergebnis ist ein Teufelskreis: Weil man bei Männern nicht an Osteoporose denkt, wird nicht gemessen — und weil nicht gemessen wird, bleibt die Krankheit still, bis sie sich mit einem Bruch meldet.
Männerspezifische Ursachen: Worauf es wirklich ankommt
Es gibt einen Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Osteoporose, der in der Praxis enorm wichtig ist: Bei Männern steckt deutlich häufiger eine fassbare, behandelbare Ursache dahinter. Während bei Frauen meist die hormonell bedingte primäre Osteoporose im Vordergrund steht, ist ein großer Teil der männlichen Fälle eine sogenannte sekundäre Osteoporose — also Folge einer anderen Erkrankung, eines Medikaments oder eines Lebensstilfaktors.5 Das ist eine gute Nachricht: Wo eine Ursache fassbar ist, gibt es auch einen Ansatzpunkt.
Die wichtigsten Auslöser bei Männern:
- Testosteronmangel (Hypogonadismus). Testosteron ist für den männlichen Knochen das, was Östrogen für den weiblichen ist: ein zentraler Schutzfaktor. Ein niedriger Testosteronspiegel — etwa altersbedingt, durch Erkrankungen der Hoden oder der Hirnanhangsdrüse — beschleunigt den Knochenabbau spürbar.4 Ein Sonderfall ist die antihormonelle Therapie bei Prostatakrebs (Androgenentzug): Sie senkt den Testosteronspiegel gewollt drastisch und lässt das Frakturrisiko binnen weniger Jahre deutlich ansteigen — ein Risiko, das oft übersehen wird.3
- Kortison-Dauertherapie (Glukokortikoide). Eine längerfristige Behandlung mit Kortisonpräparaten — etwa bei Rheuma, Asthma, COPD oder chronisch-entzündlichen Erkrankungen — gehört zu den bedeutendsten vermeidbaren Risikofaktoren überhaupt. Sie hemmt die knochenaufbauenden Zellen direkt.5
- Übermäßiger Alkoholkonsum. Alkohol in größeren Mengen wirkt auf mehreren Ebenen schädlich: Er stört den Knochenstoffwechsel, hemmt den Knochenaufbau und erhöht zugleich die Sturzgefahr.5
- Weitere Grunderkrankungen. Dazu zählen eine Schilddrüsenüberfunktion, ein Überschuss an Nebenschilddrüsenhormon, Diabetes, Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts mit gestörter Nährstoffaufnahme sowie bestimmte Dauermedikationen.5
Und natürlich gibt es auch bei Männern die primäre Osteoporose im höheren Alter — getrieben von nachlassender Aktivität der knochenaufbauenden Zellen, einer oft schlechteren Vitamin-D- und Calciumversorgung, weniger Bewegung und dem langsamen Testosteronrückgang.2 Hinzu kommen die klassischen, geschlechtsunabhängigen Faktoren: Bewegungsmangel, Untergewicht, Rauchen und eine familiäre Veranlagung.
Was Männer konkret tun können
Die zentrale Botschaft lautet: Männer müssen nicht abwarten, bis der erste Bruch sie überrascht. Es gibt klare, machbare Schritte.
Das eigene Risiko ehrlich prüfen. Stellen Sie sich die entscheidenden Fragen: Nehme ich dauerhaft Kortison ein? Erhalte ich oder erhielt ich eine antihormonelle Prostatakrebs-Therapie? Trinke ich regelmäßig viel Alkohol, rauche ich? Gab es in meiner Familie Hüftbrüche im Alter? Habe ich schon einmal nach einem leichten Sturz einen Knochen gebrochen oder unerklärlich an Körpergröße verloren? Je mehr Fragen Sie mit Ja beantworten, desto eher gehört das Thema aktiv auf den Tisch Ihres Arztes — und zwar bevor etwas passiert.
Eine Knochendichtemessung gezielt ansprechen. Die strahlungsarme DXA-Messung an Wirbelsäule und Hüfte ist der Standard, um Osteoporose zu sichern. Die DVO-Leitlinie 2023 richtet sich ausdrücklich auch an Männer ab dem 50. Lebensjahr und empfiehlt eine Messung, wenn ein erhöhtes Frakturrisiko vorliegt — etwa nach einem Bruch bei geringem Anlass, bei Kortison-Dauertherapie oder bei einer antihormonellen Krebstherapie.1 Warten Sie nicht darauf, dass das Thema von selbst angesprochen wird. Fragen Sie aktiv danach.
Den Lebensstil als Hebel nutzen. Vieles liegt in Ihrer eigenen Hand: regelmäßige Bewegung mit echtem Belastungsreiz für den Knochen (Krafttraining, zügiges Gehen, Treppensteigen), eine ausreichende Versorgung mit Calcium und Vitamin D, der Verzicht aufs Rauchen und ein maßvoller Umgang mit Alkohol. Wenn eine konkrete Ursache wie ein Testosteronmangel oder eine Kortisontherapie zugrunde liegt, gehört diese gezielt ärztlich mitbehandelt — genau das ist der Vorteil der sekundären Formen.4
Wie all das im Detail funktioniert, lesen Sie in unserem Grundlagenartikel Osteoporose verstehen. Und wie die Diagnose konkret abläuft — von der Indikation bis zum T-Wert — erklären wir Schritt für Schritt unter Knochendichte messen.
Was Sie aus diesem Artikel mitnehmen sollten
Wenn Sie nur fünf Dinge erinnern, dann diese:
- Osteoporose betrifft auch Männer. Etwa jeder fünfte Mann über 50 erleidet im weiteren Leben einen osteoporosebedingten Bruch — das ist kein Randphänomen.
- Männer werden zu spät erkannt. Weil kaum jemand bei Männern an Osteoporose denkt, wird selten gemessen — oft erst nach dem ersten Bruch, und selbst dann nicht immer behandelt.
- Brüche sind bei Männern oft folgenschwerer. Vor allem die Hüftfraktur geht mit einer höheren Sterblichkeit im ersten Jahr einher als bei Frauen.
- Hinter männlicher Osteoporose steckt häufig eine fassbare Ursache — Testosteronmangel, Kortison, Alkohol oder eine andere Grunderkrankung. Das eröffnet konkrete Ansatzpunkte.
- Werden Sie aktiv. Prüfen Sie Ihr Risiko, sprechen Sie eine Knochendichtemessung gezielt an und nutzen Sie die Lebensstil-Hebel — bevor der erste Bruch kommt.
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Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er dient der Information und Orientierung. Wenn Sie ein erhöhtes Osteoporose-Risiko vermuten oder bereits eine Diagnose haben, besprechen Sie Diagnostik, Ursachenabklärung und Therapieentscheidungen mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem Arzt.
Quellen
Leitlinien
- [1]Dachverband Osteologie (DVO) (2023): S3-Leitlinie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei postmenopausalen Frauen und bei Männern ab dem 50. Lebensjahr · Zum Volltext ↗
Studien & Epidemiologie
- [6]Nguyen ND, Ahlborg HG, Center JR et al. (2007): Residual lifetime risk of fractures in women and men
Reviews & Meta-Analysen
- [2]Adler RA (2018): Update on osteoporosis in men
- [3]Adler RA (2014): Osteoporosis in men: a review
- [4]Golds G, Houdek D, Arnason T (2017): Male Hypogonadism and Osteoporosis: The Effects, Clinical Consequences, and Treatment of Testosterone Deficiency in Bone Health
- [5]Compston JE (2001): Secondary causes of osteoporosis in men