Der Rücken schmerzt seit Monaten. Niemand hat sich verhoben, die Bilder zeigen wenig. Also weiter Physiotherapie, weiter Tabletten. Doch wer nur dort sucht, wo es wehtut, sucht nach Ansicht von Corinna van der Eerden, Functional Medicine Consultant, an der falschen Stelle. Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress erklärte sie gemeinsam mit ihrem Partner Daniel Auer, warum chronische Rückenschmerzen für sie ein Entzündungssignal sind, dessen Quelle oft weit vom Rücken entfernt liegt. Ihr Gespräch trug den Titel „Die Funktionelle Medizin als Lösung bei Rückenschmerzen“; das vollständige Interview sehen Sie kostenlos im Kongress.
Wo die Diagnose endet, fängt sie an
Was macht ein Coach für funktionelle Medizin anders als eine Hausärztin? Van der Eerden zieht die Grenze an einer klaren Stelle.
Der ganz große Unterschied zwischen der funktionellen Medizin und der herkömmlichen Medizin ist eigentlich, dass die funktionelle Medizin da beginnt, wo die herkömmliche Medizin aufhört.
Die herkömmliche Medizin ordne Symptome einer Diagnose zu und behandle diese. Sie frage weiter: Warum zeigt dieser Körper dieses Symptom, und was kann die Person selbst tun? Ein Gegeneinander der Schulen lehnt sie ab. Wer aus dem Fenster gefallen sei, brauche keinen funktionellen Mediziner, der nach dem Gleichgewicht fragt, sondern jemanden, der sofort hilft. Erst in der Heilung komme ihre Frage: Wie regeneriert der Körper am besten, und wie bleibt es beim einen Mal? Wie viele Menschen sich das fragen, zeigen Zahlen des Robert Koch-Instituts.

Zur Einordnung: In der telefonischen Befragung BURDEN 2020 mit 5.009 Erwachsenen berichteten 61,3 Prozent Rückenschmerzen in den letzten zwölf Monaten, 15,5 Prozent stuften ihre Rückenschmerzen als chronisch ein, 45,7 Prozent nannten Nackenschmerzen, 15,6 Prozent hatten Schmerzen im unteren und oberen Rücken sowie im Nacken. Quelle: von der Lippe E et al. 2021, Journal of Health Monitoring 6(S3):2-14, PMID 35586774.
Was das für einen Rücken bedeutet, der seit Jahren schmerzt, sagt ihr Partner in einem Satz, der viele Behandlungspläne infrage stellt.
Schmerz ist Entzündung, sagt der Chiropraktiker
Wer Schmerzen habe, suche eine strukturelle Lösung, beobachtet Daniel Auer: Chiropraktiker, Osteopath, Massage, Physiotherapie. Verständlich, aber aus seiner Sicht zu kurz gegriffen.
Das Wichtige ist, dass man verstehen muss, dass Schmerzen eigentlich Entzündung sind. Und Entzündung ist eine Immunaktivierung.
Fehle ein Verletzungsmoment und der Schmerz bleibe trotzdem über Monate, liege die Ursache nach Auers Überzeugung wahrscheinlich woanders als im Rücken. Manuelle Behandlung helfe, doch der Körper müsse zusätzlich biochemisch und neurologisch betrachtet werden. Van der Eerden erklärt das Prinzip am Ellbogen.
Wenn ich Schmerzen im Ellbogen habe, ist die Entzündung, die sich im Ellbogen wiederfindet, nicht im Ellbogen entstanden, sondern die kann gesamtsystemisch entstanden sein. Ich spüre sie nur an der Stelle.

Die Entzündung reist, der Schmerz bleibt: Corinna van der Eerden beschreibt, wie Entzündungsbotenstoffe aus Darm, Blutzuckerschwankungen, Stress oder unverträglichen Nahrungsmitteln über das Blut wandern und sich dort sammeln, wo es eng ist, etwa in Gelenken. Der Rücken meldet dann ein Problem, das er nicht verursacht hat.
Ein Hinweis der Redaktion: Das ist die Sicht der beiden Gesprächspartner. Rückenschmerzen mit Lähmungserscheinungen, Blasen- oder Darmstörungen, Fieber, nächtlichem Schmerz oder Gewichtsverlust gehören sofort in ärztliche Abklärung; eine laufende Behandlung wird nicht eigenmächtig beendet.
Wo aber fängt man an zu suchen? Van der Eerden greift zu einem Eimer.
Erst das Loch, dann das Pflaster
Zwei Gleise, sagt sie. Das erste nennt sie Rapid Relief: möglichst schnell Erleichterung, bei Entzündung mit antientzündlichem Fokus, in ihrer Online-Arbeit über Mikronährstoffe. Als Beispiel nennt sie Magnesium; bei einem Mangel spüre man Schmerzen nach ihrer Aussage schneller. Das zweite Gleis ist die Suche nach der Quelle.
Es bringt relativ wenig, wenn ich einen Eimer habe und da ist ein Loch drin und ich klebe das Loch zu mit einem Pflaster. Also ich gebe jetzt antientzündliche Nährstoffe. Es wird trotzdem weiter Wasser rauslaufen. Ich muss gucken: Wo ist das Loch, warum ist das entstanden?
Ihr Werkzeug ist ein ausführlicher Symptomfragebogen über alle Körpersysteme, danach gezielte Diagnostik: Darm, Stoffwechsel, Hormonhaushalt. Die üblichen Verdächtigen kennt sie aus Erfahrung: Ernährung, Blutzuckerregulation, Stress, Schlaf, Bewegung, dazu die Veranlagung. Auer ergänzt Krankheitserreger und die Balance des Immunsystems; kaum jemand habe heute einen perfekten Darm.

Wir versuchen immer, Dinge rauszunehmen, die stören, Störfaktoren identifizieren und reduzieren und auf der anderen Seite so den Körper zu stärken, dass er besser wieder regulieren kann.
Aus Sicht der Redaktion gehört ein Satz dazu: Nahrungsergänzung wird bei Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahme oder in der Schwangerschaft nie ohne ärztliche Rücksprache begonnen. Was Studien dazu hergeben, ordnet unser Artikel zur Evidenz von Supplementen bei Arthrose ein. Eine der Quellen, die van der Eerden nennt, überrascht: das Frühstück von vor drei Tagen.
Die Banane, die drei Tage später zuschlägt
Reagiere der Körper auf ein Lebensmittel mit Antikörpern, könnten sich diese im Blut überall ablagern, bevorzugt dort, wo es eng ist, in Gelenken etwa. Ihr Beispiel: Wer jeden Tag eine Banane esse, die der Körper gerade nicht als Freund einstufe, spüre den Schmerz womöglich drei Tage später im Ellbogen und stelle den Zusammenhang nie her.
Bei den gängigen Tests wird sie kritisch. Die üblichen IgG-Tests zeigten nur, dass der Körper ein Lebensmittel als fremd erkenne, und das sei schlicht richtig. Ob das Immunsystem daraus ein Problem mache, bilde ein solcher Test nicht ab; deshalb werde oft viel zu viel vom Speiseplan gestrichen. Van der Eerden hat nach eigenen Worten einen weitergehenden Test aus den USA in den deutschsprachigen Raum geholt, ein Eigeninteresse, das sie offen anspricht. Auer schränkt ein, kein Test sei hundertprozentig, und vermutet hinter wiederkehrenden Unverträglichkeiten oft einen durchlässigen Darm. Dieses Leaky-Gut-Konzept ist in der Forschung umstritten, und allergologische Fachgesellschaften raten von IgG-Tests zur Diagnose von Nahrungsmittelunverträglichkeiten ab.
Wie Essen und Entzündung zusammenhängen, lesen Sie in unseren Grundlagen zur Ernährung bei Arthrose. Die zweite Quelle spürt niemand.
Blutzucker, die Entzündungsquelle ohne Symptom
Warum sollte jemand ohne Diabetes seinen Blutzucker beobachten? Weil er nicht nur vom Essen gesteuert werde, sondern auch vom Stress, antwortet van der Eerden, und ein dauerhaft erhöhter Blutzucker sei eine konstante Quelle von Entzündung. Wer Jahre vor einem Diabetes erkenne, dass die Regulation nachlasse, könne früh gegensteuern. Messen nehme zudem den Wind aus der Debatte um High Fat oder Low Carb: Ernährung sei hoch individuell, und wer sehe, wie der eigene Wert auf Mahlzeiten, Schlaf und Stress reagiere, habe ein Werkzeug in der Hand.
Auer schaut auf das andere Ende der Skala. Wer ständig zu niedrig liege, verwandle sich ohne Essen alle zwei, drei Stunden in Godzilla und wache nachts auf. Die Nebennieren müssten dann fortwährend Cortisol produzieren, um Zucker aus Leber und Muskeln ins Blut zu holen. Traubenzucker schieße den Wert über das Ziel, das Insulin drücke ihn zurück, und die Berg- und Talfahrt werde selbst zum Stress. Sein Bild dafür aus den USA: wired but tired, erschöpft und zugleich unter Strom.
Stress messen, statt ihn zu schätzen
Stress gilt als weich. Beide wollen ihn hart machen. Van der Eerden beginnt bei der Selbstbeobachtung: Schlafe ich tief, wache ich erholt auf? Dann nennt sie die Herzratenvariabilität und Blutzuckerkurven: Ausschläge, die nicht vom Kuchen kommen, deuteten auf eine schlechte Stressregulation hin. Vom einzelnen Cortisolwert aus der Arztpraxis hält Auer wenig, weil Cortisol einer Tageskurve folge; er nutze Speichelprofile über den Tag, meist Selbstzahlerleistungen, deren Deutung aus Sicht der Redaktion in fachkundige Hände gehört. Hinter jedem Wert steckt für van der Eerden dieselbe Frage.
Wenn unser Körper sich entscheidet, viel der aktivierenden Substanzen in inaktive umzubauen und es also absichtlich runterfährt, dann muss doch unsere Frage sein: Warum macht der Körper das? Warum entscheidet er sich dafür? Was glaubt er, hat er für einen Vorteil?
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Corinna van der Eerden und Daniel Auer drehen die Suchrichtung um. Der Rücken ist für sie nicht der Ort der Ursache, sondern der Ort der Meldung. Chronischer Schmerz ohne Verletzungsmoment heißt in ihrer Lesart Entzündung aus dem System: Darm, Blutzucker, Stress, Schlaf, Teller. Ihre Methode: kurzfristig lindern und parallel fragen, wo das Loch im Eimer ist.
Vieles davon ist Praxiserfahrung, keine gesicherte Lehre; Schmerz gleich Entzündung, Unverträglichkeitstests und Leaky Gut werden kontrovers diskutiert. Der Impuls, der bleibt, kostet nichts: bei Rückenschmerzen ohne klaren Auslöser auch den Rest des Körpers zu befragen.
Wie sich Entzündung im Alltag steuern lässt, vertieft Martin Krowicki im Interview über Entzündungsmanagement bei Rückenschmerzen aus demselben Kongress. Welche Rolle der Darm dabei spielt, beleuchten Dr. Lulit und Mabon Wunder im Gespräch über Darmdysregulation und Rückenschmerzen.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Corinna van der Eerden ist Coach für funktionelle Medizin, keine Ärztin; Daniel Auer stellt sich als Chiropraktiker vor. Rückenschmerzen mit Warnzeichen wie Lähmungen, Blasenstörungen, Fieber oder Gewichtsverlust gehören sofort in ärztliche Abklärung; Nahrungsergänzung und Labortests nie ohne ärztliche Rücksprache, verordnete Medikamente werden nicht eigenmächtig verändert.
Häufige Fragen
Was unterscheidet die funktionelle Medizin nach Corinna van der Eerden von der Schulmedizin?
Warum sehen van der Eerden und Auer chronische Rückenschmerzen als Entzündungsproblem?
Wie geht Corinna van der Eerden bei Schmerzen konkret vor?
Was hält sie von Tests auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten?
Warum empfiehlt sie, den Blutzucker zu beobachten, auch ohne Diabetes?
Wie lässt sich Stress nach Ansicht der beiden messen?
Damit kommen Sie einen Schritt weiter
Passende Artikel, die dieses Thema vertiefen — lesen Sie sich Stück für Stück ins Thema ein.

Rückenschmerzen aus dem Bauch heraus? Was Tim Böttner im Stress-Eimer sucht
Verdauung, Schlaf, Kopf: Gesundheitscoach Tim Böttner erklärt, warum er bei Rückenschmerzen zuerst den Stress-Eimer seiner Klienten sortiert.
Artikel lesen →
Stille Entzündungen: Führt eine Spur vom Darm bis zur Bandscheibe?
Beim Nacken- und Rückenschmerz Kongress erklärt Paul Seelhorst, wie ein durchlässiger Darm stille Entzündungen anstoßen und den Rücken erreichen soll.
Artikel lesen →
Placebo, Nocebo und die Zahnpasta-Tube: Kann ein Satz den Rücken steif machen?
Physiotherapeut Jesko Streeck erklärt, warum Placebos wirken, wie Nocebos Rückenschmerzen verstärken und was eine Zahnpasta-Tube damit zu tun hat.
Artikel lesen →