Fasten klingt nach Hunger, Kopfschmerz und Abführsalz. Doch wer Prof. Dr. Dr. med. Bernhard Uehleke zuhört, Naturheilkundlicher Arzt, Forschungsleiter, bekommt ein anderes Bild: fünf Tage, null Kalorien, kein Abführmittel, und der Umbau passiert aus seiner Sicht in der Leber, nicht im Darm. Beim Entzündungskongress sprach er im Interview „Heilfasten nach Uehleke: Vorteile, Hilfsmittel und Schritt-für-Schritt-Anleitung“ über den Königsweg der alten Fastenärzte und darüber, was er an den klassischen Kuren für überholt hält. Das vollständige Gespräch sehen Sie kostenlos im Kongress.
Hunger oder Fasten? Ein Wort macht den Unterschied
Der Körper sei auf Nahrungspausen vorbereitet, sagt Uehleke, sonst wären unsere Vorfahren im ersten harten Winter ausgestorben. Der Unterschied zu damals liegt für ihn in einem einzigen Punkt.
Hunger ist der erzwungene Verzicht auf Nahrung. Der Unterschied zum Fasten ist heute, dass wir das freiwillig machen, vorsätzlich, obwohl wir essen könnten, obwohl der Kühlschrank vielleicht voll ist.
Freiwillig und abgezählt, das mache den Stress kleiner. Und der fastende Mensch sei nicht träge, sondern wach, weil die Evolution ihn bei leerem Magen erfinderisch gemacht habe. Uehleke wird hier persönlich.
Die besten und originellsten Ideen, die ich während meiner wissenschaftlichen Karriere hatte, sind zum Teil während des Fastens wirklich entstanden.
Was aber passiert in diesen fünf Tagen, dass der Kopf klarer wird statt schwächer?
Tag eins, Tag zwei, Tag drei: der Umbau in der Leber
Uehleke zerlegt die Kur in Etappen. Die ersten 24 Stunden trage der Körper aus den Zuckerspeichern in Leber und Muskel. Am zweiten Tag greife er auf Eiweiße zurück, die ohnehin herumliegen: Albumine, Transporteiweiße, alte Antikörper. Erst danach gehe es an das Fettgewebe. Dazu müsse die Leber umlernen: Fett zerlegen, einen Rest Zucker für das Gehirn bauen und aus dem Übrigen Ketone bilden, die der ebenfalls umgestellte Muskel verbrennt.
Am dritten Tag bei wirklich null Kalorienzufuhr ist dann dieser Prozess überstanden, und der Körper lebt jetzt sozusagen von der inneren Verbrennung und ist in einem sehr schönen Gleichgewicht.

Der Umbau, den Prof. Uehleke beschreibt: Sind die Zuckerspeicher leer, holt sich die Leber Fett aus dem Gewebe, zerlegt es und bildet Ketone, die der Muskel als neuen Brennstoff nutzt. Ab dem dritten Tag laufe dieser Kreislauf nach seiner Beschreibung stabil.
Der zweite und dritte Tag seien die schwere Phase, danach fühlten sich die meisten beschwingt. Insulin sei dann sehr niedrig, und Entzündungsreaktionen fahre der Körper aus Sparsamkeit herunter, so seine Deutung.
Und das Intervallfasten? Ein halber Tag Pause bringe niemanden vollständig in diesen Fettstoffwechsel, „gar keine Chance“. Uehleke zieht eine Grenze, die viele Kuren nicht überstehen.
Es gibt ja tausend Formen, die sich Fasten nennen, und man muss sagen: Nicht alles, was Fasten heißt, ist wirkliches Fasten.
Wo Säfte und Brühen gereicht würden, spricht er von einer Reduktionsdiät. Echtes Fasten liege bei höchstens 400 bis 500 Kalorien am Tag; er selbst gehe auf null, weil das aus seiner Erfahrung leichter durchzuhalten sei.
Ein Hinweis der Redaktion: Uehleke spricht über gesunde Menschen. Wer Medikamente einnimmt, Diabetes hat, untergewichtig ist, an einer Essstörung leidet, schwanger ist oder stillt, fastet nie ohne ärztliche Vorbereitung und Begleitung.
Warum Entzündungen aus seiner Sicht leiser werden
In der alten Vier-Säfte-Lehre sei Entzündung etwas Heißes, erinnert Uehleke, und wer die Energiezufuhr drossle, kühle. In heutigen Begriffen: Kalorienmangel dämpfe Entzündungsreaktionen. Dazu komme ein zweiter Hebel. Mit tierischer Nahrung führe man Arachidonsäure zu, den Ausgangsstoff entzündungsfördernder Botenstoffe. Fehle sie, blieben Entzündungen niedriger.
Das erreiche man auch mit konsequent veganer Kost, von der viele Rheumapatienten profitierten; das Fasten könne „offenbar noch ein bisschen mehr“, warum genau, sei ungeklärt. Aus seiner Praxis berichtet er, Menschen mit Rheuma oder Allergien könnten nach einer gelungenen Kur oft bis zu einem Jahr beschwerdefrei sein. Das ist eine Erfahrungsangabe; kontrollierte Studien zu Fasten bei rheumatoider Arthritis sind klein und stammen überwiegend aus den 1990er-Jahren. Wie eine entzündungsarme Ernährung aussehen kann, zeigt unser Artikel zu den Ernährungsgrundlagen bei Arthrose.
Während des Fastens lehnt Uehleke Öle, MCT-Fett oder Omega-3-Kapseln ab, weil auch gute Fette Brennstoff seien; erst danach setzt er auf kleine Mengen Omega-3-Fettsäuren (Studienlage im Artikel Supplemente bei Arthrose). Dann kommt der Punkt, an dem er seinen berühmten Vorgängern widerspricht.
Abführen? „Das ist aber alles Quatsch“
Wer je eine klassische Fastenkur gemacht hat, kennt den ersten Tag: Glaubersalz oder Einlauf. Uehleke hält das für einen Irrtum aus alten Medizinsystemen. Der Darm sei kein Ofenrohr, in dem Schlacken hafteten wie Ruß im Kamin.
Der Darm reinigt sich schon selber, und der braucht keine Abführmittel. Wenn früher ein Jäger erfolglos war und jetzt zwangsweise hungerte, der hat ja garantiert kein Abführmittel genommen.
Abführmittel störten obendrein Mineral- und Wasserhaushalt und den Blutdruck, ausgerechnet in den Tagen des Umbaus.
Ganz ohne Hilfsmittel kommt aber auch Uehleke nicht aus, nur aus einem anderen Grund. Im Fettgewebe seien fettlösliche Stoffe eingelagert, etwa Pflanzenschutzmittel, die beim Fasten frei würden. Normalerweise kopple die Leber sie an Zucker, damit sie über die Niere abgehen; im Fasten sei Zucker knapp, also gingen sie mit der Galle in den Darm und würden dort wieder aufgenommen. Seine Antwort: Heilerde, die den Gallenfilm binden soll, dazu Flohsamenschalen als Quellstoff, beides dreimal täglich, dazu Wasser und dünner Kräutertee.
Hier bleibt die Redaktion nüchtern: Diese „Entgiftung“ aus dem Fettgewebe ist ein Konzept der Naturheilkunde, Studien dazu nennt das Gespräch nicht. Heilerde und Flohsamenschalen können die Aufnahme von Medikamenten verändern und gehören bei Medikamenteneinnahme in ärztliche Rücksprache. Eiweißshakes lehnt Uehleke ebenfalls ab; damit der Muskel bleibt, empfiehlt er leichte Bewegung.
Der Darm als Rasen: warum die Aufbautage entscheiden
Uehleke rät, schon Wochen vorher auf Alkohol zu verzichten und die Aufbauphase zu strecken: lange vegetarisch, kalorienreduziert, mit langsam wieder erlaubten Kohlenhydraten. Der Muskel verbrenne dann Fett und Zucker zugleich, ein Hybridantrieb, wie er sagt. Der zweite Grund für die lange Aufbauphase ist die Darmflora, die ein paar Bakterienkapseln nicht umbauten.

Ich stelle mir die Darmwand doch eher so vor wie einen Rasen, der besetzt ist. Das wäre so ungefähr, wenn ich als Gärtner zu viel Unkraut im Rasen habe und denke, ich werfe jetzt mal eine Handvoll Grassamen raus, und dann wird mein Rasen davon schön. Das wird so nicht funktionieren.
Erst vertikutieren, dann säen. Für ihn heißt das: Fasten und Heilerde lichteten den Bakterienrasen, die Aufbaukost bringe die Neuen ins Spiel, und zwar saure: Sauerteigbrot, Joghurt, Kefir, Sauerkraut mit lebenden Kulturen. Basensalze pfundweise hält er für falsch, die Magensäure für schützenswert; Säureblocker sieht er kritisch. Die Redaktion ergänzt: Der Rasen ist ein Bild des Experten, kein Befund, und verordnete Säureblocker setzt niemand ohne ärztliche Rücksprache ab.
Ohne Kur: was er Menschen mit Übergewicht sagt
Nicht jeder will fünf Tage fasten. Schon eine verschobene Mahlzeit spare Kalorien und koste Gewicht, räumt Uehleke ein, auch wenn sie nicht in die Ketose führe. Beim Gewicht wird er deutlich.
Ab einem gewissen Level ist wirklich jedes Kilo zu viel auch eine Belastung für den Körper insgesamt in vielfacher Hinsicht, nicht nur für die Knochen, Gelenke und alles, sondern auch für den Kreislauf.
Ein Kilo über dem Sollgewicht sei kein Grund für Geschrei, fünf, zehn oder zwanzig schon. Manche Bluthochdruckpatienten kämen nach seiner Einschätzung mit einigen Kilo weniger ohne Blutdrucksenker aus; über ein Absetzen entscheidet allein die behandelnde Ärztin oder der Arzt. Welche Strategien tragen, steht im Artikel Abnehmen bei Arthrose; den Bogen zu Herz und Kreislauf zieht Markus Peters im Interview über chronische Entzündungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen aus demselben Kongress.
Was Sie aus dem Gespräch mitnehmen können
Prof. Uehleke nimmt dem Heilfasten das Ritual und lässt den Mechanismus stehen: fünf Tage null Kalorien, bis die Leber am dritten Tag auf Fett und Ketone umgestellt hat; kein Abführen; Heilerde und Flohsamenschalen statt Glaubersalz; Bewegung, damit der Muskel bleibt. Das Wichtigste passiere davor und danach: Wochen ohne Alkohol, dann eine lange, saure, vegetarische Aufbaukost.
Vieles davon ist Erfahrungswissen eines Forschers, der selbst fastet, keine gesicherte Studienlage. Sein Grundsatz ist nüchtern: lieber kurz und konsequent als lang und halb, und nie ohne Vorbereitung. Wie Antioxidantien ins Bild passen, erklärt Kornelia C. Rebel im Interview über Antioxidantien, Entzündungen und Schmerz aus demselben Kongress.
Dieser Artikel gibt Aussagen aus einem Kongress-Interview journalistisch wieder und ersetzt keine ärztliche Beratung. Heilfasten gehört bei Diabetes, Untergewicht, Essstörungen, in Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Medikamenteneinnahme in ärztliche Begleitung. Verordnete Medikamente werden nie ohne Rücksprache verändert; Heilerde und Flohsamenschalen können die Aufnahme von Arzneimitteln beeinflussen.
Häufige Fragen
Was unterscheidet Heilfasten nach Prof. Uehleke von anderen Fastenformen?
Wann ist der Körper laut Uehleke in der Ketose?
Warum soll Heilfasten bei chronischen Entzündungen helfen?
Braucht man beim Fasten Abführmittel?
Wer sollte nach Uehleke nicht ohne ärztliche Begleitung fasten?
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