Die Eigenbluttherapie mit plättchenreichem Plasma (PRP – Platelet-Rich Plasma) ist eine der am intensivsten beworbenen Arthrose-Therapien der letzten Jahre. Profisportler nutzen sie, viele Orthopädie-Praxen bieten sie an, und auf den Webseiten klingt es vielversprechend. Die Realität ist nuancierter: PRP ist nicht der Durchbruch, als der er manchmal dargestellt wird — aber es ist auch keine reine Spielerei. Was die Wissenschaft wirklich zeigt, worauf Sie achten müssen, und für wen sich der Versuch lohnen kann.

Was PRP ist

Das Prinzip ist einfach erklärt:

  1. Blutentnahme beim Patienten (meist 20–50 ml)
  2. Zentrifugation trennt die Bestandteile:
    • Rote Blutkörperchen (Erythrozyten) sinken nach unten
    • Plasma steigt nach oben
    • Dazwischen die Schicht der Thrombozyten (Blutplättchen) — der „Buffy Coat”
  3. Das thrombozytenreiche Plasma wird abpipettiert
  4. Injektion in das schmerzende Gelenk

Die theoretische Idee

Thrombozyten enthalten in ihren Granula Hunderte Wachstumsfaktoren:

  • PDGF (Platelet-Derived Growth Factor)
  • TGF-β (Transforming Growth Factor)
  • VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor)
  • IGF-1 (Insulin-like Growth Factor)
  • u. v. m.

Diese Faktoren sind im Körper an Gewebsreparatur und Heilung beteiligt. Die Hoffnung: Wenn man sie konzentriert ins arthrotische Gelenk bringt, modulieren sie:

  • Die Entzündungskaskade (anti-inflammatorisch)
  • Die Chondrozyten-Aktivität (anabol statt katabol)
  • Die Synovialitis (beruhigend)

In Zellkultur und Tiermodell zeigen sich diese Effekte konsistent. Bei Menschen ist die Datenlage gemischter.

Die klinische Evidenz

Positive Studien

Mehrere randomisierte Studien zeigten:

  • Moderate Schmerzlinderung über 6–12 Monate
  • Überlegenheit gegenüber Hyaluronsäure in einigen Studien3
  • Bessere Wirksamkeit als Placebo in der Mehrheit der Meta-Analysen

Skeptische Daten

Die Studie von Bennell et al. (JAMA 2021) war eine methodisch sehr saubere RCT:2

  • 288 Patient:innen mit symptomatischer Kniearthrose
  • PRP vs. Kochsalz-Placebo, 3 Injektionen
  • Beobachtungsdauer 12 Monate
  • Ergebnis: kein signifikanter Unterschied in Schmerz oder Knorpelvolumen

Das ist ein dämpfender Befund — die hochwertigste Einzelstudie sah keinen Vorteil.

Was die Meta-Analysen sagen

Die Mehrzahl der Meta-Analysen zeigt:

  • Tendenz zu positiven Effekten
  • Aber die Heterogenität zwischen Studien ist hoch
  • Die Effektgröße ist meist moderat
  • Die Standardisierung der Präparate ist mangelhaft

Das Standardisierungs-Problem

Hier liegt der Hauptgrund der Skepsis der AWMF:1

PRP ist nicht gleich PRP. Die Präparate unterscheiden sich erheblich in:

VariableSpannweite
Thrombozyten-Konzentration2× bis 8× Vollblut
Leukozyten-Gehaltsehr unterschiedlich (mit/ohne)
Zentrifugations-ProtokollDrehzahl, Dauer, Anzahl Schritte
AktivierungsmethodeCalciumchlorid, Thrombin, gar nicht
Volumen pro Injektion2–10 ml
Anzahl Injektionen1 bis 5
Intervallwöchentlich bis monatlich

Das Resultat: Eine Studie mit dem System A sagt vielleicht „wirkt”, eine mit System B „wirkt nicht” — und beide haben recht. Solange es keine einheitliche Definition gibt, was „PRP” eigentlich ist, lassen sich die Studien nicht vergleichbar zusammenfassen.

Die AWMF S3-Leitlinie Gonarthrose 2024:

Aufgrund der mangelnden Standardisierung der Präparate und Herstellungsverfahren kann derzeit keine allgemeingültige Empfehlung für ein spezifisches PRP-Verfahren gegeben werden.

Wann PRP sinnvoll sein kann

Trotz aller Einschränkungen — manche Patient:innen profitieren. PRP kann ein Versuch wert sein bei:

Geeignete Konstellationen

  • Jüngere Patient:innen (40–60) mit beginnender Arthrose (KL 1–2)
  • NSAR-Unverträglichkeit oder -Kontraindikation
  • Hyaluronsäure-Versagen als nächster Versuch vor Endoprothese-Diskussion
  • Stadium vor OP-Indikation, wenn man mehr Zeit gewinnen möchte
  • Aktivierte Phasen mit Synovialitis — die anti-inflammatorische Komponente

Weniger geeignet

  • Endstadiums-Arthrose (KL 3–4) mit klarer OP-Indikation
  • Patient:innen mit Blutgerinnungsstörungen
  • Geringe Erwartungshaltung an die Therapie

Praktische Aspekte

Behandlungs-Schema

Typisch sind 3 Injektionen im Abstand von 1–4 Wochen. Manche Studien zeigen, dass eine wiederholte Behandlungsserie nach 6–12 Monaten den Effekt verlängert.

Kosten

PRP ist meist IGeL-Leistung (individuelle Gesundheitsleistung):

  • 150–250 € pro Injektion
  • Behandlungsserie 500–1.500 €
  • Krankenkassen übernehmen meist nicht

Nebenwirkungen

PRP ist gut verträglich:

  • Lokale Schmerzen nach Injektion (1–3 Tage)
  • Selten: Infektion an der Einstichstelle
  • Keine systemischen Nebenwirkungen (es ist ja eigenes Blut)

Was Sie fragen sollten

Wenn Sie eine PRP-Behandlung erwägen, fragen Sie:

  • Welches System wird verwendet? (Standardisierung)
  • Wie viele Behandlungen sind geplant?
  • Was sind die realistischen Erwartungen (kein Heilversprechen)?
  • Was sind die Kriterien für „erfolglos” und Abbruch?

Alternativen mit besserer Evidenz

Bevor Sie 500–1.500 € in PRP investieren, prüfen Sie die anderen Optionen:

Was Sie aus diesem Artikel mitnehmen sollten

  1. PRP hat plausible Theorie, aber gemischte klinische Evidenz — die Bennell-JAMA-Studie 2021 sah keinen Vorteil gegenüber Placebo.
  2. Standardisierungs-Problem ist das Hauptproblem — die Präparate unterscheiden sich massiv.
  3. AWMF gibt keine generelle Empfehlung ab.
  4. Versuch im richtigen Setting kann sinnvoll sein — bei jüngeren Patient:innen, vor Endoprothese-Indikation, NSAR-unverträglich.
  5. Zuerst die kostengünstigeren, besser belegten Optionen ausschöpfen.
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Für den vollständigen Therapie-Überblick lesen Sie den Behandlungs-Pillar. Wenn Sie wissen wollen, welche Eingriffe nicht mehr leitlinienkonform sind, schauen Sie in den Artikel zur Moseley-Studie und obsoleten Arthroskopie.

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Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. PRP-Behandlungen sollten nur durch qualifizierte Ärzte mit Erfahrung in der Aufbereitung durchgeführt werden. Die Aussagen zur Wirksamkeit beziehen sich auf die allgemeine Studienlage.

Quellen

Leitlinien

  1. [1]AWMF S3-Leitlinie Gonarthrose (2024): Prävention und Therapie der Gonarthrose (187-050)

Reviews & Meta-Analysen

  1. [2]Bennell KL et al. (2021): Effect of Intra-articular Platelet-Rich Plasma vs Placebo on Pain and Medial Tibial Cartilage Volume in Patients With Knee Osteoarthritis. JAMA 326(20)
  2. [3]Belk JW et al.: Platelet-Rich Plasma vs. Hyaluronic Acid for Knee Osteoarthritis: A Systematic Review of Overlapping Meta-analyses