Pathologie

Koxarthrose (Hüftarthrose)

Arthrose des Hüftgelenks – ihre Tücke: Der Schmerz sitzt typischerweise nicht in der Hüfte, sondern in der Leiste und kann ins Knie ausstrahlen.

Die Koxarthrose ist die Arthrose des Hüftgelenks — eine der häufigsten und gleichzeitig oft am spätesten erkannten Arthroseformen. Ihre Tücke: Der Schmerz sitzt typischerweise nicht in der Hüfte, sondern an anderen Stellen, die fälschlich anderen Ursachen zugeschrieben werden.

Häufigkeit in Deutschland

  • 15–20 % der über 60-Jährigen weisen degenerative strukturelle Veränderungen der Hüfte auf
  • Mit etwa 239.000 Hüft-TEPs pro Jahr ist die Hüfte das am häufigsten endoprothetisch versorgte Gelenk in Deutschland
  • Durchschnittsalter bei Erstimplantation: 71 Jahre

Die typische Schmerzlokalisation — irreführend

Hier liegt das diagnostische Problem: Patient:innen mit Hüftarthrose klagen oft nicht über Hüftschmerzen — sondern über:

  • Tiefer Leistenschmerz (häufigste Lokalisation)
  • Ausstrahlung in den Oberschenkel (vorderseitig)
  • Schmerz im Knie — kann das Hauptsymptom sein!
  • Gesäßschmerz seltener
  • Kreuzschmerz als Begleitsymptom

Diese irreführende Schmerz-Topographie führt oft zu Fehldiagnosen: Knieprobleme werden behandelt, während die wahre Ursache in der Hüfte sitzt. Wer wegen Knieschmerzen kommt und keine Befundkorrelation am Knie zeigt, sollte unbedingt die Hüfte mituntersuchen.

Funktionelle Frühzeichen

Vor dem Schmerz zeigt die Hüftarthrose oft:

  • Verlust der Innenrotation — das erste klinische Zeichen
  • Eingeschränkte Beugung in der Hüfte
  • Schwierigkeit beim Schuhe binden oder Socken anziehen
  • Hinken (Duchenne-Hinken: das Hochheben der gegenseitigen Beckenseite)
  • Schmerz beim Aufstehen aus tiefer Sitzposition

Risikofaktoren

  • Genetik — sehr stark erblich
  • Anatomische Dysplasien (Hüftdysplasie ist häufige Vorerkrankung)
  • Hüftimpingement (Femoroazetabuläres Impingement / FAI)
  • Traumatische Vorgeschichte (Frakturen, Hüftkopfnekrose)
  • Berufliche Belastung (besonders schweres Heben > 25 kg laut AWMF-Leitlinie)
  • Übergewicht — wie bei jeder Arthrose
  • Alter über 50

Diagnostik

Klinische Untersuchung

  • Bewegungsausmaß-Prüfung (Neutral-Null-Methode)
  • FABER-Test (Flexion-Abduktion-External Rotation) — provoziert Hüftschmerz
  • Schmerzhafter Anschlag bei Innenrotation — sehr spezifisch für Hüftarthrose
  • Patrick-Test

Bildgebung

  • Beckenübersichtsaufnahme im Stehen — Standard
  • Hüfte axial ergänzt
  • Wichtig: belastete Aufnahmen
  • MRT meist nicht primär nötig (außer bei Verdacht auf Hüftkopfnekrose)

Klassifikationskriterien

Die ACR-Kriterien (American College of Rheumatology) werden auch von der deutschen AWMF S2k-Leitlinie zur Koxarthrose empfohlen.

Therapie

Konservativ (immer zuerst)

  • Bewegungstherapie — auch hier mit GLA:D-ähnlichen Programmen wirksam
  • Gewichtsreduktion bei Übergewicht
  • Anti-inflammatorische Maßnahmen
  • Stockversorgung auf der gegenseitigen Seite (entlastet die kranke Hüfte erheblich)
  • Schwimmen, Radfahren als ideale Bewegungsformen

Operativ

  • Hüft-Totalendoprothese (Hüft-TEP) im Endstadium
  • Sehr hohe Erfolgsquote (> 90 % Zufriedenheit)
  • Standzeiten 15–25 Jahre
  • Gelenkerhaltende Eingriffe (Umstellungsosteotomie, Hüftarthroskopie) seltener als beim Knie

Wann zum Arzt

  • Anhaltender Leistenschmerz > 4 Wochen
  • Kniebeschwerden ohne Befund am Knie
  • Hinken oder veränderter Gang
  • Verlust der Innenrotation

Frühe Diagnose ermöglicht konservative Behandlung — und kann die Hüft-TEP um Jahre verzögern.