„Mein Knie tut weh, schon seit Monaten. Manchmal auch der Oberschenkel vorne. Die Ärztin sagt, das Knie sei in Ordnung.” Wenn dieses Szenario zutrifft, gibt es einen häufigen Schuldigen, der oft zu spät erkannt wird: die Hüfte. Die Koxarthrose (Hüftarthrose) hat eine so eigentümliche Schmerz-Topographie, dass sie regelmäßig falsch diagnostiziert wird. Was Sie wissen müssen, um Ihre eigene Diagnose besser einzuordnen.

Die irreführende Schmerz-Topographie

Wenn die Hüftgelenkkapsel und -strukturen schmerzen, leitet das Gehirn diese Signale nicht zwingend an die Stelle, wo die Hüfte anatomisch sitzt. Stattdessen werden die Schmerzen wahrgenommen in:

LokalisationHäufigkeitBemerkung
Leiste~70 %Häufigste Lokalisation, oft als „tief sitzender Druck” beschrieben
Vorderer Oberschenkel~50 %Ausstrahlung Richtung Knie
Knie~20 %Kann das einzige Symptom sein — diagnostische Falle!
Gesäß~30 %Eher seltener bei klassischer Koxarthrose
KreuzbegleitendDurch reflektorische Verspannungen

Wer mit „Knieschmerzen” zum Arzt geht und am Knie nichts auffällig ist, sollte unbedingt die Hüfte mituntersucht bekommen. Eine übersehene Hüftarthrose lässt sich konservativ besser behandeln, wenn sie früh erkannt wird.

Frühestes klinisches Zeichen: Verlust der Innenrotation

Bevor der Schmerz richtig deutlich wird, zeigt die Hüfte ein wichtiges funktionelles Zeichen:

Die Innenrotation ist eingeschränkt.

Das ist im Selbsttest erkennbar:

  1. Auf den Rücken legen, Beine ausgestreckt
  2. Ein Bein anwinkeln (Hüfte und Knie 90°)
  3. Den Fuß nach außen kippen — also das Knie nach innen drehen
  4. Vergleich mit der gegenseitigen Hüfte

Wenn ein Bein deutlich weniger weit nach außen klappt als das andere — und/oder dabei Leistenschmerz auslöst —, ist das ein starker Hinweis auf eine beginnende Hüftarthrose.1

Weitere Frühsymptome

  • Schwierigkeit beim Socken-/Schuhe-Anziehen — durch eingeschränkte Hüftbeugung + Innenrotation
  • Anlaufschmerz in der Leiste nach Sitzen
  • Hinken nach längerem Gehen (Schonhinken / Duchenne-Hinken)
  • Schmerz beim Aufstehen aus tiefer Sitzposition (Auto, niedriger Stuhl)
  • Verkürzte Geh-Strecke

Häufigkeit und Risikofaktoren

Die Koxarthrose ist in Deutschland ein massives Public-Health-Problem:

  • 15–20 % der über 60-Jährigen haben degenerative strukturelle Veränderungen1
  • ~239.000 Hüft-TEPs pro Jahr in Deutschland2 — die häufigste Endoprothese
  • Durchschnittsalter bei Erstimplantation: 71 Jahre

Risikofaktoren

  • Genetik — sehr starke Erblichkeit
  • Anatomische Vorerkrankungen: Hüftdysplasie, Hüftimpingement (FAI)
  • Trauma: Schenkelhalsfraktur, Hüftkopfnekrose
  • Berufliche Belastung: schweres Heben > 25 kg (von der AWMF-Leitlinie explizit genannt)1
  • Adipositas — wie bei jeder Arthrose

Diagnostik

Klinische Untersuchung

Ein erfahrener Arzt erkennt die Koxarthrose schon klinisch in wenigen Minuten:

  • Gangbild-Beurteilung (Schonhinken, Duchenne-Hinken)
  • FABER-Test (Flexion-Abduktion-External Rotation): Bein in der „4er-Stellung” lagern, Knie nach außen drücken → bei Hüftarthrose schmerzhaft
  • Innenrotations-Prüfung — der sensitivste Test
  • Trendelenburg-Test: zur Beurteilung der Hüftabduktoren-Stabilität

Bildgebung

Beckenübersicht im Stehen ist der Standard:

  • Beide Hüften im Vergleich
  • Im Stehen, um die belastete Stellung zu zeigen
  • Zusätzlich axiale Aufnahme der betroffenen Seite

Klassische radiologische Zeichen:

  • Gelenkspaltverschmälerung (oft superior, also oben)
  • Osteophyten an Acetabulum und Femurkopf
  • Subchondrale Sklerose und Geröllzysten

MRT ist meist nicht primär nötig — Ausnahme: Verdacht auf Hüftkopfnekrose, atypische Verläufe.

Konservative Therapie

Wie bei jeder Arthrose gilt: konservativ zuerst.

Bewegungstherapie

Strukturierte Programme wie GLA:D sind auch für die Hüfte hochwirksam. Speziell wichtig:

  • Kräftigung der Hüftabduktoren (Musculus gluteus medius)
  • Hüftbeuger-Dehnung
  • Aerobes Training (Schwimmen, Radfahren — beides ideal)

Stockversorgung

Ein oft vergessener Hebel: Ein Stock auf der GEGENseitigen Seite der kranken Hüfte entlastet das Hüftgelenk erheblich (bis zu 50 % weniger Druck). Wer früh und ohne Schamgefühl mit Stock geht, kann die Endoprothese um Jahre verzögern.

Gewichtsreduktion

Selbe Prinzipien wie bei der Kniearthrose (siehe Ernährungs-Praxis).

Topische und orale NSAR

Erstmal topisch. Bei Bedarf orale NSAR niedrig dosiert.

Naturheilkunde

Operativ: Die Hüft-TEP

Wenn die konservative Therapie nicht ausreicht — die Hüft-Totalendoprothese ist die erfolgreichste Endoprothese überhaupt:

  • > 90 % Zufriedenheit nach 1 Jahr
  • Standzeit 15–25 Jahre
  • Drastische Schmerzlinderung und Wiedererlangung der Mobilität
  • Niedrigere „Unhappy”-Quote als die Knie-TEP

Die Indikation wird nach den strengen EKIT-Hüfte-Kriterien der AWMF gestellt:3

  • Anhaltender Leidensdruck
  • Eklatanter Verlust der Lebensqualität
  • Ausgeschöpfte konservative Therapie
  • Radiologisch passender Befund

Was Sie tun sollten

  1. Bei Leistenschmerz oder Knieschmerz ohne Knie-Befund: Hüftuntersuchung verlangen
  2. Innenrotations-Selbsttest machen — sind beide Hüften symmetrisch?
  3. Konservativ ausschöpfen: Bewegung, Gewicht, ggf. Stockversorgung
  4. Bei OP-Indikation: Zweitmeinung kann sinnvoll sein, aber die Hüft-TEP ist statistisch sehr verlässlich

Was Sie aus diesem Artikel mitnehmen sollten

  1. Hüftarthrose-Schmerz sitzt typischerweise in der Leiste, nicht in der Hüfte — und kann bis ins Knie ausstrahlen. Das ist die häufigste Diagnose-Falle.
  2. Frühestes Zeichen ist der Verlust der Innenrotation — meist sogar vor dem Schmerz.
  3. Konservative Therapie zuerst — die Hüft-TEP ist sehr erfolgreich, aber muss nicht der erste Schritt sein.
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Mehr zur Hüft-Endoprothese finden Sie in unserem Endoprothesen-Glossar-Eintrag. Für den Gesamtkontext der Arthrose-Behandlung lesen Sie unseren Pillar-Artikel.

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Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Leistenschmerzen, Knieschmerzen ohne Befund oder Hinken: ärztliche Abklärung suchen.

Quellen

Leitlinien

  1. [1]AWMF S2k-Leitlinie Koxarthrose: Diagnostik und Therapie der Koxarthrose (033-001) · Zum Volltext ↗
  2. [3]AWMF S3-Leitlinie EKIT-Hüfte: Evidenz- und konsensbasierte Indikationskriterien zur Hüfttotalendoprothese (187-001)

Studien & Epidemiologie

  1. [2]Endoprothesenregister Deutschland (EPRD): EPRD-Jahresbericht: 239.000 Hüft-TEPs/Jahr in Deutschland · Zum Volltext ↗