Wer den Verdacht hat, eine Arthrose zu entwickeln, kennt das ungute Gefühl: Da ist irgendetwas mit dem Knie, der Hüfte, der Hand — aber ist es wirklich Arthrose? Oder doch eine entzündliche Erkrankung? Oder „nur” eine Überlastung, die wieder vorbeigeht?

Die gute Nachricht: Arthrose hat ein erstaunlich charakteristisches Muster. Wer das Muster kennt, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst einordnen, ob die eigenen Beschwerden hineinpassen — und vor allem, wann sie ärztlich abgeklärt werden sollten. Die zweite gute Nachricht: Die Diagnostik ist heute deutlich präziser als noch vor 20 Jahren, aber sie funktioniert anders, als die meisten erwarten. Das Röntgen ist nicht mehr der entscheidende Schritt, und das MRT ist nicht automatisch besser.

Dies ist Artikel 2 von 3 unserer Grundlagenreihe. Nachdem wir im ersten Teil geklärt haben, was Arthrose ist und warum sie entsteht, geht es jetzt um die zwei zentralen Fragen: Wie äußert sich Arthrose? Und: Wie wird sie zuverlässig diagnostiziert?

Die Schmerz-Choreografie der Arthrose

Arthroseschmerz ist nicht „der Arthroseschmerz”. Er hat verschiedene Erscheinungsformen, die sich im Krankheitsverlauf typischerweise ablösen. Dieses Muster zu kennen, ist diagnostisch fast schon Goldstandard — Hausärzt:innen erkennen viele Arthrosen allein an der Schmerzbeschreibung.

Der Anlaufschmerz — das früheste und verlässlichste Zeichen

Der Anlaufschmerz ist das pathognomonische Frühsymptom der Arthrose. Er tritt typischerweise auf, wenn das Gelenk nach einer Ruhephase wieder in Bewegung kommt: morgens beim Aufstehen, nach längerem Sitzen am Schreibtisch, nach einer Autofahrt.

Charakteristisch: Die ersten Schritte fühlen sich „schwer”, „blockiert” oder direkt schmerzhaft an — aber nach 5 bis 20 Schritten klingt der Schmerz wieder ab. Das Gelenk „läuft sich ein”. Dieses kurze Schmerzfenster nach Ruhe ist so typisch, dass es allein die Diagnose nahelegen kann.

Pathophysiologisch liegt das an der Synovialflüssigkeit: In Ruhe verteilt sie sich aus dem Knorpel heraus, die mechanische „Lubrikation” sinkt. Erste Bewegungen erzeugen vorübergehend höhere Reibung — und die Mechanorezeptoren des entzündeten Gelenks reagieren überempfindlich. Sobald die Synovialflüssigkeit wieder zwischen die Knorpelflächen gewalkt ist, lässt der Schmerz nach.

Der Belastungsschmerz — Schmerz, der zur Aktivität passt

Schreitet die Arthrose voran, gesellt sich der Belastungsschmerz dazu. Er tritt unter Aktivität auf — beim Treppensteigen, längeren Gehen, in die Hocke gehen, schweres Heben. Im Gegensatz zum Anlaufschmerz lässt er nicht nach, sondern verstärkt sich mit andauernder Belastung.

Klinisch wichtig: Der Belastungsschmerz folgt einem klaren „Dosis-Effekt”. Wenig Belastung → wenig Schmerz. Viel Belastung → viel Schmerz. Das unterscheidet die Arthrose von vielen anderen Schmerzbildern, in denen die Korrelation zur Aktivität fehlt.

Der Ruheschmerz — Warnsignal eines fortgeschrittenen Stadiums

Wenn das Gelenk auch dann schmerzt, wenn es gar nicht belastet wird — abends auf der Couch, nachts im Bett — sprechen wir vom Ruheschmerz. Er ist ein typisches Symptom fortgeschrittener Stadien und meist Ausdruck einer entzündlichen Reaktion im Gelenk (aktivierte Arthrose) oder einer schmerzhaften Knochenstoffwechselveränderung (Knochenmarködem).

Ein nächtlicher Ruheschmerz, der den Schlaf raubt, ist eines der wichtigsten Argumente, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen — sowohl wegen der Lebensqualität als auch, weil dauerhafter Schlafentzug die zentrale Schmerzverarbeitung selbst sensibilisiert. Ein Teufelskreis, den man durchbrechen muss.

Infografik: Die drei Arthrose-Schmerztypen im zeitlichen Verlauf – Anlaufschmerz, Belastungsschmerz, Ruheschmerz.

Mehr als nur Schmerz: Die übrigen Leitsymptome

Crepitatio — das Knirschen, Knacken, Reiben

Das Knirschen oder „Sandeln” im Gelenk bei Bewegung — medizinisch Crepitatio — ist eines der typischsten objektiven Zeichen der Arthrose. Es entsteht durch die mechanische Reibung der aufgerauten Knorpel- oder bereits freiliegenden Knochenflächen aneinander.

Crepitatio kann ein lautes, hörbares Knacken sein oder nur ein feines „Sandgefühl”, das man unter den eigenen Fingern auf der Kniescheibe spürt, wenn man das Bein beugt und streckt. Beides ist diagnostisch relevant — auch wenn es schmerzlos ist.

Schwellung und Erguss

Anders als bei der rheumatoiden Arthritis ist die Schwellung bei der reinen Arthrose meist mäßig und episodisch — und tritt vor allem nach Überlastung oder im Schub einer aktivierten Arthrose auf. Der berühmte „dicke Knie” am Abend nach einer langen Wanderung oder nach intensiver Gartenarbeit ist ein typisches Beispiel.

Bei dauerhafter Schwellung mit Überwärmung und Rötung gilt das oben Gesagte: Das ist ein Warnzeichen, das ärztlich abgeklärt werden sollte — meistens harmlos (aktivierte Arthrose), gelegentlich aber auch der erste Hinweis auf eine entzündliche Systemerkrankung.

Funktionseinschränkung

Mit fortschreitender Arthrose wird das Bewegungsausmaß zunehmend kleiner. Im Knie merkt man das oft daran, dass das vollständige Strecken oder Beugen schmerzhaft oder unmöglich wird. In der Hüfte ist es typischerweise die Innenrotation, die als erstes verloren geht — Socken und Schuhe anziehen wird mühsamer.

An den Händen geht der präzise Pinzettengriff verloren (Knöpfe, Reißverschlüsse). Bei der Rhizarthrose (Daumensattelgelenk) wird das Aufschrauben von Drehverschlüssen zur schmerzhaften Tortur.

Morgensteifigkeit — und die diagnostisch entscheidende 30/60-Minuten-Regel

Eine kurze Morgensteifigkeit gehört zur Arthrose. Sie ist eng verwandt mit dem Anlaufschmerz und löst sich in der Regel innerhalb von etwa 30 Minuten auf.

Hier kommt eine diagnostisch entscheidende Faustregel: Hält die Morgensteifigkeit länger als 60 Minuten an, ist das ein klassisches Argument für eine entzündliche Gelenkerkrankung — typischerweise eine rheumatoide Arthritis.1 Diese 30/60-Minuten-Grenze gehört zu den wichtigsten differenzialdiagnostischen Hinweisen und gehört in jedes Anamnesegespräch. Für die Handarthrose haben die EULAR-Klassifikationskriterien diese Logik noch einmal präzisiert und auf typische Befunde (Heberden-/Bouchard-Knoten, Lokalisationsmuster) ausgeweitet.2

Was sich im Verlauf ändert: Frühe vs. späte Stadien

Im Frühstadium dominieren der Anlaufschmerz und gelegentliche Belastungsschmerzen. Die Beschwerden sind oft nicht kontinuierlich, sondern in „guten” und „schlechten” Phasen — was viele Betroffene fälschlich zu der Annahme bringt, die Sache erledige sich von selbst.

Mit der Zeit verschiebt sich das Bild: Der Anlaufschmerz wird länger, der Belastungsschmerz setzt früher ein, bewegungsfreie Phasen werden kürzer. Im Spätstadium dominieren der Belastungsschmerz und der Ruheschmerz, das Bewegungsausmaß ist deutlich reduziert, und es kommen oft mechanische Blockaden dazu — das Gelenk „schnappt” oder „verhakt” sich kurzzeitig, meist durch lose Knorpel- oder Meniskusfragmente.

Wer im frühen Stadium aktiv wird (Bewegung, Gewicht, Ernährung, Naturheilkunde), kann diesen Verlauf nachweislich verlangsamen. Das ist der wichtigste Grund, sich nicht erst dann zu kümmern, wenn die Schmerzen schon massiv sind.

Diagnostik beginnt im Gespräch — und in der körperlichen Untersuchung

Hier liegt einer der größten Missverständnisse der Patient:innen: Wer mit Arthrose-Verdacht in die Praxis kommt, erwartet oft sofort ein Röntgen oder ein MRT. Tatsächlich entscheiden die Anamnese und die klinische Untersuchung den weitaus größten Teil der Diagnose — die Bildgebung sichert sie ab und bestimmt das Stadium.6

Diagnostik-Pyramide: Anamnese als Basis, dann klinische Untersuchung, Bildgebung, Laborwerte an der Spitze.

Die Anamnese — was Ärzt:innen wirklich wissen wollen

Eine gute Arthrose-Anamnese deckt diese Fragen ab:

  • Wo schmerzt es genau (Gelenk, Lokalisation, Ausstrahlung)?
  • Wann schmerzt es (morgens, unter Belastung, in Ruhe, nachts)?
  • Wie lange dauert die Morgensteifigkeit?
  • Gibt es Schub-Phasen mit Schwellung und Überwärmung?
  • Welche Vorerkrankungen, Verletzungen, Operationen am Gelenk gab es?
  • Familiäre Häufung (besonders bei Fingerarthrosen)?

Aus dieser Anamnese ergibt sich oft schon eine Vorabwahrscheinlichkeit, die durch die körperliche Untersuchung weiter geschärft wird.

Die körperliche Untersuchung

Geübte Ärzt:innen erkennen eine Arthrose oft binnen Minuten:

  • Inspektion: Sichtbare Schwellung, Achsenfehlstellung (O-/X-Bein), Heberden-/Bouchard-Knoten, Muskelatrophie bei chronischer Schonung
  • Palpation: Druckschmerz am Gelenkspalt, Überwärmung (Hinweis auf aktivierte Arthrose), Erguss
  • Bewegungsprüfung: Bewegungsausmaß aktiv vs. passiv, Crepitatio unter Bewegung
  • Funktionstests: Spezifische Tests am Knie (Patella-Reibe-Test), an der Hüfte (FABER, Innenrotation), an der Hand (Grind-Test bei Rhizarthrose)

Die Bildgebung — Röntgen, MRT, Sonografie

Röntgen — der pragmatische Goldstandard

Das konventionelle Röntgenbild ist und bleibt die Standardbildgebung der Arthrose-Diagnostik. Auf ihm wird der Kellgren-Lawrence-Grad bestimmt. Es zeigt die vier klassischen Arthrose-Merkmale: Gelenkspaltverschmälerung, Osteophyten, subchondrale Sklerose und Geröllzysten.

Wichtig: Bei Knie und Hüfte sollte das Röntgen im Stehen (belastet) angefertigt werden — nicht im Liegen.3 4 Im Stehen zeigt sich die tatsächliche Gelenkspaltverschmälerung unter Belastung, das ist diagnostisch viel aussagekräftiger.

Was das Röntgen nicht zeigt: Weichteile, Bänder, Menisken, Knorpel im Detail, Knochenmarködeme. Genau dafür braucht es das MRT — aber nicht immer.

MRT — wann es wirklich sinnvoll ist

Das MRT ist die mit Abstand sensitivste Methode, um den Knorpelzustand, die Menisken und das Knochenmark darzustellen. Aber: Die meisten Patient:innen brauchen es nicht.

Die aktuellen Leitlinien empfehlen ein MRT vor allem bei:

  • Diagnostischer Unklarheit (kann es etwas anderes sein — z. B. eine avaskuläre Nekrose, ein Tumor, eine Stressfraktur?)
  • Verdacht auf zusätzliche Weichteilverletzung (Meniskus-, Bandverletzung)
  • Präoperativer Planung (vor knorpelerhaltenden Eingriffen)

Für die Routine-Verlaufsdiagnostik einer bekannten Arthrose ist das MRT meistens nicht notwendig — und liefert oft Befunde, die mehr verunsichern als helfen (siehe unten: das MRT-Paradox).

Vergleichsbild: Röntgenaufnahme (Knochen, Gelenkspalt) versus MRT-Schnittbild (Knorpel, Menisken, Weichteile) desselben Kniegelenks.

Sonografie — das unterschätzte Werkzeug

Der Ultraschall ist günstig, strahlenfrei und in der erfahrenen Hand extrem aussagekräftig — besonders zur Beurteilung von Ergüssen, Synovialitis und Weichteilbefunden. Bei aktivierten Arthrosen und vor lokalen Injektionen ist die Sonografie heute der präzise Standard.

Das MRT-Paradox: Warum mehr nicht immer mehr ist

Eine wichtige Erkenntnis der letzten 10 Jahre: MRT-Befunde von Gelenken gesunder, beschwerdefreier Menschen zeigen extrem häufig „auffällige” Befunde — Knorpelverdünnungen, Meniskusrisse, Knochenmarködeme.5 In manchen Altersgruppen (über 50) sind asymptomatische Meniskusrisse fast die Norm.

Wer ein MRT macht, ohne dass es einen klaren diagnostischen Mehrwert hat, riskiert deshalb, Befunde zu produzieren, die nichts mit den Schmerzen zu tun haben — und damit zu Operationen oder Therapien zu führen, die nicht nötig sind. Die moderne Leitlinie ist hier klar: Bildgebung gezielt einsetzen, nicht reflexhaft.

Was Blutwerte können — und was nicht

Eine häufige Frage: „Sieht man Arthrose im Blut?” Die kurze Antwort: Nein. Es gibt keinen Blutwert, der eine Arthrose diagnostiziert.

Blutwerte spielen in der Arthrose-Diagnostik trotzdem eine wichtige Rolle — aber nur zur Abgrenzung anderer Erkrankungen:

ParameterWozu?
BSG, CRPHinweise auf entzündliche Gelenkerkrankungen (bei reiner Arthrose normal oder nur leicht erhöht)
Rheumafaktor, Anti-CCPRheumatoide Arthritis ausschließen
HarnsäureGicht abgrenzen
HLA-B27Spondyloarthritiden
Blutbild, LeberwerteVor allem vor NSAR-Therapie wichtig

Infografik: Blutwerte in der Arthrose-Diagnostik – BSG/CRP, Rheumafaktor, Harnsäure, HLA-B27, Blutbild/Leberwerte und ihre Aussage.

Bei der typischen Arthrose ohne Schub sind diese Werte unauffällig. Das ist diagnostisch wertvoll: Ein normales CRP + lange Morgensteifigkeit + symmetrische Fingergrundgelenksbeschwerden sprechen z. B. gegen eine Arthrose und für eine entzündliche Erkrankung.

Wann sollten Sie zur Ärztin oder zum Arzt?

Diese Konstellationen sollten Sie auf jeden Fall klären lassen:

  • Schmerzen an einem Gelenk länger als 4–6 Wochen
  • Morgensteifigkeit über 60 Minuten
  • Schwellung mit Überwärmung und Rötung
  • Nächtlicher Ruheschmerz, der den Schlaf stört
  • Sichtbare Achsenfehlstellung (O-/X-Bein, Heberden-/Bouchard-Knoten)
  • Funktionsverlust, der den Alltag beeinträchtigt (Treppe, Schuhe binden, Gläser öffnen)
  • Mechanische Blockaden im Gelenk

Was Sie aus diesem Artikel mitnehmen sollten

  1. Arthrose hat ein typisches Schmerzmuster — Anlaufschmerz, Belastungsschmerz, später Ruheschmerz. Wer das Muster kennt, ist diagnostisch oft schon halb am Ziel.
  2. Die 30/60-Minuten-Regel der Morgensteifigkeit ist eines der wichtigsten differenzialdiagnostischen Werkzeuge.
  3. Anamnese und körperliche Untersuchung sind wichtiger als Bildgebung. Das Röntgen ist der pragmatische Goldstandard — das MRT braucht eine klare Indikation.
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Im nächsten Artikel wird es konkret: Was hilft wirklich gegen Arthrose? Wir gehen die fünf Therapie-Säulen durch — Bewegung, Gewicht, Ernährung, Pharma, Naturheilkunde — und ordnen ehrlich ein, was die Studienlage hergibt. Inklusive der Frage, wann eine Operation wirklich sinnvoll ist.

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Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Er dient der Information und Orientierung. Wenn Sie unter anhaltenden Gelenkbeschwerden leiden, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Quellen

Leitlinien

  1. [1]Kolasinski SL et al. (ACR/AF) (2020): Guideline for the Management of Osteoarthritis of the Hand, Hip, and Knee. Arthritis & Rheumatology 72(2) · DOI: 10.1002/art.41142
  2. [2]EULAR (2024): EULAR 2023 classification criteria for hand osteoarthritis. Annals of the Rheumatic Diseases 83(11)
  3. [3]AWMF S3-Leitlinie Gonarthrose: Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Gonarthrose (187-050). DGOOC · Zum Volltext ↗
  4. [4]AWMF S2k-Leitlinie Koxarthrose: Leitlinie zur Diagnostik und Therapie der Koxarthrose (033-001). DGOOC · Zum Volltext ↗
  5. [6]Bannuru RR et al. (OARSI) (2019): OARSI guidelines for the non-surgical management of knee, hip, and polyarticular osteoarthritis. Osteoarthritis and Cartilage 27(11) · DOI: 10.1016/j.joca.2019.06.011

Studien & Epidemiologie

  1. [5]Guermazi A et al. (2012): Prevalence of abnormalities in knees detected by MRI in adults without knee osteoarthritis: population based observational study. BMJ 345:e5339 · DOI: 10.1136/bmj.e5339